Friedrich Weinreb in Der mystische Weg

Aber wenn beim Menschen diese Sehnsucht lebt und sich ausdehnt, könnte es zu einer Beziehung kommen, zum Nächsten, zur Umwelt, zur Natur, zur Welt. Man spürt dann, der Nächste ist mir auch schon fremd, die Natur, die Welt ist mir fremd. Dann kommt aus dieser Beziehung das Gefühl, daß biologische, sogar mikrobiologische Untersuchungen nie zu einem Kennenlernen führen können. Damit bleibt man in dieser Welt. Das Jenseits der Mauern des Hauses, des Daches, des Fußbodens, bleibt Fremdes. Tod ist dort, und du hast Angst vor dem Tod. Du wirst in dieser Angst leben, solange du versuchst, dich und die Welt ohne die Sehnsucht nach anderen Maßstäben kennenzulernen. Wenn du zum Beispiel zu Verstorbenen nach den Maßstäben der Physik, also auf physische Art in Kontakt treten möchtest, wird die Angst dir bleiben. Du kannst dann in das Stadium der Resignation geraten, des Stoikers, dem alles gleichgültig ist, null und nichtig. Du könntest den anderen aber auch im Zeichen einer Beziehung kennenlernen, nicht mehr im Zeichen eines Verhältnisses, wo das Messen ausschlaggebend ist. Solche Verhältnisse, solche Proportionen bestimmen die Natur in der Form der Naturgesetze, während eine Beziehung ein Hinauswachsen ist, eine Einswerdung, wo doch zwei sind. Empfindungen, Gefühle könnten dir dann kommen, durch die du selber ein anderer wirst. Das kannst du niemals lernen, denn jede Übung, jedes Studieren bleibt diesseitig, lernt alles nur aus der Sicht dieser Welt kennen, selbst wenn auch dann von »anderen Welten« gesprochen wird. Es wird im alten Wissen deshalb viel von dieser Sehnsucht und diesem Beziehen des Menschen erzählt. Nur wenn du dich sehr nach dem Nächsten sehnst, heißt es, kommt es zu einer Beziehung, zu einem Kennenlernen. Es sind dann eben nicht mehr die »guten Beziehungen«, also nutzbringende, sondern du sehnst dich »umsonst«, du möchtest den anderen erfreuen, nicht nur abhängig sein lassen vom Geschehen in dieser Welt, vom Nützlichen in diesem Leben. Dann also fängt beim Menschen an, was man den Weg nennt. Er spürt dann, daß es nicht nur der Weg durch die Jahre seines Lebens ist, sondern auch der Weg in seinen Erlebnissen und Erfahrungen, der Weg mit sich selber, sein Weg in den Beziehungen zu anderen Menschen, unabhängig von der Dauer in der Zeit, unabhängig von der Bewegung im Raum. Er spürt, daß dieser Weg ihm Neues bringt.