Friedrich Weinreb in Wege ins Wort

Der Sohar zitiert dazu aus den Sprüchen den 13. Vers vom 11. Kapitel: »Es geht der Verleumder und entblößt das Geheimnis.« Ihm ist das Formgewordene nur da um zu zeigen, daß es doch nichts ist. Es ist eben »nur« Objekt, eventuell für wissenschaftliche Untersuchung. Er hat Spaß daran zu zeigen, daß es sowieso nichts ist. Er hat Freude, es zu beschämen. Was verleumdet der Verleumder? Er verleumdet den Sinn der Liebe, er verleumdet den Sinn des Lebens. Er entblößt im Erscheinenden nur das Äußere, das Innere leugnet er einfach. Dieser Vers in Sprüche 11,13 geht dann weiter mit: »und der dem Geist Treue bedeckt die Sache.« Es heißt, er weiß, daß die Treue an das Verborgene, an den Geist, von selber es mit sich bringt, daß das Äußere, daß die Erscheinung bedeckt wird. Auch das Wort, wie man »dawar«, Sache, auch übersetzen kann, wird bedeckt. Es wird nur keusch benutzt, ohne den Nachdruck, den Materialisten gerade auf Wort und Aussprache legen. Dieser Vers verdeutlicht, was der Kampf bedeutet, dort, wo das Konkrete, wo die Form durchbrechen möchte. Das Konkrete möchte geboren werden, die Frucht möchte durchbrechen. Der Verleumder, der Verräter entblößt irdisch, er zeigt die Hülle und sagt, es sei alles nichts, gar nichts da. Kein Geist, keine Seele, eben nichts sei da. Es ist der Hinderer, der so spricht: er verhindert, daß Liebe sein kann. Liebe ist keusch, ist verhalten. Weil Liebe dem Geist des Ewigen treu ist und nicht so auf das Erscheinende starrt.
Die Helden Davids, die Helden Schlomos behüten das Heilige, bedecken es. Sie wissen, in der Form, in der Harmonie der Formen kann der Liebende schon das Wesen erkennen. Der Brutale, der, welcher verhindern will, daß hier etwas zustandekommt, der verleumdet das Leben hier; er spricht nur von Weltuntergang, von höllischen Strafen, er ist der Zyniker. Mit seiner beißenden Kritik will er den Menschen anklagen, er will Gott nur als interessantes psychologisches Phänomen anerkennen, er spricht Gott ein Ich, eine Persönlichkeit ab. Er glaubt an Kriege, an Grausamkeit. Das heißt, er glaubt nur an eine Welt in Zeit und Raum. Er lacht über den Punkt, er macht gerne alles lächerlich. Er sagt, das Geheimnis gebe es nicht, man solle nur alles entblößen. Und so folgen der Geist vom Liebenden und der vom Widersacher dem Form gewordenen Traum auf seinem Weg. Bis ans Ende.
Das Unkraut wächst mit dem Getreide heran, das Ungeziefer gehört zum Gleichgewicht der Natur. Denn im Kampf kann die Liebe sich bewähren. Im Kampf zeigt sich das Abenteuer. Der Ausgang des Kampfes ist unsicher. Er hängt von der Entscheidung eines jeden Menschen ab. Gott wartet, ob er angenommen oder abgelehnt wird. Gott wartet, bis der Mensch auch wie er träumt, von der Liebe, von der Ewigkeit. Der Widersacher, der Ankläger versucht bis ans Ende, die Liebe zu ersticken. Das ist die Konsequenz der Freiheit, ohne welche die Liebe sinnlos wäre.