Wer 20 Jahre alt und älter ist, kommt nicht in das verheißene Land, sondern stirbt auf dem Weg in der Wüste (Num. 14:29). Die einzigen Ausnahmen sind Jehoschua und Kaleb, von denen gesagt wird, dass sie einen „anderen Geist“ hatten (ebd. Vers 24 und Num. 32:12).
Die 20 wird im hebräischen Alphabet durch den 11. Buchstaben, die Kaf (כ ך), repräsentiert. Dieses Zeichen ist das erste von fünf, das zwei verschiedene Formen annehmen kann. Am Anfang und in der Mitte eines Wortes sieht es aus wie eine halb geöffnete Hand, die bereit ist, etwas zu tun, sich aber noch unsicher ist. Am Ende eines Wortes stehend, macht das Zeichen „auf“, die Hand öffnet sich ganz, sodass der untere Teil sich streckt und „in den unsichtbaren Bereich des Irdischen“ hinabgeht, wo kein Licht hinkommt und die Finsternis ihr Regiment hat.
Die erste Kaf in der Bibel ist eine Schluss-Kaf; es ist der 48. Buchstabe im 12. Wort der Thora, welches CHOSCHECH (חשך) lautet und „Finsternis“ bedeutet. Diese Position beim ersten Vorkommen verrät etwas über den Charakter dieses Zeichens, das hier das Ende der Finsternis – zumindest im Wort – repräsentiert. Als wollte das Wort „Finsternis“ sagen: Wenn du handelst, stehst du am Ende der Finsternis.
Die Kaf als Buchstabe einem Wort vorangestellt, ist das vergleichende „Wie“. Erst wenn wir die Reife haben, Dinge miteinander vergleichen zu können, indem wir sie in Beziehung setzen, können wir Entscheidungen treffen und bewusst handeln.
In Gen. 1:26 lesen wir den ersten Vergleich in der Bibel, der von einer Kaf eingeleitet wird: KADMUTENU (כדמותנו), wörtlich übersetzt „wie unser Gleichnis“. Der Mensch selbst bildet den ersten Partner innerhalb eines Vergleichs überhaupt. Um etwas miteinander vergleichen zu können, braucht man mindestens zwei Seiten, die miteinander vergleichbar sind. Im erwähnten Vers wird der Mensch (אדם) mit einem „Uns“ verglichen. Dieses „Uns“ wird in dem Ausruf „Lasset uns machen“ durch eine dem Verb עשה vorangestellte Nun (נ) ausgedrückt (נעשה). Die Nun zählt 50.
Kehren wir zurück zur Situation des Überganges von der Wüste ins gelobte Land, lesen wir, dass der Führer, der nach Mose die Leitung übernommen hat, Jehoschua Ben Nun genannt wird. Man kann auch lesen: Jehoschua, Sohn der 50. Diese 50 ist im Hebräischen unauflösbar mit einem „Uns“ bzw. „Wir“ verbunden. Zudem assoziiert die jüdische Überlieferung die Nun als Kurzform der Neschama, die im Jenseitigen der Welt der Neschamoth (Welt der Seelen, die in größter Harmonie zusammen sind) angehört, im Diesseits aber in einem einzelnen Menschen das Empfinden der Einsamkeit auslöst. Der Gemeinschaft vieler Seelen „dort“ steht die Einsamkeit und die Individualität „hier“ gegenüber. Das entspricht einem Menschen, der im Gleichnis Gottes ist. So sagt es auch Pilatus in Johannes 19:5 „Siehe, der Mensch!“ Das hebräische NT schreibt dort: HINNÉ HA-ADAM.
Das Handeln in diesem Sinne und Geist geht weiter und findet kein Ende in der Wüste. Wer aber 20 war oder darüber, steht für denjenigen, der die Erlösung mit der Knechtschaft in Ägypten vergleicht und deshalb immer wieder zu dem Schluss kommt: So funktioniert das nicht – früher war alles besser! Man wusste, woran man ist: Wenn man gearbeitet hat, dann konnte man mit einem festen Lohn rechnen, und was ist das jetzt hier in der Wüste, wo man jeden Tag neu hoffen muss, dass irgendetwas vom Himmel herunterfällt?
Der Körper funktioniert nach diesem Prinzip, deshalb ist es uns allen vertraut.
Dieser Wunsch, doch am liebsten selbst alles in die Hand zu nehmen und nichts dem Zufall zu überlassen, ist die Sehnsucht des Körperlichen nach Ägypten, wo man das Schicksal meint, selbst bestimmen zu können. Alles, was wir im Leben durch das Handeln im Sinne von Saat und Ernte erreicht haben, stirbt auf dem Weg und kommt nicht ins Jenseitige. Deine erworbene Stärke, deine Klugheit, deine Überlegenheit im Sinne des Irdischen wirst du verlieren. All das erwirbt ein Mensch im Geist Mizrajims. Nach Kanaan, in den 8. Tag, in das Land jenseits des Jordans, gelangt nichts davon. Warum? Weil du das nicht bist.
Was mit Berechnung und Kalkül geleistet und als Erfolg verbucht wurde, erzeugt gegenüber dem Jenseitigen ein Murren (Num. 14:29). „Murren“ hängt im Hebräischen direkt mit „Übernachten“ zusammen (לון). Das Leben in der Nacht, in der Finsternis, macht den irdischen Teil des Menschen müde und verzagt. Das 50. Wort der Bibel ist BOKER (בקר), der Morgen. Dann wird es hell und klar. Was zuvor noch Murren und Beschwerden auslöste, bleibt dahinten und vergeht. Es gehört zur „20 und darüber“. Es gibt keinen Grund, diesen seelenfeindlichen Umständen nachzutrauern. Die Erinnerung daran wird genommen, was bleibt, sind die Überraschungen und die Wunder, die deine Seele atmen ließen.