Du Narr! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern …

und wem wird gehören, was du bereitet hast? (Lukas 12:20)

Das ist ein Zitat aus dem bekannten Gleichnis in Lukas 12 über den Mann, der seine Scheunen abreißen und neue bauen will, um seine Seele in Sicherheit zu wiegen.

„Und will zu meiner Seele sagen: Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und sei guten Muts!“

Selten hört man jemand davon sprechen, dass er Vorrat für seine Seele sammelt. Der Mann kümmert sich seiner Auffassung nach um die Belange seiner Seele, ist das nicht aller Ehre wert? An sich schon, aber nicht mittels eines Reservoirs. Die Seele lebt nicht aus Vorräten, es gibt keine Konserven für sie, weil nur der jetzige Moment ihre Nahrung bereitstellen kann – nichts ist frischer als das Jetzt. Vom Erwachsenen erwartet man, dass er warten kann und geduldig ist, kleine Kinder wollen alles sofort erleben. Dieses „Jetzt erleben Wollen“ ist auch ein Ansinnen der Neschama, die permanent zum Ewigen zieht. Sie steht immer an der Grenze zur anderen Welt, doch der Reiche denkt, dass die Seele etwas Zeitliches ist, und ihr Ort doch nur hier sein kann.
Unsere Welt von Raum und Zeit ist im alten Wissen die Nachtwelt. „In dieser Nacht“ bedeutet „in diesem Leben hier“, „wird man deine Seele von dir fordern“, wörtlich „zurückerbitten“ [ἀπαιτέω (apaiteo)]. Warum? Weil du sie nicht nährst, sie nicht am Leben teilhaben lässt, die Freude im Alltag nicht suchst und den Blick für die schönen Dinge des Lebens verloren hast. Stattdessen baust und füllst du neue Scheunen und vertröstest deine Seele auf irgendwann. Scheune heißt im griech. Original „Apotheke“ [ἀποθήκη]. Sie ist ein Ort, wo etwas aufbewahrt wird, was nicht jedem zugänglich sein soll. Das hebr. Wort für Scheune, asam, 1-60-40, bedeutet auch „sich auf einen Punkt konzentrieren“, sammeln und zusammenbringen. Deshalb versteht man im alten Wissen unter einer Scheune auch das Gedächtnis und das Erinnerungsvermögen. Plötzlich gibt es so viel zu lernen und man denkt, es würde der Seele helfen …

Wenn ein Mensch durch konzentriertes „gesammeltes“ Denken gewaltsam in Bereiche gelangen will, die dem Verstand versagt und die ohne Missachtung einer Grenze unzugänglich sind, wird dessen Seele zurückgebeten, d.h. von ihm abgetrennt werden, um zu ihrer oberen Wurzel zurückzukehren. Der Betroffene bleibt seelenlos zurück, heißt es in der Überlieferung.
Das Gleichnis mündet in der Frage „wem wird gehören, was du bereitet hast?“ Es geht hierbei nicht um irdischen Besitz, der sowieso irgendwann zerfällt, sondern um Einsichten und Erkenntnisse, die man sich angeeignet hat, mittels derer man imstande ist seelenloses Leben zu nähren, denn dieses tritt jetzt in Erscheinung.
Der Mensch als Behausung bekommt dann neue Bewohner, denen die Vorräte in seiner „Apotheke“ sehr hilfreich sein werden. Seine Interessen werden sich ändern und seine Ausrichtung wird kühl und um Nutzens willen sein. Das, was einen Menschen ausmacht, weicht dann dem Überheblichen, Kalten, Abartigen, Verachtenden, kurz: dem Dämonischen. In diesen Zustand kann ein Mensch schon alleine dadurch gelangen, dass er Freude daran empfindet andere zu beherrschen. Die Art seines Sprechens ist dann eine Streuung von Samen, aus denen kein neues Leben hervorgeht, sondern solches sogar zerstört.

Mit den gleichen Zeichen wie asam (Scheune, sammeln) wird auch ma’as, 40-1-60, geschrieben, das man mit verwerfen, verschmähen und verachten übersetzt.
Etym. gibt es noch eine Verbindung zu ascham, 1-300-40 (Schuld). Als Verb bedeutet es „sich schuldig fühlen“ und „das Zerstören des inneren Selbst“. Das Zerstören der zu kleinen Scheunen zeigt sich beim Menschen darin, dass er das „primitive Verhalten“ seiner Vorfahren, die „damals eben alle dumm waren“ in mehrfacher Hinsicht verachtet und nun diese Begrenzungen niederreißt. Man gedenkt nicht mehr der Ahnen und möchte sich nicht daran erinnern, dass früher die „Sammlungen“ anders und kleiner waren. Wenn zu viel da war, hat man es weitergereicht oder anderweitig verwertet. Die Seele braucht keine „Apotheke“.

