Die drei Ur- oder Erzväter Abraham, Isaak und Jakob zeigen auch drei verschiedene Bindungstypen zwischen Mann und Frau.
Abraham kommt mit Sarah ohne Kupplungsverfahren plötzlich zusammen und sie sind ein Paar (Gen. 11:29). Die Angelegenheit wird in wenigen Worten erzählt. Betont wird nur, dass er der Aktive und Sarah (Sarai) die Passive ist („er nimmt“).
Bei deren Sohn Isaak sieht die Sache völlig anders aus. Isaak macht eigentlich nichts, er äußert noch nicht einmal den Wunsch nach einer Frau. Erst als seine eigene Mutter stirbt, fehlt ihm die weibliche Seite, woraufhin sein Vater Abraham aktiv wird, indem er seinen Diener Elieser in ein anderes Land schickt, wo dieser eine Frau für Isaak „nehmen“ soll. Dann folgt in Gen. 24 ein ausführlicher Bericht mit vielen Details, wie Elieser auf Rivka (Rebekka) trifft, sie schließlich aus deren Vaterhaus mitnimmt und Isaak zuführt.
Jetzt werden Zwillinge geboren, von denen Jakob derjenige ist, der hinsichtlich einer Frau den größten Aufwand überhaupt tätigen muss. Anstatt sich eine Frau zu „nehmen“, willigt er ein, für die Dame seines Herzens sieben Jahre zu dienen, doch erhält er nicht die Frau, die ihn täglich neu motivierte, Arbeit und Mühen auf sich zu nehmen, sondern deren Schwester, die, na ja, nicht ganz seinem Gusto entsprach. Um die Frau, die er liebt, doch noch zu erhalten, dient er weitere sieben Jahre. Hinzu gesellen sich noch sechs Jahre, um für die Großfamilie eine Lebensgrundlage zu schaffen. 20 Jahre werden konkret in der Bibel genannt, und das nur, weil er eigentlich dem Wunsch seiner Mutter Rebekka nachgekommen ist, doch eine Frau aus ihrer Verwandtschaft zu nehmen, denn von ihm selbst ging keine Initiative aus, sich eine Frau zu suchen (Gen. 28:2).
Was hier in Form von Familiengeschichten erzählt wird, ist auch eine Beschreibung der Anziehungskraft zwischen Geist und Materie, zwischen unsichtbarer und sichtbarer Welt, zwischen Kern und Außenkreis, und in letzter Konsequenz wird damit auch beschrieben, woher die Anziehung zwischen den Geschlechtern ihre Kraft erhält und wann eine solche schwächer wird oder gar ausbleibt.
Abraham steht für die oberste Welt „im Schatten Gottes“ (olam aziluth). Dort ist die Bindungskraft am stärksten. Mühelos „fliegt“ hier das Äußere zum Inneren. Es ist die Welt des Glaubens, worin alles möglich ist. Wir stellen uns etwas vor, träumen von neuen Situationen, konkreten Dingen, und in der Außenwelt nehmen wir plötzlich, ohne Mühe, „Zeichen“ wahr, die mit unseren Vorstellungen korrelieren.
Die nächste Ebene ist eine Stufe tiefer. Es ist die Welt der Schöpfung (olam bria), mit der Isaak verbunden ist. Er steht in der Systematik des Aufbaues der Welt auf der linken Seite als Wasser der rechten Seite des Feuers gegenüber. Brunnen und Wasser spielen in Isaaks Leben eine bedeutende Rolle. Er braucht sich weder eine Frau zu suchen noch braucht er irgendetwas diesbezüglich zu unternehmen. Alles wird arrangiert. Elieser, dessen Name „Gott ist meine Hilfe“ bedeutet, führt alles zur vollsten Zufriedenheit aus. Auf der Ebene, die „man lacht“ (צחק) heißt, kommt das Konkrete wie von selbst ohne eigenes Zutun. Dir scheinen Gottes Möglichkeiten lächerlich, zu schön, um wahr zu sein? Lass dich überraschen! Das ist die Beschreibung Isaaks. Die linke Seite macht sich keine Vorstellungen, sie träumt nicht. Trotzdem kommt die Gegenseite, die in der Mystik die ausgleichende Seite ist. In der Geschichte Isaaks ist die Frau die Aktive und der Mann der Passive.
