Es gibt einen Hunger im Menschen, der sich durch keinen weltlichen Besitz und keine erreichten Ziele stillen lässt. Dieses Verlangen zieht zu einem Ort, der im Bewussten nicht bekannt ist. Der Hunger des Körpers kann gestillt werden und das Bewusstsein kann ob der Eindrücke und deren Verarbeitung ermüden, aber etwas in uns schläft nicht und ist niemals satt. Es ist unsere Seele, unsere Neschama.
Der Thron der Herrlichkeit als Heimat der Seele
Der Sohar lehrt, dass unsere Seelen „unter dem Thron der Herrlichkeit“ ausgehauen wurden – wir sind Fragmente des Unendlichen, die in die Endlichkeit geworfen wurden.
Es wird erklärt, dass der Körper aus der unteren Welt stammt, die Seele jedoch von oben, direkt vom KISSE HAKAVOD (Thron der Ehre/Herrlichkeit). Das Wort „ausgehauen“, CHATZAV (חצב), soll ausdrücken, dass die Seele wesensgleich mit dem Göttlichen ist, so wie ein Stein aus demselben Material besteht wie der Fels, aus dem er geschlagen wurde. In Bezug auf die Seele findet sich hier der Steinmetz (der ebenfalls CHATZAV heißt), der beim Herausschlagen eines Teiles aus der Einheit Funken erzeugt. Die Idee ist, dass jede Seele aus der Einheit herausgeschlagen wurde und mitsamt den Funken ihren Weg im Körper antritt, um das Feuer des Ewigen im Irdischen zu entzünden.
Weiter heißt es (in Schabbat 152b), dass „die Seelen der Gerechten unter dem Thron der Herrlichkeit verborgen (aufbewahrt) sind“. Der Thron wird dort als „Heimatort der Seele“ bezeichnet.
Der Midrasch Tanchuma (Pekudei 3) erzählt, dass alle Seelen, die jemals geboren werden, bereits seit der Schöpfung existieren und dort (am Thron) auf ihren Einsatz warten. Der in die dt. Sprache übernommene „Thron“ ist ein gekürztes griechisches Wort für „Stuhl“ (θρόνος). Im Laufe der Zeit wurde daraus ein spezieller Begriff für den Regierungssitz eines Königs.
Der andere Thron – wie man gerade nicht zur Ruhe kommt
Das hebräische Wort für Stuhl bzw. Thron nennt sich KISSE (כסא).
Jeder dieser drei Buchstaben wird als Anfangsbuchstabe eines neuen Wortes gelesen, das mit einem Thema verbunden ist, welches einem Menschen zum Verhängnis wird, wenn er denkt, dadurch zur Ruhe zu kommen. Diese drei Wörter sind:
- KESEF (כסף) ist das Geld (Tauschmittel, das unabhängig macht)
- SUS (סוס) ist das Pferd (Aggression, Leidenschaft, Kampf und Militär)
- ISCHAH (אשה) ist die Frau (Leugnung eines Erzeugers)
Das Geld
Alle drei sind in sich ruhelos und warten auf den Menschen, dass er sie an ihre eigentliche Bestimmung bindet. Die Beziehung zum Geld zum Beispiel ändert sich schnell, sobald sich ein Mensch als das erkennt, was er ist: ein Verwalter. Sieht er sich als Besitzer, kehrt sich die Beziehung um und der Mensch wird vom Geld besessen. Dadurch gelangt er in den Wahn, dass ihm das Geld Macht verleihen würde. Der mit dem Ewigen verbundene Mensch sieht sich selbst als Treuhänder im positivsten Sinne, der das ihm Anvertraute immer zugunsten des eigentlichen Besitzers investiert. Die Bedürfnisse eines solchen Verwalters sind dem Besitzer sehr gut bekannt, und dieser wird sich selbst darum kümmern, jenem das Nötige zuteil werden zu lassen.
Das Pferd
Das Pferd ist in der Bibel kein Tier für tägliche Arbeiten, sondern für besondere Zustände wie einen Krieg, der nur strategisch ausgeführt werden kann, wenn es eine Hochgeschwindigkeitsinformationstechnologie gibt (siehe Esth. 8:10).
