Babel Babylon

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Der Artikel mit Ergänzungen vorgelesen

Babel, 2-2-30 stammt vom hebr. balal, 2-30-30. Dieses Wort wird meist mit Verwirrung bzw. verwirren übersetzt. Doch das ist nicht die elementare Bedeutung. In erster Linie bedeutet balal vermischen. Man mischt ein neues Element mit vorhandenen zusammen. Man macht eine Mixtur, die es schwer bis unmöglich macht zu erkennen, woraus sie zusammengesetzt ist.

Babel begegnen wir erstmals im 11. Kapitel des 1. Buches Mose. Das Kapitel beginnt mit „Und die ganze Erde hatte eine Sprache und dieselben Worte.“ Im Original heißt die „eine Sprache“ saphah echat. Saphah ist auch Lippe, Ufer und Grenze und „dieselben Worte“ debarim echadim. „Echadim“ ist die Mehrzahl von echad, eins. Die Eins in der Mehrzahl? Grammatikalisch kann man es so drehen, dass es passt, aber vielmehr geht es darum, dass die Ursprache in allen Wörtern (debarim) die Beziehung zur Eins hat (echadim). Genauso wie jedes Blatt eines Baumes Verbindung zur Wurzel haben muss, so hat auch in der heiligen Sprache jedes Wort noch die Verbindung zur Quelle. Nur hier in 1. Mose 11 kommt dieser Ausdruck von debarim echadim in der Bibel vor.

Mir fällt ein, dass in unseren Überlieferungen auch gesagt wird, die Völker, welche die Bibel nennt, könne man in der Welt heute nicht mehr wiederfinden. Denn mit der Verwüstung des Tempels durch Nebukadnezar, den König von Babel, hebt eine ganz andere Welt an.
Und Nebukadnezar mischt die Völker, er verwirrt, er zerstört eine Ordnung. Er entwurzelt Völker aus ihren Ländern, pflanzt sie anderswo ein. Ein großes Durcheinander entsteht. Das Amalek der Bibel existiert nicht mehr gesondert, geordnet in Zeit und Raum. Es besteht jetzt im Menschen, in jedem Menschen. Mit den anderen Völkern ist es das gleiche. Das heißt, vieles, das anfangs bewusst ist, klar außen sichtbar ist, geordnet ist, verschwindet aus dieser Klarheit und geht in den Menschen hinein, also in das, was wir das Ich nennen, die Person, das Reservoir, oder, kürzer und moderner gesagt: in das Nichtbewusste.

Weinreb, Das jüdische Passahmal, Seite 29 ff

Das hebräische Wort für Sintflut ist >mabul<, 40-2-6-30. Es beinhaltet unter anderem auch >Vermengung< im Sinne eines ungeordneten, wirren Durcheinandergeworfenseins. Das Wort >Babel< steht damit im Zusammenhang. Diese Vermengung geschieht dadurch, dass die Wasser von unten und die von oben, beide über ihre Grenzen treten und sich miteinander vermischen. Am zweiten Schöpfungstag hatte Gott die Scheidung gemacht zwischen den Wassern unten, die die Erde wurden, und den Wassern oben, die der Himmel wurden. Durch diese Scheidung wurde das individuelle Leben am dritten und den folgenden Tagen möglich. Mit dieser >mabul< aber wird diese Scheidung wieder aufgehoben, und damit wird das individuelle Leben, so wie es sich äußern konnte, ebenfalls vernichtet.

