Friedrich Weinreb in Wunder der Zeichen – Wunder der Sprache

Der Alltag ist das Leben. Er ist die Gegenwart. Im Zeiterleben steht die Gegenwart zwischen den verborgenen Werten von Vergangenheit und Zukunft. Auf beides fällt vom Heute aus nur sehr wenig Licht. So wird auch beim Lesen der Thora nur immer das Stück aufgerollt, welches zur unmittelbaren Lesung bestimmt ist, und wenig mehr. Das schon Gelesene ist bereits wieder eingerollt, und das Künftige noch nicht entrollt. Beides ist aber dennoch in Ganzheit samt der Gegenwart da, denn es ist eine Rolle. Das unmittelbar zu Lesende ist der Oberflächen-Wert. Dieser äußere, sichtbare Wert besitzt Bedeutung nur durch seine Beziehung zum Ganzen. Seine Wurzeln sind gleichsam im Unsichtbaren, in dem, was vorangeht, und in dem, was nachfolgt. Der Bericht als Ganzes birgt die Wahrheit.
In diesem Sinne ist die Rolle unantastbar, «heilig». In seiner isolierten Gegenwart bleibt jeder heutige Tag sinnlos, und es ist ein eitles Unterfangen, von ihm aus Vergangenheit und Zukunft beurteilen oder gar bestimmen zu wollen. Nur die Lebensrolle als Ganzes – als heilige Rolle – gibt dem Alltag Sinn.
Der Mensch hat im Heute keine Ruhe, keine Gelassenheit, wenn er dieses Heute nicht im großen Ganzen der Offenbarung aufgehoben weiß. Gott sagt, dass Er den Menschen aus der Erde macht. Die Erde ist das entgegengesetzte Äußerste dessen, was Gott ist; dieses andere Äußerste entsteht, wenn Gott die Welt machen will. Und Gott macht mit der Erde als äußerster Konsequenz den Menschen. Das ist Gottes Werk mit der Erde. Gott nennt Sich den Töpfer. Aus der Erde formt er den Menschen. Der «zorer», 90-200-200, der Former, ist Er im Zusammenhang mit der 3. Weltphase der Jezira. Daraus geht hervor, dass es entscheidend ist, sich mit der Materie zu beschäftigen. Indem Gott sich mit der Materie befasst, entsteht das Wunder, das Mensch heißt. Und Adam, Mensch, bedeutet «im Gleichnis» Gottes. Den Stamm des Wortes Adam bildet das Wort «domeh», gleichen.
Alle Dinge gehen uns an. Das Leben des Menschen empfängt seinen Sinn daraus, dass er sich mit dem Alltäglichen abgibt. Das Höchste verbindet sich mit dem Niedrigsten. Das eine Äußerste geht auf das andere ein. So geschieht die Schöpfung, und so kommt auch der Mensch zustande. In allem, was zustande gekommen ist, in allem, was geschieht, ist demnach Gottes Tun aufgeschlossen.