Es verdichtet sich weiter mit der Geburt der Zwillinge von Jakob und Esau. Das ist die Welt der Formwerdung (olam jezira). Eine Form kann nur im Zeichen der „2“ erscheinen, deshalb hat das Dritte immer den Zwillingscharakter, da es sowohl eine Neigung zum Konkreten (Esau) als auch eine Neigung zum Geistlichen (Jakob) hat. Das Dritte kennt daher eine Art chronischen Zweifel, von welchem niemand so recht weiß, woher dieser eigentlich kommt. Wenn du zweifelst, bist du in der Welt Jakobs, der das Konkrete (die Frau) nur durch sehr viel Arbeit und Mühe erhält.
Mit unserem Kommen in die Welt sehen und entdecken wir die Schönheit dieser Welt (Rachel). Da ist die Sonne am blauen Himmel, die Natur mit ihren unzähligen Pflanzen in all ihren Formen und Düften, da sind ganz kleine Tiere, aber auch große; die Kinderaugen werden immer größer – wie können Kinder über die kleinsten Dinge staunen? Das ist der Moment, wenn Jakob Rachel erblickt. Er braucht keine Vorstellungsrunde, sondern erkennt: Das ist sie! Das ist meine Welt, für sie bin ich aus einer anderen Welt geflohen. Ach, das hat sich ja jetzt schon gelohnt!
So vergisst das Kind den ganzen Schmerz und den ganzen Verlust und „dient sieben Jahre“ in der Hoffnung, dann endlich das ungetrübte Glück genießen zu können. Diese sieben Jahre sind Schule, Ausbildung, Studium und Beruf, Jahre des Dienstes und der Anstrengung für Dinge, die sich andere ausgedacht haben.
Die anderen sind wie Laban, der vergisst, sein Versprechen zu halten; erst als Jakob ihn daran erinnert, stimmt er griesgrämig zu, Rachel freizugeben. Endlich soll sich die Hoffnung erfüllen – das Ziel ist erreicht! Tja, hast du gedacht, Jakob. Dass Labans Wort so hilfreich wie ein Pflaster auf einem Holzbein ist, musste Jakob allerdings erst lernen. Nicht die Schöne, mit der er Hochzeit gefeiert hat (Rachel), wird ihm gereicht, sondern die traurige Welt namens Leah. Jakob hätte die Möglichkeit und das Recht gehabt, Leah zu verstoßen, doch er macht es nicht. Auch wir merken im Leben, dass man nicht alles verbannen kann, nur weil es uns im Moment nicht passt.
Das Annehmen der traurigen Umstände bewirkt etwas Unglaubliches: Ein Kind nach dem anderen wird geboren, der Brunnquell des Lebens ist förmlich am Explodieren. Doch der Mensch bringt es nicht fertig, die Traurigkeit zu lieben. Leah bleibt, obwohl sie so viel Neues in die Welt bringt, ungeliebt.
Jakob verliert gegenüber den Versprechen der Zeit (Laban) langsam seine Naivität, aber er bleibt dran. Viel Arbeit, Mühe und Enttäuschung begegnen ihm auf seinem Weg, und am Ende wird er sogar mit der Traurigkeit begraben, der Grund seiner Bereitschaft zu dienen (Rachel), blieb auf der Strecke (sie stirbt auf dem Weg).
Mit dem Konkreterwerden der Welt, mit dem immer weiter Hinabsteigen, wird es immer schwieriger, „die Frau“ an sich zu binden. Jede Generation steigt eine Stufe tiefer und trägt ein noch schwereres Schicksal als die vorige Generation, wozu ein Ausgleich in die Welt kommt, um es erträglich zu machen. Worauf die alte Generation noch hoffte, gibt es nicht mehr, was früher Substanz hatte, wird entwertet, das Bleibende muss dem Flüchtigen weichen. Die Hoffnung der Alten, löst sich für die Jungen auf. Was die Alten sich noch leisten konnten, ist für die Jungen unbezahlbar geworden. Es geht nicht mehr so weiter. In diesem Zustand ist die Bindungskraft zwischen den Geschlechtern auch auf ein Niveau gefallen, wo alles unverbindlicher wird. Man tröstet sich selbst, indem man das Beziehungslose einfach Freiheit und Selbstbestimmung nennt, und schon ist man zeitgemäß adaptiert.
Dasselbe Muster sehen wir auch in der Natur der Metalle. Lithium bspw. ist ein leichtes Atom, ist klein und hat nur zwei Schalen. Das äußere Elektron sitzt sehr nah am positiven Kern, der dieses Elektron fest umklammert. Es kostet viel Energie, es wegzunehmen. Lithium reagiert zwar mit Wasser, aber eher gemächlich und sprudelnd.
