Friedrich Wenreb in Vor Babel

Das Loben Gottes und das Entweihen liegen so nahe beisammen, daß es einander berührt. Man sagt wohl manchmal, daß die Extreme einander berühren, und denkt nicht weiter darüber nach. Man sagt es nur so dahin, in einer Konversation klingt das recht schön, aber man denkt nicht weiter darüber nach. Doch hier wird es wirklich erzählt. Es wird auch ein Beispiel gegeben: Beim Loben Gottes läuft der Mensch an einem Abgrund entlang, und nur dann lobt er auch, denn er kann auch hineinstürzen. Aber wenn er weit vom Abgrund entfernt läuft, auf einem schönen Weg, ohne Verkehr, nur mit grünen Ampeln, dann ist es keine Kunst, dann ist er ein großer Heuchler. Damit preist er Gott überhaupt nicht. Dann ist er nur schrecklich eingebildet, und außerdem wagt er nichts.
Aber wenn er diesen Weg am Abgrund entlang läuft, dann ist es etwas Großartiges. Er hätte hineinstürzen können, und er nahm sogar das Opfer auf sich, hineinzustürzen, und doch lief er dort. Vom >Entweihen< wird dasselbe gesagt. Da ist auch dieser Abgrund, aber hier stolpert er hinein. Es bedeutet ebenfalls, an diesem Rand entlangzulaufen. Sie berühren hier einander. Wenn also jemand etwas sagt, das wir Gotteslästerung nennen, dann, heißt es: achte auf diesen Menschen, vielleicht sagt er das nur, um das Gegenteil zu hören, vielleicht provoziert er dich und will von dir jetzt gerade hören, daß es nicht so ist. Er spielt mit dir am Abgrund, er streckt dir die Hand entgegen: Hol mich heraus. Er kann dich auch hineinziehen, das ist genauso möglich. Aber wenn du die Hand nicht ergreifst, stürzt er ganz bestimmt hinunter.