Pferde stehen für beides. Heute könnte man sie als eine Hochleistungs-Kriegsmaschine übersetzen, die dem „Reiter“, der darüber verfügt, auch als Steigbügel zur Arroganz dient.
Auf einen einzelnen Menschen bezogen steht das Pferd für eine starke Leidenschaft, die ungezügelt eine Schneise der Verwüstung hinterlassen kann. Wird sie gelenkt, kann diese Kraft zu einem Durchbruch verhelfen, wo der Verstand (Reiter) versagen würde. Auch Leidenschaft und Aggression sind, wie es Pferde zeigen, nicht einseitig, sondern bedürfen eines Reiters, der sie bändigen, lenken und gezielt einsetzen kann.
Die Frau
Der dritte Punkt ist die Frau (אשה), die im Wort sowohl „das Feuer“ (האש) als auch „ich Lamm“ (א-שה) trägt. Das Lamm steht für die jüngste Erscheinungsform von Schaf und Widder. Dadurch hat es eine starke Verbindung zur Welt der Formen Ägyptens, wo es auch als Repräsentant des Ursprunges der materiellen Welt als Abgott verehrt wird (Chnum, Amun). Es steht an der Schwelle zwischen der unsichtbaren und der sichtbaren Welt, weshalb es von den Ägyptern als Ursprung und Ursache des sich Zeigenden missinterpretiert wird. Die Frau steht auch an dieser Schwelle, weil nur sie neue Körper im Unsichtbaren wachsen lassen und ins Sichtbare entlassen kann. Die ägyptische Logik sagt dazu, dass die Frau deshalb auch der Ursprung des Kindes sein muss und leugnet damit den Erzeuger. Aber das Entsenden eines Kindes in die Welt durch die Geburt, bedeutet nicht, dass sie der eigentliche Sender ist. Im Wesentlichen ist sie der Empfänger. Sie empfängt, lässt im Verborgenen wachsen und gebiert. Die Geburt könnte man als „Sendung in die Welt“ bezeichnen, aber was ging dieser Sendung voraus? Die Frau muss Samen empfangen haben.
Samen, SERA (זרע), bedeutet als Wort, dass eine Distanz überbrückt werden muss, wozu es eines „Wurfes“ bedarf. Stellen wir SERA zu ESER (עזר) um, finden wir das Wort „Hilfe“, das aus denselben Zeichen besteht und dasselbe zu „erzählen“ hat. Die erste Hilfe in der Thora ist die ISCHAH (אשה), die Frau, die so „gebaut“ ist (בנה), dass sie schließlich den Samen, den SERA, empfangen kann. Es sieht ganz danach aus, als ob die Thora hier mit den Worten spiele und sagen würde: Das Weibliche ist dazu da, die Potenz des Ewigen zu einer Hilfe umzugestalten. Sprachlich wandert die Ajin (ע) am Ende von SERA nach vorn, wird zum Haupt des Wortes, und aus dem Samen wird die Hilfe, ESER. Es zeigt sich auch in der Biologie: Die Frau empfängt innerlich eine ungebundene Vielheit (70) von jemandem (den Samen), der gewöhnlich außerhalb von ihr ist. In der Mehrheit der Fälle bricht nur einer wirklich zu ihr durch und führt zur Befruchtung. Diesen einen lässt sie wiederum in eine gebundene Vielheit explodieren (Zellteilung/Bildung des Körpers im Gewebeverbund). Eine Hilfe im Sinne der Thora hat ihre Ursache außerhalb dieser Welt.
Die Hauptbedeutung des hebräischen ESER ist „auf eine Weise helfen, die die Verantwortung anderer verringert“. Die Frau sorgt also durch die Empfängnis dafür, dass aus dem Samen etwas erwächst, das Verantwortung übernimmt. Verantwortung bedeutet, imstande zu sein, Antworten zu geben. Diese Antworten stammen aus einem Zusammen-Kommen, einem Aufeinandertreffen verschiedener Welten, denn diese Welt alleine kann keine Antworten geben, die den Menschen wirklich befriedigen.
Jeder Samen ist ein Ausgestoßener, ein Botschafter einer anderen Welt, die durch ihn vertreten wird. Diese andere Welt bezeugt sich darin, dass Dinge in der Welt hier erscheinen und helfen. Vom Bild des Thrones ausgehend, sind wir selbst solche Botschafter, auch wenn wir uns als Ausgestoßene von dort und hier als Fremde empfinden.
