Friedrich Weinreb in Wort, Sprache und Sprechen

Wenn wir also dieses Traumbild vom Brennen der Ziegel in Babel erleben, bedeutet es das Verlangen, sogar die Sehnsucht, alles hier, diesseitig erklären zu können. Man möchte sich jede Sache klar vor Augen stellen, um ihre Struktur zu erkennen, einzusehen, wie sie rechts und links und in der Mitte ist. So bewegt sich der Mensch in Richtung Himmel. Mit diesem Turm glaubt er, groß und umfassend zu werden. »Migdal«, Turm, von »gadol«, groß. Mit dem Wachsen des Turmes wird seine Einsicht immer umfassender. Seine Philosophie, sein naturwissenschaftliches Weltbild lassen ihn dem Punkt, wo er sagen kann: Jetzt verstehe ich das Ganze!, immer näher kommen. Und jeder Mensch, auch wenn er ein Gauner ist, kann durch scharfes Denken auch dorthin gelangen. In der Wissenschaft spielen die menschlichen Qualitäten dessen, der sie ausübt, keine Rolle; ausschlaggebend sind die intellektuellen Fähigkeiten.
Diese Einseitigkeit ist selbst dort eingedrungen, wo es im jüdischen Brauch um das >Thora lernen< geht. Einer, der einen besonders gewaltigen Intellekt hat und sich durch besonders scharfes Denken und ein außergewöhnliches Gedächtnis auszeichnet, wird dort voller Bewunderung ein >eiserner Kopf< genannt. Das führt aber zu ganz falschen Dingen, denn entscheidend auf diesem Gebiet ist sein Menschsein, nicht seine außergewöhnliche intellektuelle Begabung. Merkwürdig ist, dass der Mensch gerade dort, wo er naturwissenschaftlich große Fortschritte macht, das Gefühl hat: Es ist ein Geheimnis da. Und er glaubt, das Geheimnis mit seinem Intellekt überwinden zu können, mit einem Wissen von magischen Vierecken usw. Aber solche sogenannten >kabbalistischen< Praktiken haben mit Kabbala überhaupt nichts zu tun, sondern sind nur eine verrückte Seite der Wissenschaft. Man kann eben nur auf diese Art suchen. Das Geheimnis aber ist nur von dorther zu erfahren, wie der Mensch ist, wie er sich im Leben verhält, wie seine Bescheidenheit ist, seine Hingabe, sein Glaube. Das ist entscheidend. Niemals lässt sich dem Geheimnis intellektuell näherkommen. Andererseits wird dort, wo Glauben herrscht, Vertrauen, wo man in Demut und Bescheidenheit dem Geheimnis näherkommt, selbstverständlich auch der Intellekt mitkommen. Auch hier keine Einseitigkeit von nur Glaube, nur Bescheidenheit; niemals nur Sein, immer Sein und Werden, der Baum des Lebens heißt doch »ez pri osse pri«: der Baum, der Frucht ist und Frucht macht. Gewiss also soll der Intellekt mitwirken. Wollte man sich nur auf Glauben verlassen, ist das genauso unsinnig, wie wenn man einzig mit dem Intellekt durchdringen will.