Der Hebräer

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Über die Bedeutung und den Ursprung des Wortes „Hebräer“ aus dem Hebräischen und Mitteilungen alter Überlieferungen gedeutet. Übersetzung eines Vortrages aus 1966, gehalten von Friedrich Weinreb in Den Haag unter dem gleichen Titel.

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Ursprung des Hebräers

Der Name „Hebräer“ im Alten Testament stammt vom hebräischen Begriff Eber, 70-2-200, der dann in den Übersetzungen zu Hebräer geworden ist. Dieser Eber stammt von Noach. Vielmehr kann man eigentlich nicht erfahren. Erst wenn wir den Erzvätern in der Bibel begegnen, lesen wir davon, dass sie sich Iwri nennen. Iwri ist eine andere Aussprache des Wortes Eber, welches mit einer Jod ergänzt wird (70-2-200-10) [Man könnte das Wort auch mit „Mein Jenseitiges“ übersetzen. (Anm. des Ü.)]. Zurecht fragt man sich: Warum nennen sie sich Hebräer? Auch Joseph nennt sich in Ägypten immer Hebräer. Diese Bezeichnung kommt genauso häufig vor wie die Namen Israel oder Juda, womit die Menschen auch bezeichnet werden.
Der Name Israel sagt schon mehr aus. Das ist der Name von Jakob, der zu Israel wurde, nachdem er mit dem Engel am Jabbok gerungen hatte; daher kommt der Name Israel.
Der wichtigste und der bedeutendste Stamm ist der von Juda, einem der Söhne Jakobs, der eine große Rolle im späteren Reich spielte. Aber der Name „Hebräer“ findet seinen Ursprung nicht in der Geschichte der Erzväter; sie nennen sich selbst Hebräer, wenn sie bereits Erzväter sind. Es ist also eine Geschichte, die weiter zurückreicht.


Um dieses Wort Iwri, 70-2-200-10, Hebräer, zu verstehen, müssen wir anfangen, es zu übersetzen. Die Namen in der Bibel sind, wie die lateinischen Namen, für uns oft nicht übersetzbar, aber wer die Sprache kennt, kann natürlich eine Übersetzung darin sehen. Der Name Ewer bzw. Eber bedeutet „von der gegenüberliegenden Seite“, „von der anderen Seite“. Das macht uns verständlich, warum dieser Name eine solche Rolle spielt. Denn „von der anderen Seite“, „von der jenseitigen Seite“ bedeutet, dass es sich um eine Art Mensch oder eine Qualität im Menschen handelt, die sich von der Seite unterscheidet, die wir für normal halten, weil wir darin wohnen, man uns kennt und in einem gewissen Sinne zuhause fühlen. Die jenseitige Welt jedoch ist eine andere Welt.
In der Bibel werden bestimmte Begriffe in Bildern ausgedrückt, aber wer die Bibel tiefer ergründen kann, wer zum Kern vordringen kann, weiß, dass diese Bilder eigentlich Ausdruck eines Wissens sind, das aus einer anderen Welt stammt. Dieses Wissen muss, wenn es in unsere Welt herabkommt, Gebrauch machen von dem, was hier in dieser Welt erscheint. Der Name des Erscheinenden enthält schon etwas von dem, was es in seinem Wesen ist. Kennzeichnend ist jedoch, dass die Sprache der Bibel nicht nach Juda oder Israel, sondern „Sprache von Eber“ genannt wird. Das Hebräische kommt von dieser Figur. Die hebräische Sprache ist also auch eine Sprache von der anderen Seite.
