Das Hohelied: Das Wecken der Erinnerung

image_pdfimage_print

Das Schir Ha-Schirim, das Hohelied, bedeutet genau übersetzt, Lied der Lieder, es ist das Lied, das der Kern der anderen Lieder ist. Das hebräische SCHIRAH (שירה) bedeutet Lied, Dichtung, Poesie und Lyrik. Und als SCHAJARAH ausgesprochen: Gerade Linie, festgelegte Entwicklung, Karawane, Geleitzug, Kolonne, Gliederungseinheit und auch eine Zahlenreihe nennt man so.

Ein Lied unterscheidet sich vom Nicht-Lied gerade durch seine Regelmäßigkeit in Rhythmus und Reim. Alles ist festgelegt, kann keine anderen Abstufungen annehmen und wird deshalb zum Lied. Die Struktur ist nach festen Regeln aufgebaut. Die festgelegten Abstufungen (Intervalle) zu bestimmten Zeiten (Zählzeit / Takt) bestimmen darüber, ob wir ein Lied (wieder)erkennen. Deshalb hängt das Lied der Lieder auch eng mit dem Erinnern zusammen. Erkennst du die Muster, wie sie in der Zeit tönen und klingen? 

Im Gegensatz dazu können wir in unserem Sprechen gehen wie wir wollen. Wir können in verschiedenen Tonlagen sprechen, langsamer oder schneller werden, Pausen einlegen – wir müssen beim Sprechen keine Regelmäßigkeit anwenden. 

Ein Lied ist das Gegenteil davon. Das Wort SCHIR zeigt uns sprachlich, dass das Lied mit einer geraden Linie, also einem Zwang, in eine bestimmte Richtung gehen zu müssen, zusammenhängt. Das lat. cantare unterstreicht diesen Sinn durch die Bedeutung „etwas durch Wiederholung einschärfen“. Im Griechischen ist das Grundwort für Singen und Lied ᾄδω (ado), das zur Wortfamilie von ὠδίν (odin) gehört, das sind die Wehen, die eine Geburt einleiten. Wehen dienen nicht der Unterhaltung der Gebärenden, sondern haben ein klar definiertes Ziel: Das Hervorbringen von etwas Neuem, das sonst nicht kommen könnte.

Deshalb heißt es auch, dass alles in der Schöpfung sein Lied hat. Es geht seinen Weg mit der Regelmäßigkeit eines Liedes. Die Vehemenz des Unveränderlichen gebiert im Zeitenlauf etwas Neues. Bei einem Lied, das man 1000x gehört hat, genügen Sekunden, um es zu erkennen und fortführen zu können. Jeder Ton steht wie ein Stern als Fixpunkt am Himmel, der eine sofortige Orientierung ermöglicht. Ein Lied ist der höchste Ausdruck einer Ordnung, die im Hören das Ewige und das Zeitliche miteinander verschmelzen lassen. 

Das „Lied der Lieder“ beschreibt die Ordnung im Kern der Schöpfung. Alle anderen Geschichten über die Schöpfung sind Geschichten, die von außen, vom Kreis ausgehend erzählen, der um den Kern herum besteht.

Das Hohelied jedoch erzählt vom Zentrum aus, was der Sinn der Welt ist und in welcher Regelmäßigkeit sich die Welt entwickelt. Diese Entwicklung offenbart sich in der Suche der beiden Extreme, von Salomo und Sulamith, von Mann und Frau, nach dem jeweils anderen. Die Art und Weise, wie sie sich verlieren, fast finden, wieder verlieren und im Gleichschritt wieder finden, ist der Weg der Welt, sowohl in der Zeit als auch im Raum.

Alle Teile dieser Geschichte, alle Teile des Körpers, die in ihr erwähnt werden, sind die Orte in der Welt und beschreiben den Weg der Welt. Wenn der Mann seine Geliebte in Kapitel 4 anfängt zu beschreiben, beginnt er bei ihrem Haupt, ihrem Haar und geht dann hinunter zu ihrem Oberkörper. Es ist das Machen der Frau, das Machen der Welt, welche als Frau Gott gegenübersteht. Am Ende, in Kapitel 7, wird diese Frau erneut dargestellt, jetzt allerdings von ihren Schuhen ausgehend, über ihre Füße sich langsam nach oben in poetischer Manier windend, beschreibt der Mann den Weg zurück in Richtung ihres Hauptes. Jetzt ist es die Welt, die nach oben geht und den Weg nach oben findet. Der Ort dieser Geschichte, diese Beschreibung, die Elemente des Körpers, sie alle sind wesentlich für die Bedeutung der Welt. 

Das Lied beginnt damit, dass Mann und Frau einander suchen, weil sie wissen, dass sie zusammengehören. Die Bibel beginnt mit der Beth, der „2“ – etwas wurde getrennt und macht sich auf den Weg zurück zur Wiedervereinigung. Der Weg ist nicht immer einfach und manchmal ist er schwer und schmerzhaft wie Wehen, die der Freude vorausgehen.

So heißt es in einer Schrift um das Jahr 1600 (ze’ena urena, Jakob Ben Isak) zunächst “Kommt doch heraus und seht!” (Zitat aus Hohel. 3:11) und dann: “Bedenke, dass der Regen den Blitz nicht löscht.” Ebenso lässt es die Liebe blitzen, aber auch regnen. Frieden bedeutet nicht, einander auszulöschen, nur weil etwas gegensätzlich scheint, sondern zu erkennen, dass alles seine Bedeutung hat. Das Hohelied ist ein Lied des Friedens (Salomo, hebr. SCHLOMOH, dt. Frieden).

Die Melodie dieses Liedes erklimmt Höhen und fällt in Tiefen – die größte Liebe verbindet die größten Abstände und genau das macht sie trotz aller Unbegreiflichkeit so anziehend.