Jeder Mensch ist in der Funktion des Empfangens „die Frau“. Was aus ihm hervorkommt, egal ob hörbar oder sichtbar, hat seinen Ursprung woanders. In Ägypten denkt man, dass es dieses „woanders“ gar nicht gibt. Man denkt, dass die eigene Wahrnehmung und die daraus resultierenden Schlüsse der Logik alles sind, was das menschliche Leben ausmacht. In der Konsequenz hat man dann „den Vater“, also den eigentlichen Erzeuger, ausgeschaltet und in Bezug auf das Kind entmündigt. Dem wirklichen Ursprung gegenüber empfindet man dann verständlicherweise keinerlei Verantwortung, weil es diesen in einer solchen Welt gar nicht gibt.
Diese drei Schwerpunkte machen den Thron des Pharaos aus. Oft kommen sie in Kombination, selten als Bedrohung, vielmehr als Angebot, das zu verlockend ist, um es auszuschlagen.
Nicht selten sieht man Regierende in einer starken Beziehung zu den Themen Geld, Wirtschaft, Kraft, Aggression, Militär, Datenerhebung, Geheimdienste, Lust und Luxus, gepaart mit einer gehörigen Portion Verantwortungslosigkeit, um sich selbst als Gott darzustellen, der alles in Händen hält.
Der Thron Pharaos: empathielose Gerechtigkeit
Wir können gehen und stehen und benötigen dazu nichts weiter als unseren Körper. Doch zum Sitzen bedarf es etwas, das eigentlich nicht zu uns gehört. Niemand wird mit einem Stuhl geboren. Er ist etwas, das nicht direkt mit uns zu tun hat. Er gibt nicht nur Ruhe, sondern verleiht auch Macht über andere. Man spricht heute noch von einer Ein-Setzung in ein Amt. Zu einer bestimmten Position gehört ein bestimmter Sitzplatz.
Die immer wieder verblüffende Exaktheit der Bibel bis ins kleinste Detail führt bei der ersten Nennung des Wortes KISSE (Thron) zu Pharao. Er beansprucht den Thron für sich (Gen. 41:40). Er spricht jedoch nicht von irgendeinem Thron, sondern von „dem Thron“, im Hebräischen HA-KISSE, wodurch eine Brücke zu seiner Gottesvorstellung gebaut wird. HA-KISSE (5+20+60+1) zählt 86, genau wie ELOHIM (1+30+5+10+40) und „die Natur“, HA-TEBA (5+9+2+70). In einfachen Worten: Pharaos Thron ist sein unbarmherziger Gerechtigkeitssinn, der sich allein an den Regeln der Natur orientiert, in der das Tier das höchste Wesen darstellt. Deswegen werden in Ägypten auch Tiere vergöttert. Kleine Jungen sollen in den Fluss geworfen werden, aber wehe, jemand tastet ein Tier an.
Das Töten des Lammes vor dem Auszug aus Ägypten ist deshalb ein Frontalangriff auf die Leitkultur der Ägypter. Das Voranstellen der Naturgesetze und das Verleugnen des Gesetzgebers dahinter, entwickeln eine Abscheu gegen die Seele. Die Ägypter verabscheuen die Hebräer.
Die Ägypter dürfen nicht mit den Hebräern essen, denn das ist den Ägyptern ein Gräuel. (Gen. 43:32)
Können, Dürfen und die Überwindung natürlicher Veranlagungen
Das „Dürfen“ (יכל), wie es im gerade zitierten Vers verwendet wird, hört sich nach Regeln an, die man befolgen soll. Darum geht es hier nicht. „Nicht dürfen“ bedeutet im Hebräischen genau wie z.B. auch im Portugiesischen „nicht können“, oder: Meine Angst davor ist zu groß, ich schaffe es nicht, mich zu überwinden. Mir fehlt die Kraft oder die Mittel reichen nicht aus, um bestimmte Dinge konkret anpacken und umsetzen zu können. Genau das bedeutet JACHOL.