In der hebräischen Sprache wird aus diesem Grund in jedem Wort etwas ausgedrückt, was auch an der anderen Seite ist. Es gibt eine Synchronizität; das Bild und die Formel des Wortes decken sich einander, bilden eine Einheit. In den anderen Sprachen ist ein Bruch entstanden, der sich darin ausdrückt, dass die Worte nicht mehr die Verbindung zum Wesen dessen herstellen wofür sie verwendet werden. Der Grund hierfür liegt in der Sprachverwirrung, von der wir in der Erzählung vom Turmbau zu Babel erfahren. Hier und da sind aber noch Verbindungen in den anderen Sprachen vorhanden, denn eigentlich haben alle Sprachen etwas mit der Ursprache zu tun. Bei der Ursprache geschieht das Erstaunliche, dass man durch die Kenntnis dieser Sprache – und diese Kenntnis geht viel tiefer und viel weiter als das rein grammatikalische Wissen – leicht zur Essenz vordringen kann.
In der Bildsprache der Bibel wird also das Bild vom Wort mit der Absicht verwendet, auf das Wesentliche zurückzukommen. In der Bildsprache der Bibel wird uns dann gesagt, dass diese Hebräer offenbar von der anderen Seite des Flusses kommen, der auch als „ewer ha-nahar“, „die andere Seite des Flusses“, bezeichnet wird.
Jener Fluss, von dem in der Schöpfungsgeschichte die Rede ist, fließt aus dem Garten Eden, dem Paradies, und teilt sich in vier, und dieser vierte Fluss ist der Phrath, 80-200-400 – der Euphrat (die Geographie ist nicht so wichtig, denn es geht um andere Dinge) – und von der anderen Seite dieses vierten Flusses kommt Ewer.
Nun sind diese vier Flüsse im alten Wissen immer dasselbe wie die vier Elemente, die vier Grundlagen dieser Welt; Elemente, wiederum nicht im materiellen Sinne, sondern Elemente im Sinne von Denken und Wissen.
Der Name Ewer bedeutet: Er kommt selbst aus einer Welt, die jenseits dieser vier Elemente liegt, und auch die Sprache kommt von dort. Es ist keine Sprache, die inmitten dieser vier Elemente, dieser vier Flüsse gesprochen wird, es ist eine Sprache, die aus einer anderen Welt kommt, und deshalb wird diese Sprache auch heute noch die Sprache Iwri, Iwrit oder Hebräisch genannt, weil sie von Ewer kommt. Das bedeutet, dass Ewer ein Geheimnis birgt, das Geheimnis des Wortes. Das Wort, das anderswo verloren gegangen ist, ist bei Ewer noch vorhanden. Genauso wie es immer einen Faden in dieser Welt geben wird, der mit einer anderen Welt verbunden bleibt. Oft ist man sich dieses Fadens nicht bewusst, oft will man diesen Faden gar nicht, aber er ist trotzdem da. Es ist das, was dem Menschen das Bewusstsein gibt, dass er aus einer anderen Welt kommt, wo er es mit etwas anderem zu tun hat als dem, was er hier wahrnimmt und erlebt, und dass er dem, was hier Realität genannt wird, eine andere Bedeutung geben kann. Nach Ewer kommt eine Phase in der Welt, die in der Bibel mit dem Namen Peleg charakterisiert wird und Peleg ist der Name der Zeit, der Phase im Menschen, in der Welt, wo eine Spaltung kommt. Denn wie der Name Ewer bedeutet, „von der gegenüberliegenden Seite“, so bedeutet Peleg „spalten“. Und in der Welt von Peleg, in der Phase von Peleg, ist das Wesentliche tatsächlich gespalten, abgespalten von der Erscheinung. Das nennt man Sprachverwirrung; man verwendet Worte, die das Wesentliche nicht mehr erfassen. Deshalb kann man mit dem Wort nicht mehr ohne Weiteres zum Wesentlichen kommen. Es ist eine Zwischenstufe erforderlich, um zum Eigentlichen durchzudringen. Das Wort muss erst etwas im Menschen wecken, ein Gefühl, einen Gedanken, und erst dann kommt man – eventuell – zur Essenz. Bei der Sprache von Ewer, dem Vorfahren von Peleg, ist es noch so, dass die Sprache die Kraft hat, dass das Wesentliche und das Erscheinende deckungsgleich sind, also dasselbe sind.

