So wichtig die Grammatik zum Sprachverständnis ist, so erfasst sie doch nicht das Wesen bzw. das Leben derselben. Sie ist und bleibt auf das Äußere des Wortes begrenzt. Auf Hebräisch heißt Grammatik dikduk, und weil jeder Buchstabe einer Zahl entspricht (siehe Schriftzeichentabelle), kann man das Wort auch in Zahlen schreiben: 4-100-4-6-100. Summieren wir die einzelnen Zahlenwerte, erhalten wir 214. Bemerkenswert, dass auch das Wort Geist, hebräisch ruach, 200-6-8, den Wert 214 ergibt. Ruach ist nicht nur Geist, sondern genauso auch Wind, Richtung und Bewegung. Das Wort Geist hat immer mit der Verbindung von zwei Seiten zu tun. Beim ruach geht es um die Richtung. Man kann sagen, dass der »ruach tame« (unreine Geist) von Gott wegzieht und der ruach ha-kodesch (der Geist, der heilig ist) zu Gott hin. Nur, was bedeutet es, zu Gott hingezogen zu werden?

Es heißt in 5. Mose 30,14: Das Wort ist in deinem Herzen. Dieser Satz wird in Röm. 10,8 zitiert. Im NT heißt es zudem mehrfach von »Christus in euch«. Suche Gott nicht außerhalb so wie es die falschen Propheten darstellen (Matth. 24,23): »Siehe hier ist Christus, da ist Christus«. Suche den Sinn nicht außerhalb. Das Leben, das Wesen von allem ist innen. In uns. Gemeint ist nicht unser Gedächtnis bzw. unsere Sammlung an Lebenserfahrungen, sondern das, was darüber hinausgeht, dorthin, wo alles in einer Einheit beisammen ist. Die Schlüsselelemente hierzu sind »verbinden«, Zusammenhänge finden und das fortwährende Fragen: Wer bin ich und wo komme ich her? Der Weg vom Ursprung weg ist gekennzeichnet durch (Ur-)teilen und Spalten in jeder Hinsicht. Das ist der Weg des Wissens und der Wissenschaften, die auf engl. Science heißen, was von lat. scio stammt, welches »teilen« bedeutet. Teilen und Analysieren sind das Wesen der Wissenschaften und – jetzt komme ich wieder zum Ausgangsthema – diese definieren die Grammatik. Wer sich ernsthaft mit der Grammatik des Alt-Hebräischen befasst, stellt irgendwann fest, dass es nicht hier und da ein paar Ausnahmen von der Regel gibt, wie wir es gewohnt sind, sondern die Ausnahme die Regel ist!
Die Schriftgelehrten im NT heißen auf griechisch »Grammateus«. Und wenn wir schon dabei sind: Pharisäer bedeuten vom Hebräischen her, »die sich absondern«, aber auch »ausscheiden« und als Hauptwort Kot bzw. Exkremente. Letzteres ist leicht nachvollziehbar, wenn man sich einmal die Wortwurzel von »Fakultät« ansieht. Der Begriff stammt von lat. facere. Vom gleichen Wort stammen auch die Begriffe fäkal, Fäzes (medizisch für Kot), Fazit, und nicht zuletzt das englische Wort face (Gesicht / Oberfläche). Facere bedeutet in erster Linie »machen«. Die Ausscheidung ist das vom Menschen Gemachte. Das Fazit ist die Zusammenfassung dessen, was vorausgegangen ist. Somit ist Fäzes das Fazit auf der Toilette 🙂 An der Fakultät ist nur das Wahrnehmbare untersuch- und vermittelbar. Eine wissenschaftliche Studie präsentiert das – oder sollte man sagen: scheidet das aus (?) -, was man durch Messen und Analysieren herausgefunden hat. In Bezug auf die Sprache ist diese Art Zugang zum Wort derart, dass die Bibel in 2. Kor. 3,6 sagt: »… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig«. Hier finden wir das eingangs mit der Zahl »214« Gesagte in einem einzigen Vers wieder! Buchstabe ist gr. »Gramma«.

Der Umgang mit der Sprache nach ihrem äußeren Erscheinen lässt sterben, genau wie es auch vom Baum des Wissens (hebr. dem Wort daath näher als »Erkenntnis«) gesagt wird (1. Mose 2,17): »… aber von dem Baum der Erkenntnis (des Wissens) des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welchen Tages du davon issest, mußt du unbedingt sterben!« Liest du die Bibel wortwörtlich, dem Buchstaben und der Grammatik entsprechend »richtig«, stirbt bei dir selbst die Beziehung zum Wort ab.

