Dem Wasser eine Stimme geben

Als Tropfen achtet man mich gering, in der Menge lehre ich das Fürchten. Andere laufen auf mir, wenn ich zu Eis erkaltet bin, und wieder andere rutschen dann auf mir und manchmal verlieren sie sogar die Kontrolle. Schiffe, die so schwer sind, dass sie niemand tragen kann, trage ich mühelos von einem Kontinent zum anderen. Wenn ich ganz bescheiden werde, steige ich als Dampf auf zum Himmel, wo ich mich mit anderen Bescheidenen sammle und zu einer Wolke verbünde. Zusammen können wir so groß werden, dass wir sogar die Sonne verdunkeln. Bei schlechter Stimmung des Wetters, die Menschen nennen es ein „Tief“, bilden wir als kleinste Tröpfchen größere Tropfen und werden so schwer, dass wir den Himmel wieder verlassen und den Weg zur Erde antreten. Dabei fallen wir oft mehrere Kilometer und bilden dabei eine Form, die dem Wind fast keinen Widerstand entgegensetzt. Unten sind wir als Tropfen ganz dick und oben ganz dünn.

Hätte ein Mensch uns konstruieren müssen, wer hätte uns so geformt? Als Tropfen habe ich keine feste Form, meine Form entsteht durch die jeweiligen Umstände. Fängt mich jemand mit einem Glas auf, mache ich mich ganz flach und versuche, dessen Boden zu bedecken. Komme ich jedoch als Hagelkorn herab, passe ich mich nicht an und kann dann sogar großen Schaden anrichten.

Wenn es mir zu heiß wird, mache ich mich winzig und verdampfe einfach, denn die Hitze ist nichts für mich. Im Kochtopf hänge ich dann oben am Deckel, kühle dort etwas ab und falle meist wieder herunter, weil mich nur selten jemand herauslässt, aber ein paar von uns schaffen es immer zu entweichen – wenn ich nur wüsste, wie sie das machen! Wenn aber der Topf so dicht ist, dass niemand mehr herauskommt, steigt der Druck sehr stark an und dann wird es wirklich ungemütlich! Aufsteigen, fallen, aufsteigen, fallen und immer in dieselbe unbequeme Situation. Eigentlich ist so etwas unmöglich, aber die Menschen haben tatsächlich etwas erfunden, sie nennen es Dampfkochtopf, das uns ganz einsperrt. In diesem Topf gibt es fast kein Entrinnen, weshalb der Druck immer höher wird, und das bedeutet, dass wir als Wasser heißer werden, als es die Natur vorgesehen hat. Normalerweise verdampfen wir bei etwa 100 Grad Celsius, aber im Dampfkochtopf werden es ungefähr 120 Grad. Ihr Menschen habt keine Zeit mehr, und Zeit hat doch mit dem Wasser zu tun, wie wir noch sehen werden. Deshalb baut ihr solche Sachen, die mit Druck und Zwang zu tun haben, dabei sollte das Leben doch zwanglos und frei sein.

In Freiheit falle ich selten an den gleichen Ort zurück, ganz im Gegensatz zum Kochtopf. Wenn ich klein werde und verdunste, trägt mich der Wind durch die Welt. Länder, Grenzen oder verschiedene Sprachen hindern mich nicht auf meinem Weg. Wir Wassermoleküle sprechen überall dieselbe Sprache und verhalten uns auf der ganzen Welt gleich. Aber sobald wir vermischt werden, bekommen wir neue Eigenschaften. Das hat auch seinen Sinn, denn unvermischt, in völliger Reinheit, werden wir aggressiv und können sogar schädlich für den Menschen sein.
Wo wir wirklich herkommen, wo das Wasser seinen Ursprung hat, verraten wir nicht, und darin zeigt sich ein Widerspruch: Einerseits sind wir durchsichtig und andererseits tragen wir doch Geheimnisse in uns, die wir nicht preisgeben. Nun lasse ich aber von jemand anderem über mich erzählen.

In einer der ältesten Sprachen der Welt, dem Hebräischen, wird bereits im Wort für Wasser etwas über dessen Charakter ausgesagt. Wasser nennt man in dieser Sprache Majim, das klingt zunächst einmal nicht außergewöhnlich. Wenn man jedoch weiß, dass dieses Wort eine besondere Form der Mehrzahl ist, nämlich die des Duals, wird es schon interessanter, denn ein Dual sagt: Das, womit das betreffende Wort beginnt, gibt es doppelt! Majim beginnt mit einem M, das auf Hebräisch einen eigenen Namen hat und Mem heißt. Wenn man auf Hebräisch Wasser sagt (also „majim“), sagt man gewissermaßen „doppelte Mem“. Dieser Buchstabe wurde in den alten hebräischen Schriftzeichen als Welle gezeichnet. Eine Welle hat nicht nur ein Unten und ein Oben, also ein Wellental und einen Wellenberg, sondern sie entsteht gerade dadurch, dass das Wasser dem Wind folgen will. Wenn ein Wind über das Wasser weht, berührt er es und zieht es mit sich.