Wir werden nun versuchen, den Begriff Ewer etwas näher zu charakterisieren. Sie können sehen, dass es von einer entfernten, unbekannten Figur kommt, die offenbar von großer Bedeutung ist. Wenn die alte Überlieferung von der Quelle des Wissens spricht, dann heißt es: Diese Quelle des Wissens ist in der Schule von Schem (Sem) und Ewer (Eber) zu finden. Sem ist der Sohn von Noah. Schem bedeutet Name, und Ewer – die vierte Generation; nach Schem, Arpachschad und Schelah kommt Ewer – bedeutet „von der anderen Seite“ (1. Mose 10:24).
Dieser Schem (der Name) und Ewer (von der anderen Seite) sind die Schule. Der Name ist eine sehr wichtige Sache. Was wir wollen, ist, den Dingen einen Namen zu geben, aber einen Namen, der die endgültige Antwort auf jede Frage gibt, einen Namen, der das erfasst, was es ist, denn unsere vielen Gespräche sind nur notwendig, weil wir den Namen nicht kennen. Wenn wir den Namen wüssten, wären wir mit einem Mal fertig.
Schem und Ewer sind die Schule des Lernens. Man wendet sich an den, der den Namen kennt, der der Name ist, und an den, der von der anderen Seite ist; es gibt keine andere Schule des Lernens im alten Wissen. Schon die Erzväter gingen in die Schule von Schem und Ewer. Selbst Abraham, Isaak und Jakob gehen in die Schule von Sem und Ewer, um den Brunnen des Wissens zu öffnen, um dort zu lernen, um dort Weisheit zu erlangen.
Mit anderen Worten, wenn wir wirkliche Erkenntnis haben wollen, wissen wollen, sind zwei Dinge nötig: Erstens, die Kenntnis des Namens, und die Kenntnis des Namens führt uns, und jetzt kommt zweitens, zu demjenigen, der weiß, dass er von der anderen Seite kommt (Eber), dass er es mit einer anderen Welt zu tun hat, denn in der Welt innerhalb der vier Flüsse herrscht das, was man Heidentum und Götzendienst nennt. Und das bedeutet nichts anderes als von der Einheit, die alles umfasst, weggezogen zu sein. Die Götter stehen Gott gegenüber wie die Vielheit der Einheit. Innerhalb der Vielheit kann man nicht erkennen, dass alles zusammenhängt und dass das Spezialistentum das Schlimmste ist, gerade in Bezug auf die Erkenntnis der Einheit, dass es eine „Verdummung“ bedeutet, eine Erniedrigung, eine Herabsetzung des Niveaus des Menschen, wenn man sagt: „Das ist mein Gebiet und mit dem anderen habe ich nichts zu tun“.
Der Mensch muss fühlen, dass er die Einheit aller Dinge immer vor Augen haben muss und er soll immer danach streben, diese Einheit zurückzufinden und zu wissen, wie er diese Einheit herbeiführen kann. Innerhalb dieser vier Flüsse kann diese Einheit nur durch den Iwri, den Hebräer, den Jenseitigen zustandegebracht werden.
Heutzutage gibt es auch die Tendenz, das Verständnis des Iwri als ein biologisches Konzept zu sehen, das eine bestimmte Rasse betrifft. Auch dies ist eine Reduktion der Bedeutung der dem Menschen gegebenen Offenbarung, die sich nur der Bilder bedient, damit man von diesen Bildern (durch die Sprache dieser Bilder, durch den Namen der Bilder) zum Wesentlichen zurückkehren kann. Und deshalb ist das Verständnis des Ewer auch für die Zeit nach der Bibel, die eigentlich eine Zeit außerhalb unserer Zeit ist, nie an eine biologische Sache gebunden. Im Gegenteil, es wird gesagt, dass jeder Mensch eigentlich erkennen sollte, dass er Iwri sein kann, dass er selbst in einer Welt steht, in der es ein Iwri gibt und in der andere existieren. Und man kann es noch weiter treiben, man kann auch sagen, dass jeder Mensch in sich selbst erkennen sollte, dass er Momente hat, in denen er Iwri ist, und dann wieder nicht. Manchmal ist er wütend auf den Iwri, manchmal sehnt er sich danach, dass der Iwri bei ihm ist, weil er ihn verloren hat. Unsere Sehnsucht nach Wissen, nach Einheit, nach dem Sinn des Lebens, ist eigentlich die Sehnsucht nach dem Menschen von der anderen Seite, dem Menschen, der nicht dem Zeitgeschehen unterworfen ist, dem Menschen, der über der Zeit steht und von der Zeit eigentlich nicht erreicht werden kann. Nur das Bild des Menschen kann in der Zeit betroffen sein (das Bild in der Welt der vier Flüsse).(FN Es geht aus dem Original nicht klar hervor, ob er das Erscheinende des Menschen oder des Menschen Weltbild meint.FN)
Der Begriff Hebräer ist nicht für jemanden reserviert, der in einer bestimmten Region lebt, eine bestimmte Religion hat oder einen bestimmten Pass besitzt. Das sind Eigenschaften im Menschen, die nicht willkürlich erworben werden können, sondern die so tiefgreifend sind, dass sie nur durch die Einstellung des Menschen, durch seine Ausrichtung, zustande kommen können, wenn er dieser Ausrichtung genügend Ernsthaftigkeit beimisst.
Deshalb denke ich, dass es heute Abend gut ist, einige Charakterisierungen dieses Bildes des Iwri zu geben. Was für ein Typ Mensch ist er? Ich habe bereits gesagt, dass von Ewer selbst nichts in der Bibel erzählt wird, außer dass er existiert. Er wird geboren, er lebt soundso lange und geht; es ist eine Phase im Universum, es ist eine Phase in der Menschheit, aber auch in jedem Menschen. Sie ist eigentlich immer vorhanden. Dieses konzentrierte Wissen, das die Bibel darbietet, ist nur durch die Überlieferung verständlich, die ihm einen Sinn gibt, ansonsten ist es ziemlich sinnlos. Und so wird diesem Konzept des Iwri etwas Bestimmtes gegeben.

