Das Wichtigste vergessen?

Gott besiegelt Noachs Werk, indem er „hinter ihm“ zuschließt (Gen. 7:16). Nirgends liest man jedoch von einer Abmachung zwischen Gott und Noach, woraus Noach hätte entnehmen können, dass er sich nicht um einen Abschluss seines Werkes kümmern brauche. Nach dem Motto: „Geh‘ schon mal rein und ich kümmere mich um den Rest!“

Noach ließ die Arche offen. Eigentlich müsste man sogar sagen, dass sein gesamtes Werk sinnlos gewesen wäre, wäre es nicht abgeschlossen worden. So gewissenhaft arbeitete er über viele Jahre und dann vergisst er das Wichtigste? Gerade am Ende, der Hochphase der Umsetzung des Planes, den er von Gott erhalten hatte, passierten Dinge, die er sich kaum erklären konnte. Zum Beispiel soll er von den reinen Tieren 7 Paare nehmen und von den unreinen je 1 Paar. Woher aber wusste er, was rein und was unrein war? Und wie soll er diese herbeibringen? Einem Midrasch zufolge fragte er: „Ja, bin ich denn ein Jäger, dass ich die Tiere alle einfangen soll?
Nein, Noach war kein Jäger und er rannte auch nicht herum und versuchte, unlösbare Aufgaben zu erfüllen. Er tat, was er konnte, der Rest kam ihm, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Stellt man sich diese Situation ganz praktisch vor, ist doch das Sammeln „von allen Tieren“ in der gebotenen Anzahl eine schier unlösbare Aufgabe! Was ging ihm während der Bauphase alles durch den Kopf?
Ha, von allen Tieren in der und der Anzahl einsammeln und in den Kasten bringen – geht’s noch? Es ist doch schon verrückt genug, ein Schiff auf dem Trockenen zu bauen.“

So verhält es sich auch in unserem Leben. Einen Teil verstehen wir und können es umsetzen, aber manchmal haben wir keine Ahnung, wie wir eine Aufgabe zum Abschluss bringen können. Es sieht ganz danach aus, als ob Noach noch nicht einmal die Vollendung seines Auftrages verstanden hatte. Ebenso wenig müssen wir alle Schritte unseres Weges verstehen, und nicht selten bleibt das, was wir als Zentrum und Aufgabe des Lebens erkannten, am Ende offen.

Das Verb, das in Gen. 7:16 für „abschließen“ gebraucht wird (SAGAR – סגר) zählt, wenn man den äußeren (sichtbaren) und den Athbasch-Wert (unsichtbar) zusammenzählt, 474, wodurch sich eine Verbindung mit dem Wort DA’ATH (דעת) zeigt. DA‘ATH ist das Wissen. Gott weiß es auf eine schlüssige Art und Weise. Mehr braucht es nicht. Beim Verschließen der Arche wechselt im Vers auf einmal die Bezeichnung für Gott von ELOHIM auf JHWH. Das bedeutet, wie ein Kommentar sagt, dass Noachs Werk einem Empfinden für Gerechtigkeit gefolgt war, wohingegen der Abschluss im Charakter der Barmherzigkeit von Gott vollzogen wurde.
Wie oft werden wir zum Handeln dadurch motiviert, weil wir keine Ungerechtigkeit dulden? Wie hart können Menschen für Gerechtigkeit kämpfen! Sogar für andere, deren Leiden sie nicht mitansehen können. Trost will man spenden, beruhigen, eine Sache bereinigen und ins Gleichgewicht bringen. Der Name Noach trägt das alles in sich. Und in diesem Sinne ist es gewollt, dass er es nicht abschließt – es wäre anders ausgegangen.
Ab einem gewissen Punkt ist Offenständigkeit für alle das Ende. Deshalb greift Gott selbst ein und er macht eine Trennung zwischen der 8 innen, mit allem, was dazugehört, und dem, was außen ist (1. Pet. 3:20). Sein Wirken in Gnade heißt in diesem Fall: Für die kommende schwere Zeit habe ich dich auf das Nötigste begrenzt. Was und wer zu dir gehört, ist bei dir, um alles andere kümmere ich mich auf meine Weise. Diese Form der Rettung kann ein Mensch auch als Verrat empfinden. Das ist die andere Bedeutung von SAGAR. Aber nur so lange, wie er nicht versteht, was um ihn herum wirklich passiert.

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Autor: Dieter Miunske