Die Farben der Welt, die Nuancen, kommen aus einem Lebewesen, der Schnecke. In der Mythologie bringt jede Art Schnecke eine andere Farbe hervor. Die Farben der Bibel kommen alle aus Lebewesen. Die Schnecke baut aus dem Weichen das Harte, ihr Haus. Das Gehäuse der Schnecke wird in der Überlieferung mit drei Windungen angegeben. Dem gegenüber steht als Viertes das Weiche. Auch wenn die Schnecke aufgelöst ist, bleibt das Haus. Die vier Welten, wie sie die Überlieferung benennt, werden durch die Schnecke dargestellt. Die erste Welt ist die Olam Aziluth (im Schatten Gottes), die zweite die Olam Bria (Welt der Schöpfung), die dritte die Olam Jezira (die Welt der Formwerdung) und zuletzt unsere diesseitige Welt, die Olam Assia (Welt des Tuns). Das Weiche ist beweglich, hat Verbindung mit der Erde und »geht« seinen Weg.

Auch in unserem Ohr finden wir ein »Schneckenhaus«, welches in Verbindung mit dem Hören und dem Gleichgewicht steht. Weinreb meint im Vortrag “Dreieinheit” dazu:

»Du gibst den Dingen hier die Farbe. Du bist die Schnecke. Der Priester im Menschen lässt den Menschen alle Windungen gehen. Er bringt die Ruhe. Du formst dir die Windungen selbst durch deine Sehnsucht. Erzwinge nichts – es geht im Schneckentempo. Aber es bildet sich.«

In “Glaube und Magie” sagt er:

»Dass das Ohr wie ein Schneckenhaus aufgebaut ist will sagen: Im Hören kommen die verborgenen Welten mit.«

Bemerkenswert ist, dass die Biologen sagen, dass es früher keine Nacktschnecken gegeben habe. Erst im Laufe der Zeit hätten einige Arten aufgehört (auf-HÖREN = das Hören aufgeben?), ein Haus zu bauen, was diesen Sorten, den sogenannten Nacktschnecken, auch Vorteile verschaffe. Ein Haus bauen macht schließlich Arbeit, die Schlepperei macht Mühe und einige Wege können aufgrund des sperrigen Hauses nicht gegangen werden, weil das Haus eben nicht hindurchpasst.

Vielleicht ein Spiegel des Menschen: Sich mit dem Ewigen zu befassen ist zuweilen mühsam, zumindest muss man dafür andere Dinge sein lassen. Das Ewige immer bei sich zu tragen … verwehrt manchen Weg, auf dem der nur diesseitig orientierte Mensch ohne Mühe hingelangt. Doch lebt der Nur-Diesseitige in ständiger Angst auszutrocknen und ist Feinden nahezu schutzlos ausgeliefert, während derjenige, der ein (ewiges) Haus hat, sich jederzeit darin zurückziehen kann …

Das hebr. Wort für Schnecke ist Schawlul, 300-2-30-6-30. Es kommt nur 1x in der Bibel vor. In Ps. 58,9:

»Laß sie (bezugnehmend auf die „Rascha“, »Gottlosen« in Vers 4) sein gleich der Schnecke, die zerschmelzend dahingeht, gleich der Fehlgeburt eines Weibes, welche die Sonne nie erblickt hat!«

In diesem Vers wird nicht nur die Schnecke, sondern auch das, was mit ihr passiert, nur ein einziges Mal in der Bibel erwähnt. Sie „zerfließt“, hebr. temes, 400-40-60, in der Summe 500. Die 500 lässt nur noch das Haus übrig. Das Weiche (wörtl.) »löst sich auf«. Das letzte Zeichen im hebr. Alphabet, das einen eigenen Zahlenwert hat, ist der Buchstabe Taw mit der 400. Die 500 ist somit »jenseitig« dieser materiellen Welt. Die Schnecke zeigt damit ein eigentümliches Paradox: Die Menschen denken, das Leben hier sei so wichtig und ernst im Sinne von „fest“; das Ewige dagegen „schwammig“ und nicht greifbar. Die Schnecke kehrt die Prioritäten um: Das Diesseitige ist schwammig und glitschig; das Ewige allein hat Substanz!

Man kann das hebr. Wort für Schnecke, Schawlul, auch als Zusammensetzung von Schaw, 300-2, (Rückkehr) und Lul, 30-6-30, (Windung / Spirale) lesen. Somit würde das Wort in sich schon von der Rückkehr in die Spirale sprechen (was die Schnecke ja auch tatsächlich macht, wenn sie sich zurückzieht!).

Die Schnecke könnte uns sagen: »Höre das Wort, wie es vom Ewigen her tönt. Verwende deine Zeit und Möglichkeiten, an diesem Haus zu bauen. Es ist das Einzige, was wirklich bleibt. Alles andere zerfließt.« Jede Schnecke baut ihr eigenes Haus. Es gibt keine »WGs« (Wohngemeinschaften).