Abraham – Der erste Hebräer

Der erste Iwri ist der Erzvater Abraham. Er ist der Erste, der als ein Iwri erwähnt wird. Es gibt viele Berichte über sein Leben, vor allem in der Überlieferung, die uns eine Vorstellung davon geben, was mit dem Wort Hebräer gemeint ist, und dadurch wird auch klarer, was die hebräische Sprache ist. Es ist das Denken und die Ausdrucksweise dieses Hebräers, dieses Mannes, der aus einer anderen Welt kommt. Und es wird erzählt, dass zu seiner Zeit auf der Erde ein König namens Nimrod regiert. Auch hier handelt es sich nicht um ein historisches Verständnis. Die Überlieferung kennt zehn Könige des Universums, die nicht nur nacheinander existieren, sondern auch nebeneinander existieren (diese Facetten liegen auch in der Beschaffenheit des Menschen). Der erste König ist Gott, der zweite König ist Adam, der letzte König wird der Erlöser, der Gesalbte, genannt. Einer der zehn Könige ist Nimrod, und von Nimrod heißt es, er sei ein Jäger.
Im Laufe der Geschichte haben wir den Jäger zu jemand gemacht, der nur Tiere im Visier hat. „Ja, es gibt noch hier und da Jäger; erst kürzlich habe ich von der königlichen Jagd gelesen.“, meinen wir dann und wissen nicht viel mehr darüber zu sagen. Es ist wichtig zu erkennen, was die Überlieferung mit dem Begriff „Jäger“ meint. Das Bild, das sie verwendet, könnte im äußersten Fall natürlich auch jemand sein, der tatsächlich auf die Jagd nach Füchsen, Kaninchen und Rehen usw. geht. Aus diesem äußeren Bild kann man tatsächlich erkennen, was einen Jäger animiert, und das ist der Punkt. Denn der jenseitige Mensch braucht diese Tiere nicht zu jagen; dort existieren sie in einer ganz anderen Form, in einem anderen Zustand. Ein Jäger ist jemand, der Freude an der Verfolgung eines Ziels findet, aber er erreicht dieses Ziel nie, denn sobald er ein Tier gefangen hat, muss er sofort wieder auf die Jagd nach dem nächsten gehen. Und wenn er dieses gefangen hat, muss er wieder jagen. Jedes Erreichen eines Ziels zwingt zum Erreichen des nächsten Ziels. Wen der Reiz am Jagen gepackt hat, der ist darin gefangen. Gleichwie beim Konsumieren von Rauschmitteln gibt es nur noch eine Richtung: Ich will mehr! Der Fang, die Beute, wird immer üblicherweise den Dienern gegeben, die sie dann weitertragen oder weglegen können, und sofort begibt man sich auf die Jagd nach dem nächsten Ereignis. Der Jäger ist also derjenige, der glaubt, dass er das Ziel erreichen muss, indem er in dieser Welt jagt, der Welt, die immer wieder wegläuft, der Welt, die sich versteckt, so wie das Tier wegläuft und sich versteckt und so den Menschen herausfordert, es zu jagen. Jeder Flirt verleitet zum Jagen; er ist eine Einladung zum „Nimm mich, wenn du mich kriegen kannst!“ Und immer wieder gibt es das Weglaufen. Und so flirtet die Welt tatsächlich mit dem Menschen: „Ich habe ein Geheimnis, wenn du mir folgst, könntest du es bekommen.“ Und wenn man es erwischt hat, denkt man: Das war es doch nicht, vielleicht gibt es noch ein anderes Geheimnis. Und so kommt eine Generation nach der anderen und ein Ideal nach dem anderen, und jedes Mal bleibt man unzufrieden und wird immer unzufriedener, weil man merkt: Hier wird ein Spiel mit uns gespielt. Wir verfangen uns immer mehr in der Idee des Jagens, obwohl wir gleichzeitig feststellen, dass wir es auf diese Weise nicht erreichen.
Der Jäger im Sternbild am Himmel fängt auch nie das, was er jagt; die Entfernung bleibt immer dieselbe, in dieser Welt wird er es nie finden. Er wird nur animiert, es zu verfolgen, aber er wird es nie fangen.
Der Rausch des Nachjagens vergiftet den Menschen. Das ist viel weitreichender als eine Vergiftung durch Nikotin oder Alkohol. Zu denken, dass man durch wissenschaftliche Analyse der Materie zum Geheimnis vordringen könnte, ist ebenso ein Rausch, der den Menschen betrügt. Für eine große Entdeckung wird ein Nobelpreis verliehen, aber kurze Zeit später geht die Jagd von vorne los. Aber eigentlich, wenn man als Mensch darüber nachdenkt, merkt man: Ich werde es nie finden und es wird nie gefunden werden.
Diesen Seins-Zustand im Menschen nennen wir das Universum, in welchem Nimrod der Herrscher ist. Der Name Nimrod bedeutet: „in Rebellion gegen“; gegen Gott, gegen alles, was eigentlich menschlich ist. Er will das Menschliche nicht, er will es selbst fangen. Er will derjenige sein, der es durch die Materie gefunden hat. Und die Materie verführt ihn, fordert ihn zur Jagd heraus.
In diese Welt von Nimrod kommt dann der erste Iwri, und das Typische ist, dass in dieser Welt von Nimrod eine Legende kursiert, die besagt: „Es wird jemand aus einer anderen Welt in diese Welt kommen und diese Jagd beenden. Er wird eine ganz andere Antwort geben. Er wird von Schem kommen, von dem Namen und von Ewer, von der anderen Seite; er wird wiedergeboren werden“.
Die Überlieferung erzählt wie die Welt Nimrods mit Nimrod als Führer keine Gelegenheit auslässt, um Jagd auf denjenigen zu machen, der aus einer anderen Welt in die Welt der Erscheinungen kommt. Diese Jagd findet man in der ganzen Bibel, aber auch in anderen Erzählungen und Legenden: Die Geburt des Erlösers muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert werden.
Beim Auszug aus Ägypten sehen wir das gleiche Muster. Dort ist es Pharao, der nichts unversucht lässt, um die Geburt des Erlösers zu verhindern. Doch ausgerechnet er ist es, der Mose schließlich in seinem eigenen Haus aufzieht, ohne zu wissen, wen er da eigentlich beherbergt.