Cäsium dagegen ist riesig und schwer. Es hat viele Schalen. Das äußerste Elektron ist weit weg vom Kern. Der Kern hat kaum noch Zugriff auf dieses Elektron. Es wird fast „freiwillig“ abgegeben. Die Reaktion mit Wasser ist bei diesem Atom extrem heftig (explosiv), weil es sein Elektron sofort abwirft, um eine chemische Bindung einzugehen.
Der Mensch, der in dieser Welt „schwer“ und wichtig ist, reagiert viel stärker auf Ereignisse in der Zeit, als jemand, der sein Gewicht im Unvergänglichen weiß. Die Ereignisse in der Zeit sind ihm nicht egal, aber er explodiert nicht in der Konfrontation damit, sondern nimmt sie gemächlich und vielleicht ein wenig sprudelnd zur Kenntnis.
Im Fortgang der Entwicklung der Welt wird der Drift nach außen immer stärker, wodurch es auch zum Nachlassen der Bindungskraft zwischen den Geschlechtern kommt. Diese Kraft wendet sich bis ins Gegenteil, also dass man dem anderen Geschlecht gegenüber einen Widerstand empfindet, der bis zur Abstoßung werden kann.
Jakobs Söhne gehen irgendwann nach Ägypten, wo die Anziehungskraft zwischen den Gegensätzen fast ganz aufgehoben ist. In Ägypten herrscht die Anziehung hauptsächlich zwischen „Gleich und gleich“, was im Hebräischen umschreibend mit dem Wort סריס (sriss) wiedergegeben wird. Es wird sehr deutlich anhand von Jakobs Sohn Joseph, der dem biblischen Bericht nach nicht an „die Ägypter“, sondern an einen einzigen Ägypter namens Potiphar verkauft wird (Gen. 37:36). Dieser Potiphar wird סריס genannt, was man mit „Hofbeamter“ oder etwas antiker mit „Kämmerer“ übersetzt. In Jes. 56:3 und 4 wird derselbe Begriff mit „Eunuch“ übersetzt, andere finden „Verschnittener“ angemessener und verwenden dieses Wort.
Es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Im Wort סריס steckt auch das Wort סר (sar), also damit beginnt der sriss zumindest im Wort. Das ist das Gefühl der Wertlosigkeit, das Verdrossenheit hervorbringt. Man ist verdrossen und blickt mit düsterem Blick in die Welt.
Gewöhnlich will ein Mensch etwas in die Welt bringen, doch es gibt dazu nur einen einzigen Weg: Die Gegensätze müssen zu einer Einheit verschmelzen. Außen und Innen müssen zu einem Ganzen kollabieren, denn eine Einswerdung ist eigentlich eine Aufgabe, ein Loslassen und keine Leistung. Das aber ist in Ägypten ein Problem, weil die Gegenseite dort als „böse“ deklariert wird. Im Reich Pharaos kennt man nur Schwarz-Weiß und eine Form der Gerechtigkeit, die immer zu den eigenen Gunsten entscheidet. Pharao erkennt Gott als Elohim, aber nicht als HaSchem (JHWH) an. Potiphar ist in Pharaos Kabinett eine ganz hohe Instanz. Er wird dort שר הטבחים (sar ha-tabachim) genannt, worüber die alten Kommentare einiges zu sagen haben. Er ist „der Chef-Schlächter“, was zunächst einmal grausam klingt. In Jeremias Klagelieder wird der Ausdruck tatsächlich auf die Schlachtung von Menschen verwendet, ebenso in Psalm 34:14, wo es um einen Henker geht.
Wie wir gleich sehen werden, sind das Begriffe, die auch einen ganz aktuellen Bezug haben.
Ein שר הטבחים wird auch als Chefkoch verstanden, der insbesondere für die Zubereitung von Fleisch verantwortlich ist. Im Hebräischen ist „Fleisch“ identisch mit dem Wort „Botschaft“ oder „Nachricht“. Potiphar legt nicht selbst Hand an, das hat er als „Oberster“ natürlich nicht nötig. Er bestimmt „nur“, wie es zubereitet werden muss, was von dem Fleisch, den „Nachrichten“, weitergereicht bzw. gesendet werden kann und was nicht. Was am Ende beim Empfänger ankommt, ist weder lebendig noch ganz, aber es schmeckt und nährt, ist schön zubereitet und einfach ein Genuss. Es gibt keinen Grund, Potiphars Professionalität infrage zu stellen.