Du Narr!, sagt Gott zu diesem Mann. Der Narr ist im Griechischen ein a-phron [ἄφρων], also jemand, der dem Worte nach weder Sinn noch Verstand hat. Sprachlich ist der Narr der verneinte Verstand. Das Wort kommt von phren und das bedeutet auch Zwerchfell (ebenso wie diaphragma).

Im Hebräischen entspricht die gewölbte Muskelplatte (Zwerchfell), die nicht nur Brust- und Bauchhöhle voneinander trennt, sondern auch der Hauptmuskel für die Atmung ist, der rakia, 200-100-10-5 (Scheidewand / Firmament), die am 2. Schöpfungstag zustande kommt. Sie trennt die oberen Wasser, die mit der Luft in Verbindung stehen, von den unteren Wassern, die der Schwerkraft folgen, ebenso wie das Zwerchfell die Lungen vom Verdauungstrakt trennt. Nicht umsonst wird ausgerechnet in diesem Gleichnis der Begriff Narr gebraucht, denn dessen Erkennungsmerkmal besteht darin, dass er lebensnotwendige Grenzen ignoriert und niederreißt. Unser Verstand ist einerseits eine Grenze, andererseits funktioniert er beim aufrechten Menschen so, dass dieser oben und unten unterscheiden kann.
Der Reiche im Gleichnis hat diese Grenze bei sich selbst zerstört. Ganz praktisch würde im Organismus bei einer Zerstörung des Zwerchfells die Atmung zum Erliegen kommen. Atmen ist neschem, 50-300-40, daher neschamah, die göttliche Seele.
Neschem, atmen, hat als Summe die 390, genau wie der Himmel schamajim, 300-40-10-40 (Systematik: oben!) und „verdauen“ hat die 120. Auf Hebräisch heißt es achol, 70-20-30. Die 120 ist die Zahl für das Leben des Menschen auf Erden. Die 12 steht in engstem Zusammenhang mit Zeit an sich (Systematik: unten!).
Interessant: Diese Seele wird nun zurückgebeten, der Atem weicht. Das Bestehen-Lassen der Grenzen zwischen oben und unten ist also eine Grundvoraussetzung für das Bleiben der Seele. Dinge können nur durch ihre Abgrenzung erscheinen, genau wie Buchstaben nur lesbar sind, wenn ein Kontrast zum Hintergrund besteht. Ein Kontrast ist das „Entgegenstehende“ (lat. contra-stare).
Man spricht dabei von schwarzem Feuer auf weißem Feuer. Auch der Hintergrund der Buchstaben erzählt eine Geschichte, die sich jedoch dem Bewusstsein nicht erschließt. Vordringen in Bereiche, die der Mensch verkleidet lassen soll, bringt den Zustand der Verwirrung mit sich, weil es dann nichts mehr gibt, woran man sich orientieren kann. Die Wurzel freizulegen nimmt der Pflanze den Halt und lässt sie sterben. Was bleibt, ist ein trockenes erstarrtes Überbleibsel, das zu Lebzeiten elastisch, grün, blühend und duftend war.
Das Fehlen der Seele äußert sich dann in allen Lebensbereichen, weshalb das Gleichnis mit einer Feststellung endet: So ist der, der für sich selbst Schätze sammelt und nicht reich ist in Bezug auf Gott. (Lukas 12:21)
Im gesamten Gleichnis ist nicht vom Tod die Rede, wiewohl man diesen gerne hineininterpretiert. Gewissermaßen geht es aber doch um ein Sterben, denn wie anders soll man einen Menschen beschreiben, der keine Verbindung mehr zum Ewigen hat.