Im NT ist es Herodes, der die Kinder tötet. Auch er will verhindern, dass die Botschaft über das Kommen eines Erlösers in sein Reich, von der er gehört hat, wahr wird. „Der soll in eine andere Welt kommen, aber nicht in meine. Ich brauche hier keinen Störenfried, der mich ärgert, der mir vorhält, dass ich im Rausch lebe.“ Ebenso möchte auch jemand im Zustand der Unnüchternheit und des Rausches nicht mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Versucht man, einen solchen aus diesem Zustand zu befreien, wird er wütend und manchmal sogar des Mordes fähig.
In der Welt Nimrods gibt es eine Legende, ein Wissen, eine Erkenntnis im Menschen, wodurch man einsieht, dass es so nicht geht. Es zeigt sich in einer Art Unzufriedenheit, weil man weiß, dass noch etwas anderes fehlt. Aber wie wird dieses andere kommen? Eigentlich will man es nicht, weil man sich schämt.
Und dann wird erzählt, dass es eines Abends bei einem der Großen von Nimrod ein Essen gibt, bei dem drei Leute sitzen. Das Essen ist im Haus des Therach. Therach ist einer der ganz Großen in der Welt von Nimrod. Und bei diesem Mahl heißt es (und Sie erkennen sofort die identische Geschichte aus dem Neuen Testament): „Seht, da ist jetzt ein Stern zu sehen, und dieser Stern lässt darauf schließen, dass jetzt ein Retter geboren wird.“ Sie nennen ihn nicht einen Erlöser, aber sie sagen: „Es ist jemand, der Nimrod von seinem Thron stürzen und der der Welt einen anderen Blickwinkel geben wird; das wird geschehen“. In diesem Moment sehen sie, dass im Haus von Therach ein Kind geboren wird. Dieses Kind ist der Sohn von Therach und wird Abram genannt.
Sofort wird Nimrod von diesem Stern berichtet, und Nimrod befiehlt, alle jetzt geborenen Kinder zu töten. Sehen Sie, die Geschichten sind immer identisch; egal, wo man sie nachschlägt, es zeigt sich immer das gleiche Bild, denn es handelt sich nicht um eine historische Geschichte. Es wird gesagt, dass ein solches Kind, das geboren wird, ein Zustand in dir selbst ist. Es kann etwas in dir auftauchen, das anders sein will und von dem du sagst: „Ich kann ihm nicht entkommen, ich bin jetzt gezwungen, etwas anderes zu tun.“ Du wirst gereizt und willst es töten, es zum Schweigen bringen. Du willst es nicht hören, es stört dich in der Art und Weise, wie du unterwegs warst. Das Leben war so gemütlich, es war so angenehm, und jetzt kommt dieses andere und stört.
Der Mord an den Kindern findet statt, aber Abram ist versteckt (wie immer bei den Kindern), er ist genau dort versteckt, wo Schem lebt, der Name. Er wird zu Schem und Ewer gebracht und wächst dort auf, in einem anderen Zustand entwickelt sich das. Und dann taucht zum ersten Mal in der Überlieferung Abram auf. Er erscheint dort direkt als der Iwri, der Mann von der anderen Seite, der Mann, der anders ist. Und sein Erscheinen in der Welt von Nimrod erregt Ärgernis, weil wir, wie ich schon gesagt habe, nicht in dem Gang gestört werden wollen, den wir zu gehen gewohnt sind.
Abrams erster Auftritt findet im Haus von Therach, seinem Vater, statt, zu dem er zurückgekehrt ist. Er zertrümmert die Götter, die in diesem Haus herrschen – 12 Götter, 6 und 6 sind dort aufgestellt – und als Therach zurückkommt und die Scherben dieser zerstörten Götter sieht, ist er entsetzt und sagt: „Was hast du getan?!“ Worauf Abram sagt: „Oh, es lief so ab: Als du weg warst, hatten die Götter eine Meinungsverschiedenheit, sie fingen an, miteinander zu kämpfen, und der Kampf endete in einem Scherbenhaufen.“ Therach sagt: „Das kann nicht sein, die Götter können nicht miteinander kämpfen …!?“ Abram erwidert: „Es sind deine eigenen Konstruktionen in dir. Das, was du als Gottheit akzeptierst und verehrst, hast du selbst gebaut, sei es eine Theorie, eine Formel, die du gefunden hast und von der du sagst: Nach dieser Formel führe und betrachte ich die Welt.“ Das ist deine Welt von Nimrod, in der du Idealen nachjagst und die 12 Götter hast – 12 als Begriff für die Zeit (die Zeit ist nicht ohne Grund in eine Zwölfheit eingeteilt). So hast du etwas für dich selbst aufgebaut und betest es an. Du weißt, dass diese Götter kein eigenes Leben haben und dass es für sie unmöglich ist, sich selbst zu zerstören. Aber ich zerstöre sie!“
Sobald diese Geschichte in Nimrods Reich bekannt wird, sagt Nimrod: „Dieser Iwri muss getötet werden, so etwas kann es hier nicht geben, denn er gefährdet mein ganzes Reich. Er untergräbt das Reich, das ich aufgebaut habe und in dem wir von einer Jagd zur nächsten eilen.“ Der Genuss dieser Jagd wird einerseits immer größer, andererseits werden auch der Kater, die Desillusionierung und die Verzweiflung immer größer, und diese Jagd macht dieser Iwri nun unmöglich. Nimrod lässt Abram gefangen nehmen und es kommt zu einer Diskussion (oder Streit), in der Nimrod Abram auffordert, sich seiner Welt zu unterwerfen. Nimrod will die Anerkennung, dass er der König des Universums ist und dass das Universum vom Jäger regiert wird, dem Mächtigen, der sich das Universum untertan machen will, indem er immer mehr weiß und das Geheimnis der Materie enthüllt.
In diesem Disput weist Abram jedoch auf den Ursprung des Menschen aus einer anderen Welt und auf den Ursprung der Antwort aus einer anderen Welt hin. Eine Welt, in der es keine Unklarheiten geben kann, weil das Bild (die Erscheinung) in der Welt von Raum und Zeit das Wesentliche verdeckt.

