Achab, ein Erfolgreicher mit liederlichem Charakter

Die Unterscheidung zwischen echter Religion und Götzendienst ist dieselbe wie die zwischen Religion und Technik. Die Technik geht davon aus, dass Wissen und Wahrheitsfindung auf dem Weg des Verstandes erlangt werden können, möglicherweise unterstützt durch Intuition und Vorstellungskraft, berücksichtigt aber nicht, dass die Qualität der Person, die etwas sucht, eine Rolle spielt. Ob diese Person in ihrem Leben den Unterschied zwischen richtig und falsch kennt oder berücksichtigt, ist für die Beurteilung ihrer intellektuellen Leistung unerheblich. Sie nutzt ihren Intellekt auf die gleiche Weise, wie einst die Magie eingesetzt wurde, um Ergebnisse zu erzielen. 

Die großen Religionen hingegen verlangten in erster Linie eine Beurteilung der Charaktereigenschaften des Menschen. Wenn eine Person lauter und gewissenhaft ist, dann kann auch die Arbeit, die sie tut, gut sein. Man ging sogar noch weiter und sagte, dass ein richtiger Verstand nur von einer unverfälschten Persönlichkeit entwickelt werden kann. Ohne diese Verbindung zur Welt, d. h. ohne das Bewusstsein, dass es in jedem Teil des Lebens Gut und Böse gibt, kann niemand fruchtbare geistige Arbeit leisten. 

Wenn eine Person verwerflichen Charakters hervorragende Arbeit – in welchem Bereich auch immer – leistet, dann hat diese Arbeit, dieses „Produkt“ keine Verbindung mehr zum Leben; doch darin liegt die Verantwortung des Menschen, genau diese Verbindung herzustellen. 

Der Mensch kann nur einen Bezug zu seiner Arbeit haben und diese beleben, wenn er selbst eine gesunde Beziehung zum Leben hat. Das bedeutet, dass er allem mit Achtung und Wertschätzung begegnen muss. Alles andere, und so brillant die Ergebnisse auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, ist zum Scheitern verurteilt. 

Die moderne Welt beurteilt den Menschen in erster Linie nach intellektuellen Leistungen, die gemessen werden können. Wer hierbei gut abschneidet, steht – so funktioniert der gesellschaftliche Filter in der westlichen Welt – automatisch auf einer höheren Stufe.

Schon in der Grundschule wird ein Kind als gut bezeichnet, wenn es gut rechnen kann oder fehlerfreie Aufsätze schreibt, auch wenn es darüber hinaus als großer „Streber“ gilt. Kinder, die nicht so leicht verstehen und es deshalb schwerer haben, bekommen schnell den Eindruck vermittelt, dass sie aufgrund ihrer schwachen Leistungen auch als Mensch schlecht sein müssen, obgleich gerade ein solches Kind einen edlen Charakter haben kann. Das kann so weit gehen, dass dieses Kind schulpsychologisch betreut wird, um es adäquat „anzupassen“. „Ja, das stimmt schon, dass Ihr Kind einen feinen Charakter hat, aber Sie wissen doch, dass in der Schule und für das spätere Leben die anderen Dinge auch wichtig sind“, bekommen dann die Eltern gesagt. Solche Kinder geraten dann unter enormen Druck, weil sie von ständigen Versagensängsten heimgesucht werden. 

Nach der Beschaffenheit der Persönlichkeit wird selten gefragt. Zwar gibt es Lehrkräfte, die es bemerken, aber auch ihnen sind oft die Hände gebunden. Ebenso hat man psychotherapeutisch herausgefunden, welche „Knöpfe“ man drücken muss, um aus Mitarbeitern das Maximum herauszuholen. Firmen geben hohe Beträge aus, um die Leistungen ihrer Belegschaft durch professionelle Coachings auf Topniveau zu trimmen.

Wie das Innenleben und der Charakter solcher High-End-Produzenten aussehen, spielt kaum eine Rolle. Nur wenn das Leben einer Person derart entglitten ist, dass deren Funktion der Gesellschaft abträglich ist, wird es in die Bewertung einbezogen. Kann man keine negative Beeinflussung der Gesellschaft erkennen, zählt allein die Produktivität. 