Im Hebräischen gibt es bekanntlich nur Konsonanten. Diese Mitlaute haben, wie der Name schon sagt, keinen eigenen Laut. Niemand kann sie aussprechen. Dazu benötigen wir die Vokale. Zur Erzeugung der Vokale muss Luft fließen; wir kommen der Bedeutung von »Geist« schon näher. Wir erinnern uns, dass sowohl das hebräische wie auch das griechische Wort für »Geist« zugleich auch »bewegte Luft« (= Wind) bedeutet. Wie bewege ich nun die Luft bei mir? Klar, durch Ausatmen. Wie atme ich aus? Durch Entspannung der Rippenmuskulatur und des Zwerchfells. Entspanne dich, sei gelassen – das Leben meint es gut mit dir; ja, du bist ein geliebter einzigartiger Mensch. Es ist alles in Ordnung! Die Luft wird zur Generierung eines Vokals an den Stimmbändern, auch Stimmlippen genannt, während der Tonerzeugung gespalten. Die Anzahl der Teilungsvorgänge der Luftsäule erzeugt die Frequenz, sprich die Tonhöhe, in der der Vokal schwingt. Die Färbung des Vokals wird dann durch Zungen- und Lippenstellung hervorgerufen. Beim »A« liegt die Zunge bspw. ganz tief, beim »I« ist sie oben am Gaumen. Vokal und Mitlaut ergeben hörbare Laute. Es fehlen die Melodie und der Rhythmus. All das wird im Hebräischen unterschieden. Die Schrift, im Original nur Konsonanten, muss vom Leser belebt werden. Vokale, Melodie und Rhythmus geben den Konsonanten erst in der Sekunde des Aussprechens ihren Sinn. Ein begabter Komiker kann eine alltägliche Situation so erzählen, dass alle darüber lachen. Die gleiche Situation von einem Grämling erzählt, ruft vielleicht nur müdes Lächeln hervor. Die Art wie wir leben macht unser Erzählen aus, und das vernehmen unsere Zuhörer. Diese »Antenne« haben wir als Menschen mitbekommen.
So gesehen kann es keine absolute Bibelauslegung geben. Diese wäre aufgrund ihrer Einseitigkeit falsch. Die Grammatik beschränkt sich demnach nicht nur auf das Äußere der Sprache, sondern verhindert gleichzeitig den Zugang zur Innenwelt des Wortes.

Zur Vokalisiation des Alten Testaments:
Viele wissen, dass bis heute der Thenach (das Alte Testament) bei den Juden handgeschrieben ist. Sobald auch nur ein einziges Pünktchen, das eine Vokalisation eines Konsonantes festsetzen würde, auftauchen würde, wäre der gesamte Text (hebr.) passul, d.h. ungültig. Das Wort passul schreibt sich mit den Zeichen Peh (80), Samech (60) und Lamed (30). Exakt das gleiche Wort bedeutet auch Bild – dann pessel ausgesprochen. »Du sollst dir kein Bildnis (hebr. pessel) machen« in 2. Mose 20,4 meint genau das. Den Text mit konkreten Vokalen festzusetzen heißt, ein Bildnis machen. Die jüdische Gelehrtengruppe, die dafür verantwortlich zeichnet, heißt »Masoreten«. Ein hebräisch versierter Theologe wies mich darauf hin, dass im Stamm des Wortes »Masoret« »sar« (Samech-Resch) enthalten ist; das bedeutet »vom Weg abweichen«. Auch wikipedia berichtet darüber:

Die Masoreten standen also vor der Aufgabe, die (…) Mehrdeutigkeiten zu beseitigen, ….

Die Aussage spricht für sich. Der Text wurde in Gefangenschaft geführt. Es grenzt an ein Wunder, dass Menschen sogar mit einem solchen Text Trost und Hoffnung finden; wie viel mehr kann uns das Wort in Freiheit führen, wenn wir es selbst aus der Zwangsjacke der Eindeutigkeit befreien. Uniformität, wie man sie an den – man achte auf den Namen – Universitäten lehrt, entwurzelt den Menschen. Wenn der einzelne Mensch nicht mehr er selbst sein darf, verkauft er seine göttliche Ebenbildlichkeit – verkauft für ein bisschen Anerkanntsein, vielleicht noch mit ein paar Titeln und etwas Geld. Das war’s. Uniform heißt: Kind der Masse sein.

Ein rein auf Grammatik beruhendes Textverständnis macht uniform, erzeugt die »Norm«, das Gewöhnliche und damit Krankheit. Im Hebräischen stammt das Wort für Krankheit, chole, von chol, dem Wort für Norm.

Zu guter Letzt sei zugestanden, dass einem Außenstehenden ohne Kenntnis irgendwelcher Schriftregeln der Zugang zu der Ursprache Alt-Hebräisch kaum möglich wäre. Insofern hat auch die Arbeit der Masoreten ihren Sinn. Eine Übersetzung des Alten Testaments wäre ohne die Vokalisierung wahrscheinlich nie möglich gewesen. Das Griechische des Neuen Testaments hingegen ist aufgrund der in dieser Sprache anwesenden Vokale festgesetzt. Trotzdem bleibt auch in dieser bereits entwurzelten und erstarrten Sprache immer noch die Freiheit der Melodie und der Rhythmik. Diese Freiheit bleibt immer.

Zum Schluss noch eine interessante Aussage des Beatles-Gründers John Lennon:

»Ich glaube an Gott, aber nicht als ein Ding, nicht als einen alten Mann im Himmel. Ich glaube, das was Menschen Gott nennen, ist etwas in uns allen. Ich glaube, dass das was Jesus und Mohammed und Buddha und der ganze Rest gesagt haben, wahr ist. Es wurde nur durch die Übersetzungen verfälscht«.