Friedrich Weinreb in Begegnungen mit Engeln und Menschen

Mir wurde immer deutlicher, dass alles, was in unserer Gegenwart spielt, also in der zeiträumlichen Wirklichkeit, Entsprechung sein muss von dem, was in der eben nicht zeiträumlichen Wirklichkeit anwesend ist. Diese beiden Wirklichkeiten sind eine Einheit. Hier, ich nannte es »unten«, spielt alles sich ab in Bewegung, im Tun, dort, und das nannte ich dann »oben«, ist alles in Ruhe, in Harmonie. Dort ist der Garten Eden, hier heißt es nun Exil. Und der Mensch lebt gar nicht im Exil, wenn er eben diese andere Wirklichkeit in seinem Leben, in seinem Dasein erkennt. Erst dann ist er ein ganzer Mensch.
Erst dann ist gerade sein Wichtigstes, sein Haupt, dabei. Nicht nur als Sitz des Verstandes, sondern auch als Sitz einer Welt des Akausalen. Gewiss, der Verstand spielt immer mit. Jetzt aber der von jenseits inspirierte Verstand, die Vernunft, die einem aus diesem Reservoir des Ewigen kommt. Ich unterschied jetzt klarer zwischen dem naturwissenschaftlichen Denken, das bewusst nur Daten aus dem Bereich des Messbaren anerkennt, und der Weisheit, die eben alles Menschliche berücksichtigt. Wenn man also das menschliche Tun nur aus sogenannt nützlichen Momenten erklärt und begründet, sei es psychologisch, hygienisch oder moralisch, dann trennt man im Menschen sein Leben entzwei. Und die Erklärung bleibt in der Luft hängen. Man müsse eben, um der Wahrheit willen, um der ganzen Wirklichkeit willen, den ganzen Menschen annehmen. Sonst wäre Wissenschaft nur Pseudowissenschaft, und jedenfalls keine Weisheit. Es fing bei mir an zu dämmern. Wenn dieser ganze Komplex, der sich so minutiös mit dem menschlichen Tun beschäftigt, eben diese auf Thora und Talmud gegründete Halacha, nun wirklich die Entsprechungen enthielt aus der jenseitigen Wirklichkeit des jetzigen, des immer-währenden Menschen, dann lag dort das Geheimnis des Lebens verborgen. Die Thora also wäre dann Ausdruck der nichtkausalen Wirklichkeit. Deshalb dann auch die These: »Es gebe kein Vorher und Nachher in der Thora.« Deshalb könne man auch nicht die Mitteilungen in der Thora ohne weiteres »hier unten« anwenden. Deshalb hieße es, »Auge um Auge« und »Zahn um Zahn«, sowie auch »Seele um Seele«, seien nicht wörtlich unten zu nehmen. Und wer das tue, sei ein Unwissender, ein Tor. Er verstehe nicht, dass die Thora ein verzehrendes Feuer sei, das nur in seiner Heiligkeit erfahren werden könne. Und dass es darum ginge, die Entsprechungen für das Diesseits zu finden. Das Diesseits fordere eben Sanftmut, Geduld, Verständnis. Denn »unten« gebe es doch einen fortwährenden Zeitstrom, unendlich viele Momente, Phasen, und der Mensch sei nur verantwortlich für die kleine, begrenzte Phase. Während er aber dennoch beeinflusst ist von vielen früheren Phasen, aus seiner Jugend, durch Vererbung, durch Erziehung, Milieu. Wie kann man da schon urteilen?
Nur wenn der Mensch alles überblicken und sich alles vergegenwärtigen könnte, ließe er sich als Totalität beurteilen. Wer aber überblickt alles, wer steht über Erbmasse, über Milieu, über Erziehung? Wirkt diese andere Wirklichkeit im Menschen aber auch? Verursacht diese ihm die Schuldgefühle, die Vorwürfe? Und verlangt der Mensch nicht auch nach dieser Wirklichkeit beurteilt zu werden? Tut man ihm nicht gerade als Mensch Unrecht, wenn man ihn nur nach diesen kausalen Zusammenhängen erkennt? So oder so, es ist die Spannung des Paradoxons. Das ist eben der Mensch. Damals erklärte ich es mir, dass die Welt nur nach dem Äußeren urteilen darf. Eben, weil sie nicht anders kann. Dass aber der Mensch selber sich ganz sehen solle, seinen Kampf als ganzer, als richtiger Mensch, auszukämpfen hätte.