Das Wachstum der Seele

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Im Zeichen der 1-4 beginnt die sichtbare Welt nicht mit der 1, sondern danach, also dort, wo nach dem 1-4 Prinzip die Teilung der 1 in die 4 steht. Und so sieht man in den 5 Büchern Mose den Beginn der sichtbaren Welt wie wir sie kennen im 2. Buch Mose, dem Buch, worin der Auszug aus Ägypten beschrieben wird. Die Welten erscheinen hier wieder, weshalb man sagt, dass die Alten Welten, die Geschichte der Schöpfung (Genesis), mit den 12 Söhnen Jakobs endet und die Neue Welt mit den 12 Söhnen Jakobs beginnt. Deshalb werden diese 12 Söhne auch mit den 12 Tierkreiszeichen in Zusammenhang gebracht.
Genau so wie die 12 Tierkreiszeichen die Grenze zwischen Himmel und Erde bilden, zwischen der 1 und der 4, bilden auch die 12 Stämme Israels diese Grenze. Ägypten ist die Welt, die sich mit Israel in seiner Mitte gewahr wird und damit unbehaglich fühlt. Es wird deutlich berichtet, dass der neue Pharao nichts mehr von Joseph wusste (2. Mose 1:8). Für ihn beginnt die Welt mit dem 2. Teil. Vom 1. Teil ist ihm nichts bekannt.



Er konnte es nicht wissen, und deshalb war für ihn so vieles unverständlich. Hätte er den 1. Teil gekannt, hätte er gewusst, dass Ägypten gerade wegen dieses Israels lebte, denn sonst wäre es schon lange vorher untergegangen. Mit der Kenntnis des 1. Teils hätte er gewusst, dass Israel, wie man es nennen kann, Gottes Liebling und Auserwählter war. Auch die Geschichte von Joseph und Jakob hätte er gekannt. Es läge ihm klar vor Augen. Aber dieser Pharao wusste nichts. Bei ihm beginnt die Welt mit der 2 und er sieht die Welt nur als Zweiheit in Gegensätzen erscheinend. Er sah die Annehmlichkeiten Ägyptens und das nicht hineinpassende fremde Israel. Dieser Widerspruch behinderte ihn, machte ihn ängstlich, vor allem weil er sah, dass Ägypten Israel brauchte, dass Ägypten ohne Israel nicht Ägypten wäre, und daher die große Furcht, dass Israel wegziehen würde, wenn irgendwelche Feinde über Ägypten kämen.

Das ist bezeichnend für das Ganze, denn Pharao hat keine Angst davor, dass Israel Ägypten besetzt oder beherrscht, nein, er hat Angst, dass es Ägypten verlässt. Eigentlich könnte er doch froh sein, dass je eher Israel Ägypten verlässt, desto besser. Doch irgendwie schien er zu ahnen, dass Israels Auszug zugleich seinen Tod bedeuten würde.

Pharao beobachte den befremdenden Widerspruch zwischen Körper und Seele. Er kannte den behaglichen Körper, und es gab dort, irgendwo anders, eine so seltsame Seele, die den Körper immer beunruhigte und von der er wusste, dass der Körper diese Seele nicht entbehren konnte. Wie der Körper die Krankheit als Feind fürchtet, der die Seele entweichen lassen könnte, so fürchtet Pharao, dass ein Angriff auf Ägypten Israel ziehen lassen könnte.

Pharao verstand das Wesen der Welt nicht, weil sein Leben erst mit dem 2. Teil, der Sichtbarkeit, dem Werden der Materie, begann. Und einer der Schrecken für Ägypten war die wundersame Vermehrung Israels. Diese Vermehrung, dieses Wachstum ging so schnell, dass es Ägypten entsetzte. Die Überlieferung erzählt, dass die israelischen Frauen nur noch Sechslinge geboren haben. Diese Mitteilung würde bei einem modernen Menschen nur noch als Legende abgetan werden. Wenn man darüber nachdenkt, müsste man sich fragen, warum ausgerechnet jetzt von Sechslingen die Rede ist. Immerhin hätten doch bereits Fünflinge enorm zur Vervielfachung beigetragen. Es will sagen, dass hier etwas Übernatürliches geschah. Darauf liegt der Nachdruck.

