Das Hohelied: Das Wecken der Erinnerung

Das Schir Ha-Schirim, das Hohelied, bedeutet genau übersetzt, Lied der Lieder, es ist das Lied, das der Kern der anderen Lieder ist. Das hebräische SCHIRAH (שירה) bedeutet Lied, Dichtung, Poesie und Lyrik. Und als SCHAJARAH ausgesprochen: Gerade Linie, festgelegte Entwicklung, Karawane, Geleitzug, Kolonne, Gliederungseinheit und auch eine Zahlenreihe nennt man so.

Ein Lied unterscheidet sich vom Nicht-Lied gerade durch seine Regelmäßigkeit in Rhythmus und Reim. Alles ist festgelegt, kann keine anderen Abstufungen annehmen und wird deshalb zum Lied. Die Struktur ist nach festen Regeln aufgebaut. Die festgelegten Abstufungen (Intervalle) zu bestimmten Zeiten (Zählzeit / Takt) bestimmen darüber, ob wir ein Lied (wieder)erkennen. Deshalb hängt das Lied der Lieder auch eng mit dem Erinnern zusammen. Erkennst du die Muster, wie sie in der Zeit tönen und klingen? 

Im Gegensatz dazu können wir in unserem Sprechen gehen wie wir wollen. Wir können in verschiedenen Tonlagen sprechen, langsamer oder schneller werden, Pausen einlegen – wir müssen beim Sprechen keine Regelmäßigkeit anwenden. 

Ein Lied ist das Gegenteil davon. Das Wort SCHIR zeigt uns sprachlich, dass das Lied mit einer geraden Linie, also einem Zwang, in eine bestimmte Richtung gehen zu müssen, zusammenhängt. Das lat. cantare unterstreicht diesen Sinn durch die Bedeutung „etwas durch Wiederholung einschärfen“. Im Griechischen ist das Grundwort für Singen und Lied ᾄδω (ado), das zur Wortfamilie von ὠδίν (odin) gehört, das sind die Wehen, die eine Geburt einleiten. Wehen dienen nicht der Unterhaltung der Gebärenden, sondern haben ein klar definiertes Ziel: Das Hervorbringen von etwas Neuem, das sonst nicht kommen könnte.

Deshalb heißt es auch, dass alles in der Schöpfung sein Lied hat. Es geht seinen Weg mit der Regelmäßigkeit eines Liedes. Die Vehemenz des Unveränderlichen gebiert im Zeitenlauf etwas Neues. Bei einem Lied, das man 1000x gehört hat, genügen Sekunden, um es zu erkennen und fortführen zu können. Jeder Ton steht wie ein Stern als Fixpunkt am Himmel, der eine sofortige Orientierung ermöglicht. Ein Lied ist der höchste Ausdruck einer Ordnung, die im Hören das Ewige und das Zeitliche miteinander verschmelzen lassen. 

Das „Lied der Lieder“ beschreibt die Ordnung im Kern der Schöpfung. Alle anderen Geschichten über die Schöpfung sind Geschichten, die von außen, vom Kreis ausgehend erzählen, der um den Kern herum besteht.

Das Hohelied jedoch erzählt vom Zentrum aus, was der Sinn der Welt ist und in welcher Regelmäßigkeit sich die Welt entwickelt. Diese Entwicklung offenbart sich in der Suche der beiden Extreme, von Salomo und Sulamith, von Mann und Frau, nach dem jeweils anderen. Die Art und Weise, wie sie sich verlieren, fast finden, wieder verlieren und im Gleichschritt wieder finden, ist der Weg der Welt, sowohl in der Zeit als auch im Raum.

Alle Teile dieser Geschichte, alle Teile des Körpers, die in ihr erwähnt werden, sind die Orte in der Welt und beschreiben den Weg der Welt. Wenn der Mann seine Geliebte in Kapitel 4 anfängt zu beschreiben, beginnt er bei ihrem Haupt, ihrem Haar und geht dann hinunter zu ihrem Oberkörper. Es ist das Machen der Frau, das Machen der Welt, welche als Frau Gott gegenübersteht. Am Ende, in Kapitel 7, wird diese Frau erneut dargestellt, jetzt allerdings von ihren Schuhen ausgehend, über ihre Füße sich langsam nach oben in poetischer Manier windend, beschreibt der Mann den Weg zurück in Richtung ihres Hauptes. Jetzt ist es die Welt, die nach oben geht und den Weg nach oben findet. Der Ort dieser Geschichte, diese Beschreibung, die Elemente des Körpers, sie alle sind wesentlich für die Bedeutung der Welt. 

Das Lied beginnt damit, dass Mann und Frau einander suchen, weil sie wissen, dass sie zusammengehören. Die Bibel beginnt mit der Beth, der „2“ – etwas wurde getrennt und macht sich auf den Weg zurück zur Wiedervereinigung. Der Weg ist nicht immer einfach und manchmal ist er schwer und schmerzhaft wie Wehen, die der Freude vorausgehen.

So heißt es in einer Schrift um das Jahr 1600 (ze’ena urena, Jakob Ben Isak) zunächst “Kommt doch heraus und seht!” (Zitat aus Hohel. 3:11) und dann: “Bedenke, dass der Regen den Blitz nicht löscht.” Ebenso lässt es die Liebe blitzen, aber auch regnen. Frieden bedeutet nicht, einander auszulöschen, nur weil etwas gegensätzlich scheint, sondern zu erkennen, dass alles seine Bedeutung hat. Das Hohelied ist ein Lied des Friedens (Salomo, hebr. SCHLOMOH, dt. Frieden).

Die Melodie dieses Liedes erklimmt Höhen und fällt in Tiefen – die größte Liebe verbindet die größten Abstände und genau das macht sie trotz aller Unbegreiflichkeit so anziehend. 

