Der Glaube formt die Logik

Die Logik entstammt dem Glauben des Menschen. So wie er glaubt, bildet sich seine Logik. Deshalb erachten wir das, was für Menschen in anderen Zeiten logisch war, manchmal als kindisch, falsch oder zu kompliziert.
In den letzten Jahrhunderten ist das Messen durch Wahrnehmen und Beobachten, das Ermitteln von Zusammenhängen durch Experimente nahezu vollständig zum Glauben der Menschen geworden, und ein Glauben toleriert keinen anderen Glauben, denn Glauben bedeutet: Das ist der Kern, das ist die 1, das ist mein Zentrum, schließlich kann es nur ein Zentrum geben. Diese 1 ist des Menschen Gott, ungeachtet dessen, ob er das so nennt oder nicht, denn er wird sein Leben danach ausrichten, sich bei Ängsten auf ihn stützen, ja letztlich das ganze Leben diesem Kern unterwerfen. Die Wissenschaft ist längst zu diesem Kern gemacht worden und damit hat man etwas aus dem äußeren Kreis – dort ist die Wahrnehmung angesiedelt – zum Kern gemacht, was nichts anderes als heidnischer Götzendienst ist. Das ist auch der Grund weshalb der moderne Mensch die Lösung für alle Probleme in der Technik, der Medizin, der Chemie, der Ökonomie und all den anderen Bereichen sucht, die ihren Platz im Außenkreis haben. Dort haben sie auch ihre Berechtigung, jedoch überträgt der von dorther gebildete Mensch seine damit einhergehende Logik auf alles was ihm begegnet und damit auch auf die Bibel, die dann zwangsläufig für ihn unlogisch und widersprüchlich erscheinen muss, weil sie einer anderen Logik folgt.

In der Theologie versucht man dann die Texte irgendwie zu biegen oder von vornherein infrage zu stellen, weil man natürlich mit modernen Ansätzen scheitern muss, wenn man sieht, dass sich die Bibel reichlich wenig um Grammatik oder vorstellbare Szenerien kümmert. Leise schwingt bei der Exegese eine Verachtung gegenüber den vermeintlich primitiven und ungelehrten Leuten mit, die als Autoren der Bibel genannt werden. Sich der Bibel als moderner Wissenschaftsgläubiger zu nähern muss aus genannten Gründen scheitern. Hier und da findet man aus der äußeren Perspektive sicher auch etwas Interessantes, doch liest man ein paar Verse weiter, wird man schon wieder die Nase rümpfen, weil der entsprechende Text nach heutigen Ansätzen veraltet und nicht anwendbar scheint. „Es waren eben einfache Leute früher, was wussten die schon?!

In alten Zeiten wäre niemand auf die Idee gekommen, die Bibel mit seinen eigenen Maßstäben zu lesen oder gar auszulegen. Das käme bspw. der Dummheit gleich, die elektrische Spannung, die bekanntlich in Volt gemessen wird, in einem Längenmaß von Metern und Zentimetern anzugeben, oder die Frequenz einer Radiowelle als Gewicht in Kilos oder Tonnen zu benennen. Die Bibel nach historischen, ethnologischen, biologischen oder philologischen Gesichtspunkten verstehen zu wollen, ist noch absurder. Die Bibel selbst gibt für diesen Ansatz das Beispiel Sodoms. Dort wird alles solange geändert, bis es nach sodomitischen Maßstäben passend ist, wenngleich es dadurch zerstört wird. Diese Kraft, die sogar das Leben zerstört, resultiert aus dem Glauben, dass die durch Experimente ermittelte „Wahrheit“ unumstößlich sei. Man lacht über die alte primitive Kirche und ihre Priester, hat sich aber längst eine alternative Kirche mit den wissenschaftlichen Fakultäten geschaffen, deren Priester die hochangesehenen Experten sind. Sie führen heute den Unfehlbarkeitsanspruch des Pontifex auf ihre Weise weiter – wer das nicht glaubt, denke einmal darüber nach, wie ein Mensch geachtet wird, der heutzutage unwissenschaftlich argumentiert. Doch sobald ein Mensch Träger akademischer Titel ist, gilt er in der westlichen Gesellschaft automatisch als gelehrt und glaubwürdig, selbst wenn er sich den größten Unsinn zusammenreimt.
Dabei bietet diese Welt genügend Anhalts- und Angriffspunkte, die den modernen Götzendienst, genannt Wissenschaft, ins Wanken bringen würde. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass all die entdeckten Regelmäßigkeiten, die Gesetze der Logik, für einen großen Bereich des äußerlichen Alltags zutreffen, trotzdem zeigt sich an den Grenzen des Beschreibbaren permanent etwas, das sich nicht bestimmen lässt und uns ständig sagt: „Und doch ist es ganz anders als du denkst!