Weinreb, Schöpfung im Wort, Seite 447

Hier unten leben wir in der Welt der vier Exile. Durch alle vier Exile müssen wir hindurch, bis wir zur Erde kommen, zum Ton. Das Bild bei Daniel zeigt, dass alles auf dem Ton fußt, auf »tönernen Füßen« steht. Die vier Exile zeigen dem Menschen: So ist dein Leben, es ist wie die Nacht. Exil bedeutet Gefangensein unter Mächten, die man nicht verstehen kann.
Die Exile haben Könige. Das erste, das von Babel, hat Nebukadnezar, der die Welt vernichtet, den Tempel verbrennt; die Wohnung Gottes hat dann keine Heimstatt mehr hier. Über das Reich von Persien und Medien herrscht der König Achaschwerosch (Xerxes oder Artaxerxes, wie man ihn heute nennt); das Exil von Jawan beherrscht der Griechenkönig und das vierte, von Edom, der Römerkönig.
Diese Könige erscheinen hart und herrschen voller Willkür; so sind auch Welt und Leben, hart und enttäuschend, man kann sie nicht verstehen. Unser Tun beherrschen diese Könige, die Herrscher dieser Welt. Sie tun, was von uns getan wird. Sie sind hart und voller Willkür, ja grausam. Sie zwingen uns, hier zu leben.
Was ist unser Leben hier? Sollen wir im Exil untergehen? >Nein<, ist die Antwort, >du sehnst dich doch nach der Erlösung.< Erlösung bedeutet: Erlösung aus dem Zwang, Erlösung aus dem Gefühl, sich als Opfer des selbstauferlegten Zwanges zu erleben, dies oder jenes tun zu müssen. Erlösung meint auch, dass der Mensch frei seiner Umgebung gegenübersteht; er braucht nicht mehr zu spielen, was seine Umgebung von ihm verlangt.

Weinreb, Traumleben 1, Seite 155 ff

Denn wenn wir die Tempelverwüstung durch Nebukadnezar nicht berücksichtigen, dann berücksichtigen wir ganz Babel nicht. Aber Babel bedeutet doch Verwirrung, und wie kann man einfach wegwischen, dass man verwirrt ist? Ist doch eine Unverschämtheit, eine Frechheit, zu tun, als ob alles „normal“ weitergehe.
Denn die Verwirrung, Babel also, kam von den drei bekannten Sünden jener Welt:

1.) Blutvergießen (sch’fach dam)
2.) Götzendienst (awodah sarah)
3.) Unzucht (giluij arajoth)

Dass das Exil in Babel 70 Jahre dauert, wie es heißt, lässt die Frechen sagen: „Wir zählen einfach 70 Jahre jetzt“, ohne zu bedenken, dass sie verwirrt wurden.

Weinreb, Der biblische Kalender, Tammus, S. 83

Wenn der Mensch die „eine Sprache“ (die Sprache, die noch mit der Eins verbunden ist) missbraucht, verliert er seine Klarheit. Das ist bereits dann der Fall, wenn man die Erlebnisse des Alltags nicht als von der „anderen Seite“ geschickt sieht.

Hier eine nähere Beschreibung dessen, was diese drei Punkte anbelangt, durch welche der Mensch

a) seiner Beziehung zur Quelle verlustig geht
b) die es ihm auch unmöglich machen, den Weg zurückzugehen
(solange er daran festhält)

1.) Blutvergießen – sch’fach dam

Das Blut steht für das Gleichnis (dam, domeh). Wenn man dem Nächsten aberkennt, dass auch er im Bild und Gleichnis Gottes ist, vergießt man dessen Blut, so die Deutung. Der damit in Verbindung stehende Bibelvers ist 1. Mose 9, 6:
Wer Menschenblut vergießt, durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden; denn im Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.

Diese Würde trägt jeder Mensch ungeachtet dessen, was er in diesem Leben geleistet hat. Solange sich ein Mensch seiner Leistungen rühmt, ist bei ihm diese göttliche Würde genauso innerlich begraben, wie bei dem, der sich versteckt, weil er sich wertlos fühlt.
Zuerst soll sich jeder darüber bewusst werden, in wessen Bild und Gleichnis er selber ist. Dann wird er auch nicht mehr der Zustimmung anderer bedürfen. Die Welt erkennen wir nur insoweit, wie wir uns selbst erkennen. Das Verurteilen und Kritisieren anderer mit der Absicht, diese zu demütigen (!), hängt mit dem Nicht(an)erkennen der eigenen Würde zusammen.

Das hebr. Wort schafach, 300-80-20, für Vergießen kommt nur in zwei Situationen im 1. Buch Mose vor. Einmal im oben zitierten Vers (dort gleich doppelt), und das andere Mal verwendet es Ruben, indem er sagt:
Vergießt nicht Blut; werft ihn in diese Grube, die in der Wüste ist, und legt nicht Hand an ihn – damit er ihn aus ihrer Hand errettete, um ihn wieder zu seinem Vater zu bringen.“
(1. Mose 37,22)
Ein Vers zuvor sehen wir die Verbindung (Vers 21): „Und Ruben hörte es und errettete ihn aus ihrer Hand und sprach: Lasst uns ihn nicht totschlagen!“
Wörtlich steht dort: Nicht (lo) schlagen (nakah) Seele (nephesch). Die Bibel erzählt an dieser Stelle, dass das Blutvergießen nichts anderes als das Schlagen der Seele ist. Das für Schlagen verwendete Wort nakah, 50-20-5, bedeutet etym. (Engl.) disabel und ferner destroy the capability of. Also die Seele ausschalten bzw. ihre Fähigkeiten zerstören.