Bleiben wir bei dem Bild von Körper und Seele. Wenn ein Kind geboren wird, besteht ein gewisses Gleichgewicht zwischen Körper und Seele. Die Seele lässt den Körper leben, wie Joseph Ägypten leben ließ. Es gibt eine Art von Harmonie. Und nun beginnt der Körper zu wachsen und die Seele beginnt zu wachsen. Der Körper eines Erwachsenen steht in einem bestimmten Verhältnis zur Größe eines Neugeborenen. Faktor 5 wäre auf die Körpergröße gesehen schon sehr hoch. Eher wird es weniger sein. Die Seele hingegen wächst auf unermessliche und viel schnellere Weise, etwas, was der Körper überhaupt nicht begreift und nicht berechnen kann. Wenn wir die „Funktionen der Seele“ messen könnten, u.a. die Fähigkeit zu fühlen, der Charakter, aber auch das Wissen, dann hat der Erwachsene vielleicht 100x mehr als ein Neugeborener. Und genau das ist es, was dem Körper Angst macht: Er trägt etwas in sich, das sich stark vom Materiellen unterscheidet, das sich sehnt nach einem gelobten Land, wohin es ziehen will, weil es von dort kommt, und dass der Körper nur kurz besucht wird. Die Seele weiß von ihrer Heimat und sie weiß auch, dass das Dienen dort weder drückt noch belastet.
Diese Entwicklung der Seele führt dazu, dass der Körper schmachtet und es letztendlich – wenn die Schläge und Plagen des Körpers zu spüren sind – zur Gewissheit kommt: Eines Tages muss es sich ändern. Eines Tages werde ich Israel verlieren. Die Seele wird mich verlassen. Das versteht man unter der Entfaltung der Seele, das ist die starke Vermehrung der Hebräer in Ägypten. Das Wachstum der Seele kann nicht mit irdischen Maßstäben gemessen werden, und genau das bewirkt die Angst und das Unbehagen der Ägypter gegenüber Israel.

Dann kommt Ägypten die Idee, Israel zu versklaven und für materielle Ziele zu missbrauchen, so wie der Mensch alle möglichen körperlichen Beschäftigungen erfand, um die Seele zu versklaven, moderner ausgedrückt: seine Seele dem Teufel zu verkaufen. Man wird immer klüger und gescheiter, fängt an alles zu messen und zu analysieren und baut Orte, wo man die „großen Errungenschaften“ präsentieren kann. Je mehr der Mensch nun auf diese Weise entdeckt, desto mehr läuft ihm die Zeit davon. Der biblische Bericht hierzu lautet in 2. Mose 5:7b „sie sollen selbst hingehen und sich Stroh sammeln.

Stroh hatte einst das Korn umhüllt und getragen

Die Menschen wissen nicht, wie sie all ihre Arbeit erledigen sollen. Dadurch wird die Seele betäubt. Es drückt sich darin aus, indem der Mensch seine Fähigkeit zu fühlen verliert, er wird charakterlos und die innere Stimme, die ruft: „Es gibt noch mehr, mache dich auf den Weg“, wird immer leiser. Durch die Beschäftigung im Außen verliert die Seele ihre Orientierung und passt sich an. Sogar als Mose und Aharon beginnen von Erlösung zu erzählen, sagt sie: „Lass‘ mich in Ruhe, mein Alltag und mein Geschäft erlauben es nicht, mich mit solcherlei Dingen abzugeben. Pharao drängt uns, der Körper hat seine Bedürfnisse; wenn ich mich unterwerfe, habe ich meine Ruhe.

Die alten Mitteilungen, die noch wussten, was sie erzählten, berichten sogar davon, dass die Hebräer in den Häusern der Ägypter eingemauert wurden. Das ist sicherlich ein grausames Bild, doch veranschaulicht es die Gefangenschaft unserer Seele in unserem Körper.

Die Geschichte erzählt weiter wie Pharao darüber nachsann, das Wachstum Israels zu stoppen. Schiphra und Pua, die beiden Hebammen (2. Mose 1:15) schienen ihm geeignet bei seinem Plan mitzuwirken. Wieder drückt sich eine Zweiheit beim Eintritt in das sichtbare Leben aus. Es versteht sich von selbst, dass aus historischer Sicht 2 Hebammen mit Zehntausenden von Kindern nicht mithalten konnten. Es geht um das Erkennen des Prinzips. Die Aufgabe der Hebammen bestand darin, männliche Kinder zu töten und weibliche am Leben zu lassen. Der Sinn ist: Nur die Hülle, der äußere Kreis, darf bleiben. Das Innere, der Kern, muss vernichtet werden. Mit anderen Worten: Der Körper soll zunehmen, die Seele muss gehindert werden. Doch die beiden Hebammen kamen dieser Aufgabe nicht nach und gaben folgende Begründung: „Weil die hebräischen Frauen nicht sind wie die ägyptischen; sie sind lebhafter; ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren!“ (2. Mose 1:19)

