Der falsche Arzt mit der richtigen Therapie

Es war einmal ein König, der schon lange krank in seinem Bette lag. Ein Arzt nach dem anderen versuchte seine Therapie in großer Ehrerbietung, doch alle blieben ohne Erfolg. Des Königs Geduld war am Ende; es musste doch jemanden geben, der ihn heilen könnte! Die Situation war ernst für ihn, was er dadurch bekräftigte, dass er jeden Arzt, der nicht helfen konnte, töten ließ. Auf diese Weise wollte er verhindern, dass er seine Zeit mit weiteren allzu leichtfertigen Heilern verschwendete.
Eines Tages kam ein Mann in den königlichen Palast, der sich als Arzt ausgab und darum bat, dem König vorgestellt zu werden. „Was ist dein Anliegen, was willst du von unserem König?“, fragte ihn das Hofgesinde, und er antwortete: „Ich bin ein Arzt, der dem König wirklich heilen kann“. „Ha ha, das haben sie alle behauptet und mit ihrem Leben bezahlt! Was macht dich so sicher, dass du so unerschrocken vorgehst?“ „Nun, das ist mein Geheimnis“, antwortete der vermeintliche Arzt, der keinerlei Ausbildung hatte. Und so wurde der Mann zum König gebracht, der ihn darauf hinwies, dass er es mit seinem Leben bezahlen würde, wenn seine Therapie nicht erfolgreich wäre. „Oh, davor fürchte ich mich nicht, ich bin mir meiner Sache sehr sicher.“, entgegnete der selbsternannte Arzt. „Gut, dann bin ich ganz einverstanden“, freute sich der König zu sagen, denn was blieb ihm sonst für eine Wahl, schon viel zu lange lag er und hatte längst keine Freude mehr am Leben.
„Wann können wir mit deiner Therapie beginnen?“, fragte der König neugierig. „Gleich morgen, aber es gibt ein paar Vorkehrungen zu treffen, ohne welche die Therapie nicht erfolgreich sein wird.“ „Welche Vorkehrungen?“, fragte der König. „Ja, die Form der Heilung wird derart sein, dass der Herr König zuweilen schreien könnte, und wir müssen unbedingt vermeiden, dass diese Schreie das königliche Personal veranlassen könnte, unsere Sitzung zu unterbrechen und nachzufragen. Eine Unterbrechung der Therapie würde diese jedoch aussichtslos machen. Deshalb muss ganz sicher gewährleistet sein, dass niemand in der Nähe ist, der den König hören könnte, wenn dieser rufen würde.“ „Das werde ich veranlassen; morgen wird niemand an meinem Hofe zugegen sein. Ich werde dafür sorgen, dass wir vollkommen ungestört sind.“ Und so geschah es.

Am nächsten Morgen kam der Mann wieder und trat in des Königs Zimmer: „Guten Morgen Herr König, haben sie alles veranlasst?“ „Zur vollsten Zufriedenheit, auf mich ist Verlass, ich hoffe, dass du ebenso zuverlässig bist. Beginne mit deiner Therapie.“ Ein leicht hämisches Lächeln zog über das Gesicht des falschen Arztes. „Veranlassen und Befehle geben können sie also wie es einem König gebührt, aber mehr anscheinend auch nicht?!“ „Was willst du mir damit sagen?“ „Die einfachsten Dinge gelingen dir nicht, du jämmerlicher König. Nicht einmal aufstehen kannst du, oder irre ich mich da?“ „Was fällt dir ein, so mit dem König zu reden? Das hat noch niemand gewagt! Hüte deine Zunge, sonst lasse ich dich hinrichten!“ „Na dann lass‘ mich doch hinrichten, du träger Tyrann, oder noch besser: Richte du mich doch hin!“, provozierte der Mann den König und lustwandelte in seinem Zimmer höhnisch lachend auf und ab. Die Zornesröte stieg dem König ins Gesicht und wutschnaubend schrie er nach seinen Soldaten. Doch niemand hörte ihn, hatte er doch selbst den Befehl gegeben, heute den königlichen Palast zu räumen.
„Das ist kein Arzt, das ist ein Verbrecher, der sich über den König lustig macht!“, schrie der König, der in seinem Bett immer unruhiger wurde. „Was zu beweisen wäre“, rief der Mann und grinste vergnügt. „Bist du überhaupt ein König, so beweise du, dass du kein Hochstapler bist!“ Und so ging es weiter mit der Provokation, also dass der falsche Arzt den König derart reizte, dass selbiger alle seine Kräfte mobilisierte, sich unter Schmerzen aufraffte und versuchte aufzustehen. „Oh, möchte der feine Herr König vielleicht, dass ich ihm wohlfeil zu Diensten stehe? Werde ich aber nicht, denn eine Achtung vor dir, habe ich nicht.“, reizte der Mann weiter. Da, schließlich stand der König auf, schrie weiter nach seinen Soldaten, die natürlich immer noch außer Reichweite waren, und endlich fasste er den Entschluss, den falschen Arzt selbst zu erledigen. „Dich schnappe ich mir und ich werde dich gnadenlos zerstören!“, fauchte der König in seinem Zorn. „Dann komme er, und lasse den Worten Taten folgen!“, provozierte der Mann und lief Richtung Ausgang des Zimmers, um dieses zu verlassen. Der König folgte langsam, aber stetigen Schrittes. Im Hofe angekommen schwang sich der falsche Arzt auf sein Pferd und rief dem König zu: „Wenn du mich schlagen willst, musst du schon etwas schneller werden!“, und verließ hoch zu Ross den königlichen Palast.

Unterdessen sattelte der König ein Pferd und folgte seinem Widersacher. Es begann eine Verfolgungsjagd, während welcher der König immer wieder schrie: „Bleib stehen du Bastard, dass ich dich greifen kann!“, doch der Mann kümmerte sich natürlich nicht um die Anliegen des Königs. Schließlich gelang es dem König tatsächlich, diesen eigenartigen Arzt einzuholen. Doch mittlerweile wurde er sich seines Zustandes gewahr, dass er laufen, reiten, sich alleine bewegen konnte – hatte er sich nicht genau das von einer Therapie gewünscht? Hat er nicht deshalb einen Arzt nach dem anderen zu Hofe gebeten? König und falscher Arzt waren nebeneinander auf Augenhöhe und der König bat darum, stehen zu bleiben. „Du elender Kerl, der du bist – du bist der, der mich befreit hat, der mir gezeigt hat, dass ich die ganze Zeit andere für meinen Zustand verantwortlich gemacht habe. Du bist der wahre Arzt!“ Und sie stiegen von ihren Pferden ab, umarmten sich und wurden die besten Freunde.

Orientalisches Märchen

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Autor: Dieter Miunske