Der Hebräer steht für Klarheit

In der jenseitigen Welt können keine Witze gemacht werden mit all diesen verschiedenen Theorien und über diesen oder jenen Gott. Genau diese vielen Erklärungen sind die vielen Götter, besonders die Unklarheiten in diesen Erklärungen. Je geheimnisvoller sie sind, desto schöner ist es, in ihnen zu schwelgen; und so wird das Geheimnis noch größer. Es gibt Menschen, die sich nur gut fühlen, wenn es wirklich geheim ist, denn dann ist alles nebulös. Das ist ein Widerspruch.
Es heißt: Nein, es gibt eine helle und deutliche Klarheit darüber, was es mit dem Menschsein auf sich hat. Der Mensch ist nicht in diese Welt gebracht worden, um sich mit Unbestimmtheiten zufriedenzugeben. Das ist dämonisch, verschleiernd und nebulös. Es gibt in der Tat Schleier, die dem Menschen stets Scheingestalten vortäuschen, an welche er glaubt. Immerfort kommen und gehen neue Verschleierungen und neue Scheingestalten. Das Vage ist eigentlich der Bereich, in welchem die Jagd stattfindet. Warum diese Veränderung, dieses Verstecken, dieses „haben wir es oder nicht?
Die Welt des Iwri bringt den Ärger durch ihre Klarheit und ihre Zeitlosigkeit. Der Iwri verspottet durch sein Leben den Gang des Zeitlichen. Im Menschen selbst ist der Iwri die Eigenschaft, die ihn aufweckt und von Zeit zu Zeit sagt: „Mach‘ doch nicht bei diesen Dummheiten mit. Die Dinge liegen doch ganz anders, als sie scheinen.“ Aber wie?
Der Mensch stellt sich diese Frage nicht gerne, weil sie ihn in seiner Karriere stört und sein gesellschaftliches Ansehen gefährdet. Lieber beteiligt er sich weiter an der Jagd wie er es gewohnt ist und akzeptiert diese (Jagd) als seinen Gott.
Aber das ist nicht nur im einzelnen Menschen. In jeder Phase der Menschheit, in jeder Generation, sogar in jedem „Jetzt“ gibt es Menschen, die in ihrem Leben oder in Abschnitten ihres Lebens, als Iwri hervortreten und dadurch verärgern, weil sie auf etwas anderes hinweisen. In ihrem Handeln, in ihrem Denken, in ihrem Tun in der Welt, nehmen sie immer eine andere Haltung ein als die Haltung, die man zum Jagen braucht, und erregen damit auch Ärgernisse in dieser Welt. Doch genau diese Iwris sind es, die offensichtlich die Geschichte der Welt am Laufen halten. Nicht umsonst gibt es daher immer wieder die Stimmung in der Welt des „Ich will diesen Iwri nicht, er stört mich. Er erinnert mich an andere Dinge. Ich werde in meiner Ruhe wachgerüttelt und möchte eigentlich weiterschlafen; es ist so schön warm und gemütlich, störe mich nicht in meinem Schlaf.“
Der Iwri ist genau derjenige, der sagt: „Der Morgen ist gekommen“. Er macht in der Nacht nichts anderes, als sich umzuschauen und fragt immer: „Wie weit ist es in der Nacht, siehst du schon den Morgen?“ Dieser Spruch stammt aus der berühmten Tempelgeschichte, in der die Priester auf den Mauern des Tempels in der Nacht auf die Welt schauen und sich gegenseitig zurufen: „Wächter, was ist da in der Nacht!“ – welchen Teil der Nacht haben wir jetzt? [Jes. 21:11]
Die Priester lassen keinen Schlaf zu. Sie säen Unruhe in die Welt, um aufzuwecken, denn sie wissen, dass die Jagd des Menschen ein einziger Rausch ist. Er hat sich betäubt und leidet furchtbar, denn wer im Rausch ist, kann zwar euphorisch und fröhlich handeln, aber er ist nicht glücklich. Der Iwri sagt: „Es gibt eine andere Welt, in der das Glück existiert. Erkenne, dass du die gleichen Möglichkeiten hast wie alle anderen, dieses Glück zu ergreifen und zu erleben.“
Der Iwri rüttelt ständig wach und stört deshalb diejenigen die ruhen und schlafen wollen in der Nacht. Der Iwri ist immer wieder lästig. Weil er aber in der Nacht wach ist, erkennt er den Beginn des Morgens.

Jakobs Kampf mit dem Engel

Auch auf einer anderen Ebene findet der Kampf des Iwri mit einem Jäger statt. Jakob kämpft mit dem sogenannten Engel, der nichts anderes ist als Esau auf einem anderen Niveau, einem mythologischen Niveau. Wenn dieser Kampf gegen Morgen hin unentschieden zu sein scheint, sagt der Jäger, mit dem Jakob kämpft, plötzlich ängstlich: „Lass mich jetzt gehen, ich sehe den Morgen kommen. Ich kann am Morgen nicht bestehen. Wenn es hell wird und alle Nebel verschwinden, dann ist meine Existenz beendet.“ Daraufhin sagt Jakob: „Nun gut, ich werde dich gehen lassen, aber du wirst mich segnen.“ Jakob kämpfte mit ihm in der Nacht, wurde verwundet, humpelt von diesem Engel und Jakob fragt ihn: „Gib mir einen Namen!“
Einen Namen geben bedeutet: sagen, was ich im Wesentlichen bin. Und dann erhält Jakob den Namen Jisrael (10-300-200-1-30), Israel, der mit Göttern kämpfte und überwand. Er hat keine Angst vor Göttern – vor Menschen … man muss keine Angst vor ihnen haben. Er hatte keine Angst vor Göttern und er konnte sie überwinden. Deshalb hat er auch diesen Namen bekommen.
Weil er außerhalb der Norm war und deshalb in jeder Hinsicht störte (aber auch wachhielt), war er auch ein Iwri. Diese Kraft von Esau ist gezwungen, mit ihm in dieser Nacht zu kämpfen. Dieser Kampf ist auch typisch für den Hebräer, typisch für den Menschen, die Menschheit, in der das immer wieder passiert.

Ebenso ist Joseph ein Iwri, weil er aus Sicht der diesseitigen Welt gegen die Bestimmungen handelt. Mit der Zeit sind sie alle vergessen. Der große Nimrod, die Figuren um Jakob und Joseph, die ach so wichtigen Menschen, wer erinnert sich an sie? Aber Abram, Jakob und Joseph haben die Welt bestimmt, ihren Lauf geändert, gerade die einst Lästigen und Ungesehenen. So ist es immer beim Menschen. Er wird nicht durch seine Karriere und seinen Namen im Pass bestimmt. Allein der Iwri, der Jenseitige in ihm ist bestimmend für sein wirkliches Leben. Das nimmt er mit, das bewahrt er, das ist er, das ist sein echter Name. Das will sagen, dass der Iwri einen Namen erhält. Auch in jedem menschlichen Schicksal ist der Iwri das, was das Schicksal bestimmt.