Weinreb nennt hierzu einige Beispiele:

Beschämen eines Menschen oder indem man Böses von ihm sagt. Der Mensch lebt doch im Gleichnis Gottes, und »dam«, Blut, ist vom selben Stamm wie »dome«, gleichen. Blut ist vergossen, wenn das „Gleichnis“ geschändet wird. Das kann zum Beispiel bei einer Prüfung geschehen, wo der Prüfer dem Kandidaten, der schon zittert und schwitzt, einmal zeigen will, dass er es nicht kann, und ihn weiter zappeln lässt. Das ist „Blutvergießen“, ohne Zweifel.

Weinreb, Wort Sprache Sprechen, Seite 310

Wenn du einen Menschen, der Gott ähnlich ist, seine Würde von Gott hat, zum Beispiel einen Schuft nennst, dann beleidigst du ihn, »vergießt sein Blut«. Nur schon im Stillen es bei dir zu denken, ist sehr gefährlich; aber die Konsequenz ziehen und es aussprechen – das ist schrecklich, Mord ist das.

Weinreb, Markus-Ev, Seite 637

> Selbst wenn man nur Böses sucht, Informationen sammelt, um einen Menschen in schlechten Ruf zu bringen, ihn zu erniedrigen, und diese Dinge dann weiterzuerzählen, ist Blutvergießen. Wer das tut, kommt nicht in den Tempel hinein, denn der Ausgangspunkt des menschlichen Seins ist, dass er seinem Mitmenschen liebend gegenübersteht. Böses ist immer ein Hindernis zur Liebe. Böses reden, ist destruktiv, bricht den Menschen ab. Das Leben des Menschen fließt doch, ändert sich in der Zeit: Einen Moment ist er vielleicht gar nicht gut, im nächsten Moment wohl. Deshalb darf man ihn nicht festnageln, indem man sagt, das und das hat er getan. Vielleicht hat er es getan, aber der Weg geht weiter. Wer Böses redet, kennt den Weg nicht, will erstarren lassen – eine Sünde! Das gilt nicht nur für das Reden über andere, sondern auch für das Reden über sich selbst. Wenn man sich in Schuldgefühlen erstarren lässt, gibt es keinen Weg. Durch den Weg aber, nur durch den Weg, bist du frei von Schuldgefühlen.

Das chassidische Narrenparadies, Seite 243

> den Menschen von seinem Platz als Mensch wegholen, ihn erniedrigen, beleidigen, herabsetzen; >töten< ist also ein Angriff auf das Bild Gottes hier in der Welt. In der Überlieferung wird »schfichath damim« immer mit „Schin Daleth“ abgekürzt. 

Das Opfer in der Bibel, Seite 47 ff

Schin-Daleth ergibt auch das Wort sched, das man üblicherweise mit Dämon übersetzt, was aber unzulänglich ist. Schon wenn jemand sagt »ach, das hat sowieso alles keinen Wert«, spricht man von einem sched.
Schin-Daleth als schad ausgesprochen ist eine (Mutter-)Brust. Man trinkt nur von einer Seite. Einseitigkeit ist zugleich Lüge, weil die andere Seite fehlt. Lüge ist im alten Wissen nicht dadurch definiert, dass etwas falsch ist, sondern es ist ein bewusstes Streichen der anderen Seite. Nur Jenseits und Diesseits als Einheit sind die Doppelheit, worin sich auch Liebe ausdrückt, denn Liebe braucht zwingend ein Gegenüber, der sie sich schenken kann.

Aber unter „Blutvergießen“ fällt zum Beispiel auch, wenn jemand nicht eingeladen wird, den man hätte einladen müssen, oder wenn man etwas oder jemanden vergisst … Im allgemeinen bedeutet „Blutvergießen“ einem Menschen die Würde nehmen. 

