Der Turm zu Babel wird auch als Ausdruck der Suche nach dem Sinn des Lebens gesehen. Die Steine, die für den Bau verwendet werden, müssen selbst hergestellt werden, weil es in schin’ar (שנער) keine Steine gibt, die man zum Bauen verwenden könnte (Gen. 11).
Selbstgemachte Steine sind wie Bücher oder Vorträge, die etwas Absolutes in der Beschreibung der Außenwelt haben. „Das ist so und das ist so. Das sind die Fakten. Punkt.“
Wenn die Welt so fest wäre, wie es der Mensch mittels seiner Wahrnehmung annimmt, bräuchte die Bibel nicht den Umfang, den sie hat. Ein paar DIN-A4-Seiten würden genügen, um klar und deutlich zu vermitteln, wie alles miteinander zusammenhängt.
Aber es gibt Millionen von Büchern, Legionen von Universitäten und Abertausende von Gelehrten und Experten, die mehr Steine gebaut haben, als man aufeinanderstapeln könnte. Auffallend ist, dass es beim Turmbau zu Babel zunächst nicht darum ging, einen Turm zu bauen.
Gen. 11,3: Und sie sprachen einer zum anderen: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel war ihnen als Stein, und das Erdharz diente ihnen als Mörtel.
Vers 4: Und sie sprachen: Wohlan, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm, dessen Haupt in den Himmel (reicht), und machen wir uns einen Namen, dass wir nicht zerstreut werden über die ganze Erde!
Sowohl Vers 3 als auch Vers 4 in Gen. 11 ermuntern mit einem „Wohlan“ – denn erst als es eine Menge Steine gab, kam jemand auf die Idee: „Ach, damit könnte man doch einen Turm bauen!“ Ein Kommentar sagt dazu, dass es zunächst ein praktischer Impuls war, zu forschen und zu experimentieren, ohne zu wissen, wohin das führen würde. Man fragte sich, wie man Dinge miteinander zu etwas verbinden könnte, das regelmäßig und beschreibbar ist. Feste Normen sollten einen Standard etablieren. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten; ganz neue Möglichkeiten ergaben sich mit den selbst hervorgebrachten Resultaten.
Erst jetzt fand der Samen des Hochmuts seinen Nährboden und die Idee des Turmes fing an zu keimen und Wurzeln zu schlagen.
Das „Wohlan!“ in beiden genannten Versen ist im Hebräischen sehr nah an dem Verb „lieben“. „Wohlan“ (als Imperativ הבה) kommt von jahav (יהב) und „lieben“ ist ahav (אהב). Schriftlich liegt der Unterschied nur beim ersten Zeichen des Wortes. Der eigentliche Unterschied ist ein anderer: Liebe bedeutet, dass ich ohne Aufforderung von mir aus etwas gebe und zu etwas beitragen möchte. Es ist mir ein innerstes Bedürfnis, weil ich bewegt worden bin. Doch jahav bedeutet, dass ich nur etwas gebe, wenn ich dazu aufgefordert werde. Lieben, ahav, zielt auf das Ewige beim Menschen ab, doch jahav zielt auf das Zeitliche ab, wozu auch eine Erwartung im Sinne eines Nutzens gehört. Wer nur sieht, was vor Augen ist, wird in der Ausführung nicht so leicht einen Unterschied sehen, aber Gott sieht das Herz an, weshalb er auch in der Geschichte des Turmbaus direkt bemerkt, wohin diese gewaltige Investition führen wird.
Erst als man das neue Material sichtete, erwachte der Wunsch, tatsächlich einen Turm zu bauen. Der hebräische Text unterscheidet deutlich den künstlichen Stein (Ziegel – לבנה) vom natürlichen Stein (אבן). Der künstliche Stein wirkte so echt, dass sie ihn für einen echten Stein hielten (Vers 3). Daraus folgerten sie, dass sie nun nicht mehr auf die natürlichen, belastbaren Zusammenhänge („Stein“) angewiesen waren, die gegeben wurden (außer an diesem Ort), sondern selbst imstande waren, etwas zu konstruieren, das ebenso belastbar war und womit man bauen konnte. Ziemlich schnell sogar, denn gleichförmige Steine passen besser zueinander, als verschiedenartig geformte. Sie sind auch untereinander austauschbar.