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Autor: Dieter Miunske


Die Verbindung von Körper und Gesellschaft

Die Menschen kritisieren manchmal die Tatsache, dass wir sozial arme, kranke und unglückliche Menschen in der Gesellschaft haben, die in sehr schwierige Umstände geboren wurden. Aber diese Personen gab es schon immer und es wird sie so lange geben, wie diese Welt so ist, wie sie ist, denn unser Körper ist selbst ein Ausdruck davon. 

Der Begriff „Nation“ kommt vom lat. nasci und bedeutet „geboren werden“. Eltern und Umfeld prägen das Neugeborene und machen es mit den Gegebenheiten des Ortes vertraut. Diese Prägung wird dazu beitragen, dass dem Heranwachsenden bestimmte Dinge leichter und andere schwerer fallen. Kultur und Mentalität spielen eine Rolle, die man nicht unterschätzen darf. Im Körper ist es ähnlich.

Eine einfache Definition eines Organs ist, dass es ein Verbund verschiedener Gewebe ist, die zusammenarbeiten. Organ stammt als Wort vom alt-griech. órganon, das „Werkzeug“ bedeutet. Jeder Körper besteht aus unterschiedlichen Organen (Werkzeugen), die unterschiedliche Aufgaben haben. Ein Körper hat ein Herz, aber es ist nicht möglich, ihn vollständig in das Herz zu verwandeln, weil wir das Herz für so wichtig und bedeutend halten. Genauso wenig können wir ihn vollständig in eine Lunge oder die Augen verwandeln, nur weil diese Funktionen wichtiger erscheinen als andere. Unser Körper braucht, um lebensfähig und harmonisch zu sein, auch Teile, die auf den ersten Blick unwichtig erscheinen. Von den Fachleuten abgesehen kennen die wenigsten Menschen alle ihre Organe und deren Funktionen. Das spielt auch weiter keine Rolle, ist es doch so eingerichtet, dass es keines großen Zutuns bedarf, um den Körper gut funktionieren zu lassen. 

Vor einiger Zeit hielt man noch den Blinddarm oder die Mandeln für medizinisch überflüssig und entfernte diese großzügig, weil man keine größere Bedeutung ausmachen konnte. Sie waren wie Außenseiter im Körper, genau wie die Armen und Schwachen in der Gesellschaft. Und doch haben sie ihre Bedeutung. Wie die Menschen zu ihrem Körper stehen, hat einen Einfluss auf die Gesellschaft. Vergöttert man ihn? Steht er im Mittelpunkt oder lässt man ihn gehen? Eine Wohlstandsgesellschaft wird verhältnismäßig viele Einwohner haben, deren Körper auch wohlgenährt sind, weil es eine Verschränkung zwischen beiden gibt. Die immer populärer werdenden Organtransplantationen bei Einzelnen werden auch eine „Transplantation“ von Menschen zwischen den Völkern mit sich bringen, die woanders geboren sind und dort keine Aufgabe mehr hatten, weil sie in einem sterbenden Organismus beheimatet waren. „Die Körper sind die Völker der Welt“, sagte schon Rav Malbim in Bezug auf die Thora. 

Nach der Sintflut ist Noach mit seinen drei Söhnen nicht nur der Stammvater der aufkommenden Völker, sondern er ist gemäß der Bibel auch der erste Weinbauer. Er hat somit mit Weinstöcken zu tun, auch wenn diese bei ihm nicht explizit erwähnt werden, sondern nur von einem Weinberg die Rede ist (Gen. 9:20). „Weinstock“ hängt im Hebräischen mit dem Wort für „Körper“ zusammen. Beide haben etwas, das in Wallung geraten und sowohl zum Genuss als auch zum Rausch verwendet werden kann.

Der Weinstock (גפן) ist nach 5. Mose 8:8 die 3. Wachstumsart und steht damit auf der Ebene einer Doppelheit, einer Alternative bzw. eines Zwillings. 

Wein heißt JAJIN (יין) und zählt in der Summe die 70 (10+10+50), was so viel bedeutet wie: „Schau, wie viele Möglichkeiten du hast, du kannst sie gar nicht zählen! Lerne das rechte Maß und die Freude wird in dein Leben kommen.“ 

Seine Kehrseite (Athbasch) zählt 89, genau wie der Körper (גוף) wenn man ihn äußerlich betrachtet (3+6+80). Die Verbindung von Wein und Blut wird in der ganzen Bibel erwähnt. In 5. Mose 23:14 ist sogar vom „Blut der (Wein)Traube“ die Rede. 

Mit unserem Körper ist viel mehr los, als dass man ihn nur als Träger oder Gewand der Seele bezeichnen könnte. In alten Zeiten hat man die Wechselwirkung zwischen jedem Einzelnen und dem Ganzen besser gekannt und verstanden. Mit dem Verlorengehen dieses Wissens wird man schneller verächtlich auf andere zeigen und diese verantwortlich für allerlei Miseren machen, obwohl diese vermeintlichen Schuldigen eigentlich die Armen und Kranken sind, die nun nicht anders können. 

Ein Organismus, der aus dem Gleichgewicht gerät, kann schnell in eine lebensbedrohliche Situation geraten. Wir alle wissen, wozu wir noch imstande sind, wenn wir ernsthaft erkrankt sind, nämlich zu fast nichts mehr. Diese Welt basiert auf einer gewissen Ordnung, die sich kein Mensch ausgedacht hat, aber der Mensch soll danach suchen, wie die Dinge zusammenhängen. Joh. 3:16 ist einer der bekanntesten Verse der Christenheit (also hat Gott die Welt geliebt … ), aber kaum jemand liest dort, wie es gemäß der früheren Bedeutung des alt-griechischen Wortes kósmos nötig wäre. Kósmos – fast immer mit „Welt“ übersetzt – bedeutet in erster Linie „das Geordnete“, „etwas in die richtige Reihenfolge bringen“ und dann „Schmuck“, daher auch die Kosmetik, womit sich eine Frau gerne schmückt. Gott liebt die Ordnung, die seine Signatur trägt, denn diese bringt Schönheit hervor und dabei ist es ganz egal, ob es sich um die Natur, das Wohnen, das Essen, die Kleidung oder auch die Kunst handelt. Wenn der Mensch im Bild und Gleichnis Gottes seinem innewohnenden Streben nach Ordnung Raum gibt, sendet Gott seinen Sohn darein und dann bekommen all diese Dinge des Alltags den Charakter des ewigen Lebens. Alles andere wird verlorengehen, sprich im Chaos auseinanderfallen. 

