Friedrich Weinreb in Wunder der Zeichen Wunder der Sprache

Die Melodie erzeugt den Zusammenhang zwischen den Zeichen und den Worten, den Versen oder Sätzen und sogar den Abschnitten. Über diesen Gesamtheiten, in denen ja der Sinn zutage tritt, kann sehr wohl geurteilt werden. Gehen sie von der Schlange aus, oder spricht in ihnen der Adam Kadmon? Denn mit der Melodie kommt man in den Bereich, wo es sich entscheidet. Über den Menschen als Zeichen kann nicht geurteilt werden. Er ist sowohl ein Zeichen als auch eine Verbindung von Zeichen zu einem Wort, ja auch eine Verbindung von Worten zum Ganzen eines Verses. Aber als solcher kann er dennoch in seinem Leben viele Melodien anstimmen, er kann sich zu verschiedenen «Völkern» hingezogen fühlen, mit ihnen Gemeinsames empfinden, Zusammengehörigkeit erleben oder sich auch abgestoßen fühlen.
Das alles bildet das Menschenleben. Darum kann man auch sagen, dass die gesamte Thora das Leben jedes einzelnen Menschen ist. Denn es ist sehr reich und umfassend und hat großen Wandel an Empfindungen und Stimmungen. So erfährt der Mensch sehr stark die Leitung von «jener Seite». Doch diese andere Seite wird mitgeformt durch die Melodie, die der Mensch in seinem Leben singt. Je nach dieser Melodie ist er empfänglich für Aufmärsche oder Massengesang im kirchlichen Sinn, für religiöse Abkapselung oder Fanatismus, für allerlei Heilslehren. Er ist auf jeden Fall verantwortlich, denn die Ansprechbarkeit für irgend eine Suggestion ist abhängig von der Melodie, die er seinen Zeichen und Vokallauten gibt. Dort spricht sich des Menschen Verlangen aus, die Art und Weise, wie und was er sucht, wo er sich den Eindrücken öffnet. Für den Menschen ist die Art seines Singens entscheidend.
Man kann einwenden, dass dies doch weitgehend vorgegeben sei durch seine Umgebung, seine Herkunft, seine Eltern und Erzieher. Gewiss, das wäre ein Ausgangspunkt. Man sagt aber auch, dass die Melodie des Menschen im Zeiträumlichen schon mitbestimmt, wo und wann er geboren wird in diesem Zeiträumlichen. Denn die Melodie ist jenseitig, und das Jenseitige ist immerwährend. So bestimmt der Mensch mit Gott im Himmel Ort und Zeit seines Daseins auf Erden. Und gerade auf diesem Platz ist für ihn alles möglich.