Manchmal ist der Hinderungsgrund aber ein ganz anderer. Hierzu ein Bild aus der Natur: Vögel bleiben zum Menschen normalerweise auf Abstand. Singvögel gehen immer davon aus, dass sich ein Räuber in der Nähe aufhält, der die Nähe zu ihnen nicht aufgrund ihres schönen Gesanges sucht. Bei der Nahrungsaufnahme picken sie ein Korn, heben das Köpfchen und schauen sich um, schließlich könnte sich jemand genähert haben, auf dessen Nähe man ein Leben lang verzichten kann. Nur wenn die Luft rein ist, wird die Nahrungsaufnahme fortgesetzt.
Befinden sich Singvögel in einer begehbaren Voliere, ändern sie ihr Verhalten nicht automatisch, nur weil ihr Territorium begrenzt ist. Diese Begrenzung bringt eine Abhängigkeit von dem Begrenzer mit sich. Die Distanz zu der Person, die sie nun regelmäßig füttert, baut sich bei den Vögeln durch Gewöhnung etwas ab. Es kostet sie Überwindung, gegen ihre Natur die Nähe eines Menschen zuzulassen, der für sie auch ein potenzieller Räuber sein könnte. Bis sie schließlich auf der Hand landen, um ihre Körnchen aus der Handfläche zu picken, braucht es seitens des Menschen viel Geduld und seitens des Vogels den Abbau des inneren Widerstandes. Sobald sich der erste Vogel getraut hat und tatsächlich auf der Hand landet, kommt oft bald der nächste Vogel, der es seinem Artgenossen gleichtut. „Was der kann, kann ich auch.“ Der Vogel hat diese Nähe nie gewollt; es war der Vogelhalter, der Begrenzer, von dem dieser Wunsch ausging.
Wir werden in diese Welt wie in eine Voliere gesendet, die einige Abhängigkeiten mit sich bringt, die gewollt sind. Unsere Möglichkeiten sind deshalb begrenzt, weil es – wie es der Vergleich auch zeigt – einen Begrenzer gibt, der viel Geduld aufbringt, weil er hofft, dass wir entgegen unserer Natur, unseren Widerstand überwinden, um die Distanz zu verringern und näher zu kommen. Komm Gott ruhig näher, er tut dir nichts. Du bist der Grund, weshalb die Welt Grenzen hat.
Der Preis der Selbstbestimmung ist wie der Einkauf bei einem Betrüger: zu hoch.
Von Pharao und seinen Ägyptern wird gesagt, dass sie einen immensen Aufwand betrieben, um autark zu werden. Die völlige Unabhängigkeit von Gott und ein uneingeschränktes Selbstbestimmungsrecht hatten oberste Priorität. Um diese Ziele zu erreichen, nimmt ein Mensch, der im Sinne Ägyptens agiert, viel auf sich. Mit der Aussicht auf Unabhängigkeit und Wohlstand, zeigt er sich auch bereit, sich vollkommen den Regeln und Gesetzen dieses Landes zu unterwerfen. Man musste sie nur ausreichend studieren und sie entsprechend der gewonnenen Erkenntnisse gewinnbringend anwenden, und schon hatte man den Schlüssel gefunden, mit dem man das Schloss der Kette zwischen Schöpfung und Schöpfer aufschließen und die Verbindung aufheben kann. Dass man sich bei aller vermeintlichen Freiheit immer noch in einer Voliere befindet und nach wie vor abhängig ist, vergisst man mit der Zeit.
Ägypten und der Hunger der Seele – ich ahne nichts Gutes …
Ägypten wird in der Bibel zum ersten Mal als Ort genannt, wenn im Süden Kanaans eine Hungersnot entsteht, von der Abram betroffen ist (Gen. 12:10). Er zieht dann „hinab“ nach Mizrajim, das für Abram nicht irgendein anderes Land ist, sondern für ihn einen absoluten Kulturschock darstellt. Das Leben dort unterscheidet sich massiv von seiner Heimat. Wo er zu Hause ist, ist man vom Regen abhängig, wohingegen die Ägypter weitestgehend krisensicher durch ausgefeilte Bewässerungssysteme waren, die eine gute Ernte geradewegs garantierten.
