Friedrich Weinreb in Wege ins Wort

(…) Von den falschen Propheten wird doch gesagt, sie verkünden immer, alles sei doch gut, sei selbstverständlich. Sie kennen nicht die Sorge: »Wir leben in Zeitlichkeit, wollen aber Ewigkeit.« Man verdrängt mit allerlei Mitteln diese einzige, echte Sorge. Denn in der Zeitlichkeit müsste eigentlich alles jammern, müsste alles nur dies verlangen: »Wir wollen Ewigkeit«. Das Gespräch der Schlange ist dann auch: »Nehmt doch die Zeitlichkeit! Alles bewegt sich auf ein Ziel hin. Und dieses Ziel ist auch Unsterblichkeit. Wir haben es noch nicht, noch lange nicht. Aber wir arbeiten gemeinsam auf dieses Ziel hin. Wir machen es schon. Lasst uns nur arbeiten, studieren.« Die Frau wird von diesen Argumenten überzeugt.
Die Frau: das Umringende. Es heißt in der Überlieferung: Die Schlange sieht die Frau nackt (“nackt” und “listig” sind im Hebräischen das gleiche Wort). Und sie möchte diese Frau besitzen. Aber weil sie die unerlöste Natur ist, kann sie sie erst besitzen, wenn sie selber erlöst wäre. Da sie aber die Ungeduld hat, kann sie die Frau nur vergewaltigen. Und das tut sie dann auch. Die List der Schlange, ihre Nacktheit, überzeugt durch Beweise aus der Umhüllung. Sie tut der Frau gegenüber so, als ob sie alles weiß und kann. Man könnte sagen: Die Schlange ist für die »nackte Wahrheit«. Sie betört mit dem Gedanken, dass man in den erscheinenden Dingen sehr viel sehen könnte, dass man einen Weg der Entwicklung sehen könnte. Sie ist voll von logischen Versprechen. Und damit überschreit sie die Frage: »Aber, man ist doch sterblich, wenn man diese Frucht nimmt? Bis das Ziel erreicht ist, sind wir doch alle tot.« Sie antwortet nicht zur Sache. Sie zeigt nur, wie schön das Ideal ist.
(…) Die List der Schlange ist, dass sie auf Entwicklung hinweist. Sogar der Messias wäre dann ein Produkt der Entwicklung. Dass er tatsächlich sich entwickelt, kommt von der Seite, die »Frucht macht«, her. Aber dass er schon im Samen da ist, von Anfang an, kommt doch von der Seite, die »Frucht ist«, her. Und so hat sich dann die Welt entwickelt. Und in der Welt die Wissenschaft. Sie sucht die Wahrheit. Es ist aber die Wahrheit, wie sie erscheint. Sie erscheint als Natur, also nackt. Und das ist eben die List. Man sieht doch nichts anderes.
(…) Wer den Baum des Wissens, den Baum, der Frucht macht, nimmt, wird den Baum des Lebens nicht finden können. Es ist sogar so, dass der vom Gift der Schlange Vergiftete, also der kluge Denker, dieses Gift seinen Hörern oder Lesern weiterträgt. Denn wer diesen Weg anfängt, dieses Gespräch anfängt, trägt das Siegel dieses Geschehens, wie es in der Bibel eigentlich als Archetyp beschrieben ist. Der kluge Denker ist klug wie die Schlange. Er sucht ehrlich die nackte Wahrheit. Ihm ist das Ende von Esau, der die Erstgeburt verkauft, der seine Würde als Mensch im Bild und Gleichnis Gottes verkauft, zur Ideologie geworden. Das heißt: es gibt nichts, es gibt nur den Tod und weiter nichts. Dass der Baum des Lebens eben schon als Entwicklung, als Wachstum, die Frucht ist, gibt der Zeit einen ganz neuen Aspekt. Alles ist schon da. Nur wartet Gott auf dich, auf jeden, dass du es erkennst. Du kannst es bald erkennen, in einer Sekunde, in einem Tag, in einem Jahr. Denn immer stehst du vor diesen beiden Bäumen. Es kann für jeden Menschen bald eintreten. Dazu braucht man keine Vorbereitungen, keine Studien. Wenn man den Baum der Erkenntnis stehen lässt, sich nicht auf das Gespräch mit der Schlange einlässt, ist der Baum des Lebens da.
In jeder Begegnung ist immer die Frage: Willst du die nackte Wahrheit? Dann suchst du den Baum der Erkenntnis, dann ist dein Gespräch mit der Schlange da, die dir das Ziel des Messias am Ende zeigt. Und dann glaubst du an dein Urteil, an dein sich immer weiter verbesserndes Urteil. Und du stirbst, bevor der Messias sich dir zeigt. Denn du kannst das Leben so nicht einfangen. Aber wir wollen überall diese Art Wahrheit finden. Auch im Lesen der Bibel oder der Überlieferung. Wir wollen nach unserer Art, nach unserer unerlösten Art die Wahrheit finden. Wir betrachten das Wort eben als nackt.
(…) Wenn wir von jedem Ereignis aber fragen: Was, wer ist das? Was erlebt er, wo ist er jetzt im Sein? Bin ich das? Wie lebt er, wie hat er gelebt?, wenn man mitlebt, mitleidet, sich mitfreut, dann ist man dem Baum des Lebens nah. Aber nicht dann zuerst das andere wollen. Denn dann kommt die zweite Frage nicht. Dann ist man schon gefangen, dann ist das Gift schon in uns eingedrungen. Man sei also auf der Hut vor dem verführerischen »klaren Denken«. Denn dann meinst du, daß du es gescheit baust. Und denkst nicht daran, dass die Schlange dich verführt. Glaube doch lieber, dass Gott dir schon das schönste und klarste Denken schenkt, wenn du das Neue dieser Schöpfung siehst, spürst, suchst. Dann ist die Frucht, dann ist das Ziel schon in dir da. Und dann erlebst du die Freude, das Heranwachsen ebenfalls zu sehen.
Ich weiß, es ist schwer, die nackte Wahrnehmung nicht als Ausgangspunkt zu sehen. Denn sie ist verführerisch. Das ist ihre ungewollte List. Deshalb kleiden wir alles gerne ein. Man versucht sogar, die Kleidung schön zu machen. So kleiden wir die Wahrheiten gerne in Geschichten, in Gleichnisse. Dann kommt etwas vom eigenen Erleben mit, dann könnte jeder sich sein Leben darin eindenken. Die Schlange gibt den Eindruck, nackt zu sein. Und dieser Eindruck ist die Gefahr. Man bedenke, jede Erscheinung in der Welt, wie klar sie auch ist, hat ein Geheimnis, hat ein verborgenes Leben. Und man bedenke vor allem: Die Welt wartet auf Erlösung, auf ein Ende des Todes, des Unrechts. Und das bedeutet, sie wartet auf jeden von uns. Denn der Mensch im Bild und Gleichnis Gottes muss doch spüren, worauf alles wartet. Ihm sollte doch die nackte Wahrheit egal sein. Denn er weiß ganz gut, dass die Liebe Gottes alles umhüllt, dass sie nur darauf wartet, dass wir sie erkennen und dass wir sie als Quelle der ganzen Schöpfung erfahren.