An der Grenze des Aushaltbaren

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Jakob ist auf der Flucht vor seinem Bruder, der ihn gemäß der Einschätzung seiner Mutter erschlagen will. Was geht einem Menschen durch den Kopf, der vom Moment des Gesegnet-Werdens direkt in eine lebensbedrohliche Situation gerät? 

Auf der ganzen Welt werden bei Lebensgefahr sofort Notprogramme gestartet und das „genormte“ und geordnete Leben außer Kraft gesetzt. Welchen Wert hat die grüne Natur mit ihren zwitschernden Vögeln auf Jakobs Weg, wenn er fürchten muss, dass jeder Moment sein letzter sein könnte. Also läuft und läuft er, bis die Sonne untergeht. Das gewohnte Leben musste er verlassen, und wohin er kommen würde, wusste er nicht. Jakob hatte eine sehr intensive Beziehung zu seiner Mutter, doch die sollte er nie wieder sehen. Es war ihre Idee, ihn zu ihrem Bruder zu senden, aber einem Mutterherz entsprechend, hoffte sie, ihn nach einer absehbaren Zeit wiederzusehen (Gen. 27:43-45). 

Zu den letzten Worten, die Jakob von seiner Mutter hörte, gehörte der Ausruf Rebekkas: „Mein Leben widert mich an!“ (Vers 46) Zwar erklärt sie dann noch, weshalb sie ihren Unmut nicht mehr zurückhalten kann, doch ist es eine Tatsache, dass unsere Sinne in lebensbedrohlichen Situationen viel mehr und intensiver aufnehmen, als sonst. Alles wird abgespeichert. Wie haben sich diese Worte Rebekkas in Jakob eingebrannt? Das lässt sich nur ahnen. Das ist es, was Jakob mit sich herumträgt. Menschen können viel tragen, aber unbegrenzt trägt niemand eine Last. Jetzt greift Gott selbst ein, weil es ungewiss ist, ob Jakob überhaupt noch willens ist und die Kraft hat, seinen Weg fortzusetzen. Die Bibel dramatisiert dieses Erlebnis nicht und beschreibt die Situation in nüchternen Worten: 

Und er nahm von den Steinen jenes Orts und legte sie unter sein Haupt und legte sich nieder an jenem Ort.

Gen. 28:11b

Mit keiner Silbe wird an dieser Stelle seine innere Not geschildert. Warum nicht? Jeder, der etwas von diesem Schicksal selbst erlebt hat, wird es verstehen. Das Wort öffnet sich ganz von selbst, wenn wir unsere Situation darin wiedererkennen. 

Jakobs Feind ist sein Zwillingsbruder, mit dem er sich schon die Gebärmutter geteilt hatte. Zusammen aufgewachsen sind die beiden; was hatten sie alles miteinander erlebt? Mit dem Älterwerden entwickelten sie sich zunehmend unterschiedlich. Die Interessen wichen immer mehr voneinander ab. Mit dem Sammeln der Steine sucht sich Jakob etwas als Unterlage, das kein Wachstum und keine Veränderung kennt, das ganz still große Lasten tragen kann, weil es von Beginn an dafür vorgesehen war. Das hebr. Wort für Stein, EVÉN, liest man traditionell für die Einheit von Vater und Sohn (AV + BEN) oder als Akrostichon für Vater, Sohn und Enkel (AV + BEN + NECHED). Er steht für die unverbrüchliche Einheit der Generationen, die man auch Bündel des Lebens nennt (Z’ROR HaCHAJIM). In dieser merkwürdigen Handlung Jakobs zeigt er, wovon er im tiefsten Inneren überzeugt ist: Auch wenn es äußerlich bedingt durch die Entwicklung drunter und drüber geht, sind wir auf einer anderen Ebene eine unzertrennliche Einheit. 

Er schläft ein und träumt. Zum ersten Mal wird in der Bibel vom Träumen erzählt. In diesem Traum wird ihm eine Leiter gezeigt, eine SULAM, die sprachlich mit dem Träumen zusammenhängt. Die letzten beiden Zeichen (LAMED und MEM) sind bei beiden Wörtern identisch, aber das erste Zeichen ist nach dem Prinzip der Spiegelung (Athbasch) vertauscht (SAMECH <> CHETH). Das erste Zeichen eines Wortes ist dessen Haupt, und dieses sieht sich nun im Spiegel. Wer steht mir gegenüber? 

Vertauscht ist auch das, was Jakob vielleicht bis dahin dachte: Dass er alleine wäre. 

Und er träumte: Und siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze (ROSCH / Haupt) rührte an den Himmel; und siehe, Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 

Gen. 28:12 

Wäre er alleine gewesen, hätten die Engel zunächst herabsteigen müssen, aber sie steigen zuerst herauf, also waren sie die ganze Zeit bei ihm. Er war nie alleine. Die Leiter wurde auf die Erde gestellt und verband Himmel und Erde. In dieser besonderen Situation könnte Jakob den Traum auf eine Weise verstanden haben, die für alle Menschen gültig ist:
Du denkst, der Weg sei nur die Verbindung von einem Ort zu einem anderen auf derselben Ebene? Nein, DEN Weg erkennst du daran, dass darauf eine Verbindung zum Himmel hergestellt wird. Denke auf allen deinen Wegen daran, dass es nur darum geht, mit dem Himmel verbunden zu sein.

Von den Engeln wird gesagt, dass sie Jakob begleitet und gesehen haben, was aus ihm geworden ist, aber jetzt steigen sie auf und sehen den Jakob, wie er oben ist, dass er bereits verherrlichter Israel ist (Chulin 91b) und unten schläft er. Ebenso steigen auf deinem Weg die Engel auf und vergleichen das, was sie von dir oben sehen, mit dem, was sie hier unten von dir sehen, und danach werden sie die Geschicke auf deinem weiteren Wege lenken. Mal so und mal so, aber immer ganz speziell auf dich abgestimmt. Eine einmalige, individuelle Führung wird dir zuteil! 

Und siehe, HaSCHEM (JHWH) stand über ihr und sprach: Ich bin HaSCHEM, der Gott Abrahams, deines Vaters, und der Gott Isaaks; das Land, auf dem du liegst, dir will ich es geben und deinen Nachkommen.

Gen. 28:13

In dieser Aussage wird Jakobs Hoffen auf das Bündel des Lebens (Generationenverbund) durch Gott selbst bestätigt: „Du liegst vollkommen richtig!“ (Im wahrsten Sinne des Wortes.) Der Bau dieser Verbindungen, das Aussöhnen ist keine leichte Angelegenheit, aber es ist der Sinn deines Weges und dazu gehört dieses ganz spezielle Schicksal.