Wer heutzutage den eigenen Körper ablehnt, findet auf dem Markt eine Fülle von Möglichkeiten, um unterschiedlichste Eingriffe vornehmen zu lassen. Dabei sollte man bedenken, dass wir nichts nur für uns selbst tun, immer hat es viel weitläufigere Konsequenzen. Der Körper ist etwas Heiliges, weil er die Seele trägt. Dazu gehören alle Organe, Gewebe und Zellen. Da ist nichts, was keine Bedeutung hat. Im Von-Sich-Wegsehen wird man keine Zusammenhänge erkennen können, es wird dann Nacht bleiben.
Je mehr man den Wert bei sich selbst erkennt und das Wunder realisiert, dass uns mit unserer Existenz hier so viele Möglichkeiten des Erlebens geschenkt wurden, desto mehr Licht bekommt man auch für das Geschehen in der Außenwelt. Die Neigung, anderen die Schuld für etwas zu geben, hört obendrein dann ganz von selbst auf. 

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Autor: Dieter Miunske


Licht, Haut und das 3. Auge

Bevor der Mensch vom Baum der Erkenntnis aß, war er im Zustand des Lichtes (אור). Er war im Zustand der „1“, stand in einer anderen Welt außerhalb der uns bekannten Raum-Zeit-Begrenzung und erfüllte alles wie das Licht, wenn man es nicht begrenzt. Das Durchbrechen der Zeit zerbricht auch die Grenzen, die das Licht hindern durchzudringen. Dort im Außerzeitlichen, im Ewigen, wo es keinen Zeitenlauf im irdischen Sinne gibt, ist das eigentliche Zuhause des Menschen. Das Rechnen mit Zeit sperrt das Licht aus, es ist wie ein Errichten von Mauern, die einschließen und selbst sonnige Tage in Finsternis erleben lassen.

Sobald der Mensch von dem Baum des Wissens nimmt – und das kann nur seine weibliche Seite, die mit der Art des Wissens zusammenhängt, das an das äußere Sehen gekoppelt ist –, verlässt er den Zustand im Licht, was sich sprachlich darin ausdrückt, dass die „1“ durch eine „70“ ausgetauscht wird (Aleph <> Ajin).

Aus dem Wort Licht wird das Wort Haut, was aber nur schriftlich erkannt werden kann. Mündlich erzählt ist der Zustand vor und nach dem Fall nicht unterscheidbar. Vorher war er im OR (Licht) und nachher ist er in der OR (Haut).

OR, mit der Ajin geschrieben, ist die Haut, insbesondere die Haut eines Tieres, weshalb man das Wort auch mit Fell übersetzt. Eigentlich bedeutet OR, dass man sich in der Hülle eines Tieres versteckt (engl. animal hide). Nur noch das Äußere zu sehen und anzuerkennen, deutet darauf hin, in die Hülle des Tieres gefallen zu sein. Da jedes erscheinende Ding glücklicherweise auch sein „Gegen-Ding“ hat, ist mit der Haut deutlich mehr los, als es scheint.

Sie ist es, die im Hebräischen direkt mit dem „Aufwecken durch die Aufnahme externer Impulse“ zu tun hat. Deshalb ist Hautkontakt für jeden Menschen von elementarster Bedeutung. Eine Berührung kann ihn aufwecken und an seine Herkunft erinnern, wo alles verbunden war. Unbewusst weiß jeder Mensch, dass er aus einer Einheit herausgefallen ist. Sehr stark finden wir das bei Neugeborenen, die nicht nur gestillt und durch die Stimme der Mutter angesprochen werden wollen, sondern gerade den Hautkontakt zur Mutter suchen. Letztlich zieht es sich durch das ganze Leben eines Menschen, wodurch sich – ich wiederhole – unbewusst ausdrückt, dass etwas bei ihm zertrümmert wurde, das wieder verbunden werden will. Die Wörter für Junge (נער) oder Mädchen (נערה) im jugendlichen Alter enthalten den Begriff OR (Haut) in sich. Mit der NUN zu Beginn bedeutet das Wort nicht nur Junge oder Mädchen, sondern auch aufwachen, aufwecken, schütteln und „brüllender Esel“, d. h. dass der Körper erwacht. 

Wenn in jungen Menschen beider Geschlechter das Bewusstsein vom Suchen nach einem Sinn für das Leben entsteht, wächst auch das Bedürfnis nach Hautkontakt mit einem Gegenüber außerhalb der Familie. Dieses Verlangen hängt letztlich mit dem Wunsch zusammen, eine eigene Familie zu gründen, deren essenzielle Bedeutung ist, dem Menschen dabei zu helfen, ein Empfinden für sein eigentliches inneres Zuhause neu zu erwecken. Es ist auffällig, dass die Kerngeschichten der Bibel in erster Linie Familiengeschichten sind. Natürlich geht es um weitaus mehr als um das, was wir äußerlich unter einer Familie verstehen, aber schon bei der Betrachtung des hebr. Wortes für Familie und Verwandtschaft, das es sogar bis in die dt. Sprache geschafft hat, nämlich MISCHPOCHE, finden wir die Verbindung mit SAPHAH, der Lippe bzw. der Sprache (wir sprechen in der Regel die Sprache unserer Familie) und mit SCHIPÁH, das glätten, entschädigen aber auch abreiben bedeutet. Die uns am nächsten stehen, haben die abrasivste Wirkung auf uns (von denen erhalten wir die stärkste „Abreibung“).
Beim Reiben kommt in Bezug auf die Haut zu dem Streichen oder Streicheln noch ein Druck dazu. Thematisch und sprachlich gehört hierzu auch die Massage, die eine wichtige Rolle in der Behandlung des Körpers einnimmt. Das ist nur ein Beispiel von vielen, worin sich unbewusst die Suche des Menschen zurück zu dem Zustand ausdrückt, wo er mit allem verbunden war. 

