Man soll auch den Menschen Ehre, Kavod, geben. Das gehört auch zur Bescheidenheit gegenüber sich selbst und gehört zum Prinzip, wie man mit Menschen umgeht, die nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Wenn man Gott Ehre gibt, muss man auch denen Ehre geben, die nach seinem Bild geschaffen sind. Und wenn man dem Menschen Ehre gibt, gibt man auch Gott Ehre. Wenn ein Kind in der Schule eine Auszeichnung erhält, werden auch dessen Eltern ausgezeichnet. Sie werden erhoben, obwohl sie vielleicht nicht direkt an dem beteiligt waren, wofür ihr Kind ausgezeichnet wurde.
Es gibt nur zwei Arten von Beziehungen, die frei von Neid und Eifersucht sind:
- Eltern und Kind
- Lehrer und Schüler
Wie freut sich ein Lehrer, wenn der Schüler Fortschritte macht und wenn er ihn auf diesem Weg begleiten kann! Ebenso freuen sich Eltern über alles, was ihre Kinder erreichen. Und wie leiden sie im umgekehrten Fall.
Gott verheißt den Menschen, die sich zu ihm wenden, mehr, als sie sich vorstellen können. Andere, das Umfeld, ganze Orte erfahren Wunder wegen eines einzelnen Menschen, der ernsthaft die Verbindung zum Ewigen sucht. Die Erde wird fruchtbar und gut sein, und so ist es auch mit den Menschen untereinander. Wenn man einen Menschen liebt, wird er fruchtbar; er tut mehr, als er sonst könnte.
Ist man schlecht und hart zu einem Menschen, dann trocknet dieser aus, schafft nichts, ist verwirrt, es ist, als ob dann der Himmel aus Kupfer wäre, die Erde aus Eisen und die Welt zur Wüste würde. Denn wir sehen auch, dass, wenn Menschen oder ganze Völker Gott vergessen, sich gegen ihn wenden, seine Werke und sein Wort anklagen und kritisieren, dann die Verbindung durchtrennt und jede Fruchtbarkeit verhindert wird. Das Gute findet keinen Nährboden mehr und kann nicht mehr wachsen. Wie sehr man sich auch bemüht, Frieden zu haben, es kommt Krieg; wie sehr man sich bemüht, das soziale Niveau zu verbessern, die Armut wird stärker, der Verfall der Werte wird spürbar und gleichzeitig erfährt man eine innere Dürre, die von Hoffnungslosigkeit begleitet wird. Frucht und Wachstum zum Guten hin sind nicht vom Schöpfer trennbar.
Die Beziehung zu Gott zeigt sich nicht in einem Bekenntnis, sondern in der Art der Beziehung zum Nächsten. Wenn man seinen Mitmenschen nur kritisiert, ihn hasst, sich selbst erhöht und gut findet, hingegen den anderen im Vergleich zu sich selbst als minderwertig ansieht, dann trocknet der andere aus wie die Erde, zu der man nur noch eine Beziehung um des Nutzens willen hat. Das Gute verdirbt dann und die Beziehung zum Leben reißt ab. Das Miteinander wird dann zu einer dornigen Angelegenheit, d. h., Begegnungen kommen nur mit großer Vorsicht verletzungsfrei zustande. Was Einheit werden sollte, zersplittert in Vielfalt. Was sich konzentrieren sollte, zerstreut sich, und was sich einst baute, zerfällt.
Gott zu ehren und den Nächsten zu treten, ist wie das Ehren der Eltern, während man deren Kinder verachtet.
Das hebräische Wort für Ehre (kavod, 20 + 2 + 4 = 26) hat denselben Zahlenwert wie der Name Gottes (JHWH, 10 + 5 + 6 + 5 = 26), wenn er sich als der Barmherzige offenbart. Ehre geben ist nicht um einer Leistung willen – dann wären Maschinen klar im Vorteil –, sondern um des in Betracht Ziehens, dass in jedem Menschen die Möglichkeit ruht, etwas gänzlich Neues aus sich hervorkommen zu lassen. Ehren bedeutet also weniger das Umhängen von Wimpeln und Medaillen, sondern dass man Gott im Nächsten sucht. Dazu bedarf es des Blickes „durch den Vorhang des Erscheinenden“. In der Suche nach dem Unvergänglichen wird die Kraft der Kritik gebrochen, die stets das Zeitliche zum Ziel hat. Der Mensch sieht nur, was vor Augen ist, aber Gott im Menschen sieht auch das Herz des Gegenübers.
Ehre erweist man also bereits dadurch, dass man dem anderen mehr zutraut. So schafft man die Einheit, denn die Bindung an die „1“ ist gerade das gegenseitige Lieben, weil die Welt doch auf „chessed“ (Gnade, Barmherzigkeit, Liebe) aufgebaut ist.