Wie unser Vogel sich in der Voliere überwinden muss, um seinen Hunger zu stillen, so muss es auch Abram. Er fürchtet sogar, „dort unten“ erschlagen zu werden. Die Thora verwendet hier dasselbe Wort, wie beim Mord an Abel durch Kain (הרג). HARAG (erschlagen) macht aus einem Lebendigen eine Leiche. Körperlich ist noch alles da, aber es bewegt sich nichts mehr. Ein solcher Körper empfindet nichts mehr, egal, was man ihm antut. Eine Weile lang ist er noch warm, innerlich sogar am längsten, aber, je nach Umgebung, ist er bald mit seinem Umfeld „gleichtemperiert“.
„Erschlagen“ klingt grausam und ist es auch, doch das Hebräische macht mit diesem Verb auf etwas aufmerksam, das wir vielleicht nicht als grausam bewerten würden, obwohl dieses Urteil noch milde wäre. HARAG bedeutet eigentlich: Ich werde dich daran hindern, deine Ziele zu erreichen, wodurch du deine gesamte Lebendigkeit verlierst.
Das befürchtet Abram. Er kommt in eine Situation, die ihn zu einer Entscheidung zwingt, und die einzige Möglichkeit, die ihm bleibt, gefällt ihm gar nicht. Ägypten ist das Allerletzte, wohin er gehen will.
HARAG ergibt auch HAGER (הגר), wenn man es umstellt. Das ist „der Fremde“. Eine Fremde ist die Seele, wenn sie in den Körper zieht.
Das Zusammenkommen und Aneinandergewöhnen von Seele und Körper ist komplex und bedarf grundlegend zweier Gegebenheiten, die dem Verhalten des Singvogels in der Voliere sehr ähneln:
- Des Hungers, der Kraft zur Überwindung verleiht.
- Der Geduld dessen, der darauf wartet, bis sich die andere Seite überwindet.
Welch ein Paradox: Wer hungert, ist eigentlich geschwächt, doch mit der Aussicht auf Sättigung werden Kräfte mobilisiert, die natürliche Grenzen überwinden.
Eva zeigt auch ein Modell, sich zu überwinden, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Im Garten Eden motiviert sie nicht der Hunger zu handeln, sondern „der Wunsch nach mehr“. Ihr Begehren, wie es im Wort „Lust“ (תאוה) zum Ausdruck kommt, ist der Wunsch nach einer Selbstverwirklichung, die andere nur als Stufen einer Leiter benutzt, um selbst an die Spitze zu kommen. Diesem Verlangen zu folgen, hat jedoch seinen Preis. Der eigene Weg kostet, man kann ihn nicht gratis gehen, und obwohl man bezahlt hat, erhält man etwas anderes, als man hoffte. Die Gesinnung des Pharaos zeigt sich in Evas Verhalten, sobald sie alleine ist. Die Aussichten, die der NACHASCH (Schlange) verspricht, sind im Irdischen hoch angesehen und scheinen den Preis wert zu sein.
Abrams Aussichten auf Stillung seines Hungers sind genau das Gegenteil. Er will nicht hoch hinaus, er weiß, dass die Stillung eines Grundbedürfnisses nur durch ein „Hinab“ möglich ist. Ohne Umschweife verknüpft er Pharaos Regime mit dem, was Evas Sohn widerfuhr: Die Seele wird hier ausgeschaltet – Kain tötet Abel.
Die Seele stammt nicht aus dem Nichts
Dass unsere Seelen aus dem Thron Gottes „hervorgehauen“ (חצב) sind, bedeutet, dass sie nicht im Sinne eines BARA (ברא) aus dem Nichts geschaffen sind, sondern tatsächlich „ein Teil“ der göttlichen Sphäre sind. Andernfalls hätte kein Mensch eine Sehnsucht nach dem Ewigen, dem Unvergänglichen, dem Bleibenden. Wir tragen somit „ein Stück von oben“ in uns, wie auch jedes Kind „ein Stück“ vom Vater enthält.
Es gibt eine imposante Stelle in der Thora, die den Thron Gottes als Gegenentwurf zur pharaonischen Perfektion zeigt. In Ex. 17:16 wird vom Thron „Jahs“ (JHWH verkürzt) in Verbindung mit Amalek gesprochen. Im Original fehlen beim Wort für „Thron“ ein Zeichen und beim Namen Gottes zwei. Eigentlich erwartet man (כסא יהוה), doch es steht (כס יה).