Auch bei uns selbst gibt es einen solchen Intendanten namens Potiphar, der uns gerne etwas Schmackhaftes zubereitet, das zwar aus dem Zusammenhang gerissen ist wie das Fleisch, welches auf dem Teller liegt, aber was macht das schon?
Potiphar hat kein Interesse an seiner Frau, sie dient ihm nur als gesellschaftliche Maske, die trotz aller Toleranz noch nötig ist, denn selbst Ägypten trägt noch etwas von seinem Erbe in sich. Man weiß noch davon, dass es darum geht, die Gegensätze zu verbinden. Schließlich stammt der Name Mizrajim (Ägypten) von einem Sohn Chams (חם), der wiederum ein Sohn Noachs war. Das Problem ist in Ägypten nur, dass man einfach keinen Zug zur Gegenseite spürt.
Einerseits will man sich dieses Erbes entledigen, aber andererseits findet man in einem Leben ohne dieses Erbe keinen bleibenden Sinn. Irgendetwas fehlt, doch man kommt einfach nicht darauf, was das sein könnte.
Der Frust von Potiphars Frau hinsichtlich ihres Mannes, der nur in der Öffentlichkeit an ihrer Seite weilt, wird zur Lust gegenüber Joseph; ihr Verhalten dem jungen Mann gegenüber hat also einen konkreten Grund, der in der Bibel nicht direkt erwähnt wird.
Die Kommentare gehen hier noch weiter und sagen, dass Potiphar den jungen, hübschen Joseph nur für den Zweck gekauft hatte, sich ihm körperlich zu nähern.
Ägypten ist mit seinen Obersten ein Beispiel dafür, wenn die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau abhanden gekommen ist. Diese Anziehung stammt aus dem Empfinden, selbst „nur die Hälfte“ zu sein. Eigentlich bringt der richtige Partner einen Menschen dazu, sich „vollwertig“ zu fühlen, woraus der Wunsch entsteht, dass aus dieser „Fülle“ etwas Neues hervorkommt, also Kinder. Das Ablehnen des einen und des anderen zeugt von einem Zustand, der ganz klar das Ende einer Entwicklung anzeigt. Vor der Hungersnot brechen alle Dämme. Man frönt einem Hedonismus und mästet sich selbst. Obwohl alles „befreit“ zu sein scheint, will man gerade in eine solche Welt keine Kinder setzen. Man scheint zu ahnen, dass es so nicht weitergehen wird, doch datiert man herannahende Krisen gerne auf die Zeit nach der eigenen Generation.
Die Thora zeigt nicht mit dem Finger auf Menschen, sondern beschreibt, wie die Welt als Ganzes aufgebaut ist. Auch unser Schicksal ist darin geschrieben. Das intensive Studium dieser Schriften diente nie dem Zweck, andere zu belehren, sondern dazu, sich selbst kennenzulernen.
Alle Menschen haben Bereiche, in denen sie nichts Fremdes dulden und kein Interesse daran haben. Lieber ist man nur mit seinesgleichen zusammen, auch wenn dadurch nichts Neues mehr kommt. Die Gegenseite kann man schlecht berechnen. Nach Berechnung würden lebendige Gegensätze auch nur auf eine kalte Art zusammenkommen. Das wirkliche Einswerden ist darum der Liebe vorbehalten, die nicht das ihre sucht, sondern sich für die andere Seite aufgibt.
Joseph durchschaut das alles. Er ist ein IVRI, ein Jenseitiger, der die Welt mit ganz anderen Augen sieht, der sein Erbe nicht zugunsten eines irdischen Erfolges verkauft hat. Er greift weder Potiphar noch Pharao an, obwohl er genau weiß, wie der Hase läuft, um es einmal umgangssprachlich auszudrücken. Sein Widerstand liegt darin, allen unabhängig von deren Stand und Würde, trotzdem zu helfen. Er verurteilt niemanden. In mehrfacher Hinsicht ist er ein Sonderling, ja, ein richtiger Nicht-Ägypter!
Es war gerade derjenige, der überhaupt nicht passte, aber – und jetzt knüpfen wir an das anfangs Gesagte an – von dem eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausging, weil das Zeitlose durch ihn nahezu ungefiltert auf alle ihn Umgebenden einwirken und zu sich ziehen konnte. Wir stammen alle aus derselben Quelle. Für die Seele ist und bleibt das Ewige das Attraktivste, also das mit der höchsten Anziehungskraft.