Eine solche Gesellschaft unterscheidet sich nicht von der alten heidnischen, die nur die Magie anerkannte, die ebenfalls eine Technik war, um Dinge außerhalb der Anerkennung der Tatsache zu erreichen, dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist. 

Die Religion kann diesen Punkt jedoch nicht nur nicht außer Acht lassen, sondern muss ihn in den Mittelpunkt stellen, und erst von dort aus kann der Rest, das, was der Mensch leistet, betrachtet werden. Und nur von diesem zentralen Punkt aus gesehen erhält alles seinen wirklichen Wert.

Die Geschichte von König Achab in 1. Könige 21, der eine politisch brillante Figur, äußerst weise und taktisch klug war, zeigt uns deutlich diesen Unterschied zwischen Heidentum und echter Religion. Vom Standpunkt des Intellekts aus gesehen war Achab gut, aber vom Standpunkt des Charakters aus gesehen war er bösartig. Sein Vorgehen gegen Nabot war niederträchtig, und dieser Fehler entschied, wie uns die Bibel erzählt, nicht nur über sein Schicksal, sondern auch über das seines Landes. Wie weise er auch gewesen sein mag, das machte das Unrecht, das er zusammen mit seiner Frau Isevel beging, nicht wett. Intrigen, falsche Zeugen, Urkundenfälschung und Verleumdungen waren die Werkzeuge, um Nabot zur Persona non grata zu machen und ihn mithilfe der Vornehmsten und der Nichtswürdigen zu enteignen, indem man ihn durch erfundene und falsch bezeugte Anklage für schuldig befand und kurzerhand töten ließ. Ein falscher Charakter hat nicht selten eine mitreißende Art, die dazu führen kann, dass es kaum jemand wagt, einen solchen zu hinterfragen. Lieber macht man einfach mit, schließlich verrichtet man doch ganz legal nur Dienst nach Vorschrift.

Die Bibel zeigt also, wie grundlegend anders sie die Menschen beurteilt als das Heidentum. Auch heute wäre Achab ein Politiker höchsten Ranges, aber ist es das, was zählt? Die Bibel lässt sein politisches Talent völlig außer Acht, deckt dafür aber schonungslos alles auf, was im Hintergrund abgelaufen ist und was die eigentliche Motivation hinter den politischen Anordnungen seiner Regierung war. 

Umgekehrt kann man sagen, dass die Defizite eines Menschen mit edlem Charakter, der stets das Beste für andere sucht, durch Fügungen von höherer Hand ausgeglichen werden. Die Gefahr ist gerade dann am höchsten, wenn man denkt, selbst alles bestimmen zu können und zu müssen. Schlussendlich sind es nie Menschen, die „am längeren Hebel“ sitzen, sondern der, „in dessen Hand die Tiefen der Erde und dessen die Höhen der Berge sind“ (Ps. 95:4).

Man kann die Geschichte der Menschen und Völker nicht verstehen, wenn man nur auf deren Leistungen und erworbene Qualifikationen schaut. Das Schicksal Einzelner und Vieler entscheidet sich an anderer Stelle. „Du hast dich selbst verkauft“ sagt Elia zu Achab „deshalb habe ich dich gefunden“. Der äußere Erfolg auf Kosten des Inneren ist ein Selbstverkauf, der mit Kontrollverlust einhergeht. Andere werden jetzt über einen solchen bestimmen.

Was du deinem Nächsten wünschst, bekommst du selbst, zeigt die Geschichte Achabs sehr eindrücklich auf negative Art. Aber es gibt auch ein Gegenbeispiel: Abraham wünscht dem kinderlosen König Abimelech, der nicht zu seinem engeren Freundeskreis zählt, dass er doch Kinder bekommen möge, und beendet damit seine eigene Kinderlosigkeit mit Sara. Gönne deinem Nächsten immer das Gute, und wenn das schwerfällt, dann versuche, ihn dir vorzustellen, wie er als kleines Kind die Freude seiner Mutter war.