Rashi kommentiert dazu: „Gottes Name ist nicht vollständig und Sein Thron ist nicht vollständig, solange der Name von Amalek existiert.“
Pharaos Thron ist ein schlüssiges System, das unumstößlich scheint. Die Ausstrahlung dieser Form der Macht, schafft eine kalte Unnahbarkeit. Rav Bachya ergänzt zu den fehlenden Buchstaben sinngemäß: „Solange Amalek (im Leben eines Menschen existiert), ist der Zugang zu Gottes Thron eingeschränkt. Das Fehlen der beiden letzten Zeichen im Namen Gottes läuft auf das Gleiche in Bezug auf die persönliche Beziehung hinaus.“
Eingeschränkt sind dann sowohl die Fähigkeit, selbst barmherzig zu sein, als auch das Empfinden, sich von Gott geliebt zu fühlen.
Gottes Thron wartet hier auf die Aktivität des Menschen, die darin besteht, sich konkret gegen „Amalek“ zu stellen. Der erste Teil des Namens Amalek, AMAL (עמל), hängt mit Arbeit, Mühe und Leistung zusammen; der zweite Teil, MALEK (מלק), wird das Abtrennen eines Kopfes eines Vogels genannt. In der Sichtweise, dass bestimmte Vögel eine Entsprechung für die Seele sind, bedeutet es, dass die Seele „enthauptet“ wird, nicht mehr singt und sich nicht mehr gen Himmel erheben kann.
Das Wort AMALEK (70+40+30+100) zählt genau wie SAFEK (60+80+100) 240. SAFEK (ספק) ist der Zweifel und die Skepsis. Mit dem Namen Amalek wird deutlich, dass Verzweiflung damit zusammenhängt, dass man den Weg wegen eines Verdienstes geht. Man hat Konsequenzen auf sich genommen, Verluste in Kauf genommen, so viel getan, aber das Erwartete blieb aus. Es geschah einfach nichts. Wäre etwas vom Erwarteten eingetroffen, würde sich das schnell herumsprechen und auf einmal gäbe es viele Nachahmer.
Amalek ist der Teil in uns, der konkrete Ergebnisse sehen will, weil man für X, Y und Z gesorgt hat. Dann kommt der Zweifel und zu dem gesellt sich irgendwann eine Gleichgültigkeit.
Diese Zustände kommen also nicht willkürlich über einen Menschen, sondern haben mit seinen unerfüllten Wünschen zu tun, die er sich aus seiner Sicht verdient hatte. In dem Denken „Das habe ich mir verdient, das steht mir zu“ gelangt ein Mensch in einen Zustand, den die Thora durch einen „Fehler“ im schriftlichen Text darstellt, indem sie drei Zeichen weglässt (s. oben).
Mündlich könnte man es so lesen, dass der Verlust der Zeichen unbemerkt beim Hörer bleibt. Doch beim Lesen ist es sofort sichtbar und kann in den richtigen Zusammenhang gestellt werden. Moment, da fehlt doch was! Und wenn etwas Wichtiges fehlt, machen wir uns normalerweise auf die Suche und fangen an, Fragen zu stellen. So könnte nach der Enttäuschung erneut die Sehnsucht zur Heimat der Seele entstehen. Die Erweckung dieses Verlangens ist der Sinn des entzogenen Zuganges zur inneren Ruhe.
Sehnsucht ist kein Zweifel, sondern ein tiefes Vertrauen darauf, dass derjenige, nach dem ich mich sehne, mindestens so lebendig ist wie ich selbst.
Die Sicht, dass wir ein Teil von etwas Großem sind, diese herkunftsbedingte Zerrissenheit, manifestiert sich als ein ständiges, oft schmerzhaftes Ziehen im Kern unseres Seins. Doch was wir oft fälschlicherweise als Defekt oder als Melancholie missverstehen, ist in Wahrheit der Puls der Schöpfung selbst.
Die Sehnsucht ist kein Mangel, den es zu beheben gilt; sie ist wie die Sonne, die unablässig das Wasser verdunsten lässt, sodass es in Bewegung bleibt. Dieses Verlangen gehört zum Geheimnis des Lebens, das aus dem Verborgenen kommt und dahin zurückgeht.