Ich hoffe, Sie haben nun ein gewisses Verständnis dafür gewonnen, was der Hebräer eigentlich ist. Der Hebräer ist also nichts, worauf Sie hinweisen können. Es ist etwas in Ihnen, es ist etwas in Ihrer Umgebung, das von Zeit zu Zeit in dem einen oder anderen auftaucht, bei manchen länger, bei anderen über einen kürzeren Zeitraum. Selbst dann ist es nicht immer möglich, zu erkennen, ob es das ist. Es ist eigentlich das stete Gespräch, das wir mit uns selbst führen, das Gespräch, das wir mit, sagen wir, Gott führen, über den Sinn des Daseins. Warum laufen die Dinge so, wie sie laufen? Das Jenseitige, der Hebräer weckt uns zum Gespräch. Im Schlafmodus gehen wir dem Gespräch aus dem Weg, verstecken uns und versinken im Rausch.
Der Hebräer in uns und um uns herum ist dasjenige aus einer anderen Welt, das uns wachhält, das uns herausreißt aus dem Zeitstrom, um uns bewusst zu machen, dass wir ewige Wesen und dass der Tod im Sinne einer Vernichtung uns eigentlich nichts angeht, sondern gerade die Antwort auf viele Fragen gibt. Der Tod gehört zum Leben, man braucht sich davor nicht zu verstecken.
Kain hat Angst und versteckt sich vor dem Tod. Der Grund hierfür ist sein Mord an Abel. Auch Kain und Abel stehen sich gegenüber wie der diesseitige und der jenseitige Mensch. Abel stört Kain, seine Anwesenheit genügt schon und deshalb tötet Kain seinen Bruder. Auch Nimrod versucht, fortwährend den Hebräer zu töten, genau wie jeder Jäger den Hebräer töten will, weil dieser ihn an der Jagd hindert.


Der Mensch hat die Wahl

Im zweiten Teil dieses Abends möchte ich den schon erwähnten Jakob etwas genauer betrachten. Auch er wird Iwri, also Hebräer genannt. Jakob ist ein Zwilling, der von seinem eigenen (Zwillings-)Bruder Esau gejagt wird. Auch diese beiden Brüder sind eine Wirklichkeit in uns selbst. Jeder Mensch ist in diesem Sinne ein Zwilling. Der eine Zwilling ist der jenseitige, der andere der diesseitige. Diese beiden streiten fortwährend in uns selbst. Esau ist auf der Jagd, hat Erfolg und ist angesehen. Jakob ist der Stille, der Zurückgezogene, der dabei auch etwas ängstlich ist und sich vor Esau verbergen muss. Die Überlieferung erzählt, dass Jakob in der Schule von Schem und Ewer im Zelt unterrichtet wird.
Irgendwann kommt der Moment im Leben eines Menschen, in welchem er sich entscheidet, wovon er sich letztlich bestimmen lassen will. Ist es der Jäger, der nach außen hin glänzt und hohes Ansehen genießt oder ist es das Stille, Verborgene, das sich in die Welt Esaus hineinschleicht? Der Name Jakob sagt schon, dass er sich anschlich, während er sich an der Ferse von Esau festhielt. Das hebräische Esaw, das zu Esau verballhornt wurde, bedeutet schon „gemacht“. Er ist der Gemachte, der Fertige, der zudem auch noch schön war.

Wer letztlich – „letztlich“ ist nicht im Sinne von „am Ende“ gemeint, sondern „worauf es ankommt“ – in dieser Welt den Ausschlag geben wird, der Jäger oder der Iwri, wird in der Geschichte erzählt, die als „der Segen, den der Vater geben wird“ bekannt ist. Der Vater gibt den Segen; damit ist gemeint, dass er bestimmt, wer und wessen Schicksal für dieses Leben entscheidend sein wird. Er neigt dazu Esau den Segen zu geben, weil dessen Jagen so effizient ist, dass sogar Isaak glaubt, dass auf diesem Weg der Erfolg erreicht werden kann. Es ist also nicht so, dass man den Jäger einfach als unwichtig oder schlecht abtun kann. Der Jäger ist dem anderen völlig gleichgestellt. Denn so wie Isaak an den Jäger glaubt, so glaubt seine Frau Rebekka an den Iwri. Es ist ein Kampf, könnte man sagen, zwischen dem Vater und der Mutter darüber, wer es sein wird. Esau wird also nicht von vornherein abgelehnt, weil er ein Jäger ist; und auch die Jagd wird nicht als etwas völlig Bedeutungsloses betrachtet. Ohne diese Jagd wäre unser Leben hier eigentlich sinnlos. Der Mensch soll nach etwas streben.

