Denken und Handeln

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Ein Guru wird zum Essen in den Kreis einer Familie eingeladen. Während der Mahlzeit fordert ihn der Mann des Hauses auf, ihm die Salatschüssel mit der Kraft seiner Gedanken anzureichen. Der Guru sitzt hoch konzentriert auf seinem Platz und starrt die Schüssel an. Die Tochter des Hauses schaut sich das eine Weile an, staunt verwundert, und nimmt schließlich die Schüssel, um diese ihrem Vater zu reichen.
„Ich konnte das Leid des Mannes offen gesagt nicht länger mitansehen, drum habe ich es einfach beendet. Zwar waren es nicht meine Gedanken, die das Werk vollbrachten, aber warum nicht Arme und Hände benutzen, wenn man solche hat.“

Gedanken sind sehr hilfreich, um etwas zu aktivieren. Das funktioniert jedoch in alle möglichen Richtungen. Jehuda sprach seinen Gedanken aus, Joseph doch zu verkaufen. Auch wenn er ihn selbst nicht verkaufte, aktivierte er eine Handlung, die letzten Endes andere ausgeführt haben. In 1. Mose 37:28 wird das „sie“ auf die Midianiter bezogen. Das heißt, dass die tatsächlich Ausführenden des Verkaufs die Midianiter waren.
Trotzdem sagt Joseph später zu seinen Brüdern:

Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt.

Gen. 45:4

Sie konnten dem nichts entgegensetzen, denn „sie folgten der Logik Jehudas“, so übersetzt Chizkuni das SCHMA am Ende von Gen. 37:26, wenn es um die Brüder Josephs geht, denen gegenüber Jehuda seine Gedanken mit einer bezeichnenden Aufforderung einleitet: L’CHÚ, übersetzt als antreibendes „Komm!“ (Vers 27). Der hebräische Ausdruck lautet in seiner Grundform HOLECH, das ist das Gehen. Man kann deshalb an dieser Stelle genauso lesen: „Geht hin!“ Aber wer soll denn gehen und wohin?
Rhetorisch clever stellt Jehuda einen Vers vorher eine Frage, die seine Brüder empfänglich für seine Idee macht: MAH BEZÁH? (Was gewinnen wir?).

Eigentlich ist es sein Gedanke, zu dem Jehuda sagt: „Geh!“ Und der Gedanke geht seinen Weg. Er geht in offene Ohren und noch viel weiter, wenn er ausgesprochen wird. Am Anfang der Bibel heißt es nicht: „Und Gott denkt: Es werde Licht!“, sondern „Und Gott sprach“. Derselbe Ausdruck (WAJOMER) wird bei Jehuda verwendet. Und aus dem „es werde“ folgt das „es ist“. Diese Konkretisierung sind bei den Söhnen Jakobs die Midianiter. Midian ist der 4. Sohn Keturas, einer Frau Abrahams (Gen 25:2). Auch Jehuda ist ein Sohn an 4. Stelle, seine Mutter ist Leah. In Matth. 13:55 wird wieder ein Judas an 4. Stelle erwähnt, dort als Bruder von Jesus. Schlagen wir das 4. Kapitel der Bibel auf, stoßen wir auf die Passage des Brudermordes. Der „Gekaufte“ (Kain) tötet den, auf den er neidisch ist. Frappante Analogien!

Im 4. Vers der Bibel scheidet Gott das Licht von der Finsternis. Noch einen Schritt weiter zurück, gelangen wir zum 4. Wort der Bibel, das im Deutschen keine direkte Entsprechung hat. Es ist das Wort ETH, 1+400, das die Grammatiker „den determinierten Partikel des Akkusativ“ nennen. Das haben die Gelehrten im Nachhinein so festgelegt und dabei verkannt, dass ein mit einem ETH eingeleitetes Objekt alles umfasst, weil es von der 1 bis zur 400 geht. Auf den Himmel in Gen. 1:1 bezogen kann man sagen, dass es um den Himmel in allen Dimensionen geht, auch den Himmel bei jedem Menschen selbst. Dieses ETH als ATH ausgesprochen ist das an eine Frau gerichtete „Du“. Steht uns der Himmel als weibliches Du gegenüber? Die Sprache führt uns ohne Umschweife zu dieser Frage.

Noch einen Schritt weiter zurück finden wir als 4. Buchstaben die SCHIN im ersten Wort. Als SCHEN ausgesprochen ist es der Zahn, der uns dabei behilflich ist, Großes zu zerteilen, bis wir es schlucken und in uns aufnehmen können.

Durch Jehudas ausgesprochenem Gedanke kommt es zu einer Teilung, einer Scheidung, aber wir kennen das Ende der Geschichte: Es soll nur für eine bestimmte Zeit sein. Diese Zeit ist für alle notwendig, um langsam zu verstehen, worum es eigentlich geht. Alles musste durchlebt und durchlitten werden, in allen Facetten. Erlösung ist kein Glaube im Sinne eines „ich gehe mal davon aus, dass es wahr ist“, sondern ein Einstimmen darein, den Weg des Lebens in allen seinen Höhen und Tiefen zu erfahren.

Das konkrete Handeln ist stärker als jeder Gedanke, es ist auch eine Waffe zur Beseitigung schräger Gedanken. Ein Mensch kann denken und er kann handeln, wenn das Handeln aber nicht dem Denken entspricht, kommt es zu einer Trennung, die „22 Jahre“ bis zur Versöhnung braucht. 22, wie das Leid, 22 wie die Anzahl der Zeichen des Alphabets von der Aleph bis zur Taw, der 1 bis zur 400 – aber was folgt? Der Himmel! (Siehe oben, wenn das Wort ETH zum ersten Mal in der Bibel vorkommt.)