Pendeln zwischen zwei Zuständen
Leben pulsiert und verbindet Anfang und Ende, was sich bei uns am deutlichsten an unserem Herz zeigt. Das Blut, das es auf der linken Seite in den Körperkreislauf entsendet, wird auf der rechten Seite des Herzens wieder aufgenommen und von dort in den Lungenkreislauf gebracht, der schließlich in die linke Seite des Herzens mündet und alles von vorn beginnen lässt.
Die Thora verweist auf diese Verbindung zum Herzen, wenn man ihr letztes Zeichen mit dem Zeichen verbindet, mit dem sie beginnt. Das letzte Wort der Thora ist JISRAEL, es endet mit dem Buchstaben Lamed (ל). Das erste Wort der Thora ist BERESCHITH, das mit dem Buchstaben Beth (ב) beginnt. Verbindet man das Ende mit dem Anfang, so formen diese Buchstaben das Wort LEV (לב) – das Herz.
Dieses „Herz“ ist kein bloßes Symbol für Emotionen. In der jüdischen Mystik ist das Herz das essenzielle Gefäß, das die Spannung zwischen Vollendung und Neubeginn hält. Die Welt wurde nicht als ein fertiges, autarkes Uhrwerk erschaffen. Sie wurde mit einem schlagenden Zentrum entworfen, das ständig zwischen dem Erreichten (dem Ende der Thora) und dem Potenzial von etwas Neuem (dem Anfang der Thora) vermittelt. Ohne dieses pulsierende Zentrum, ohne dieses „Herz“, das die Verbindung zum Schöpfer als lebensnotwendigen Antrieb begreift, bliebe die Materie starr und seelenlos.
Rabbi Nachman von Bratzlaw hüllte die tiefsten Geheimnisse der Existenz in Gleichnisse, um sie unseren Seelen zugänglich zu machen. Er erzählte vom „Herz der Welt“, das an einem Ende der Erde steht und unaufhörlich zu einer fernen, kristallinen Quelle auf einem Berggipfel blickt. Das Herz verzehrt sich vor Liebe; es schreit und weint in einem elementaren Kampf, um der Quelle nahe zu sein.
Doch das Herz trägt eine zweifache Last: Die Sonne verfolgt es und droht, es zu verbrennen, während die schiere Intensität seines eigenen Verlangens es zu schwächen scheint. Nur wenn ein gewaltiger Vogel seine Schwingen über dem Herzen ausbreitet, findet es einen Moment der Ruhe vor der brennenden Hitze. Doch selbst in diesem Ruhen bleibt sein Blick konzentriert auf die Quelle gerichtet.
Hier offenbart Rabbi Nachman das fundamentale Paradoxon der Existenz: Würde das Herz jemals den Fuß des Berges erreichen, würde es den Blick auf den Gipfel verlieren. Ohne den Blick auf die Quelle aber verlösche seine Lebenskraft augenblicklich.
„Wenn das Herz sterben würde, würde die ganze Welt aufhören zu existieren. Das Herz ist die Lebenskraft aller Dinge.“
Diese „produktive Distanz“ lehrt uns eine radikale Wahrheit: In dieser Welt ist die totale Vereinigung gleichbedeutend mit Vernichtung. Die Sehnsucht ist der Raum, in dem das Leben stattfindet. Wer die Distanz aufhebt, verliert die Perspektive – und wer die Perspektive verliert, stirbt den inneren Tod des Stillstands, als würde das Herz aufhören zu schlagen.
Die Tränen der „unteren Wasser“
Die Sehnsucht ist kein rein menschliches Phänomen; sie ist in die untersten Schichten der Materie eingewebt. Am zweiten Tag der Schöpfung vollzog Gott eine scheinbar willkürliche Trennung der Wasser. Ein Teil wurde über das Firmament gehoben, der andere Teil blieb auf der Erde zurück.
Der Midrasch schildert hier ein kosmisches Drama: Während die „oberen Wasser“ in ausgelassener Freude und Gesang die Nähe zum Schöpfer feierten, stürzten sich die „unteren Wasser“ in einen erbitterten Kampf ums Überleben. Sie weinten, weil sie sich vom Ursprung aller Einheit abgeschnitten fühlten.
