Friedrich Weinreb in Das Ende der Zeit

Offenbar aber glaubt man der Bibel und dem, was Christentum und Judentum sagen, eigentlich nicht. In Wirklichkeit glaubt man dem Wissen. Der Wissenschaft glaubt man, die hat Theorien, hat Professoren, die dazu stehen, die Beweise liefern, gelehrt dreinschauen, gelehrt und zerstreut zu gleicher Zeit. Wagt man, ganz unzeitgemäß, sich vorzustellen, dass es mit dem Tod ganz anders sein könnte? Sagen wir nicht in der Kirche, dass wir an die Auferstehung der Toten glauben? Also eben nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glauben, wie man immer denkt; sondern Auferstehung heißt, dass man eine Wende erlebt und in die Welt zurückkehrt. Wie auch Jesus nach der Bibel in die Welt zurückkehrt, mit seinen Jüngern spricht und erst 40 Tage nach der Auferstehung die Himmelfahrt erlebt. Denkt man eigentlich noch daran, dass Jesus als Erstgeborener auch als erster in den Tod geht und aufersteht? Und damit mitteilt, dass es nun kein Weitergehen im Tod mehr gibt, keine Unterwelt, kein Totenschiff, kein Weiterfahren im Schicksal, sondern dass eine Umkehr stattfindet, eine Wende. Man will das nicht wahrhaben, weil man immer gehört hat, dass Tod ein Ende bedeutet. Und haben viele nicht das Gefühl, sie könnten nur leben, wenn sie ihre Zeit irgendwie herumbringen, in manchen Fällen tatsächlich totschlagen? Ich brauche Ihnen die zahllosen Mittel zur Ablenkung nicht alle aufzuzählen, angefangen vom Fernsehen bis zu Sportaktivitäten und Reisen. Und wenn das nicht hilft, sucht man Betäubung im Alkohol, Nikotin oder im Sex, schlimmstenfalls dann in Heroin und anderen Drogen. Irgendwie ist das auch ehrlich, denn ein Leben, das sich nur um den Wohlstand dreht, erträgt man einfach nicht.
Alle politischen Parteien proklamieren in ihren Programmen an erster Stelle den Wohlstand und den Frieden. Man glaubt im Ernst, wenn erst einmal der Wohlstand erreicht sei, gäbe es auch Frieden. Wer fragt sich schon: Wo bin ich in 100 Jahren? Keine Spur mehr von dir in 100 Jahren. Aber der Wohlstand geht weiter; wir machen den schon. Die Wissenschaft ist imstande, das Leben zu verlängern. In der Zeit meiner Jugend galt ein Mensch von 60 Jahren schon als alt. Heute ist man erst mit 80 Jahren alt; man erwartet sogar 90, vielleicht 95 zu werden, mancher denkt sogar an 100 Jahre, aber dann, weiß man, ist es vorbei. Doch das verdrängt man auch, indem man denkt, die Welt, das Leben geht weiter. Die Wissenschaft gibt einem dieses Gefühl vom Weitergehen und von: Wir werden es schon erreichen, wir werden weitermachen! Wenn es uns erst gelingt, die Alterungserscheinungen gleich im Anfangsstadium zu bekämpfen, können wir es soweit bringen, 200 Jahre alt zu werden. Dass man dann auch 200 Jahre in Todeserwartung lebt, vergisst man dabei. Je länger man lebt, desto länger erwartet man den Tod.
Die Auferstehung ist aus dem Denken und Fühlen des Menschen verschwunden. Spüren wir nicht, dass es eine Wende brauchte, damit wir einen Begriff wie den der Auferstehung wieder erleben können? Auferstehung … wo denn? Ich sehe nichts davon! – Könntest du nicht daran glauben? – Wieso glauben? Ich glaube nur, was sich auch beweisen lässt. Immer, wenn wir »Amen« sagen, sagen wir: »Ich glaube«. Amen ist die Ich-Form, die 1. Person, vom hebräischen Wort »emuna«, das Glauben und zugleich auch Vertrauen bedeutet. Wenn wir zum Beispiel von Gottvertrauen sprechen, dann meint das in der Sprache der Bibel: Gott glauben, gottgläubig sein. Vertraue auf Gott, heißt es, aber wir müssen immer wieder feststellen, dass wir nur auf Menschen vertrauen, obwohl wir häufig in den Psalmen lesen: Vertraue nicht auf Menschen, nicht auf Fürsten, denn die lassen dich letztendlich doch im Stich, vertrau auf Gott!