Friedrich Weinreb in Das Opfer in der Bibel

Hier auf der Erde vollzieht sich das Äußerste dieser Zweiheit, das Äußerste des Schreckens. Schlimmer als auf dieser Erde, heißt es, geht es nicht. So weit, wie man hier von allem getrennt ist, ist man nirgends sonst getrennt. Aber das Entsetzen, das man erlebt, weil man sieht, wie dieses äußerst Mögliche aussieht, hat seinen guten Sinn. Der Sinn des Ganzen ist die Rückkehr aus diesem Äußersten. Man soll dabei den Schrecken des Alleräußersten mit sich nehmen, wodurch alles in äußerste Freude und Glückseligkeit umschlägt. Deshalb geht die Verbannung so weit wie nur möglich, deshalb werden von dieser Verbannung besonders viele Einzelheiten erzählt.
Die Mauern der Vorratsstädte in Ägypten, heißt es zum Beispiel, können nur errichtet werden, wenn kleine Kinder mit eingemauert werden. Was ist eine Vorratsstadt in Ägypten? Die Sorge um die Zukunft, auch die Furcht, dass man in der Zukunft nichts mehr zum Leben haben könnte, dass es keine Nahrung mehr geben könnte. Die Angst der Welt Ägyptens vor der Zukunft wird also im Bild des Bauens von Vorratsstädten dargestellt. Im Midrasch über das Buch Esther, die Geschichte der Verbannung, das auch mit dem Wort »waj’hi« beginnt, wird die Frage, was Verbannung ist, so beantwortet: Wenn der Mensch sich fragt, wovon er das nächste Jahr leben soll. Das ist wieder dasselbe wie das Schließen des Kreises. Der Mensch denkt, wenn er nicht selbst vorsorgt, geht alles schief. Deine Vorratsstädte können nur existieren, wenn du deine Kinder mit einmauerst. Du tötest dein Kind in dir. Es ist dieselbe Art Brutalität, wie wenn du das Ebenbild Gottes dafür benutzt, deine eigene Welt zu erbauen. Das ruft das Entsetzen der »sch’china« hervor, denn sie leidet immer dann, wenn ein Kind für so etwas verwendet wird; wenn du ein Kind das Rechnen und Berechnen lehrst, damit es später einmal mit einer guten Stellung im Leben seine Zukunft sichern kann. Ein Kind, das all dies lernen muss, wird darin eingemauert, und das ist das Entsetzliche für die »sch’china«.
Wenn du, heißt es, mitansehen musst, wie ein Mensch geschlagen und gefoltert wird, und du dabei schrecklich leidest, dann erst verstehst du, was die »sch’china« mitmachen muss, wenn man einem Kind, einem Menschen keine Zeit gibt, die Thora zu lernen. Wenn man für den Menschen Freizeiteinrichtungen zum Entspannen schafft, nur damit er dann umso besser arbeiten und umso mehr produzieren kann, wird ihm eigentlich sein Menschsein genommen. Das ist wie das Erschlagen der Kinder in Ägypten. Es ist fast nicht zu begreifen, wenn man liest, dass die Aufseher in Ägypten ebenfalls Kinder Israels waren, über denen noch die Ägypter standen. Aber die Schläge teilten diese Aufseher aus, Menschen vom selben Stamm wie die, die geschlagen wurden. So tief, heißt es, ist die Verbannung, dass jeden Augenblick das blanke Entsetzen der »sch’china« herrscht. Nun ist gerade das Kommen in diese Welt, in dieses äußerste Extrem hier, ein Ausdruck der Vorbereitung auf die Erlösung. Denn dass man in dieses äußerste Extrem kommt und dies alles mitmacht – all diese Leidensstationen sind der Weg der »sch’china«, die in die Verbannung mitgeht. Und der Mensch macht dasselbe mit: Er ist abgeschnitten und weiß nicht, ob er wirklich zu der anderen Welt dort gehört.