Abstieg in den Nussgarten

In Hohelied 6:11 steigt der König herab in den Nussgarten, den ginnath egos. Dieser Nussgarten zählt im Hebräischen 470 (50+3+400 + 1+3+6+7), die typische Zahl für die Zeit, die auf Hebräisch eth, 70-400, heißt. In die Zeit muss man HERABsteigen. Nach unten, dunkler, schwerer, konkreter, der Druck wird desto größer, je tiefer man hinabsteigt. Dort unten (hier unten!) wird man nicht nur gepresst, sondern auch erpresst; eschek, 70-300-100, sagt man dazu im Hebräischen, und auch in diesem Wort finden wir die 470. Eschek bedeutet sprachlich vorrangig „den Nächsten seiner Rechte berauben“ und „Aneignung fremden Eigentums durch Rechtsbrechung“. Hierbei muss man wiederum zuerst sehen, dass sobald der Mensch das, was ihm geliehen ist, als Eigentum behandelt, er schon selbst der Räuber ist. Was uns geliehen ist, ist leicht zu erkennen: Wir müssen es beim Abschied aus dieser Welt zurücklassen.

Wer rechnet, verliert – wer liebt, gewinnt.

Die 470 beschreibt schon vor Erscheinung des Menschen sein Schicksal, denn das na’asseh adam (Lasset uns Mensch machen – Einzahl !!! – 1. Mose 1:26) zählt auch 470. Die Nuss alleine, hebr. egos, 1-3-6-7, zählt 17, die Zahl, womit auch das Wort „gut“ verbunden ist (tov, 9-6-2).

„Nüsse sind Schließfrüchte, bei denen alle drei Schichten der Fruchtwand verholzen. Eine Schließfrucht ist eine Frucht, die in geschlossenem Zustand von der Pflanze abfällt und sich auch bei der Reifung nicht öffnet.“ (wikipedia)

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

Man kann also lange darauf warten, dass eine Nuss sich zur Einswerdung (Verzehr) anbietet. Sie wird fallen und sich verschlossen halten, bis sie jemand knackt.
Man deutet die harten Schalen der Nuss im alten Wissen einerseits als Konsequenz aus dem täglichen Kampf ums Überleben, des Sich-Abschottens gegen allerlei Gefahren bis hin zur angstbasierten persönlichen Absicherung in allen Belangen der materiellen Existenz, und andererseits als Ausleben der GeNUSS-Sucht. So heißt es in einem Kommentar, dass je mehr der Mensch die äußerliche Freude – heute eher Spaß genannt – sucht, desto mehr verhärtet er und geht der inneren Freude verlustig. Aus diesem Grund suchen Menschen, die ihrem Empfinden nach für das eigene Überleben hart kämpfen müssen, als Ausgleich den Rausch, das Vergnügen und die Ablenkung. Und immer mehr verholzt die Schale. Das ist die Natur der Nuss und hätte sie nicht diese harte Schale, würde ihr sensibles Inneres nicht zur Reife kommen. Völlig im Dunkeln wächst es heran, gut geschützt, letztlich aber auf Hoffnung, dass der König herabkommt und sich ihrer annimmt.

Die Nuss ist auch ein Bild für die Menschheit, die am Ende ihrer Entwicklung das Leben als sehr hart empfinden wird und die zum Aushalten des Leides Genuss und Spaß sucht wie nie zuvor. Das Anspruchsdenken ist hoch, schließlich hat man doch ein Recht darauf … als Nuss auf jeden Fall … Je fester die Schalen, desto größer die Ichbezogenheit, das Misstrauen, die Unsicherheit, die Angst und die Aggression gegenüber anderen.
Alles gehört zum Weg, und lang ist dieser bei den Nüssen. Walnüsse können bspw. frühestens ab dem 10. Jahr des Baumes geerntet werden. Manchmal dauert es länger als 15 Jahre, bis die ersten Früchte kommen. Schließlich steigt der König doch herab in den Garten, denn es ist sein Garten. Er wird schon wissen, wie man die Schale aufbricht, wie man den Geist wieder aus der Materie befreit, um ein Bild aus dem Sohar zu gebrauchen. Vielleicht könnten wir uns fragen, ob die Ereignisse im Außen auch eine Art Nussknacker sind, um das Wesentliche zu befreien (?).

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Autor: Dieter Miunske