Friedrich Weinreb in Leben im Diesseits und Jenseits

Durch all diese Umstürze hindurch bleibt das Wort bestehen, bleibt damit die Möglichkeit, Geschichte zu erzählen, erhalten. Das Wort ist die Verpackung für das Leben. Wort ist Tewa, die Arche Noah. In der Tewa wird alles mitgenommen, alles Männliche und Weibliche. Nur so bleibt es bestehen, nur so wird es in die neue Welt hinübergetragen. Dort ersteht es wieder zum Leben, unter anderen Verhältnissen, die nicht mehr mit der vorigen, der untergegangenen Welt, zu vergleichen sind. Das Wort trägt das Leben durch die Weltuntergänge hindurch. Es wird in das Wort eingehüllt und bleibt mit dem Wort bestehen. Und so erzählen die Geschichten, erzählen diese Tewa-Gruppierungen, vom Leben früherer Welten, so tragen sie das Leben bis in den Uranfang hinein mit sich durch alles hindurch.
Da stehen sie, die Mythen, Wortübertragungen voller Leben, wie eine explosive, immer wieder befruchtende Kraft gegenüber den Stimmen, Erscheinungen, die unsere Sinne wahrnehmen. Ist das Schweigen der Materie vielleicht eine Folge unserer Annäherungsweise? So schweigt auch der menschliche Körper, wenn er vom Seziermesser in Stücke geteilt wird, so schweigen die Zellen unter dem Mikroskop, so schweigt das Blut im Reagenzglas. Hängt nicht alles von uns ab, hängt es nicht von unserem Lebensstil, vom Muster unseres Lebens ab? Vielleicht wollen wir ein Gemälde mit einem Lautstärkenmesser beurteilen und eine Melodie mit einem Mikroskop. Ist jener frühere Mensch, der Mensch des Mythos, wirklich ganz verschwunden, oder lebt er weiter, weil er von der Tewa umhüllt, in den Mythos aufgenommen wurde, um so von Welt zu Welt zu leben, von einer Zeit zur anderen, von Ewigkeit zu Ewigkeit? Alle Völker, alle Sprachen, kennen die Geschichte vom Schiff, das zur Rettung wurde. Und das Schiff, die Tewa, ist das Wort!