Was der Mensch experimentell herausfinden kann, könnte man einem Kinderspielzimmer vergleichen, worin man sehen kann, dass ein schief gestapelter Holzklötzchenturm einstürzen wird. Schließlich fällt der Turm mit einem Getöse um und alle sind glücklich, dass man es richtig vorausgesagt hatte. Aber das Spielzimmer hat Fenster und man sieht draußen ein paar Bäume stehen, die wie die Holzklötzchen ebenfalls aus Holz sind, und dann denkt man, dass ein schiefer Baum ganz sicher auch umstürzen wird. Schiefe Bäume fallen jedoch nicht automatisch um, nur weil die von uns berechnete Statik es voraussieht. Sobald wir einen schiefen Baum allerdings von seiner Wurzel trennen, indem wir ihn absägen, folgt er treu unserem Glauben und fällt um. Daraus kann man wieder Bauklötzchen herstellen und das Spiel geht von vorne los. Die gegenseitige Beweihräucherung und das “sich auf den Thron Setzen” funktioniert also in einem gewissen Umfang recht zuverlässig, wenn man die Welt von ihrer Wurzel trennt, aber dann hat man sie allerdings zugleich tötet. Vor diesen selbst gemachten Göttern fällt man dann nieder und hofft auf deren Hilfe in allen Lebenslagen. Da es zu diesen Göttern keine lebendige Beziehung per se geben kann, erhält man auch keine Rückmeldung und man kann sich die Bauklötzchen so anordnen, wie man es gerne hätte; andere sprechen von einem selbstbestimmten Leben, deren Gott man sich selbst geschnitzt hat.
Die Bereiche, die man nicht leugnen kann, die sich aber nicht auf gewöhnliche Weise messen lassen, müssen aber auch irgendwie in den Bereich der Logik aufgenommen werden, wo käme man hin, wenn sich etwas der menschlichen Kontrolle entziehen würde? Also erfand man eine neue Disziplin namens Para-Psychologie und fing an auch offizielle Experimente in der Kategorie Spiritismus, Magie und dergleichen durchzuführen, nur um das Terrain der akzeptierten Logik nicht verlassen zu müssen.

Typischerweise weiß jeder Mensch davon, dass er von einer anderen Welt umgeben ist, aber lieber verschließt er sich dieser gegenüber bewusst oder unbewusst, weil er sie nicht so begreifen kann, wie er es gewohnt ist, was ihn ängstigt, denn ohne Kenntnisse der wirklichen Zusammenhänge kann er nichts kontrollieren. Das ist sein Problem, weshalb er sich lieber auf die Materie und das, was sie hervorbringt begrenzt. Innerhalb dieser Grenzen empfindet er eine Genugtuung, die der Natur des Tieres entspricht; ein wirklicher Mensch würde sich damit niemals zufriedengeben. Letzterer wird erst richtig wach, wenn es um die Bereiche und Themen außerhalb des „Spielzimmers“ geht. Was ist das Leben, was der Tod, welche Bedeutung hat die Welt für mich persönlich und welche Aufgabe habe ich hierin? Die Wissenschaft hat keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, sie kennt nur Kommen und Gehen, ist der Zeit unterworfen und fließt mit ihr davon. Kalt und trostlos lässt sie den Menschen enttäuscht zurück. Eine Logik, die auf dieses Fundament gebaut ist, leugnet das Leben und folglich auch Worte des Lebens.

Der westliche Mensch lacht bspw. über die Logik des Kommunismus, wohingegen jemand, der mit dieser Art des Denkens groß geworden ist, nicht darüber lacht. Ein Kommunist dagegen findet die Logik des Kapitalismus kindisch und primitiv, und deshalb können diese beiden Richtungen auch nicht zusammenkommen. Bestimmte Völker haben eine bestimmte Art zu denken, haben dadurch ihre eigene Logik und damit einen unterschiedlichen Kern. Mit den Religionen verhält es sich ähnlich. Die Bibel ist keine Schrift, die ihren Ort auf dem Außenkreis hat. Sie ist eine Erzählung aus dem Kern, aus dem Heiligen, deshalb ist sie nicht 1:1 in die Außenwelt übertragbar, obgleich sie Bilder verwendet, die auch in der Welt der Wahrnehmung vorkommen, bedeuten diese Bilder und Geschichten im Kern etwas ganz anderes.

Nach F. Weinreb, NL, handschriftl. Notizen

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Autor: Dieter Miunske