Der Erlösung geht die Finsternis voraus

Eine neue Phase kommt nicht, ohne dass eine Nacht vorausgeht. Zuerst muss es finster werden. Glaube nicht denen, die sagen, dass es jetzt wunderbar und schön werden wird, das waren und sind allzeit die falschen Propheten, die die Erlösung nur oberflächlich, also gar nicht, verstanden haben. Die echten Propheten der Bibel waren Skeptiker und Pessimisten, denen das Prinzip der Erlösung mitgeteilt wurde. So wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt: „und es ward Abend und es ward Morgen …“, so durchzieht es sich im Kleinen und im Großen bei dem, was eine wirkliche Erlösung ist. Da ist kein „Schwupps und alles ist gut“. Unmittelbar vor einer Erlösung wirst du müde und träge werden, so wie der Mensch am Abend langsam spürt, dass ihm die Kräfte weichen und die Aufmerksamkeit nachlässt. Das Licht geht aus und man verliert den Überblick, niemand sieht mehr klar. Gott fädelt die Dinge exakt so ein, dass sie in eine Erlösung münden müssen. Dieses Schema zieht sich durch die ganze Bibel. Diese Nacht ist identisch mit dem Gehen ins Exil. Jetzt herrschen andere über dich, der Zwang intensiviert sich, es muss so sein, es geht nicht anders, aber du wirst es hernach verstehen.

Wenn du einschläfst, gelten andere Gesetze. Die Dinge um dich herum laufen wie von selbst ab, während du dich ausruhst, denn Erlösung bedeutet auch, dass du ausgeruht aufwachst und aufstehen kannst, und das kann man doch nur, wenn man zuvor geschlafen hat.
In der Nacht herrscht eine andere Kausalität, sie ist eigentlich die Wiederholung des Schöpfungsprozesses. Alle Erlösungsgeschichten sind deshalb Nachtgeschichten, in der der Mensch in seine linke Phase eintritt. Der 6. Tag, der an seinem Ende die große Auseinandersetzung mit sich bringt, dass Welten miteinander Krieg führen – und hier geht es in erster Linie um unsichtbare Welten, wenngleich es sich auch im Sichtbaren zeigen kann – endet, wenn es ganz finster ist, um Mitternacht. Dann schon beginnt der neue Tag, es ist noch dunkel, aber der Kampf ist vorbei. Beim Eintritt der Nacht sagt man dann das keriath schma schel mittá (das Schma Israel des Bettes): „Schma Israel HaSchem Elohenu HaSchem Echad“. Höre Israel, HaSchem Elokim ist EINS. Man stellt die Einheit beider Seiten Gottes fest. Da ist kein Widerspruch, auch wenn deine Wahrnehmung dir etwas anderes sagt. Leugne deine Wahrnehmung und vertraue darauf, dass der Schöpfer der Welt nicht verzieht, auch wenn es den Anschein macht.

(Frei nach F. Weinreb, NL, Symboliek)

Denn das Gesicht gilt noch für die bestimmte Zeit und eilt dem Ende zu und wird nicht trügen; wenn es verzieht, so harre seiner, denn es wird gewiss kommen und sich nicht verspäten.

Habakuk 2:3

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Autor: Dieter Miunske