(…) bedenken Sie, dass Sie ein Mensch sind!, das andere, das so tötet, ist nur ein Tier. Beleidigungen können manchmal sehr subtil sein. Zum Beispiel wenn der, mit dem man gerade spricht, sich einfach umdreht, das ist auch eine Beleidigung. Im Talmud wird von einem sehr einflussreichen Mann erzählt, den man zu besuchen pflegte, um ihm Fragen zu stellen und von ihm zu lernen. Eines Tages kam eine Frau herein, die ihn auch etwas fragen wollte. Er war aber gerade damit beschäftigt, seinen Schuhriemen festzubinden und wandte sich der Frau erst zu, als er damit fertig war. Die Frau, die währenddessen dastand und gar nicht wusste, ob er sie überhaupt bemerkt hatte, geriet in so große Verlegenheit, dass sich der Weise später sagen musste: Was ich da getan habe, war erniedrigend für die Frau, war »schfichath damim«, war Blutvergießen.
So etwas geschieht oft im Alltag. Es gibt zum Beispiel Menschen, wahre Bürokraten, zu denen geht man hinein, und dann müssen sie erst noch den Satz fertig schreiben, mit dem sie gerade beschäftigt sind, denn das sieht >wichtig< aus! Oder man lässt Menschen absichtlich ein Weilchen im Vorzimmer warten, damit sie zu würdigen wissen, dass man sich überhaupt Zeit nimmt, sie zu empfangen. Wenn man anderes wichtiger findet, als einen Menschen nicht zu beleidigen, so ist das »schfichath damim«

Das Opfer in der Bibel, Seite 47 ff

2.) Götzendienst – awodah sarah

Das ist eigentlich gemeint mit »Götzendienst«, »awodah sarah«, 70-2-6-4-5 7-200-5. »Sar«, 7-200, fremd; »ser«, 7-200, Kreis, Außenseite, Zirkel; »sara«, 7-200-1, Abscheu. Dieses »sar« will also sagen, dass du dich vom Wesentlichen distanzierst. Du verbannst alles an die Außenseite. Das kommt davon, wenn man dem Kreis dient, denn dort liegen die Dinge nebeneinander. Der Kern dagegen ist ein unsichtbarer Punkt außerhalb von Zeit und Raum. Es ist nicht einmal ein Punkt, es ist eine Null, nur ein gedachter Punkt, könnte man sagen, der gar nicht existiert. So etwas hat man nicht gerne. Man schiebt es beiseite und sagt lieber: Das ist ein heiliger Ort! 

Weinreb, Das Buch von Zeit und Ewigkeit, Seite 281

Der hebr. Begriff ser, 7-200, bedeutet auch fremd (dann sur, 7-6-200). In der Außenwelt fühlen sich die Menschen einsam und unverstanden. Innen im Zentrum ist unser Zuhause. Ser bedeutet auch trennen und distanzieren, und das ist nicht verwunderlich, denn je größer der Radius eines Kreises, desto weiter liegen die Speichen eines Rades nach außen hin auseinander. Im Außen bleiben wir „Out-Sider“. 🙂

Unsere Aufgabe besteht darin, außen und innen miteinander zu verbinden, so wie es die Speichen eines Rades machen. Der „Götzendiener“ sucht diese Verbindung nicht. Er bleibt im Außen gefangen, weil er die innere Wirklichkeit leugnet. Der „In-Sider“ wendet sich dem Innen zu wie der „verlorene Sohn“ in Lukas 15. Bei seiner Umkehr in Vers 17 heißt es auch, dass er (griech.) „eis eauton“ geht, sich also nach innen wendet (εἰς ist aus εν en in + σε hin zusammengesetzt und meint wörtlich: Bewegung in bzw. hinein). 

Dort kommt ihm die Er-Innerung. Er gedenkt der „Tagelöhner“ (wörtl. „der nur um Lohn Arbeitenden“) in seines Vaters Haus. Doch nur er bezeichnet die Diener im Vaterhaus auf diese Weise. Diese Aussage zeigt die Verzerrung seiner Erinnerung. Denn in Lukas 15,22 ist im Vaterhaus nicht von Lohnarbeitern, sondern von (griech.) dulos, Dienern die Rede. Das ist die griech. Entsprechung zum hebr. ewed (Diener, Knecht). Es ist der Dienst im Innen, der „Innendienst“ als Gegenpart zum „Außendienst“, dem awodah sarah.