Dieses Gleichnis betrifft einen Reichen. Der Reiche ist im Hebräischen auch die Zehn (aschir und esser, 70-300-[10]-200). Das 10. Geschlecht ist wie bei Noach immer ein reiches Geschlecht, das im Verhältnis zu den Generationen zuvor großen Wohlstand erfährt. Aus dem Nichts trägt das Land plötzlich unerwartet viel, d.h. das Wissen, die Erkenntnisse und die Möglichkeiten explodieren. Trüglicherweise denkt man, dass dadurch der Mensch innerlich gesättigt würde, wenn man das alles „abspeichert“. Diese Lebenseinstellung ruft jedoch eine destruktive Seite herbei. Der Mensch distanziere sich von dem Trugschluss, dass mehr Wissen und Know-How ihn zu innerem Glück verhelfen könne. Stattdessen lebe er bewusster, bescheidener und in Aufrechterhaltung der Balance zwischen Zeit und Ewigkeit. Dann wird die Seele gerne bei ihm wohnen und ihn dorthin steigen lassen, wohin kein Wissen dieser Welt ihn hätte bringen können.

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Autor: Dieter Miunske


Die unverstandene Erlösung

Das Volk (Israel) musste aus Ägypten befreit werden. Aber man erkannte nicht, dass die Umstände gegen die sie sich wehrten, zur Erlösung gehörten. Geschichten von selbst arrangierten Befreiungen erzählen uns, dass sie in enormen Debakeln endeten. Man denke an den Exodus der Kinder von Ephraim, der in einer Katastrophe endete. Die ganze Geschichte dieser Befreiung ist typischerweise so, dass Gott sie bis in die kleinsten Details hinein tatsächlich arrangiert hat, sogar bis zur Wahl des menschlichen Anführers, und dass der Mensch genau genommen nur völlig passiv anwesend dabei war.
So wie diese erste Befreiung im Buch Exodus erzählt wird, sind auch alle echten Befreiungen. Wenn der Mensch denkt, dass er wirklich die Ärmel hochkrempeln muss, um die Sache in Angriff zu nehmen, wenn er bewusst etwas unternimmt und sagt, dass Gott ihm im Kampf um die Befreiung helfen wird, ist der Kampf um die Befreiung immer eine schwierige Sache. Echte Befreiung kommt immer auf den Menschen zu, wird über ihn ausgegossen und ist nichts anderes als etwas, das er einfach nur annehmen muss; sie ist nicht etwas, das der Mensch erfindet und ausführt. Genauso ist die endgültige Befreiung etwas, wofür der Mensch nicht viel tun muss, ja nicht einmal tun kann, weil er mit all seiner Weisheit und Einsicht nicht verstehen kann, wie, warum und wann sie kommen muss. Es wird erzählt, dass Aschers Tochter Serach wusste, wann die Befreiung aus Ägypten kommen würde, was impliziert, dass ein Wissen um den wahren Zeitpunkt der Befreiung tatsächlich vorhanden sein kann. Trotzdem blieben alle aus dem Stamm Ascher passiv. Sie sagten nur: „Das ist der richtige Name und das sind die richtigen Worte für die Befreiung“. Mose zitierte dann die Worte, die Josef gesagt hatte, damit Gott sich an sie erinnert.
Ascher ist der 8. Sohn Jakobs und seine Tochter ist einfach typisch für die Welt des 8. Tages, wie sie sich im Leben von Serach zu dieser Zeit ausdrückte.
Die endgültige Befreiung kommt also auf eine Art und Weise, bei der sich der Mensch gewissermaßen auflehnt und bei der alles logisch darauf hindeutet, dass die Befreiung weiter entfernt ist, als sie jemals auch nur in den kühnsten Vorstellungen hätte sein können. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es ist eine ganz klare Darstellung der Situation zwischen Gott und dem Menschen, nämlich der Mensch in seiner völligen Verderbtheit, in seiner zersplitterten Kleinheit, und gegenüber Gott, der alles bis ins kleinste Detail regelt.

