Friedrich Weinreb in Vom Sinn des Erkrankens

Die sechs Tage der Schöpfung finden ihren Abschluss, aber auch, wie es heißt, ihre Krönung im siebenten Tage, dem Tage der Ruhe, der Stille, des nicht lärmenden Betriebes. Am siebten Tage, und er heißt deshalb der heilige Tag, ist der Weg zu Ende, die Be-WEG-ung ist Ruhe geworden. Dann wirkt eben die Wirklichkeit der Stille, des Verborgenen, des Unermesslichen.
So gibt es den Weg, die Bewegung, die Bewegung der sechs Tage, den Gang der Entwicklung, und es gibt das Ziel, das Zuhause, die Ruhe, das Vollkommene des siebten Tages. Diese sechs Tage und dieser siebte Tag finden ihre Entsprechung in den beiden Wirklichkeiten des Menschen. Die sechs Tage sind die Wirklichkeit des Erscheinenden, des sich Entwickelnden, des Tuenden und der siebte Tag ist die Wirklichkeit des Verborgenen, des Stillen. Von dort geht die Kraft hinüber zum Wege, zum Erscheinenden. Von dort geht der Geist mit seiner Botschaft zum Menschen in seiner Beschäftigung im Alltag. Von dort baut es sich im Alltag, von dort schreibt und spricht es sich im Alltag, von dort tut es sich im Alltag. Deshalb richtet sich die Woche der sechs Tage ganz auf diesen siebten Tag. Dieses “Sich-richten-auf” bedeutet ein Verbinden. Es ist die Sehnsucht der sechs Tage nach dem siebten. Es ist das Verlangen des Menschen nach dem Besonderen, nach dem Heiligen. Dann erhalten die sechs Tage einen Sinn. Dann hat die Entwicklung ein Ziel in einem Gegenüber.
Der siebte Tag wird in der Mystik dann auch gesehen als die Braut, die Schöne, die Wunderbare, worauf man gewartet hatte, die man erhofft hatte. Dort, am Anfang des siebten Tages, wird diese Braut voller Freude empfangen. Man vereinigt sich mit ihr. Es ist diese mystische Vereinigung der beiden Wirklichkeiten, der geheimen und der offenbaren, sich auch ausdrückend in der Entsprechung im Männlichen und Weiblichen. So ist es die Vereinigung der sechs Tage mit dem Tag der Ruhe, die Vereinigung des Unterwegsseins mit dem Zuhausesein. Es ist die Vereinigung des Suchenden mit dem der sich gefunden hat, des Kausalen mit dem Akausalen, des Gesetzmäßigen mit dem Freien. Diese Vereinigung ist die Erlösung aus Angst und aus Zwang.