Weinreb sagte einmal: „Der Dienst im Innen ist der einzige Dienst, der nicht drückt oder belastet.“ Innen gibt es kein Tun „um zu“. Man tut umsonst. „Es tut sich“. Das Dienen von innen heraus in Freude ist nur dann möglich, wenn man das Außen kennengelernt hat.
Der andere Sohn, der nicht „in der Welt“ war, dient auf dem Feld in der Nähe des Vaterhauses. Auch er ist außen, aber nicht so weit. Es gibt ein Dienen, das eher ein beziehungsloses Funktionieren ist. Feld, hebr. sadé hat prinzipiell mit Saat und Ernte, also Ursache und Wirkung zu tun. Das Feld ist unbeweglich, doch ohne das Unbewegliche gibt es keine Bewegung. Beides bedingt einander und beides ist in uns selbst da.

3.) Unzucht – gilui arajoth

>Unzucht treiben<, »gilui arajoth«, 3-30-6-10 70-200-10-6-400; »gilui« heißt >aufdecken<, >die Form – »gal«, 3-30 – zeigen<, und »arajoth« kommt von »erja«, 70-200-10-5, was >Blöße<, >Nacktheit< bedeutet. »Arajoth« ist der Plural von »erja«; so lässt sich der ganze Ausdruck übersetzen mit: >der Blöße Ausdruck geben<. Das bedeutet, den Körper als Körper zeigen, und zwar im umfassendsten Sinn des Wortes, denn man will auch auf allen anderen Ebenen dem Körper >Ausdruck geben< und das ist eigentlich >Unzucht<. Man legt den Nachdruck auf etwas, das auf jeden Fall ohne Nachdruck und bedeckt bleiben sollte, denn es handelt sich hier um den Baum der Erkenntnis. Man muss daran vorbeigehen, darf es nicht >aufdecken<. Und dieses »gilui arajoth«, das zum »behema*« gehört, wird mit >Gimmel Ajin< abgekürzt. 

* behema sind die sog. Opfertiere, insbesondere die großen.

Weinreb, Das Opfer in der Bibel, Seite 49

Je mehr sich der Mensch Gott nähert, desto mehr bekleidet er sich, desto mehr erkennt er die Bedeutung der Hülle. Mit dem Eintritt in den Tempel verhüllt sich auch das Wort. Erlebnisse können maximal umschrieben werden. Beim Versuch sich auszudrücken wird das Erlebte verzerrt. Der kohen (Priester) bspw. trägt vier Kleidungsstücke. Beim Hohepriester, dem kohen gadol, der bis ins Allerheiligste geht, sind es genau acht verschiedene Kleidungsstücke, in die er sich hüllt. In der Umhüllung der Acht wird das Allerheiligste erreicht. Der Priester begegnet uns in der Vier dieser Welt. Der Priester ist im alten Wissen der, der uns unruhig macht, der uns aufweckt und der uns daran hindert wieder einzuschlafen. Seine Aufgabe ist es, uns von außen nach innen zu führen. Er bewirkt bei uns auch eine Unzufriedenheit mit der Welt.

Der sich vom Zentrum entfernende Mensch legt die Kleidung ab. Es wird ihm zum Bedürfnis die „nackte Wahrheit“ zu zeigen, weil er glaubt, dass er durch Enthüllung zur (Er-)Lösung kommt. Doch genau dadurch verliert er selbst seine Hülle, die im Anfang aus Licht besteht. Licht, hebräisch or, 1-6-200, wird zu or, Haut, nun aber mit der ayin, der 70 geschrieben (70-6-200). Aus der Einheit wird die nicht mehr zählbare Vielheit.
Das Verlieren bzw. Ablegen der Kleidung wird im alten Wissen als das Ablegen des Lebens verstanden (… des Tages sollst du sterben – 1. Mose 2,17). Das Innere (der Mann) wird durch die Enthüllung der Materie (Frau) gereizt wodurch der Fokus mehr und mehr auf das Ausnutzen und den Gewinn gerichtet wird. Letztlich geht es nicht mehr um das Finden von Wahrheit, sondern um Genuss und Spass in Verbindung mit der Ausübung von Macht: „ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3,5)

In letzter Konsequenz ist gilui arajoth auch das provokative Zeigen der Haut, die das Grenzorgan zwischen außen und innen darstellt. Das Zeigen der (Geschlechts-)Organe, die die neue Generation hervorbringen, ist zugleich ein Verweisen auf die Vergänglichkeit und den Tod. Der Mensch leugnet damit, so wird gesagt, dass er ewig ist. Entblößung wird als Ausdruck eines Rausches gesehen. Noach missbraucht die Errettung zum eigenen Genuss. Er wird zum isch adamah (Mann der Erde), wodurch er sich vom Kern nach außen hin bewegt. Diese Bewegung geht mit Leichtsinn einher. Gemäß Soforno in „Die Mitzwot“ ist Nacktheit und Leichtsinn identisch.