Und der Wind ist doch auch eines der vier Elemente, von denen man früher sagte, dass aus ihnen die Welt besteht. Diese vier sind Feuer, Wasser, Luft (Wind) und Erde. Der Wind hat in der alten Sprache in seinem Namen (dort heißt er Ruach) nichts Doppeltes. In der Natur entsteht er dann, wenn an zwei benachbarten Orten unterschiedliche Temperaturen herrschen. Auf der einen Seite ist es warm und auf der anderen kalt. Dann sagt die Natur: Moment, dieser Unterschied muss ausgeglichen werden, deshalb schicke ich einen Wind. Der wird das erledigen. Dieses Potenzialdifferenzausgleichsbestreben finden wir nicht nur außerhalb von uns, sondern auch in unserem Körper. Es ist für den Nährstoffwechsel von größter Bedeutung.

Für die unterschiedlichen Temperaturen ist normalerweise die Sonne verantwortlich und diese hat mit dem Feuer zu tun. Jetzt haben wir schon drei verschiedene Elemente, die direkt miteinander zusammenhängen. Auch die Erde könnten wir noch einbringen. Stellen wir uns eine Insel im Meer vor, dann erleben wir an einem sonnigen Tag, dass sich dieser Ort viel stärker erwärmt als das Wasser, das die Insel umgibt. Auf der Insel entsteht dann aufsteigende Warmluft, und diese Luft nimmt auch Wasser mit nach oben Richtung Himmel. Und ist das nicht verblüffend, dass in dieser alten Sprache das Wort Wasser in dem Wort für Himmel enthalten ist? Himmel heißt auf Hebräisch SchaMajim, als ob der Himmel etwas mit dem Wasser in seiner leichtesten Form zu tun hätte.

Wir alle kennen Regen und wissen, dass dieser vom Himmel fällt. Das hat uns ja schon der Tropfen erzählt. Aber solange das Wasser noch in der Wolke ist, wird es in die Richtung bewegt, wohin der Wind weht. Das können alle Himmelsrichtungen sein, aber bedingt durch auf- oder absteigende Winde können Wolken auch nach oben oder nach unten bewegt werden. Ist das Wasser als Regen auf der Erde angekommen, wird seine Richtung dort von der Schwerkraft der Erde bestimmt, und das bedeutet, dass es immer bergab fließt. Alle Bäche und alle Flüsse fließen nach unten, bis sie in ein Meer münden. Spätestens dort ist das Wasser allerdings nicht mehr trinkbar, weil es sich mit dem Salz des Meeres verbunden hat.

Wasser fließt wie die Zeit. Hier in unserer Welt hat die Zeit nur eine Richtung. Alles, was wir sehen, wird jeden Tag älter. Das Wasser nimmt auf seinem Weg viel auf, so wie wir, die wir in der Zeit leben, jeden Tag Neues aufnehmen und auch mitnehmen. Wenn wir zu einer Quelle gehen, die vielleicht irgendwo weit oben in den Bergen entspringt, können wir in diesem Wasser wahrscheinlich nur mit einem Mikroskop kleinste Lebewesen entdecken. Folgen wir diesem Wasser auf seinem Weg ins Tal, finden wir irgendwann auch Tiere wie Fische, Krebse, Frösche und viele andere, die ihren Lebensraum im Wasser haben. Je größer die Gewässer werden, desto größer werden auch die Tiere, die darin leben. Schließlich finden wir im Meer mit den Walen die größten Lebewesen der Erde. Unser kleiner vom Himmel gefallener Wassertropfen lernt viele von ihnen kennen, wenn er nicht vorher irgendwo verdunstet – ach, macht ja nichts, er kommt später schon wieder. Nur wo, das weiß niemand.

