Das Leben hier braucht eine Form

In dieser Welt benötigt alles, was leben will eine Hülle. Eine Seele ohne Hülle kann hier nicht bestehen, und übertragen auf alles andere, kann auch eine Wahrheit ohne Hülle nicht bestehen, und das ist das Wesen des Geheimnisses.
Es gibt eine Mitteilung, dass die Welt – wie schlecht sie auch sein mag – in jeder Generation durch die ständige Anwesenheit von 36 zaddikim, d.h. von 36 Gerechten, Guten, Großen, besteht. Und das Typische daran ist, dass niemand weiß, wer zu diesen 36 gehört. Sobald man von jemandem sagt: „Dieser gehört zu den 36“, hört er in diesem Moment auf, einer zu sein, denn diese 36 müssen in solcher Verborgenheit, in der Heimlichkeit, in aller Bescheidenheit leben, dass sie für diese Welt als solche gar nicht sichtbar sein können. Wenn sie sichtbar werden, bedeutet das, dass sie einen Riss im Kleid haben, dass sie an die Oberfläche gedrängt werden, und dann hören sie automatisch auf, der Kern zu sein, der die Menschheit ausmacht. Sie können einfache Handwerker, Bauern, aber genauso gut Könige oder große Denker sein; man weiß es einfach nicht.
Dies zeigt, dass selbst wahrhaft Große sich niemals ihrer Größe rühmen können, denn sobald sie sich selbst in der Außenwelt auf diese Weise präsentieren, hören sie auf, wahrhaft groß zu sein. Aus diesem Grund muss auch das Geheimnis der Dinge in dieser Welt verborgen bleiben, denn sonst geht nicht nur seine Bedeutung als Kern verloren, sondern es kann sogar sehr gefährlich werden, da ein Kern, der hervortritt, unberechenbar sein kann.
Man denke dabei nur an die materielle Erscheinungsform der Kernteilchen, wie sie bei der Radioaktivität auftreten. Die radioaktive Substanz zerfällt, und alle, die mit diesem befreiten Kern in Berührung kommen, werden schwer geschädigt. Das ist auch der Grund, warum man einem einzelnen Vertrauten die wirklich grundlegenden Dinge nur dann zuflüstert, wenn man weiß, wie dieser Mensch ist, wie sein Leben, sein Charakter und sein Verhalten sind; man hält darüber keine großen Reden, schreibt keine Bücher darüber und dergleichen. Das ist auch einer der wesentlichen Gründe, warum sich das frühe Judentum gegen die ersten christlichen Entwicklungen gewehrt hat, weil dort wirklich wesentliche Dinge – wenn auch vielleicht aus Enthusiasmus – so öffentlich zerredet wurden, dass man sagen musste: „Dabei kann nur viel Elend und Leid herauskommen“. Es war also nicht die Tatsache, dass diese Geheimnisse, diese Mitteilungen, an sich falsch waren, die den Widerstand hervorrief, sondern vor allem die Tatsache, dass die Menschen nun etwas Heiliges entweihten, weil sie gerade durch den häufigen Kontakt und die Durchdringung mit dem Heidentum nicht mehr wussten, wie sie mit wirklich heiligen Dingen umgehen sollten.