Das Weg-Nehmen der „1“ bedeutet simultan das Geben der Zeit (Wasser) und damit entsteht ein Weg (der Entwicklung), der jedoch in Finsternis beginnt. Genau so finden wir die Entstehung eines neuen Körpers in einer Frau, die diesen nach einer Zeit der Reifung ins Licht entlässt (gebiert). Im Portugiesischen sagt man zu einer Geburt „ins Licht geben“ (dar à luz). Allgemeiner kann man sagen: Mit dem Nehmen der Frucht (vom Baum der Erkenntnis), beginnt der Weg durch die (Raum-)Zeit in Dunkelheit auf Hoffnung, dass der Mensch seiner Sehnsucht Raum gebe, wieder zur „1“ zurückzukehren. Das Wieder-ins-Licht-Kommen hängt direkt mit einer Geburt bzw. Wiedergeburt zusammen.

Das Gehen in der Finsternis will sagen, dass kein Mensch hienieden alles überschauen kann. Auch die größten Seher überblicken nur kleine Areale des großen Ganzen; das Sehen mit zwei Augen bleibt zerteilt und begrenzt.

Im Ur-Zustand des Menschen umfasste das Sehen die gesamte Zeit. Darauf verweist unter anderem das mythologische 3. Auge. Der mythologische Mensch hatte dort ein Auge, wo der Haaransatz beginnt. An dieser Stelle sitzt beim Anlegen der Kopf-Tefillin (Gebetsriemen) die Totafot (Kapsel – eigentlich „die doppelte TETH“). Rudimentär ist es noch bei einigen Tieren vorhanden und auch das neugeborene Kind hat einen weichen Bereich im Schädel (große Fontanelle), wo das Auge einst war. Jetzt ist dieses Auge durch ein anderes Organ ersetzt worden, das nicht mehr nach außen, sondern nach innen wirkt. Es ist zu einer Drüse mit innerer Sekretion geworden, die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) genannt wird.

Diese Hypophyse ist unter anderem mit der Funktion der Geschlechtsdrüsen verbunden und steht in Kontakt mit diesen. Um die Wehen zu fördern, wird unter anderem das von dieser Hirnanhangdrüse produzierte Hormon (Oxytocin) ausgeschüttet. Der Mensch im Zustand nach dem Nehmen vom Baum der Erkenntnis lebt zwar auch ewig, aber nur noch durch seine Fortpflanzung, es ist jetzt eine gebrochene Ewigkeit, die sich fragmentiert im Zeitlichen zeigt. Die gesamte Kette aller Generationen macht den ganzen Menschen aus. Aber der einzelne Mensch inmitten dieser Kette kennt nur einen Teil der Zeit.

Das Hormon Oxytocin hat seinen Namen von den griechischen Wörtern „oxys“ (schnell) und „tokos“ (Geburt) bzw. „tiktein“ (gebären). Der Name spiegelt die ursprüngliche Entdeckung und Funktion von Oxytocin wider, nämlich seine Rolle bei der Auslösung und Beschleunigung von Wehen während der Geburt. Das Hormon wurde zuerst wegen seiner Wirkung auf die Gebärmutterkontraktionen bei der Entbindung identifiziert. 

Alle Geburten, alle Generationen zusammen genommen, überblicken den gesamten Lauf der Zeit, so wie es der Mensch am Anfang konnte. An die Stelle des 3. Auges, des Mittelauges, ist nun das Haar getreten. Das Haar kommt überall dorthin, wo die Zeit wirkt. Deshalb schämte sich der Mensch einst auch für seine Haare, so wie er sich des Falles schämte, und deshalb gab es den Brauch, sogar das Kopfhaar zu bedecken, so wie die Menschen auch heute noch die anderen Stellen des Körpers bedecken, an denen Haare wachsen oder sich konzentrieren, weil diese Orte mit einer erhöhten Verantwortung im Handeln einhergehen. 

Wenn der Mensch aus dem Paradies vertrieben wird, macht er das in der OR (עור), dem „Kleidungsstück“, das Gott ihm gab. Im Hebräischen ist die Haut identisch mit den Verben „erblinden“ und „blenden“ (dann IWER ausgesprochen). Mit dieser Kenntnis sind auch NT-Verse wie 1. Joh. 2:11 leichter zu verstehen, wo davon die Rede ist, dass die Finsternis die Augen geblendet hat. Das ausschließliche Anerkennen einer diesseitigen sichtbaren „Realität“ ist diese Blindheit, die auf zwei Augen begrenzt ist, durch die man alles „durch das Wasser“ (zeitlich) sieht. Es zeigt sich bis ins Äußerste, dass unsere Augen nicht in der Lage sind, mit sehr hellem Licht konfrontiert zu werden. Das diesseitige Sehen macht die Augen immer blendempfindlicher. Man denke nur an die immer häufiger werdenden „notwendigen“ Sonnenbrillen, deren marktwirtschaftlicher Siegeszug seit rund 100 Jahren ungebrochen mit steigender Tendenz fortschreitet.

Das menschliche Auge besteht anatomisch aus ca. 80 % Wasser, worin sich wieder das 1:4 Prinzip zeigt. Auge heißt AJIN (עין), genau wie der Buchstabe, der anstelle der ALEPH kommt. Die AJIN zählt 130 (70+10+50). Zwei Augen zählen 260 und drei Augen 390. Die Summe dreier Augen ist auch die Summe des Wortes für Himmel, SCHAMAJIM (300+40+10+40 = 390). 

