Friedrich Weinreb in Das Wunder vom Ende der Kriege

Die Schöpfung ist ein fortwährender Unterscheidungsprozess. Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit. Der Mensch mag das Heilige schon, aber zu seinen Diensten. Das heißt, er braucht es, um sein Leben in der Zeit, das er als das eigentliche Leben sieht, lebbar zu machen. Zum Beispiel: Er braucht die Bibel, um moralischen Zwang auszuüben, er braucht Gott, um via ihn zu erklären, dass es den Guten gut und den Bösen schlecht gehe. Er benutzt das Heilige für das Profane, für die Masse, für kausale Erklärungen, für Politik, für Gesellschaft. Tatsächlich, er benutzt das Heilige als Opium. Der brave, fromme Bürger, der im stillen in die Hosen macht, weil man vielleicht sein Versagen bekannt machen wird.
Den Hebräer, Israel, ziehen lassen, ist lebensnotwendig für mizrajim, für Ägypten. Trenne das Heilige vom Profanen. Und das eben mag der Pharao nicht. Er kennt nur diese Welt, erklärt alles mit den Maßstäben dieser Welt. Es gibt nichts anderes. Auch die Bibel kann nur mit den Maßstäben dieser Welt gelesen werden. Also geschichtlich, politisch, kirchlich (im Organisations-Sinn), gesellschaftlich, moralisch. Heute würde man sagen: entmythologisiert. Also praktisch, nützlich. Der Mensch spürt schon, dass etwas in diesem Sinne ihn bedrängt. Die Ägypter flehen den Pharao schon an, Israel ziehen zu lassen, weil sie spüren, dass Ägypten sonst untergeht. Das heißt, der Körper schreit schon, protestiert schon, dass sein Lenker, sein Körper-König, eben Pharao (phar, Stier, irdische Erscheinung, in seiner Potenzquelle jenseits), ihn ins Verderben führt. Von dorther kommen die »Plagen«, kommt das logisch nicht erklärbare Pech, der Zufall, kommen die Revolutionen, die Konflikte, die Aggressionen. Von dorther kommt sein Leid, sein Kranksein. Und dann kommt, durch die Ergebung ins Leid, die Beziehung zu Gott, über Mose. Mose, das Wort, das ewige Wort, das aus dem Wasser, aus der Zeit hervorgezogene, weil ewige Wort. Und so kommt dem Menschen Berührung mit dem Ewigen. Und das Leid wird von ihm genommen. Er atmet wieder frei. Der Druck auf sein Herz ist fort.
Aber in der Freiheit, nach der Befreiung vom Druck, von der Besetzung, weiß er nicht, dass es seine Art, das Heilige nicht als Heiliges zu verstehen, es zu benutzen für das Leben hier, ist, welche ihn wieder in die Spirale der Plagen hinunterzieht. Er fährt fort, oder er fängt wieder an, es zu knechten, zu quälen, es nach Maßstäben des Hiesigen, des Profanen zu beurteilen. Er versteht nicht, dass deshalb die Qualen sich fortsetzen werden, fortsetzen müssen. Weil es der Sinn des Lebens ist, das Heilige zu erkennen als heilig, als jenseitig. Und damit sein Leben zu sehen als ewig, auch wenn er nicht versteht, wie so etwas irdisch aussehen könnte. Dann könnte er es in Liebe, in Glaube, in Hoffnung, in Vertrauen schon dem Gegenüber überlassen. Schön das Vertrauen, etwas dem Gegenüber zu überlassen. Man findet dann, durch die Liebe, dass dieses Gegenüber auch in uns, in jedem von uns lebt. In seinem Mund, in seinem Herzen. Das heißt: Was du sprichst, ist sein Sprechen. Nicht du, er. Und nicht nur er, sondern auch du. Ich bin, der ich bin. Ich bestimme selber mein Leben, weil ich diesseitig bin und jenseitig. Weil ich im Profanen, im chol, Sand der Vielheit, lebe, und auch im Heiligen, im Ewigen. Deshalb bin ich, der ich bin. Deshalb werde ich sein, was ich sein werde.