Diese Doppelheit im Wort Majim (Wasser) versteht man auch als zwei unterschiedliche Arten, Zeit zu erleben. Anhand einfacher Beispiele verstehen wir alle, was damit gemeint ist. Nehmen wir an, wir müssen etwas sehr Unangenehmes machen, etwas, das uns gar nicht gefällt oder wir haben Schmerzen, dann will die Zeit einfach nicht vergehen. Ebenso wenn wir auf ein besonderes Ereignis warten müssen, das wir mit Freude verknüpfen, es könnte ein Geburtstag sein, an dem es tolle Geschenke gibt, auch dann will die Zeit einfach nicht vorbeigehen, es dauert dann „ewig“. Ach, wie lange dauert das denn noch?
Umgekehrt ist es so, dass die Zeit nur so dahinfliegt, wenn wir mit Freunden zusammen sind, lustige Spiele machen oder einen Ausflug unternehmen, der uns eine große Freude macht. Huch, jetzt ist alles schon wieder vorbei? So schnell? Wir erleben auf diese Weise Stunden wie Minuten. Zeit kann man zwar mit Uhren sehr genau messen, aber wir alle erleben Zeit ganz einmalig.

Bemerkenswert ist noch, dass das Wort Leben im Hebräischen ebenfalls in der seltenen Dual-Form geschrieben wird. Es heißt Chajim. Und hängen Wasser und Leben nicht eng miteinander zusammen? Gibt es Leben ohne Wasser?
Haben wir selbst neben unserem äußeren Leben in unserer Familie und mit unseren Freunden auch ein inneres Leben, das Leben unserer Träume und Wünsche? In unserer Vorstellung spielt doch die Zeit keine so wichtige Rolle. Wenn wir uns etwas wünschen, ist es sofort vor unserem inneren Auge sichtbar. Wir müssen nicht darauf warten. Das hat mit dem „leichten Wasser“ zu tun, also den Wolken am Himmel. Dass unsere Träume wahr werden, unsere Wünsche sich tatsächlich erfüllen, das hat mit dem „schweren Wasser“ zu tun. Wenn sich Träume erfüllen, entspricht dann dem Regen, ohne den auf der Erde keine Blume wachsen kann, sich nichts entfalten kann. Ohne Wasser wächst nichts. Was könnte alles bei uns wachsen, wenn wir unseren Wünschen und Träumen Zeit schenken würden?

Aber erinnern wir uns noch einmal des Glases vom Anfang. Könnte es unseren Durst löschen, wenn es ungefüllt wäre? Jemand muss es doch gefüllt haben! Wie stark wirken erfüllte Wünsche für uns? Ist es nicht so, dass uns dann auch manchmal die Tränen kommen? Wenn wir einmal ein wenig darauf achten, wo wir überall Wasser entdecken, können wir sehr viel über das Leben an sich erfahren.

Noch in einer anderen Hinsicht zeigt das Wasser besondere Eigenschaften. Es macht die Unebenheiten des Bodens unsichtbar. Stauseen bergen manchmal ganze Dörfer in sich, die nach Fertigstellung der Staumauer irgendwann geflutet wurden. Später fährt man mit einem Boot darüber und weiß mitunter noch nicht einmal, was sich unten in der Tiefe befindet. Oben ist alles eben, bei Windstille sogar spiegelglatt. Aber unten, was könnte man dort alles finden? Öffnet man die Staumauer und lässt das Wasser ab, wird der Grund mit seinen Unebenheiten sichtbar. Jetzt aber muss man zur Durchquerung des Tales jede Unebenheit zu Fuß überwinden, wohingegen man zuvor einfach mit einem Boot darüber hinweg fahren konnte.
Wasser kann somit auch etwas bedecken und unsichtbar machen, das früher sichtbar war. Obwohl sauberes Wasser durchsichtig ist, kann man unter Wasser selbst im saubersten Meer kaum weiter als einige Dutzend Meter schauen. So bedeckt auch die Zeit die Dinge, die irgendwann einmal passiert sind, ebnet sie ein, als ob nichts gewesen wäre, aber „weg“ ist eigentlich nichts, es ist nur im Moment nicht sichtbar, obgleich es „da unten“ doch sicher irgendwie lebt, aber eben anders als zu der Zeit, als es im sichtbaren Leben stattgefunden hat.

Und noch einmal anders: Was lebt alles in uns, die wir zu einem großen Teil aus Wasser bestehen? Und wie leben wir als Menschen miteinander? Schauen wir uns noch einmal die drei Daseinsformen des Wassers, die sogenannten Aggregatzustände, an. Ist es sehr kalt, gefrieren die kleinsten Bestandteile des Wassers, die Moleküle, und haften aneinander. Kälte ist in diesem Fall auch ein Ausdruck dafür, dass nur wenig Energie vorhanden ist. Wenn wir keine Energie haben, also kraftlos und mutlos sind, werden wir auch unbeweglich und es tritt eine gewisse Erstarrung in unser Leben. Ist das Wasser wärmer als 0 Grad Celsius, wird es flüssig, es kann sich jetzt bewegen und in den Fluss kommen. Jetzt bekommt es die Eigenschaften, die für das Leben unersetzbar wichtig sind. Die Moleküle sind immer noch miteinander verbunden, aber in einer beweglichen Form. Es ist der Zustand, in dem wir Kontakt haben und suchen, ohne dass uns diese Kontakte erstarren lassen. Auf das menschliche Miteinander bezogen ist es der Idealzustand. Man ist gebunden und doch frei beweglich.