Dass man heute körperliche Begegnungen in bewegten Bildern festhält, drückt ebenso die Ferne des Menschen vom inneren Zentrum aus. 

Im NT lesen wir von Babylon als Mutter der Huren (Offb. 17,5). Hurerei, eher ein altes dt. Wort, lautet im Griechischen porneia und eine Hure ist eine porne. Porneia drückt ein Einswerden ohne Liebe aus, also eine Verbindung ausschließlich um „Nutzens willen“. Es ist die Beziehungslosigkeit par excellence. Der Verlust jeglicher Beziehung mündet in dem was das Wort Babel bedeutet, in Verwirrung und Haltlosigkeit. Es ist gleichermaßen auch das Veräußern des Wortes, der Buchstabenglaube und das A priori-Stellen der Grammatik, die Menschen durch Analysen abgeleitet haben. 

Im modernen Hebräisch ist ein Pornofilm ein seret kachol. Seret, 60-200-9 (Band, Film, Farbband) + kachol, 20-8-30 (blau). Ein Pornofilm ist somit ein »blauer Film« (Blue Movie). Blau ist im alten Wissen die Farbe des Westens, dem Ort wo die Entwicklung am weitesten fortgeschritten ist. Der Turm zu Babel sucht ebenso die Verbindung zum Blauen (des Himmels), zum Blauen „oben“. Das Himmelblau (hellblau) wird hebräisch thecheleth, 400-20-30-400, genannt, identisch mit der blauen Flamme des Feuers, das die Form der Materie auflöst. Kachol als Blau aus der benannten Filmkategorie kommt in der Bibel nicht als Farbe vor. Es wird nur 1x verwendet (Hes. 23,40), dort aber mit schminken übersetzt. 

Wer keine Zahlenallergie besitzt, kann noch etwas mehr erkennen: Das himmlische Blau ist zusammengezählt 850, wesentlich (also ohne „Nuller“) 85. Die 85 aber spiegelt die 58 von kachol. 85<>58. So spiegeln die Wasser hier unten das Blaue des Himmels oben.

Das Blau des Himmels verhüllt bei Tage den Blick auf das All und die Sterne. Thecheleth hat sprachlich auch mit dem kethoneth, dem Kleid zu tun, das Gott dem Menschen und seiner Frau macht (siehe 1. Mose 3,21). Auch Joseph erhält ein kethoneth von seinem Vater Israel (1. Mose 37,3). 

Das irdische Blau für sich alleine genommen enthüllt, seziert und entreißt das Verborgene seiner Hülle. Der mit dem Blauen assoziierte Westen will alles bis in die letzte Konsequenz wissen. Scham vor der Materie gibt es längst nicht mehr. Das diesseitige tiefe Blau gilt als kalte Farbe und ist für sich genommen auch Ausdruck für kühle Klarheit, die zugleich auch bei manchen Menschen Angst hervorruft (tiefe Gewässer). Erst in der Verbindung mit dem Himmel entsteht beim Menschen etwas vom Staunen über die Größe und die Weite des Ganzen. Beim Hineintauchen in die Zeit (Wasser) wird das Blau immer dunkler und schwärzer. Beim Hinaufsteigen in den Himmel wird das Blau immer heller bis hin zum Weiß. Es heißt, das (Himmel-)Blaue sei der Thron, auf dem das Weiße ruht (siehe auch „Vor Babel, Seite 317).
Könnte aus dieser Verbindung des Blauen oben mit dem Blauen unten beim Anblick des Meeres etwas in uns angesprochen werden, dass uns an unser wirkliches Zuhause erinnert?