In diesen salzigen Tränen der elementaren Wasser verbirgt sich das Geheimnis der physischen Welt. Alles Geschaffene existiert in einem Zustand der Trennung und damit in einem Zustand des „Schmachtens“. Die Welt ist kein Ort einer absoluten Sättigung, sondern ein Raum, der durch Ergriffenheit und Sehnsucht zusammengehalten wird.
Im letzten Artikel ging es schon um das hebräische Wort W’JACHULU, das am Ende des Schöpfungsberichts schlicht mit „sie wurden vollendet“ übersetzt wird.
Die schon beim letzten Mal erwähnte Verbindung zum Verb KALAH verweist auf Psalm 84, wo der Psalmist klagt: „Meine Seele verzehrt sich (כלה) vor Sehnsucht nach den Vorhöfen des Herrn.“
Daraus ergibt sich: Himmel und Erde wurden nicht einfach „fertiggestellt“ wie ein Haus. Sie wurden in einen Zustand des permanenten sich Verzehrens nach Gott versetzt.
Die Vollendung der Welt besteht darin, dass sie fähig ist, nach ihrem Schöpfer zu schreien. Selbst die Schwerkraft und die Kräfte, die das Universum binden, können als physische Entsprechung dieses inneren Verlangens verstanden werden. Das Universum ist in seinem tiefsten Wesen ein Gespräch mit Gott; es ist ein ununterbrochener Akt der Sehnsucht nach Ausrichtung und Verbindung mit seinem Ursprung.
Die letzte Generation sehnt sich nicht mehr
Der wahre Grund für den Untergang der Generation der Sintflut war nicht allein moralische Verdorbenheit, sondern der Verlust dieser heiligen Sehnsucht. In Genesis 4:26, zur Zeit von Enosch, lesen wir einen kryptischen Hinweis: Man begann, den Namen Gottes anzurufen – doch das hebräische Wort HUCHAL trägt die bittere Doppeldeutigkeit von CHALAL in sich, das ist eine Entweihung (Profanität).
Die Menschen machten das Göttliche gewöhnlich. Sie missbrauchten das, was man noch von Gott wusste, für ihren persönlichen Wohlstand und zur Darstellung ihrer Person. Sie veräußerten das Heilige und verloren die Ehrfurcht. In ihrer Arroganz glaubten sie, autark zu sein und die Geschicke der Welt zu lenken. Sie blickten, wie gesagt wird, auf die Flüsse und Seen und sagten: „Wir haben reichlich Wasser; wir brauchen den Segen des Himmels nicht.“ Sie ersetzten das Sehnen nach dem Unendlichen durch die zynische Genügsamkeit des Hier und Jetzt. Nur dafür riefen sie zu Gott. „Ich brauche dies und brauche das, und wenn ich das bekomme – nur dann! –, bin ich auch zufrieden.“ Mit Enosch wurde der Name Gottes auf die Funktion eines unsichtbaren Wunscherfüllers für Sichtbares und Vergängliches begrenzt.
Das, was ihnen die Unabhängigkeit gewährte, wurde ihnen zum Verhängnis. Die Generation von Noach ignorierte das „Geheimnis der getrennten Wasser“ – sie vergaß die Sehnsucht und das Weinen der Schöpfung nach Gott. Damit zeigten sie auch, dass Bescheidenheit im Äußeren Ausdruck einer Gesinnung sein kann, die das Göttliche aufgegeben hat.
Der Atem gleicht Druckunterschiede aus
Sehnsucht ist kein Defekt unseres Menschseins, sondern das Vakuum, das die Luft in unsere Lungen strömen lässt. Sie ist das Band, das uns mit dem Thron der Herrlichkeit verbindet, während unsere Füße auf der Erde wandeln. Wenn wir unseren inneren Schmerz über das, was uns fehlt, als heiligen Kompass begreifen, verwandelt sich unsere Unruhe in eine Kraft der Heilung und der Verbindung.
Das „Noch-Nicht“ ist das, was uns zieht. Es verhindert, dass wir im Sumpf der Gleichgültigkeit versinken oder uns in der Illusion der eigenen Vollkommenheit verlieren. Wir sind hier, um zu begehren und um zu rufen – eine solche Sehnsucht bleibt nicht unbeantwortet.