Werfen wir abschließend noch einen Blick in das Buch Hiob, wo wir am Ende den bekannten Ausspruch finden: So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte. (…) Mit dem Hören des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. (Hiob 42, ab Vers 3)

„Mein Auge“? Warum spricht Hiob nur von einem Auge? Im 42. Kapitel kommt die Lösung, kommt Hiobs persönliche Erlösung. Jetzt sieht er selbst. So versteht man auch die Salbung: Das, was zunächst nur innerlich vermutet wurde, wird jetzt auch konkret im Außen erkannt. Es ist ein Sehen, das sich nicht mehr vom Wahrnehmbaren begrenzen lässt – immer steckt noch etwas ganz anderes dahinter: Hiob durchschaut es.

An der Stelle zwischen den beiden Augen (…) erfolgt die Salbung, wodurch die Verbindung mit dem anderen Auge im Wesentlichen hergestellt wird. „Salbung“ bedeutet nichts anderes als Verbindung mit dem Himmel, wie schon aus dem Zusammenhang zwischen den Worten »schemen«, 300+40+50 = 390, Öl, und »schamajim«, 300+40+10+40 = 390, Himmel, hervorgeht. Durch die Salbung an dieser Stelle wird das andere Auge wieder geöffnet. Der Mensch öffnet sich für das Andere.

Weinreb, Das Opfer in der Bibel, Seite 624

Diese Sicht ist mit der doppelten TETH (Totafot, s. oben) gemeint: Mit deinem Denken und deinem scharfen Verstand gelangst du nie dorthin. Erst wenn du liebst, öffnet sich der Vorhang! Durch die kalte Einsicht des Verstandes, die der Nachasch (Schlange) der Eva verheißt, heißt es, wird niemand glücklich. Erklärungen, die das und vor allem DEN “dahinter” nicht einbeziehen, haben eine tödliche Wirkung auf die Vitalität des Menschen.

Du ahnst nicht einmal, welche Überraschungen jenseits des Denkens dich erwarten, was Liebe alles geben kann! Du denkst, rechnest, berechnest, überlegst; die Liebe aber ist nicht zu fassen. Dein Gefäß ist dazu zu klein. – Warum denn? Nun, weil auch von deiner Liebe erwartet wird, dass sie nicht berechnend ist, z. B. in dem Sinn, dass du denkst, sie sollte dich glücklich machen.
Kannst du lieben, auch wenn der Geliebte, der allein dich glücklich machen könnte, dich hasst?

Weinreb, Leiblichkeit, Seite 86

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Autor: Dieter Miunske


Die Einheit vom Siebten und dem Achten

Nach 1. Chronik 2:15 ist David der Siebte und nach 1. Samuel 16:10 ist er der Achte. Was hier widersprüchlich erscheint, wird damit erklärt, dass es innerhalb des Zeitlichen und Messbaren nur bis zur 7 gehen kann. Das Buch der Chroniken heißt im Original DIVREIJ HA-JAMIM (דברי הימים), also die „Worte der Tage“ oder „Worte der Meere“ (bzw. Wasser).

Mit der Befreiung aus dem Wasser, wie es im Neuen Testament durch die Fischer und deren Wirken eindrücklich dargestellt wird, kann erst das (der) Achte erkannt werden. David wird im ersten Buch Samuel nicht direkt der Achte genannt, ist aber als solcher zu erkennen, weil „sieben vorübergegangen sind“ und dann kommt er. Der Ausdruck „der Achte“ fehlt, weil es im Sichtbaren nur bis zur 7 geht und das oder der Achte hier nicht so einfach erkannt werden kann, so wie es Jesus auch zu Petrus sagt: „Glückselig bist du, Schimon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“ Besonders interessant ist bei dieser Aussage, dass Petrus hier Schimon (von SCHMA, hören) Bar Jona, also „Sohn (der) Taube“ genannt wird. Die artikulierten Konsonanten im hebräischen Namen Schimon sind die SCHIN, die MEM und die NUN, die zusammen das Wort SCHEMEN, Öl, ergeben. Die Bezüge sind hier offenkundig.

David wird von Samuel als Achter erkannt, weshalb im gleichnamigen Buch auch von seiner Salbung berichtet wird. In den Chroniken wird diese Salbung erst später erwähnt . Die Salbung geschieht mit dem Öl der Olive, welches sich nicht mit dem Wasser vermischt, sondern „schwimmt“ bzw. etwas neutestamentlicher ausgedrückt „auf dem Wasser geht“. Das Wort für Öl, SCHEMEN, ist in dem Zahlwort „Acht“, SCHMONAH, enthalten. 

Dieses Prinzip finden wir auch ganz am Anfang der Bibel, wenn wir die Wörter zählen: Das 7. Wort lautet HA-ARETZ (die Erde) und das 8. Wort lautet W’HA-ARETZ (und die Erde). Es handelt sich um dieselben Begriffe, nur dass beim zweiten Wort eine WAW, also ein „und“ vorangestellt wird. Das siebte und das achte Wort sind somit identisch, außer dass bei der Wiederholung des achten Wortes die WAW als Bindeglied untrennbar anhaftet, als ob jemand damit sagen will: Trenne nicht den Siebten von dem Achten, sie sind eine Einheit!

Der 7. Buchstabe in der Bibel ist eine BETH und der 8. ist eine RESCH. Die RESCH ist die BETH in den Hundertern, denn die BETH zählt 2 und die RESCH 200. Der Faktor ist 100. 100-fache Frucht bringt, was in die gute Erde fällt (Luk. 8:8), was gesät wurde und sich entfalten konnte. Die Verbindung der 7 und der 8 hängt mit dem Thema „Frucht“ zusammen. Das 7. und das 8. Zeichen ergeben das Wort BAR, das auch „Sohn“ bedeutet, der in Joh. 15 ab Vers 5 ebenfalls die Frucht erwähnt.