Freie Übersetzung eines NL-Artikels F. Weinrebs

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Autor: Dieter Miunske


Wissen alleine lässt uns zögern

Wenn Israel auszieht, kommen noch einige andere mit, die in der Bibel erev rav genannt werden. Erev, 70-200-2, ist eine Mischung und rav, 200-2, eine Menge. Wörtlich zieht eine gemischte Menge mit und diese hat nur im Sinn, Israel den Weg durch die Wüste madig zu machen. In der Wüste kann man nicht bleiben, man muss hindurch. In Mizrajim (Ägypten) herrscht das Sesshafte, das auf keinen Fall etwas verändern will. Dieses ständige „Weiter“ ist für dieses erev rav eine furchtbare Angelegenheit, denn man kann keinerlei Sicherheiten aufbauen, so wie es in Ägypten der Fall war. Auch wenn der Beweggrund in Ägypten die Angst vor der Zukunft ist, so hat man doch mit den Vorratsstätten etwas vor Augen und in Händen, das dem Verstand ein wenig Ruhe verschafft. Die Seele aber sucht etwas anderes.
Erev rav hat den gleichen Zahlenwert wie da’ath, 4-70-400, das Wissen, nämlich 474. Wenn ein Mensch einen Auszug, einen Durchbruch erlebt, dann kommt auch sein bis dato angesammeltes Wissen mit in diesen neuen Zustand, ob er will oder nicht. Und dieses wird ihn tagtäglich dazu anhalten, doch einmal „realistisch“ zu sein und zu überdenken, wie angenehm das Leben in den vertrauten Gefilden Ägyptens war, wo man nur erntete, was man säte und wo man nicht auf die Gunst einer Macht angewiesen war, die Brot vom Himmel fallen lässt. „Wer weiß, vielleicht fällt morgen schon nichts mehr herab?“ Der Verstand will alles selbst machen, Vertrauen kann er nicht gebrauchen, aber für den Weg braucht es Vertrauen, Vertrauen welches eine große Belohnung hat; nicht im materiellen Sinne, sondern in erster Linie meint Lohn immer Anteil am Ewigen, wovon sich die Seele nährt.
Der 474. Vers der Bibel zeigt ebenfalls den Charakter des Sich-Nicht-Auf-Den-Weg-Machen-Wollens: „Und als er zögerte, ergriffen die Männer seine Hand und die Hand seiner Frau und die Hand seiner beiden Töchter, weil der HERR sich seiner erbarmte, und sie führten ihn hinaus und ließen ihn außerhalb der Stadt.“ (1. Mose 19:16).
Manchmal muss eine andere Kraft eingreifen, um unsere Zurückhaltung zu durchbrechen. Wissen alleine macht ängstlich und lässt uns zögern. Vertrauen auf Gott verbindet mit der Quelle der Kraft.

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Autor: Dieter Miunske


Verbindung der Gegensätze

Der Name David, 4-6-4, bedeutet „Geliebter“. Er kommt vom Wort dod, das gleich geschrieben, aber anders gesprochen wird. Mit dod wird insbesondere die Liebe zwischen Mann und Frau ausgedrückt, wie wir es auch in Hohelied 1,2 finden:
„… denn deine Liebe (dod) ist besser als Wein.“
Dod drückt eine tiefe Sehnsucht nach Aufhebung der Gegensätze aus, weil beide Seiten den Zustand der Spaltung nicht ertragen können. Deshalb ist der Messias ein Sohn Davids, weil er die beiden voneinander getrennten Seiten, die schonmal „eins“ waren, wieder zur Einheit verbindet, so wie der Mensch zu Beginn ganz ist, also männlich und weiblich in einem. Alles, was gespalten ist, kann verbunden werden, wenn die Brücke aus Liebe besteht. Klugheit, Redlichkeit und Brav-Sein bringen keine Einheit zustande. Alle diese Eigenschaften kann man haben, während man ein kaltes Herz in sich trägt.
Jedes Verlangen nach einer Verbindung von Gegensätzen drückt sich in dem Verlangen nach Einswerdung zwischen Mann und Frau aus, deshalb sagt man, dass das Zusammenkommen von Mann und Frau in Liebe (dod) auch die Gegensätze in der Welt aufhebt. Das 6. Zeichen im Alphabet (waw) ist auch das verbindende „und“. Wir können David und Liebe (dod) auch 4 + 4 lesen (daleth und daleth), und finden einerseits schon die 8 des Sohnes Davids (David selbst ist nach dem Sinai das 7. Geschlecht), andererseits aber auch die Verbindung von zwei Türen (daleth, die 4, als deleth ausgesprochen bedeutet „Tür“). Man liest die Zeichen des Wortes deleth auch in anderer Reihenfolge als toled und das ist eine Geburt (Durchbruch von einer Welt in eine andere). Wir werden einmal linear (horizontal) in die zeitliche Welt geboren und dann vertikal, wie es in Joh. 3,3 heißt, dass man von oben her geboren werden muss (oft „von Neuem“ übersetzt, das griech. ἄνωθεν (anothen) bedeutet jedoch „von oben her“).

