Friedrich Weinreb in Wege ins Wort

Liebe ist unberechenbar. Denn nur im kausalen Faden der Zeit lockt der Schein und spielt Berechenbarkeit vor. Das ist die Verlockung durch das Weibliche, durch das Irdische. Dort, wo die Erde getrennt von der Sehnsucht nach dem Himmel genommen wird, ist sie die große Hure der Vielheit, der Verwirrung. Sie gaukelt Ewiges vor, Bleibendes, und rechnet, baut, denkt. Und sie führt in den Tod, führt in Sinnlosigkeit. Wenn die Liebe nicht wäre, die Welt hätte keinen Bestand. Gott baut die Welt auf Liebe. Berechenbarkeit geht aus von denkerisch zu bewältigendem Leben. Berechenbarkeit muß die Grund-Eigenschaft der Liebe übergehen, nämlich ihr Element der Überraschung, der freudigen Überraschung. Liebe fällt in Langeweile zusammen, sobald sie mit Berechnungen, mit Analysen, mit Systemen angenähert wird. Dann sticht die Fratze des Dämons der Sinnlosigkeit einem ins Gesicht. Berechenbarkeit ist Gesetz, getrennt von der Wurzel des Göttlichen. Gesetz aber, verbunden mit dem Geheimnis der Freiheit, der Einheit, gibt der Liebe die unermeßliche Harmonie.