Die WAW, die das 7. und das 8. Wort verbindet, hat den Zahlenwert 6. Die 6. Frucht in der Aufzählung der Wachstumsarten in 5. Mose 8:8 ist die bereits genannte Olive. 

In 1. Mose 7 kommen die vielen Wasser und damit die Flut und in Kapitel 8 „kehren die Wasser um“ (SCHUV), so wörtlich in Vers 3. Der Ruf zur Umkehr erschallt dann auch im Neuen Testament, das im Charakter der 8 steht (z.B. Matth. 4:17). 

Unser Leben in der Zeit (7) verbindet sich mit der Realität der vollendeten Erlösung (8) über das kleine Zeichen WAW (6), welches eine Besonderheit hat: Es ist das einzige Zeichen, womit keine einzige Wortwurzel im Hebräischen gebildet wird, weshalb es als Konjunktion „und“ auch immer mit dem zweiten Wort verschmilzt – nie steht dieses Zeichen als „und“ alleine. 

Das 6. Zeichen ist der verbindende Haken zwischen Zweien, die zur Einheit verschmelzend, Frucht hervorbringen können. Man sollte erwarten, dass ein verbindendes Zeichen horizontal in der Erscheinung sein sollte, doch das ist es nicht. Die WAW ist ein vertikales Zeichen, das die Form einer Wirbelsäule zeigt, die beim Menschen senkrecht ist, insofern er aufgewacht und aufgestanden ist. 

Wirkliche Verbundenheit zwischen Menschen kommt zustande, wenn jeder für sich Himmel und Erde, also oben und unten verbindet, dann entsteht Gemeinschaft ganz von selbst. In einem solchen Fall ist dann der Achte, der Gesalbte, „mitten unter ihnen“ (Matth. 18:20), aber man erkennt ihn nicht sinnlich als den Achten, weil „die Augen gehalten werden“ (Luk. 24:16). 

Umgekehrt kann man auch sagen, dass es keinen Siebten ohne den Achten gibt, dass es keine unerlöste Zeit gibt. Jedes Heute bietet die Möglichkeit, einmal ganz neu über sich und das Leben nachzudenken und danach zu suchen, ob es nicht um viel mehr geht, als es uns die verrinnende Zeit vorgaukelt. Das ist die Bedeutung des griechischen Wortes für Umkehr meta-noeo („neues Denken“). 

Das Tier, das umkehrt, ist die Taube.

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Autor: Dieter Miunske


Der Schatten der Verlobten



Unter den Anhängern des chassidischen Predigers R. Israel befand sich ein schriftkundiger frommer Mann, der seinen Meister jeden Monat aufsuchte. Dieser Mann war kinderlos, und er bat den Rabbi viele Male, er möge für ihn beten, dass ihn Gott mit einem Kind segne; allein der Heilige enthielt sich jeder Antwort auf diese Bitte. Die Frau des Frommen bedrängte ihren Mann darum, dass er sich von dem Meister irgendeine Zusage erflehe, und einmal fing sie vor ihm an zu weinen und ersuchte ihn, nicht eher von dem Heiligen zu lassen, als bis er von ihm einen klaren Bescheid erhalten habe. Ihr Leben, meinte sie, sei kein Leben, wenn sie bedenke, dass sie ohne Kinder dahingehe. Sie versicherte ihrem Mann, dass sie alles tun wolle, was der Rabbi befehlen würde, und verhängte auch dieser, dass ihr Gatte sich von ihr trenne. Also machte sich der fromme Mann wieder auf den Weg zum Meister und sagte ihm, als er vor ihn trat, dass er es müde sei, die Klagen seiner Frau und ihr Jammern anzuhören, und daher bei sich beschlossen habe, solange dazubleiben, bis er von dem Rabbi eine Antwort erhalten hätte.

Da sagte der Heilige: Willst du dich deiner Habe für immer entäußern, so wird dir geholfen werden. Der fromme Mann erwiderte: Ich will mich mit meiner Frau beraten. Und er kehrte nach Hause zurück und berichtete seiner Gefährtin: Soundso hat der Rabbi gesprochen; entscheide nun, wie es sein soll. Da sprach die Frau: Es komme, wie es komme! Der da Leben gibt, der gibt auch Nahrung; wenn wir nur mit Nachkommen gesegnet werden. Der Mann überbrachte dem Meister die Antwort seiner Frau und erzählte ihm, dass sie zu allem bereit sei, wenn ihr nur ein Sohn geschenkt würde. Da sprach der Rabbi: So fahre abermals zurück, hole alles, was du an Geld besitzest, und komm wieder her; dir steht ein weiter Weg bevor. — Der Fromme tat in allem so. Er kehrte heim, raffte seine Habe zusammen und erschien wieder vor dem Meister. Nun sprach R. Israel zu ihm: Du hast jetzt nach der Stadt zu fahren, woselbst mein Freund, der Seher R. Jakob Isaak, wirkt; sage ihm, dass ich dich zu ihm gesandt habe und er dich belehren möge, was du zu tun hast, damit dir Segen zuteilwerde; wo er dich nun hinschickt, dort geh hin, und was er dir zu tun aufgibt, das erfülle.