Das Heidentum, das gerade keinen wesentlichen Kern kannte, konzentrierte sich von je her auf das Äußere, das es auch zum Wichtigsten erklärt hatte. Aber es hat überhaupt nicht begriffen, dass wenn man es wirklich mit dem Göttlichen zu tun hat, man nicht damit herumspringen kann, wie es einem gerade passt, indem man wie ein Bildhauer es sich so anfertigt, dass es der eigenen Vorstellung entspricht. Deshalb findet man gerade in der hochgeschätzten, nur Eingeweihten verständlichen jüdischen Überlieferung oft Ausdrücke und Mitteilungen, von denen man sagt: „Das ist doch alles rein christlich“, und in der Tat, als in den letzten Jahrhunderten auch das Verständnis dieser Überlieferung im Judentum weitgehend verloren ging, wurden ihre Verkünder oder zumindest Träger mit den Trägern irriger, nicht-jüdischer Ansichten gleichgesetzt. Dennoch ist es unmöglich, das Wesen des Judentums zu verstehen, ohne praktisch auf Schritt und Tritt auf genau die Dinge zu stoßen, die durch die Entwicklung des Christentums im allgemeinen Sinne so populär geworden sind. Aus diesem Grund versteht auch das Christentum nichts mehr von dem Geheimnis, denn gerade weil es hinausgeworfen und preisgegeben wurde, ist es für diese Menschen völlig ausgelöscht. Es werden viele Theorien aufgestellt, Erklärungen und Predigten vorgetragen, aber worum es wirklich geht, ist nicht mehr zu erkennen, denn Tatsache ist, dass diese Dinge nur dann lebendig sind, wenn sie eine Form annehmen, in der Leben möglich ist. Das heißt aber nicht, dass nicht jeder es wissen könnte und sollte. Nur dürfen diese Geheimnisse nicht vor die Füße geworfen werden, wodurch sie noch weiter zertreten werden. Die wichtigste Frage ist die nach der Lebensweise derer, die dafür offen sind.
Bücher lesen oder Vorträge hören geht auch gut mit heidnischen Dingen, aber um dem Göttlichen zu begegnen reicht das nicht. Die heidnischen Götter sind nichts weiter als äußere Erscheinungen, sind somit eigentlich niedriger als der Mensch, wie es auch heißt: „Das sind Götter, die wir uns selbst machen“. Das wahrhaft Göttliche enthält aber auch die Seele in sich, und zwar in einem noch viel höheren Maße, als der Mensch sie hat, und kann daher nur dann aufgenommen werden, wenn auch der Kern des Menschen, seine Seele, dazu fähig ist. Die öffentliche Verkündigung dieser Dinge wird bereits dazu führen, dass sich diese Dinge gegen die Verkündiger und die Zuhörer wenden, und zwar in dem Sinne, dass sie nicht aufgenommen werden können. Deshalb ist es auch eine alte Weisung, dass die Themen wie „die Schöpfung“, „das Göttliche“ oder „die Erlösung“ nur unter vier Augen besprochen wurden, mit einem Schüler, der dafür bekannt war, dass er gegen viele Dinge, die ihn in Versuchung führten, widerstandsfähig war.
Wir sehen es auch im Neuen Testament, dass dieses Prinzip der Jünger, der persönlichen Jünger, so offensichtlich ist. Der Kern ist nun unsichtbar, ganz besonders in dieser Welt, in der die Seele eines jeden auch noch von einem Körper umhüllt ist, auch wenn dieser Körper im Grunde schon erlöst ist. Deshalb konnte man in der Vergangenheit und insbesondere in der Bibel sagen: „Dieser und jener ist groß und gut“. Aber aktuell muss man damit vorsichtig sein. Wäre eine Person im heutigen Leben wirklich groß und gut, würde man ihr nur schaden, wenn man es öffentlich verkündet. Deshalb hält sich auch ein wahrhaft großer und guter Mensch im Verborgenen und nimmt oft eine solche Tarnung an, damit andere nicht auf die Idee kommen, es mit einer solchen Person zu tun zu haben. Es wird bspw. vom Baal Schem Tov erzählt, wie er sich sogar vor seiner Frau wie ein einfacher Landarbeiter benahm und jeder dachte, er hätte es mit einem groben und ungehobelten Menschen zu tun. Erst viel später stellte sich heraus, was für ein Mann er gewesen war. Von anderen wird erzählt, wie sie sich in der Öffentlichkeit durch Witze selbst lächerlich gemacht haben, so dass die Leute dachten, sie hätten es mit einer Art Kasperle zu tun.

Sobald jemand im Begriff ist das Geheimnis zu kennen, muss er hinausgehen und das Kleidungsstück anziehen, das geeignet ist, dieses Geheimnis zu verhüllen. Dazu gehört auch die Bescheidenheit gegenüber sich selbst. Denn nur dann bleibt das Geheimnis von Wert, sonst geht es durch falsche Gedanken und Ziele automatisch verloren. Auch die Bescheidenheit ist ein Kleid. Denn es bedeutet, sich zu erniedrigen, d.h. sich auf die Ebene des Tieres zu begeben, und ist damit gleichbedeutend mit der Verhüllung des Menschen durch das Tier, das dem Menschen ja Leben, Existenz und Schutz gegeben hat.

Nach F. Weinreb, NL, um 1950

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Autor: Dieter Miunske