Liebe verbindet beide Achsen, horizontal und vertikal, Zeitlichkeit und Ewigkeit, sichtbar und unsichtbar. Nur beide Seiten zusammen ergeben die Einheit. Nikodemus in Johannes 3 ist ein Pharisäer und er kennt nur das zeitliche Geborenwerden, das sich in einem gewissen Rahmen sogar vorhersagen lässt. Eine Geburt aus dem Geist dahingegen kann man weder machen noch berechnen. Man nähre die Sehnsucht, indem man fest darauf vertraut, dass jede Sekunde etwas „von oben her“ einfallen kann, das alles ändern kann. Diese Sehnsucht bekundet sich in Hohelied 1,4 mit dem Wort maschcheni: Ziehe mich! Das Verb maschach bedeutet als Substantiv (meschech) Dauer oder Länge: Schenke mir das Hinauszögern des Momentes, dass ich jeden Augenblick mit dir genießen kann! Diese kurzen „vertikalen“ Momente sind entscheidend. Der Weg ist dazu da, um sie in allen Facetten zu erleben.

Basierend auf Aussagen Friedrich Weinrebs

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Autor: Dieter Miunske


Danken und „der Zehnte“

Das hebräische Wort für danken, jadah, 10-4-5, bedeutet in erster Linie „werfen“ und dann auch „nach oben projizieren“. Jadah beginnt mit dem Wort für Hand, jad, 10-4, und die Hand ist es, die das Werfen ermöglicht. Beim Werfen wird etwas mit Schwung in eine bestimmte Richtung geschleudert, eine Distanz wird überwunden. Werfen verbindet zwei Seiten, die nicht nah beieinander sind, zumindest nicht äußerlich. Danken verbindet und das wird auch im dt. Wort zum Ausdruck gebracht, denn hier kommt „danken“ von „denken (an)“. Durch wen ist es geschehen? Das ist die Frage nach der Ursache. Wir sehen nur schwer bis gar nicht hinter den Vorhang und so können wir letztlich nicht wissen, warum uns das eine zustößt und das andere nicht. Was wir sehen und erkennen gehört jedoch zum Weg des Sich-Manifestierens und diesen Weg soll der Mensch als von oben nach unten kommend erkennen, oder zumindest anerkennen.

In Lukas 17,12-19 ist von 10 Aussätzigen die Rede, die geheilt werden, doch nur einer kehrt zurück und bedankt sich. Der Dank drückt sich hier mit dem 10. Teil aus. 10% der Geheilten bedanken sich. Durch diesen Zehnten (Teil) wird die Verbindung nach oben hergestellt, so wie es auch in den Maßen der Arche Noachs zu finden ist. Die Höhe ist ein Zehntel der Länge (30 und 300 Ellen). Beim Zehnten in Maleachi 3:10 wird vom Fenster des Himmels gesprochen, das Gott öffnet, um den Segen herabzuschütten. Auch hier zeigt sich die Verbindung zwischen oben und unten.
Kommen wir noch einmal auf die Etymologie des Wortes jadah zurück. Beim Werfen kann man letztlich nicht wissen, wo das Geworfene gefangen wird bzw. landet. Es ist ein Wegschleudern auf Hoffnung. Beim Hochwerfen ist eines gewiss: Es wird wieder nach unten kommen, aber nur selten am gleichen Ort. Verdunstendes Wasser wird vom Wind hinweggetragen oder vielleicht sogar in einer Wolke aufgenommen, die sich später gemäß den Wind- und Druckverhältnissen durch einen Niederschlag entladen wird.
Das Meer, das für uns aufgrund des Salzgehaltes ungenießbares Wasser enthält, heißt auf Hebräisch jam, 10-40. Das an der Oberfläche verdunstende Wasser nennt man ed, 1-4; man kann ed mit Nebel, Dampf oder Dunst übersetzen. Ein Dunst ist sprachlich der Zehnte des Meeres, und er steigt auf. Etwas löst sich aus der Masse und man könnte sich fragen: Weshalb steigt dieser Dunst eigentlich nach oben? Ist das nicht widersprüchlich? Gut, wir kennen die Antwort: Die molare Masse von Wasser ist geringer als von Stickstoff, dabei nehmen die Moleküle nahezu den gleichen Raum ein. Das Verhältnis der Gewichtung (28,01 g/mol zu 18,02 g/mol) liegt interessanterweise sehr nahe am goldenen Schnitt (1,56 / 1,62).
Das aufsteigende Wasser des Meeres lässt das Salz unter sich und wird damit wieder süß und trinkbar. Der Mensch, der nur für sich behält, wird irgendwann ungenießbar. Er ist dann zwar gut konserviert, aber weniger lebendig.