Auch in dieser Aussage wird etwas sehr Wesentliches mitgeteilt. Die Erzählung ist gleichsam eine Projektion aus allen anderen Welten und muss auf diese Weise gedeutet und verstanden werden. Die Seele besteht längst vor der Konzeption und wartet auf die Reise in einen Körper. Ebenso leben die Kinder Israel unabhängig von deren Erscheinen in Ägypten.
Das Körperliche, das Ägyptische, entsteht erst mit der Ankunft auf diese Erde und kann willkommen geheißen oder vernichtet werden. Eine Seele dagegen kann man in Ägypten, im Materiellen, nicht vernichten (siehe auch Matth. 10:28). Sie ist weder begreif- noch messbar, weil sie aus einer anderen Welt kommt.
Pharaos Strategie mit den Hebammen funktioniert nicht in seinem Sinne, und so greift er zu einem anderen Mittel. Die männlichen Kinder müssen in den Fluss geworfen werden, die weiblichen nicht. Das Werfen in den Fluss – und das sagt schon der Name – ist das Werfen in das Fließen der Zeit, in den Zeitfluss, denn auf diese Weise ist es tatsächlich möglich, den Kern, das Wesentliche, ertrinken zu lassen.
Du gehst in der Zeit unter, wenn du nicht etwas hast, wodurch deine Einheit und deine Individualität bewahrt bleiben. Doch verfügt die materielle Welt nicht über etwas, das deine Seele bewahren kann. Die äußerliche Welt lässt dich auf jeden Fall in der Zeit untergehen. Die gesamte Außenwelt ist temporär, nichts bleibt.

Fließendes Wasser und Sanduhr
Die Zeit verrinnt wie das Wasser fließt

Das Männliche geht in der Zeit solange unter, bis schließlich Mose kommt. Seine Eltern legen ihn in eine tebah, wie das Körbchen im Hebräischen heißt. Das gleiche Wort finden wir sonst nur noch bei Noach. Dort wird es meist mit Arche oder Kasten übersetzt, doch in erster Linie bedeutet teba „Wort“.


Anmerkung (DM):
Das Wort tebah schreibt sich taw-beth-he, 400-2-5. Rückwärts gelesen ist es ha-bath, 5-2-400, übersetzt: Die Tochter. Und die Tochter Pharaos ist es, die die tebah findet …

tebah – ha-bath als Spiegelung

Hebräische Schreibweise des Wortes tebah und in seiner Umkehrung zu ha-bath.

Je nach Leserichtung ergibt sich das eine oder das andere Wort.


Das Wort aus dem Ewigen bewahrt vor dem Untergang in der Zeit. Mose wurde in die Proportionen des Wortes gelegt. Es spielte keine Rolle, wer er war, nur die Tatsache, dass er mit dem Wort kam, rettete ihn. Und das nicht im Sinne von „oh, das war aber knapp“, sondern in einem überschwänglichen Maße, denn die Rettung kam mit Pharaos Tochter genau aus dem Hause, das das Gesetz der männlichen Kindstötung erlassen hatte. Nun handelte in einer Art ironischer Verwicklung das Haus Pharaos plötzlich genau im Gegensatz zu seinem eigenen Erlass. Mose wurde von der höchstens Instanz Ägyptens aus dem Wasser gezogen. Pharaos Widersacher, eigentlich Pharaos Unglück, wird gerettet und im Hause Pharaos aufgezogen. Egal wie man abwägt und Gesetze verabschiedet – wenn das Ziel dabei ist, die Seele zu vernichten, werden sich diese Gesetze, sobald etwas oder jemand mit bzw. in dem Wort kommt, gegen diesen Gesetzgeber richten.
Die Gesetze Pharaos, die Gesetze Ägyptens, drücken sich – wie der hebräische Name für Ägypten, mizrajim (die Dualität der Form), bereits enthält, in dem Dualitätscharakter der Naturgesetze aus. Das gilt ebenfalls für die Gesetze von Medien und Persien.
[Meder und Perser lautet im Hebräischen madaj w’paras, in Zahlen 40+4+10 + 6+80+200+60, ergibt in der Summe genau 400. Der Wortlaut „Meder und Perser“ kommt im hebr. Original des Alten Testaments genau 6 x vor – die Parallele zu Ägypten ist frappierend]
Pharao widerfährt am Ende genau das, was er Israel antun wollte: Sein Reich geht selbst im Wasser unter (2. Mose 14:23).
Erst mit der Geschichte von Mose beginnt eigentlich die Welt, wie wir sie kennen. Denn für unsere Sichtbarkeit beginnt sie erst dort, wo das Wort sichtbar wird, wo Gott durch das Wort die Welt gemacht hat.

Freie Übersetzung eines NL-Beitrages Friedrich Weinrebs