Friedrich Weinreb in Vor Babel

(…) man soll niemals über das Sterben eines Menschen sprechen. Denn ein Mensch stirbt niemals, er wechselt nur in etwas anderes über, aber sterben tut er nicht. Und dann: >Man weiß nie.< Der Wunsch, daß es der letzte Tag wäre, der jüngste Tag dieser Existenz, daß es auch eine andere Welt gibt, könnte in Erfüllung gehen. Manchmal sagt man, daß einer nur noch eine bestimmte Zeitspanne zu leben hätte. Das darf man aber nicht sagen, denn darüber weiß man nichts. Niemand weiß, was in einer Stunde geschieht oder in einer Minute, vielleicht sieht die Welt dann vollkommen anders aus. Immer muß lebendig bleiben, daß so etwas möglich ist. Man sage nicht: >Wissenschaftlich ist das ausgeschlossen. Es ist auch jetzt nicht der Augenblick dafür, ganz bestimmt nicht, nicht das Klima dafür, daß eine andere Welt kommen könnte.< Darüber wissen wir nichts. Wir müssen so leben, daß es jeden Moment sein könnte. In diesem Zusammenhang wird eine chassidische Geschichte erzählt von jemandem, der vor noch nicht langer Zeit hier auf der Erde war. Er hatte im Winkel seines Zimmers immer einen Wanderstab stehen. Und wenn ihn jemand fragte: >Wozu steht dieser Stock da?< gab er zur Antwort: >Nun, wenn das Ende kommt, brauche ich ihn, um mich damit auf den Weg zu machen.< Das bedeutet: Der Gegenstand, mit dessen Hilfe man geht, steht bereit. Das muß dir immer so präsent sein, daß der Stock immer bei dir im Zimmer steht. Nicht sagen: >Wenn es so weit ist, werde ich schon sehen, ob ich mitmache, ob ich auch dafür stimme, vielleicht habe ich dann Einwände und bin nicht damit einverstanden.< Nein, ich bin fertig und bereit, so zu handeln, ohne Kompromisse. Ich weiß, daß der Stock dort steht, daß ich ihn nehmen und gehen kann. So muß man bereitstehen. So wie im Alten Testament bei der Passah-Geschichte, bei der Erlösung aus Ägypten, erzählt wird: Halte dieses Passahmahl, wovon du gar nicht glaubst, daß es eine Erlösung ist. Halte diese Passahmahlzeit, umgürtet mit einem Gürtel und mit dem Stab in der Hand, damit du dich auf den Weg machen kannst. Sag nicht: >Irgendwann kommt die Erlösung<, wonach du das Datum ausrechnest, indem du irgendwelche Zahlen aus der Bibel manipulierst, etwa: Bei Daniel steht etwas von 90 Tagen und woanders 30 Tage, das teilen wir durch einander, dann kommen wir auf den 12. Januar 2083. Dann sagst du dir: >Das erlebe ich doch nicht.< Nein, es ist so: Jeden Moment steht der Stock da, so daß du dich auf den Weg machen kannst. Dieser Moment von »chazoth«, 8-90-6-400, von Mitternacht, ist fortwährend. Dieser Auszug ist ein Punkt, der in uns ungeheuer lebendig sein muß.