Dieses Aufsteigen-Lassen bezieht sich auf alles, was ein Mensch geben kann. Gerade in Kreisen, die sich auf die Bibel berufen, wird oft der Zehnte leider nur auf das Finanzielle begrenzt. Aber Gaben und Talente sind so vielfältig wie das Leben selbst. Wenn eine Generation ihre Erfahrungen und Erkenntnisse nicht an die nächste weitergibt, wird letztere wieder von vorne beginnen müssen. In bestimmten Bereichen ist also das, was nicht weitergereicht wurde, unwiederbringlich verloren.

Mit dem Zehnten, worin sich auch der Dank ausdrückt, ist nicht ein Rechnen und Zählen im äußeren Sinne gemeint. Das Zählen im Äußeren könnte schnell in ein Gefühl der Pflichterfüllung münden, ein Weg der geeignet ist, eine Beziehung aus Liebe erkalten zu lassen. Vielmehr geht es darum, dass das Zeitliche aus dem horizontalen Fließen einen Winkel in die Senkrechte nach oben macht, und aus der Schwere, der Enge und der Ungenießbarkeit befreit wird. Dieser Winkel zeigt sich auch in der Anordnung von Daumen (1) und Fingern (4). Bei einer gesunden menschlichen Hand kann der Daumen in einem 90-Grad Winkel zu den Fingern abgespreizt werden. Dieses Muster erkennt man auch bei der ersten Nennung des Wortes „Danke“ in der Bibel. Es ist eine Frau, die sich im 831. Vers in 1. Mose 29:35 zum ersten Mal bedankt. Der Vers beginnt mit dem 11044. Wort der Bibel und es geht um die Geburt Jehudas, ihres 4. Sohnes. Leah bedankt sich nicht bei Jakob, obwohl er doch auch an der Entstehung des Sohnes beteiligt sein musste, sondern bei Gott (JHWH). Zum Zeitpunkt als der VIERTE durch die EINE in Erscheinung tritt, kommt ihr Dank zum Ausdruck. Neues konkretes Leben kommt ausschließlich durch die Frau in den Zeitfluss. Sie stellt die Verbindung zwischen oben und unten her, deshalb spricht man bei einer Schwangerschaft auch von einer Gravidität (lat. gravis bedeutet „schwer“), also ein „in die Schwere bringen“ und bei einer Geburt von einer Niederkunft. Und was die Frau gebiert und herunterbringt, soll der Mann wieder aufsteigen lassen. Wörtlich können wir es bei Abraham lesen, der in 1. Mose 22:2 gesagt bekommt, dass er seinen Sohn, den er liebt, aufsteigen lassen soll*. Auf uns übertragen könnte man sagen, dass das, was durch unser Handeln konkret wird, eine Emanation aus einer anderen Welt ist, die „über“ uns ist. Das Männliche bei uns allen ist das Sich-Erinnern, das Gedenken daran, woher alles kommt, man könnte sogar sagen woher alles hierher „fällt“.
Verfolgen wir das Danken in der Bibel finden wir es in der Verwendung in über 100 Fällen fast ausschließlich auf Gott bezogen. Nun begegnet uns Gott aber indirekt durch Menschen und genau hier liegt der Knackpunkt: Kann ich als Empfänger des Dankes den Winkel in mir selbst „aktivieren“ und nach oben weiterleiten oder gebe ich mir selbst die Ehre und verhindere damit zugleich (m)ein Aufsteigen, denn Ehre ist im Hebräischen doch identisch mit Schwere [kavod / koved, 20-2-(6)-4]. Geben wir Gott die Ehre, geben wir ihm auch die Schwere, das Gewicht und machen es uns leicht. Danken bringen wir durch Handeln zum Ausdruck, das „unüblich“ ist bzw. dem Fließen der Zeit nicht unbedingt entspricht. Es ist das Handeln auf Hoffnung im Interesse des Nächsten (werfen!), denn das Tun umsonst ist das einzige Tun, das nicht umsonst ist.

*alah, 70-30-5, bedeutet aufsteigen, nach oben gehen.

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Autor: Dieter Miunske