In Asien erzählt man sich zum Thema Freiheit eine alte Geschichte:

Einst durchquerte ein Freiheitskämpfer ein Gebirge. Auf der Suche nach einer Herberge für die Nacht fand er ein Haus, wo man ihn freundlich aufnahm. In seinem Quartier hörte er ständig den krächzenden Ruf »Freiheit! Freiheit!«, der aus einem goldenen Käfig schallte. Ein schöner Papagei verlieh auf diese Weise seinem vermeintlichen Wunsch, dass doch jemand die Tür öffnen möchte, Ausdruck. »Oh, da kann ich dir gerne behilflich sein«, sprach der Kämpfer zum Papagei. »Gleich morgen früh, wenn die Sonne aufgeht, werde ich Käfigtür und Fenster öffnen – dann bist du frei!« Bei Sonnenaufgang öffnete der Mann Käfig und Fenster, sodass der Freiheit des Vogels nichts mehr im Weg stand. »Auf, Vogel flieg!«, rief er, doch der Papagei zeigte keinerlei Ambitionen, den Käfig zu verlassen. Stattdessen krächzte er das bekannte »Freiheit! Freiheit!« unentwegt weiter. Der Mann wollte nicht glauben was er sah und versuchte etwas nachzuhelfen. Er griff in den Käfig, um den Vogel herauszudrängen, wobei dieser sich bedroht fühlte und anfing seinen Befreier zu verletzen. Das war zuviel. Der Mann ergriff den Papagei und warf ihn aus dem Fenster. Nun musste er fliegen. »Manch einem muss man eben zu seinem Glück etwas nachhelfen«, dachte er bei sich und legte sich wieder zur Ruhe. Nicht lange später wurde er durch ein »Freiheit! Freiheit!« aus dem Schlaf gerissen. Da saß er wieder, sein Befreiter, im goldenen Käfig – ganz freiwillig, bei geöffneter Tür.

Nun dämmerte es dem freiheitsliebenden Mann:

  • Man sitzt im Käfig, wissend, dass man gefangen ist und ruft nach Freiheit, ohne zu ahnen was dieses Wort in seiner Konsequenz bedeutet.
  • Gefangenschaft schafft Sicherheit: Man wird versorgt und ist vor Feinden geschützt. Sich selbst kümmern ist zuweilen mühsam und Feinde sind bedrohlich. Dann doch lieber auf die Gunst des Besitzers vertrauen und zur Belustigung anderer im Käfig hocken, schließlich erhält man sogar Anerkennung, wenn man von Freiheit spricht.
  • Besitz und Sicherheitsvorkehrungen machen reich, halten aber zugleich gefangen. Ein eigenartiges Paradox.

Der Preis? Die vom Leben zugedachten Möglichkeiten verkümmern. Flügel sind im Käfig eher eine Verletzungsgefahr. Fliegen soll man damit können? “Ich habe noch niemand fliegen gesehen; was soll das sein?”
Dass Sittiche und Papageienarten sprechen lernen, halten Experten für eine Verhaltensstörung, die aufgrund der Gefangenschaft entwickelt wird. Die Vögel erhalten dadurch Aufmerksamkeit, die sie zur Erfüllung ihrer sozialen Bedürfnisse dringend benötigen. Papageien gehören zu den intelligentesten Vögeln und bauen bekanntlich zu ihren Besitzern eine sehr enge Bindung auf. Sind es gerade die intelligenten Menschen, deren Kalkül den »goldene Käfig« wünscht während ihre Seelen nach Freiheit rufen? In Gefangenschaft zur Welt gekommene Vögel sind im Alter oft nicht mehr fähig in Freiheit für sich selbst zu sorgen. Kann es sein, dass wir als moderne Menschen noch nicht einmal mehr ahnen, was Freiheit wirklich bedeutet?
Im Alten Wissen wird gesagt, dass der gefangene Mensch sich aufgrund der Unmöglichkeit sich selbst zu erlösen anfängt, sich in Ägypten wohlzufühlen. Zwar gab es auch Versuche eine eigene Erlösung zu erwirken, was zu Beginn jeweils sehr vielversprechend war, doch am Ende ausnahmslos in eine Katastrophe mündete. Warum? Weil der Mensch nur zwei Seiten (im Sinne der Gegensätze) kennen kann. Die Antwort, die Erlösung, aber kommt aus dem Dritten, das außerhalb von uns ist. Also fing man an, sich mit den Gegebenheiten in Ägypten zu arrangieren. So wird auch mitgeteilt, dass es große Kultureinrichtungen gab und viel für den Fortschritt getan wurde. Um dem fortwährenden Spannungsfeld zwischen den beiden Wirklichkeiten des Diesseitigen und Jenseitigen zu entfliehen, hat man in Ägypten einfach eine Seite, die Jenseitige, ersatzlos gestrichen. Vom Diesseitigen wurde dann behauptet: Das ist die Wahrheit! Und es waren gerade die Juden, die es hätten besser wissen müssen, die sich in den Rausch der Einseitigkeit begaben. Gemeint sind damit auch die Juden in uns selbst, also der Teil in uns, der von der jenseitigen Seite herkommt. Bei einem Rausch ist der Mensch unfähig durchdringend zu denken. Er grenzt ab und schließt aus. Eine Karriere, eine Sekte, ein Verein, eine Partei und vieles mehr können den Menschen unnüchtern werden lassen. Charakteristisch ist immer die Abgrenzung gegen andere; dies wiederum ist die ideale Voraussetzung für ein gutes Leben in Ägypten. Unterschwellig spürt der so lebende Mensch jedoch, dass er sich hiermit selbst zum Narren hält.
So lebte der größte Teil der Israeliten in Ägypten sehr gut, wie es in einem Midrasch erzählt wird, und war nicht in die Sklaverei eingebunden. Noch schlimmer: Die strengsten Aufseher waren nicht die Ägypter, sondern ebenfalls Israeliten, die ihre Herkunft verleugneten. Versklavt waren diejenigen, die ihrer Sehnsucht Raum gaben. Sie litten unter dem Joch des Abgeschnitten-Seins vom Ursprung, seufzten Tag und Nacht und bewirkten dadurch das Eingreifen Gottes.
Ihnen brauchte man nach dem Öffnen der »Käfigtür« nicht zweimal zu sagen, was zu tun ist …