Blau oben und Blau unten

Babylon, die Mutter der Huren

Das hauptsächlich für Hure verwendete Wort lautet im Hebräischen sona, 7-50-5, ein Begriff, der auch Ernähren bedeutet und mit „gut genährt“ bzw. „im Wohlstand lebend“ in Verbindung steht. Das Prinzip besteht darin, dass die Frau (Welt / Materie) den Mann (Gott / Schöpfer) als Ernährer braucht. Durch das Emanzipieren verliert die Welt ihren Ernährer (Erfüller / Sinngeber) und ist nun darauf angewiesen sich nach Leistungskriterien anzubieten. Wie verkaufe ich mich am besten? Was habe ich zu bieten?

Babel ist das erste von vier genannten Exilen. Das hebräische Wort für Exil, galuth, hat direkt mit Formwerdung zu tun. Wenn ein Mensch in die Form dieses Lebens kommt, verliert er die Klarheit, die Orientierung. Das Äußere stimmt nicht mit dem Inneren überein. Die Zusammenhänge sind gekappt. Wohin sehnt sich der Mensch? Babel wird „Mutter der Huren“ genannt. Aus ihr, aus der Verwirrung kommen die Charakterzüge einer „sona“ in Vielheit hervor:

  • Sie bietet sich an und verkauft sich
  • Sie bedeckt ihr Gesicht wie Tamar (bei Jehuda, 1. Mose 38,15) [sie gibt ihre wahre Identität nicht preis. Sie spielt um Nutzens willen etwas vor.)
  • Es gibt bei ihr kein Geheimnis (mehr) – alles wird mit allen geteilt
  • Sie ist an keinen Mann gebunden [es besteht keine Beziehung mehr zu Gott]
  • Sie steht für den Kreis, der keine Beziehung mehr zum Kern hat. Dieser Kreis bleibt nicht konstant, sondern weitet sich immer mehr aus.
  • Frucht (Kinder) sind nicht erwünscht. [Sie sieht die Zukunft schwarz.]

(…) „neigst du in deinem Leben zum Chaotischen? Bist du besessen davon, die Feinde auszurotten? Predigst du, wie erleichtert, den Untergang der Welt durch Luftverschmutzung, durch Kernenergie? Dann zeigt sich, dass du in deinem Nichtbewusstsein, in deiner Verborgenheit dieser Hure Sympathie schenkst.“

Weinreb, Innenwelt des Wortes im NT, Seite 162

Diese Gesinnung ist im Menschen, der in erster Linie zeitlich orientiert ist, innerlich lebendig. Das Wort Babel wird im Original aus nur zwei verschiedenen Buchstaben gebildet, der beth und der lamed. Mit diesen Zeichen wird auch Herz, leb bzw. lew, 30-2, geschrieben. Babel selbst ergibt rückwärts gelesen das zweite Wort für Herz: lewaw, 30-2-2. Eine „Herzensangelegenheit“ bekommt in dieser Gesinnung einen ganz anderen Charakter.
Vom König Nebukadnezar, dem König von Babel, heißt es:

„Er gedachte in seinem Herzen: Ich will über die höchsten Wolken fahren. Da machten der Herr ihn merken, dass er nur Fleisch und Blut war, und sprach zu ihm: Man wird dich von den Menschen verstoßen, und du wirst Gras fressen.“

Sagen der Juden

Babel ist vordergründig keine plumpe große Sache, sondern eine versteckte Überheblichkeit, die den Einflüssen der schedim (Dämonen) gegenüber offensteht. Dadurch ändert sich das Denken des Menschen. Das zeigt sich auch bei Nimrod, der, wie es heißt, den Weg des „ra“ (Bösen) mehr als jeder andere zuvor geht. Er fängt auch an die Wege des „ra“ zu lehren. Sein Sohn Madron übertrifft ihn noch darin. Dieser erhält dann den Namen Amrafel (1. Mose 14:1), weil alle seine Heere und Menschen beim Turmbau zu Babel umkommen.
[Amrafel bedeutet „seine Rede ist finster“ – er gilt auch als Ursprung von Streit und Krieg. Er bringt durch seine düstere Sprache viele Menschen auf den Weg des „ra“].

Amrafel wird einer Überlieferung nach durch Abraham getötet. Das will sagen, dass der Glaube die Kraft besitzt, die Wege des Destruktiven zu beenden. Vertrauen gründet auf Liebe und die ist stark wie der Tod (Hohel. 8,6).