Alsbald reiste der Fromme nach der Stadt, in der der Seher wohnte, und bestellte ihm die Worte seines Meisters. Darauf hieß ihn der weise Mann einige Zeit in dem Orte verbleiben. Nach Ablauf der Frist sprach der Seher zu dem Wartenden:
Dein Lehrer hat deinen Fall richtig gesehen und den Grund deiner Kinderlosigkeit wohl erkannt. Du bist in deiner Jugend mit einem Mädchen verlobt gewesen, hast es dann verschmäht und den Bund gebrochen; dieser Sünde wegen sind dir Kinder versagt worden. Ehe du deine Braut nicht um Vergebung gebeten hast, wird dir kein Sohn geboren werden. Da sie aber fern von dir weilt, hast du dich auf die Wanderung zu begeben und so lange zu suchen, bis du sie gefunden hast. Ich will dir die Mühe erleichtern und rate dir, während des Jahrmarktes, der in Bälde in der und der Stadt abgehalten wird, nach ihr Ausschau zu halten. Und, sei getrost, du wirst ihr begegnen.
Da gehorchte der Mann der Weisung des Sehers und machte sich alsbald auf den Weg nach jener Stadt. Er dachte bei sich: Vielleicht treffe ich mit ihr noch unterwegs zusammen. Er fragte schon während der Fahrt seine Mitreisenden, ob ihnen nicht eine Frau bekannt wäre, die den und den Namen trüge. Niemand wusste ihm aber etwas zu sagen. So gelangte er noch vor Beginn des Jahrmarktes an den betreffenden Ort. Er bezog Herberge daselbst und verbrachte die Zeit mit Beten und Lesen; nur einige Stunden des Tages verwandte er darauf, die Straßen und Plätze zu durchstreifen. Er stieß aber auf nichts, was ihn seinem Ziele näher gebracht hätte.

Als die Marktwoche anbrach, ging der Fromme mit Eifer an seine Aufgabe. Er suchte mit allen Mitteln über seine frühere Braut Kunde zu erlangen und fragte nach ihr, wo er nur konnte. Allein er fand kein Zeichen und keine Spur. Doch unverdrossen tat er weiter, was ihm befohlen worden war, denn sein Glaube war stark, dass der Seher ihn nicht umsonst diese Reise hatte unternehmen lassen. Er stellte sich vor das Tor der Stadt und redete jeden Einziehenden an. Aber weder von den Fremden noch von den Einheimischen erfuhr er etwas über die Verlobte seiner Jugend. Als der letzte Tag kam und die Zugereisten die Stadt zu verlassen anfingen, der Markt sich aufzulösen begann und dem Manne noch immer keine Hilfe geworden war, ging er, in Gedanken versunken, durch eine Straße. Und hätte er nicht an die Worte des Heiligen gedacht, dass er seine Braut doch noch finden würde, er wäre nahe daran gewesen, zu verzagen.

Wie er so sinnend dahinzog, wurde er auf einmal von einem Platzregen überrascht und stellte sich vor einen Laden, um Schutz vor dem Wetter zu suchen. Es hatten sich schon mehrere unter das Dach geflüchtet. Und siehe da, dicht neben ihn kam eine Frau zu stehen, die mit Seide und gestickten Kleidern angetan war und kostbares Geschmeide trug. Der züchtige Chassid trat einen Schritt zurück, um von der Frau in einiger Entfernung zu bleiben. Da lachte die Unbekannte und sprach zu denen, die neben ihr standen: Seht den Mann hier! In seiner Jugend hat er mir die Treue gebrochen; ich war ihm verlobt, und seine Seele wandte sich von mir ab. Aber dem Herrn sei Lob, dass er mich damals verschmäht hat; ich bin reicher als er. Als der Fromme diese Worte vernahm, kam er näher an die Sprechende heran und fragte: Was erzählst du da? Die Fremde erwiderte: Ich bin von dir vergessen worden, gleichwie ein Toter vergessen wird. Entsinnst du dich nicht der Tochter jenes Mannes, mit der du 4 Jahre lang in einem Verlöbnis gestanden hast? Ich, die Frau, die vor dir steht, bin einst deine Braut gewesen. Und nun, was hast du hier vor? Hast du Frau und Kinder? Da antwortete der betroffene Mann: Ich will dir die Wahrheit nicht verhehlen, dass ich deinetwegen hierhergekommen bin. Mir sind keine Kinder geschenkt worden, und da sagte mir ein heiliger Rabbi, dass ich nicht eher Segen erlangen würde, als bis ich deinen Sinn versöhnt hätte. Ich bin bereit, alles zu erfüllen, was du mir auferlegen willst, allein vergib mir meine Sünde und mehre nicht den Gram meiner Seele.

Die Frau entgegnete: Mir war der Herr gnädig; ich bedarf deiner Gaben nicht. Aber ich habe einen armen Bruder, der sich in der Schrift auskennt; dieser wohnt in einem Dorfe, unweit der und der Stadt; er soll dieser Tage seiner Tochter die Hochzeit machen, und es fehlt ihm an allem. Willst du, dass ich dir vergebe, so fahre dorthin und schenke meinem Bruder 200 Goldstücke. Es sollen dir dann Kinder geboren werden. Da sprach der Mann: Nimm, was du von mir haben willst, und schicke es selbst deinem Bruder. Wozu legst du mir noch diese Last auf? Bin ich doch schon genug gewandert; soll ich noch weitere 100 Meilen reisen? Die Frau entgegnete: So lass es sein! Ich kann es nicht übernehmen; du musst selbst hinfahren und das Geld aus deiner Hand in die Hand meines Bruders legen; sobald er es erhalten hat, vergebe ich dir.

Und die Fremde wollte mit dem Manne keine Worte mehr wechseln und sagte: Ich habe keine Zeit, hier zu warten, bis der Regen aufgehört hat; ich gehe von hinnen, und du siehst mich nicht mehr, und ob du mich auch suchst, du findest mich nicht; darum mache dich bald auf den Weg zu meinem Bruder, und dir soll durch Gott geholfen werden. Sie nahm Abschied von ihrem ehemaligen Verlobten und sagte: Entbiete meinem Bruder meinen Segen. Und sie ging davon. Der fromme Mann eilte ihr nach, sie wandte sich aber um und sagte: Du folgst mir vergeblich. Und sie entschwand seinen Blicken inmitten der Straße. Da sprach der Mann bei sich: Etwas Wundersames ist mir begegnet.