Verdunstet das Wasser, ist es zwar noch beweglicher, aber nun verliert sich der Kontakt zu den anderen bzw. könnte man sagen, dass man zu anderen immer einen gewissen Abstand hat. Diese unterschiedlichen Eigenschaften bekommt das Wasser durch die Änderung der Temperatur, und die Temperatur ist – ganz einfach gesagt – in erster Linie Bewegung. Menschen, die keinen Anteil am Schicksal anderer nehmen, die dadurch nicht bewegt werden, nennt man kühl oder sogar kalt. Wärme bringen wir als Menschen mit Mitgefühl, Liebe und Geborgenheit in Verbindung. Dafür steht normalerweise eine Mutter. Sie liebt ihr Kind „einfach so“. Sie liebt es nicht, weil das Kind etwas Besonderes kann oder gemacht hat, sondern weil es einfach ihr Kind ist. Diese Art der Beziehung nennt man eine warme Verbindung. Vor unserer Geburt bildet sich unser Körper im Körper unserer Mutter in einer Blase, der sogenannten Fruchtblase, die mit Wasser gefüllt ist. Dieses Wasser hat die Temperatur unserer Mutter; ihre Wärme ist unsere Wärme. Die erste Wärme, die wir in unserem Leben spüren, ist die Wärme unserer Mutter. Vermittelt wird diese Wärme durch das Wasser.
Wasser ist nicht nur ein ausgezeichneter Wärmeleiter, sondern es umschließt einen zu wärmenden oder zu kühlenden Körper nahezu lückenlos. Wenn wir nach der Geburt zum ersten Mal die Augen öffnen, sehen wir die Welt genau genommen auch durch das Wasser hindurch, das sich in den Kammern unserer Augen befindet. Und eigentlich sollten wir deshalb auch einen warmen Blick haben. Einen Blick, der andere anzieht und nicht abstößt, einen Blick, der das Gute sieht, auch wenn es Dinge gibt, die nicht gut sind. Von den weniger guten Dingen können wir unsere Augen auch abwenden, denn unsere Augen sind beweglich – beweglich wie die leichten Wasser am Himmel, die vom Wind bewegt werden. Je nachdem welcher Wind in uns weht, so blicken unsere Augen. Ist es stürmisch in uns, dann bekommen wir auch einen Blick, bei dem andere merken, dass etwas nicht stimmt. Sind wir ruhig und ausgeglichen, kann man das auch in unseren Augen sehen. Menschen können dann viel leichter Vertrauen zu uns haben, weil sie wissen, dass sie keine Angst haben müssen. Und unsere Augen verlieren sogar Wasser, wenn unsere Gefühle sehr stark bewegt werden, dann fließen Tränen der Enttäuschung oder Tränen der Freude.

Wir schmecken das Leben, weil es Wasser gibt, und wiederum ist es das Wasser, das Auskunft darüber gibt, wie wir auf das Leben und die Umstände reagieren. Neben dem Weinen zeigt sich das auch durch Schwitzen, wenn wir zum Beispiel aufgeregt sind. Ebenso markieren Tiere ihr Revier durch ihr „Wasser“, das die Eigenschaften des betreffenden Tieres aufgenommen hat und deshalb zum Informationsträger wird. In der Welt der Tiere ist es völlig normal, solche „Nachrichten“ zu lesen und zu verstehen.

Und was sagt unser Tropfen, der schon so lange unterwegs ist, dazu?
Egal wie viele Informationen ich in mir trage, wie viel Schmutz ich aufgenommen habe, sodass andere sauber sein können: Sobald ich wieder klein und bescheiden zu einem Minitröpfchen werde, steige ich wieder sauber auf und lasse alles andere hinter mir. Wenn ich das nächste Mal wiederkomme, werde ich erneut Pflanzen, Tiere und die Menschen beleben, wachsen lassen und erquicken; werde sie reinigen, wärmen, kühlen oder sie einfach nur eintauchen lassen – in mich, das Element des Lebens.