Die Bedeutung Weissagen und die Zukunft voraussagen wurde dem Begriff Prophetie erst in jüngerer Zeit aufgrund des kontextbezogenen Vorkommens in der Bibel auf vermeintlich zukünftige Ereignisse auferlegt. Ursprünglich hat es diese Bedeutung weder im Griechischen noch im Hebräischen. Unser Denken ist heutzutage so stark davon geprägt, alles in einer zeitlichen Abfolge wahrzunehmen, dass wir mit diesem Ansatz leider auch die Bibel lesen. Das Verhaftetsein des Menschen an die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung macht es fast unmöglich, die Bibel als Wort aus dem Ewigen kommend, in der Zeit zu erleben. Prophetie bei uns selbst ist, der Grundbedeutung des Wortes nach, nichts anderes als das Wort Gottes als Wirklichkeit im eigenen Leben zu erfahren.

Das griechische Wort Prophetie wird sprachwissenschaftlich so erklärt:

prophaetaes (…) ist ein nomen agentis, zusammengesetzt aus dem Stamm phae, sagen, verkündigen, bei dem stets ein religiöser Bezug vorausgesetzt werden kann, und der Vorsilbe pro-, die als Adv. der Zeit die Bedeutung vorher, voraus hat. Damit liegt die Bedeutung Vorhersager, Voraussager nahe. Das wird durch den Gebrauch von prophaemi, voraussagen, vorher verkündigen, scheinbar bestätigt; jedoch begegnet prophaemi erst sehr spät (…) und hat dadurch keine etymologische Beweiskraft. Prüft man hingegen die Verbindungen von pro- mit Verben des Sprechens in früherer Zeit, so zeigt sich, daß in keinem Falle das abhängige Objekt in die Zukunft weist (…). Der Wortsinn dieser Verben ist eindeutig öffentlich verkündigen, offen erklären, laut verkündigen. Somit liegt nahe, prophaeteuo ebenso zu übersetzen. Das wird bestätigt durch die seit dem 5. Jh. belegte Bedeutung von prophaetes mit Verkündiger, Sprecher (…). Der religiöse Bezug des Stammes phae gibt dem Wort ein bes. Gewicht und drückt aus, daß des Propheten Wort Autorität beanspruchen darf.
(Theol. Begriffslexikon, Brockhaus 1993, Seite 1016)

Wir müssen uns nun darüber klarwerden, was dieses Prophezeien eigentlich ist. Im Hebräischen bedeutet das Wort »nawi«, das sich 50-2-10-1 schreibt, nichts anderes als eine Art des >Bringen< oder >Kommen<. Man könnte sagen, ein Prophet ist einer, der >bringt<, was ihm >kommt<. Er ist imstande, das vom Jenseitigen her Kommende, also das, was von Gott ist, uns zu bringen. Gott als Gegenüber; wie alles Verborgene uns gegenübersteht, so steht Gott uns als Verborgener, als Geheimer, als heilig, wie man auch für jenseitig< sagen kann, gegenüber. Und der Prophet, die Frau als Prophetin bringt von dort das Wort, bringt von dort das Leben. Es geht dabei nicht um gescheite Worte, sondern handelt sich vielmehr um das Verhalten, das Sein, die Art des Menschen. Wir sollten deshalb versuchen, die Prophetinnen nicht als Gestalten außerhalb von uns sehen, sondern in erster Linie als in uns Wirkende zu erleben. Sie bilden auch eine Struktur im Menschen, nämlich das, was unseren Körper erscheinen lassen kann.
(Weinreb, Die sieben Prophetinnen, Seite 18)