So wurde der Fromme in seinem Glauben befestigt. Er kehrte in die Herberge zurück, mietete einen Wagen und reiste sogleich nach dem Dorfe, in dem der Bruder seiner Braut wohnte. Der aber, dem er helfen sollte, ging in seiner Wohnung auf und ab und war so verstört, dass er den Angekommenen gar nicht bemerkte und seinen Friedensgruß nicht beantwortete. Der von seiner Braut Abgesendete fragte: Bist du der Mann Soundso? Der Betrübte erwiderte: Ich bin es. Der Eingetretene fragte weiter: Weswegen bist du so bekümmert? Der Mürrische entgegnete: Was nützt es, wenn ich es dir sage? Kannst du mir denn helfen?

Vielleicht doch, sprach der Gast, erzähle es nur. Der Vergrämte weigerte sich jedoch, Antwort zu geben, und ging in ein andres Zimmer. Der Fromme folgte ihm dorthin und bat ihn inständig, ihm die Ursache seines Kummers zu sagen; er versicherte ihm, dass er imstande sei, ihm aus seiner Bedrängnis zu helfen. Da antwortete der Wirt des Hauses: Meine Tochter hatte eine ansehnliche Heirat vor sich, und ich hatte ein bestimmtes Brautgut versprochen; nun aber geriet ich plötzlich in Not, und die Hochzeit kann nicht stattfinden. Gestern bekam ich den Verlobungsbrief von dem Vater des Bräutigams zurück nebst einem Schreiben, in dem es heißt, dass, wenn ich das Brautgut binnen 3 Tagen nicht bereitstelle, er das Bündnis rückgängig machen und seinem Sohne eine andre Braut suchen werde. Meine Tochter weint bitterlich und lässt sich nicht trösten, und ich gehe verzagt umher und weiß nicht, was ich tun soll. Der Bräutigam ist ein feiner Jüngling, und es gibt in der Stadt nicht seinesgleichen; ich besitze nichts, was ich verpfänden könnte, habe auch keine Freunde und keine Anverwandten hier, denn ich bin von fern hierher eingewandert; woher soll mir da Hilfe werden?
Da sprach der von der Braut Beauftragte: Sei ohne Sorge; ich will dir Geld geben, das für alles reicht, und von dem dir noch etwas übrig bleiben wird. Darauf sagte der Bedrängte: So habe ich wohl Gnade vor deinen Augen gefunden, dass du mir Hilfe zuteilwerden lässt? Oder spottest du gar eines Armen? Der Gast erwiderte: Ich will dir die Wahrheit sagen: Ich bin von deiner Schwester zu dir geschickt worden; sie hat mir geboten, dir 200 Goldstücke zu schenken. Da sprach der Wirt: Wo hast du meine Schwester gesehen, und wann hat sie dir dieses aufgegeben? Der Fromme antwortete: Es sind gerade 3 Wochen her, dass ich sie gesehen habe. Und er erzählte den ganzen Hergang. Als er zu Ende geredet hatte, wurde der Mann erst recht zornig über seinen Gast und rief: Geh hinweg! Gottes Grimm über dich! Du verhöhnst einen, der sich in Not befindet. Du bist hierhergekommen, um mir zu meinem Schmerz noch einen neuen hinzuzufügen und mich an meine Schwester zu erinnern, die seit 15 Jahren tot ist, und die ich selbst begraben habe. Und nun erzählst du mir in ihrem Namen Dinge, die sich niemals zugetragen haben.

Da staunte der Gast, als er den Bruder seiner Verlobten so reden hörte, und er sprach: Ich schwöre dir, dass ich nicht gekommen bin, um meinen Spott mit dir zu treiben, und dass das, was ich dir gesagt habe, wahr ist. Oder bist du vielleicht gar nicht der Bruder jener Frau? Darauf antwortete der Wirt: Ich bin wohl der Mann, den du suchst, aber wie kommst du zu dem Wahne oder zu der Einbildung, meine Schwester auf einem Jahrmarkt gesehen zu haben, wo sie doch tot ist? Glaubst du mir nicht, so will ich dir ihr Grab zeigen.
Da wunderte sich der fromme Mann sehr über diese Worte, und er begriff nunmehr, was ihm widerfahren war. Er sprach: Es ist offenbar, dass ich vom Himmel dieser Gnade für würdig befunden worden bin. Nimm das Geld hier, das ich dir gebe, denn du bist der, den ich aufsuchen sollte. Und er erzählte dem Manne, wie ihn der eine Heilige zu dem andern geschickt hatte, wie ihn der Letztere geheißen, seiner Braut abzubitten, und wie diese ihm auf dem großen Jahrmarkt erschienen war. Da erschrak der Zuhörende und fragte seinen Gast: Wie hat denn die Frau ausgesehen? Der Fromme beschrieb die Gestalt, die er geschaut hatte. Da sprach der Wirt: Das war in Wahrheit meine Schwester; sie ist vom Himmel gesandt worden, um mich aus meiner Not zu erlösen. Gott gebe es, dass ihre Segenssprüche in Erfüllung gehen und dass dir Kinder beschieden werden, deren Sehnen der Thora gelte. Du hast mich wieder aufleben lassen, und wer eine Seele am Leben erhält, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt erhalten.
Hierauf gab der fromme Mann dem Bruder seiner Verlobten das Geld und schied von ihm in Frieden. Er kam zu seinem Meister, R. Israel, und erzählte ihm alles, was sich mit ihm zugetragen hatte. Da sprach der Rabbi: Es ist nun alles eingetroffen! Ich habe es durch meine Gebete erwirkt, dass deine Verlobte gesandt wurde, damit du Vergebung empfangest.
Jedermann entnehme die Lehre aus dieser Geschichte und hüte sich, ein Verlöbnis zu lösen. Die Strafe dafür harrt seiner schon im Diesseits, um wie viel größer aber ist die des Jenseits! Wird doch die Mühe, ein Paar zusammenzuführen, mit dem Überschreiten des Schilfmeeres verglichen. Wie schwerwiegend muss da nicht eine Trennung sein. Der Gerechten Verdienst stehe dir bei und beschütze dich vor allem Bösen.

(Bin Gorion – Der Born Judas)

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Autor: Dieter Miunske