Zwischen der Welt der Verbannung in die Form, die in der Bibel durch »Ägypten« dargestellt wird, und dem Land der Verheißung, Kanaan, liegt die Wüste, hebräisch midbar. Die gleichen Zeichen als medaber ausgesprochen, ergeben das Wort »Gespräch«. Zwischen Gefangenschaft und Freiheit liegt das Gespräch. Bleiben wir einen Moment beim Wort »Wüste«. Auf Englisch heißt sie desert, im Spanischen desierto. Beides stammt aus der lateinischen Zusammenfügung von »de« und »serere«. Von letzterem Begriff stammt auch das Wort »Serie«, die Aufeinanderfolge. Eine Wüste an sich ist ein Ort der Öde, also trocken und ohne üppigen Wuchs. In der Wüste mangelt es an Wasser, das als Entsprechung für Zeit gilt. Wüste hat bereits etwas von Zeitlosigkeit, Ewigkeit. »De serere« ist wörtlich die »Abtrennung des Aneinandergereihten«. Ursache und Wirkung sind aufgehoben. Deshalb ist die Speise in der Wüste das Manna, das »einfach so« ohne Berechnung und Verdienst vom Himmel fällt. Das Lohnprinzip hat dort keine Gültigkeit. Säen und Ernten gibt es in der Wüste nicht.
Sprechen hängt in seiner Wurzel mit prasseln, krachen, Risse bilden zusammen. Der Boden einer Wüste zeigt dieses Muster: Risse aufgrund der Trockenheit. Verbindungen reißen. Die von uns für konsistent geglaubten Zusammenhänge lösen sich auf. Ferner finden wir dort Sand, der keinen sicheren Halt bietet, weil er als “nicht bindiger Boden” (wikipedia) keine Verbindung eingeht. Alles ist zusammenhanglos, ergibt keinen Sinn. Wenn wir an diesem Punkt sind, sind wir Gott im Gespräch am nächsten. Wir erleben es in den zeitlosen, den »wüsten« Momenten, in denen wir nicht mehr erwarten, nach der Qualität unserer Taten behandelt zu werden, sondern uns hingeben an das was ist, auch wenn wir nichts verstehen.

Leben wir nicht auch mit der Einsamkeit unseres Lebens in der Wüste? Wer versteht uns eigentlich? Man kann schon reden und sich ausdrücken, und der andere mag schon sagen, daß er uns verstünde, aber dort, in unserer Einsamkeit, wer versteht dort? »Midbar«, das Wort für Wüste im Hebräischen, wird gleich geschrieben wie »medaber«, sprechen. Es ist das Gespräch mit dem Unsichtbaren, mit Gott, der vielleicht hie und da im Blitz etwas zeigt, aber gleich wieder verborgen ist. Wir erkennen ihn nicht, wenn er neben uns geht. Lukas erzählt davon im letzten Kapitel, wo er die Begegnung mit den Emmaus-Jüngern schildert. Wenn sie ihn dann erkennen, entschwindet er.
(Weinreb, Das Markus-Evangelium)