Friedrich Weinreb in Traumleben IV

Die Bibel lässt Abend und Nacht vorangehen, weil vielleicht dort vieles Wesentliche geschieht. Die dunkle Nacht verbirgt den Sinn, lässt alles vage und ungewiss erscheinen. Vielleicht geht es in der Schöpfung nicht um klares Wissen, sondern um eine Beziehung des Menschen zum Unbekannten, eine Hingabe ohne die Sicherheit eines Erfolges, ein Hinnehmen ohne Erkenntnis eines Sinnes des Getragenen.
Vielleicht ist der Sinn der Schöpfung das, was man so schwer verständlich als Liebe umschreibt: das Schenken, das Verzeihen, die Güte, die Überraschung, die gute Botschaft. Das kann nur im Dunkel des Nichtwissens geschehen. Die klare Erkenntnis von Gut und Böse ließ das Paradies verlorengehen. Sofort und gern greift der Mensch nach der Frucht des Baums der Erkenntnis. Deshalb vielleicht der Abend und die Nacht als Anfang. Das verlorene Paradies im Rücken. Man kann ins Paradies zurückkehren, wenn man die Freude der absichtslosen Liebe schenkt: in der Hingabe und im Hinnehmen. Dazu die Nacht, dazu das Traumleben. Sogar das Hinnehmen des Todes ist dann wie die Hinnahme des Ungewissen, des Ungewissen bis zum letzten Tropfen ausgekostet. Das Ende der Nacht bringt die tiefste Verzweiflung. Man glaubt kaum mehr an einen Sinn. Ist der Mensch deshalb so stark diesem Leben verbunden? Er spürt hier seine Größe. Die Toten können Gott nicht loben. Sie wissen, sie sehen die andere Seite. Nur die Lebenden schlafen, leben in Traumwelten. Die Zeit fließt, sie lässt nichts sein. Und dann an Ewigkeit glauben, dann an ein Sein glauben — wie großartig!