Ein Turm besteht aus sehr vielen Steinen. Das erklärte Ziel ist, irgendwann tatsächlich bis in den Himmel hineinzukommen, wie es dort wörtlich heißt. Der Turm sollte zur Verschmelzung des Irdischen mit dem Geistlichen werden, einen nahtlosen Übergang schaffen, der begehbar war und allen offenstehen sollte. Alle sollten die Möglichkeit haben, durch genormte Standards in den Himmel zu kommen, und das ganz ohne einen albernen Glauben, ganz ohne Vertrauen auf gegebene Zusammenhänge, die übrigens nicht des Feuers bedurften. Die selbst konstruierten Zusammenhänge mussten hingegen gebrannt werden, um Festigkeit zu erreichen. Die Thora verwendet hier saraf (שרף) für „brennen“. Was sie aber weglässt, ist das Feuer (אש). Klar, konstruieren wir im Stillen: „Wenn es brennt, dann gibt es logischerweise auch Feuer.“
Tja, falsch konstruiert. Das Wort Feuer (אש) kommt in der Thora zum ersten Mal beim Bund Gottes mit Abram in Kapitel 15:17 vor. Es heißt, dass das, was nicht im Text steht (obwohl man es erwartet), oft lauter ruft, als das, was dasteht. Doch das Fehlende bemerkt nur, wer das Ganze kennt bzw. dort heimisch ist. Feuer gehört eigentlich nicht zu dieser Schöpfung; es wird auch nicht geschaffen, sondern kommt von woanders hierher. Feuer, also esch (אש) zählt 301 (1+300), das auch das Produkt aus 7 × 43 ist. 43 ist nicht nur 1/10 der nefesch (נפש), sondern auch das Wörtchen „auch“, gam, (גם). Die Konjunktion „auch“ bedeutet, dass noch etwas mitkommt. So wie kleine Kinder oft rufen „Ich auch, ich auch“, wenn es um Süßigkeiten oder einen Ausflug geht. Das Kind will auch dabei sein. Diesen Charakter hat das Feuer, das aus dem Ewigen kommt, in der gebrochenen Zeit (7) – zumindest gaukelt uns unsere Wahrnehmung vor, dass sie gebrochen ist, auch wenn sie es in Wirklichkeit nicht ist. Das Feuer des Ewigen entsteht, wenn wir im bewussten Leben der Gegenwart (7) immer mit dem „auch“ eins sind. Blende nie deine Innenwelt aus.
Aber beim Turmbau ist es ein anderer Brand. Wörtlich steht in Gen. 11:3 „brennen brennen“, w’nisrefah lisrefah, (ונשרפה לשרפה) – das Verb wird also gedoppelt, um anzuzeigen, dass es besonders intensiv ist (auch der Superlativ wird so gebildet). Womit werden die künstlichen Steine, die Ziegel, denn jetzt gebrannt? Antwort: Die Menschen entbrennen gegenseitig, einer läutert den anderen, einer macht dem anderen das Leben zur Hölle, eine Prüfung jagt die andere, und was dabei ausbrennt, ist die Seele. Die Härte des Erfolges resultiert aus dem, was man Seelenbrand nennen kann, denn dafür steht saraph (שרף) ebenfalls. Das ist kein Feuer, das zum Ewigen hinführt. Dieses Brennen brennt dich aus, und wie die Überlieferung erzählt, bist du beim Bauen des Weges zum Himmel mithilfe irdischer Erklärungen und beim Bauen deines eigenen Erfolges hinsichtlich eines Angehimmelt-Werdens von allen Seiten ohnehin nur eine Nummer, die direkt ersetzt werden kann.
Was für das Kollektiv gilt, gilt auch bei uns persönlich. Die Antworten, die uns wirklich helfen und nach oben tragen, finden wir nicht, indem wir versuchen, für alles eine selbstgebrannte Erklärung zu haben, die uns viel gekostet hat. Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet die Bibel nicht in einem Zweizeiler, denn dieser liegt für jeden Menschen woanders. Es gibt ähnliche Schicksale, aber keine identischen.
Das Brennen der Ziegel, das Bauen des Turmes wird nicht verhindert. Einzelne, Gruppen und ganze Völker konstruieren, normen und finden immer wieder neue Möglichkeiten, doch endlich alles in den Griff zu bekommen, und was funktioniert, muss doch vom Ewigen gewollt sein, oder nicht? Offenbar nicht. Hierzu gibt es eine erschreckende Aussage:
Aber Gott gewährt dem im Sinne des Turmbaues handelnden Menschen Erfolg, auf dass er bei sich selbst erfahre, dass er (ohne Gott) nichts ist. Anschließend wird er zerstreut (gerät er in Verwirrung).
(Bereshith Rabbah, Parashat Noach 29)
Ist es nicht seltsam, dass gerade die vielen Erklärungen und selbstkonstruierten Lehren genau das Gegenteil dessen bewirken, was man eigentlich erreichen wollte? Man wollte doch gerade nicht zerstreut werden (Vers 4). Klarheit wollte man, Sicherheit, belastbare Aussagen, die Halt geben und ruhig schlafen lassen. Stattdessen sieht man immer weniger, wird unsicher, ist mit permanenten Widersprüchen konfrontiert, und statt Ruhe ist man wie Kain ständig äußerlich und innerlich unterwegs, weil man es sonst nicht mehr aushält.
Das Lernen aus Liebe, aus der Intention, dem Wesentlichen näherkommen zu wollen, bewirkt kein Sich-über-den-anderen-Stellen-Wollen, wodurch stets die Seele in Brand gesetzt wird, sondern ist ein Suchen nach gegebenen Verbindungen und Zusammenhängen, die alle so einmalig sind wie natürliche Steine. Die Aufgabe besteht dann darin, sie so zusammenzufügen, dass sie zu einer Stätte werden, worin das Heilige gerne wohnt, worin ein Feuer brennt, das den Menschen entflammt, sich für das zu verzehren, das nicht vergeht. Dieses Feuer entzündet nicht den Hass, sondern Sanftmut und Mitgefühl, auf dass der Nächste den Eindruck bekommt, nach Hause gekommen zu sein.