Auch ein Lehrer muss dem Schüler immer das Gefühl geben, dass er ihn hochschätzt und achtet, denn dann bekommt der Schüler nicht nur Mut, sondern darüber hinaus auch das Gefühl der Verantwortung, dass er nicht etwas ist, das nicht zählt, sondern dass er etwas ist, von dem alles abhängen kann. Denn im Grunde ist es auch so, dass immer alles von diesem Anderen abhängt. Man sollte das also nicht nur sagen, weil es für den anderen nützlich sein könnte, sondern man sollte selbst fest davon überzeugt sein, dass es so ist.
Der Mensch merkt das auch bei sich selbst: Je mehr Verantwortung man ihm gibt, je mehr Ehre und Vertrauen man ihm entgegenbringt, desto schwieriger wird es für ihn – eine aufrichtige Haltung vorausgesetzt –, zu versagen, weil er dann weiß, dass mit seinem Versagen die ganze Welt mitgerissen werden kann. Wer sich mit Kompetenz und Würde in einer leitenden Position befindet, wird mit seinen Worten und Taten vorsichtig sein, denn er weiß, welche Konsequenzen seine Entscheidungen haben können. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir befinden uns aus der Sicht des Ewigen alle in einer leitenden Position und von unseren Entscheidungen hängt weit mehr ab, als wir überschauen können. Der Fokus sollte darauf liegen, dem Guten guten Nährboden zu geben, es zu pflanzen und zu gießen. Dann wird das Wachsen ganz von selbst geschehen.
Dazu bedarf es einer Unbeschwertheit, einer Ruhe und einer Klarheit mit der Konzentration auf wichtige Dinge, und „wichtig“ ist auch eine Bedeutungsvariante des Wortes „Ehre“ im Hebräischen. Ehren bedeutet auch, wichtig zu nehmen.
Diese Eigenschaften kommen dem Menschen, sobald man ihm Vertrauen schenkt und ihm zeigt, dass man ihm etwas zutraut. Menschen, die so beschaffen sind, haben auch einen Blick für solche, denen noch mehr anvertraut wurde, und überlassen bereitwillig solchen ihren Platz, wenn es darum geht, dass das Wichtige noch besser gefördert werden könnte. So ehrt eine Seite die andere, um schließlich alles dahingehend münden zu lassen, dass der die Ehre bekommt, dem alle Ehre gebührt.
So zeigt sich das Ewige im Zeitlichen, der makom echad, der „Ort 1“ wird dann sichtbar (Gen. 1,9) – Fruchtbarkeit und Wachstum können nicht ausbleiben, wenn ein Einziger sich also verhält. Im Achten des Lebens misslingt die Verachtung des eigenen Lebens. Achten meint auch „sich um etwas kümmern“, Verantwortung übernehmen. Kinder suchen oft schon sehr jung, Verantwortung zu übernehmen. Das können Bereiche im Haushalt sein, aber auch Pflanzen oder Tiere. Ein gesundes Kind wird Freude daran haben, wie sich diese in ihrer Obhut entwickeln. Automatisch stellt es eine Verbindung zwischen der Pflege und dem Wohlergehen von Pflanzen oder Tieren her. Wird bspw. die Katze krank, leidet das Kind mit und sucht Möglichkeiten, dem Tier zu helfen. Wird das Kätzchen wieder gesund, wie freut sich das Kind!
Im Altgriechischen, der Sprache des Neuen Testaments, bedeutet Ehre (δόξα / doxa) wörtlich „eine Meinung haben“ oder „was ich über einen anderen denke“ (siehe dazu Math. 3:9). Welche Meinung haben wir über andere, welche über uns? Und hierbei geht es gerade um das Nicht-Ausgesprochene, denn im Sprechen gesellt sich schnell die Heuchelei hinzu. Was wir über andere denken, lässt uns schnell erkennen, wie es mit der Ehre steht.
Deshalb wird auch gesagt, dass der Mensch nicht nur nach dem Ebenbild, in der Ähnlichkeit Gottes geschaffen ist, weil er zum Beispiel in seiner Körperform Gott ähnelt – wenn auch in einer Weise, die die Materie nicht ganz auszudrücken imstande ist –, sondern sich diese Ähnlichkeit vor allem auch auf die Gefühle bezieht, gerade auf das, was Liebe und Hass, Verständnis und Unverständnis umfasst.
Die Ehre, die Gott vom Menschen verlangt, ist die Ehrlichkeit ihm gegenüber, die sich in der Übereinstimmung von Gedanken und dem Empfinden zeigt. Diese Ehre-lichkeit drückt eine lebendige und persönliche Beziehung ihm gegenüber aus. Ohne Liebe und Wertschätzung sind auch die Gedanken und das Empfinden voneinander getrennt. Er sucht keine Schmeicheleien, ist doch ohnehin alles offen vor ihm, sondern dass der Mensch ihm so begegnet, wie er ist und wie er fühlt.
Diese Echtheit, die auch als Unfähigkeit zur Schauspielerei bezeichnet wird, ist die eigentliche Ehre, die die Einheit der Welt neu aufbauen kann und jedem Menschen das Göttliche zurückgibt, das er oft selbst vergessen hat.