Der Jäger ist so nahe an der Grenze des endgültigen Findens, dass es scheint, als habe er es gefunden, und der andere ist so nahe an der Grenze des Gegenteils des Findens (des Verlorenseins), dass es scheint, als sei er verloren.
Die Wahl ist sehr schwierig. Sie ist wiederum eine Frage der eigenen Einstellung. Es ist eine so schwierige Entscheidung, dass, wenn Sie mich fragen würden, meine Antwort lauten würde: Ich weiß es nicht, versuchen Sie es in Ihrem Leben selbst herauszufinden. In einem Gespräch mit Ihnen würde ich mein Bestes geben, um es herauszufinden, aber ich kann es nicht wissen. Denn wenn das jemand wüsste, würde der Mensch in seiner göttlichen Entscheidungsfreiheit tatsächlich zu einem Roboter degradiert, zu einem Automaten, der mechanisch die Mehrheit entscheiden lässt, wer der Mächtigste ist. Der Mensch ist immer in der Alternative: Soll ich den Segen dem Mächtigen geben oder der Gegenseite, dem Wehrlosen. Und manchmal ist der eine wehrlos und dann der andere. Manchmal ist der Jäger Esau wehrlos, hebr. ajeph, 70-10-80 [völlige Erschöpfung, modern ausgedrückt: Burnout], wie es von Esau erzählt wird, wenn er müde vom Feld zurückkehrt (1. Mose 25:29). Die Überlieferung sagt: Er war zu stark mit dem Tod konfrontiert. Es war eine Art Schockerlebnis, in diesem Moment war etwas mit ihm los. Es ist nicht so einfach, diese Wahl.
Isaaks Augenmerk liegt auf dem, was in dieser Welt wächst und gedeiht, also eine Existenzgrundlage bietet. Es wird auch gesagt, dass Esau eine Entsprechung für den Körper des Menschen ist (die materielle Existenz) ohne welchen der Mensch hier nicht sein kann. In dieser Welt könnten wir Gott nicht „umsonst“ dienen, wenn es keinen Körper gäbe. Jakob ist das, was wir mit dem Gegenteil des Körpers identifizieren, wir nennen es Geist oder Seele. Es ist das Andere, das Unsichtbare, das Unwägbare, das Nicht-Messbare. Der Jäger hat keine Wahl. Er muss jagen, um die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, doch der andere wehrt sich dagegen. Der Streit der Zwillinge endet erst, wenn von höherer Hand gesagt wird: „Das ist der Sinn der Jagd und das der Sinn der anderen Seite.“ Darum geht es in der Geschichte des Segens Isaaks über seine Söhne Jakob und Esau.
Der Jäger steht also für diese Welt, die uns unsere materielle Existenz ermöglicht. Es ist diese Erde, mit Land und Wasser, die Luft mit dem Sauerstoff, den wir atmen, auch unser Blutkreislauf, es ist unser Essen und Trinken. Soll das alles sinnlos sein? Wozu ist es da? Das alles bildet die Grundlage unseres irdischen Bestehens. Es entwickelt sich alles weiter, der Jäger geht immer voran. Vielleicht wird er eines Tages das Geheimnis lüften. Deshalb sagt der Vater Isaak zu Esau: „Geh auf die Jagd, fang für mich das Tier und bring es mir, ich werde mich an dem Fang erfreuen, du wirst das Geheimnis, das du fängst, mit deiner Hingabe als Jäger für mich mitbringen.“
Esau wird von Isaak geliebt. Es ist weder eine Dummheit, alles erklären zu wollen, noch Kurzsichtigkeit. Isaaks Blindheit bezieht sich darauf, dass er nicht zum Wesentlichen durchschaut. Das liegt daran, dass Esau Frauen bekommen hatte, die Isaaks Augen durch Abgötterei so verblendeten, dass er nur das Äußerliche sah und nicht zum Wesentlichen vordringen konnte. Dieses Sehen des Äußeren ist kein Nachteil, ist nicht böse, ist kein Fehler von Isaak, sondern eine Notwendigkeit für diese Welt. Wenn wir das Äußere nicht sehen würden, würden wir verunreinigt, krank und sterben. Dass wir leben, existieren, frisch und fröhlich sind, liegt daran, dass diese Frauen von Esau scheinen (eine Scheinwelt erzeugen) und uns nötigen, hier zu existieren. Die körperliche Existenz ist nichts Verwerfliches. Es ist einfach zu sagen: „Der Körper zählt nicht, ich kümmere mich nicht um die Materie wie ein Materialist“. Bitte, sei ein Materialist, um zu leben. Wenn wir das Wort „Materialist“ hören, sollten wir nicht sofort an Geld denken. Materie ist doch mehr als das, sie ist die Grundlage der Existenz hier. Es ist eine Schöpfung Gottes, es ist ein Wunder. Und die Materie, die sichtbare Welt geht auf die Jagd. Dann kommt die Mutter, Rebekka, von der es heißt, sie sei, modern ausgedrückt, die Reinkarnation der Frau aus dem Paradies, Eva. Dabei handelt es sich nicht um eine Reinkarnation, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, sondern wie sie eigentlich gemeint ist: eine Erscheinung auf einer anderen Ebene (Welten finden auf verschiedenen Ebenen statt). Und Eva erscheint wieder. Sie wird dann Rebekka genannt und ist die Frau von Isaak. Und so wie Eva in der ersten Ebene Adam dazu veranlasst, von genau dieser Frucht zu essen und die Jagd zu eröffnen, so leistet Rebekka jetzt die Wiedergutmachung, indem sie die Jagd beendet und die Frucht wegnimmt, denn Esau würde die Jagd wieder eröffnen und die Geschichte der ewigen Jagd erneut laufen lassen.

Es kommt also eine Gegenkraft, und das ist die Bedeutung der verschiedenen Ebenen. Rebekka ist bei Eva, sagt die Überlieferung, und Isaak ist bei Adam, und sie stehen sich wieder gegenüber. Aber jetzt, in dieser weiteren Phase, handelt die Frau anders, gerade wegen des Bewusstseins dieser Paradieserfahrung, und Rebekka sagt: „Ich weiß, was passieren wird, wenn die Jagd beginnt, ich habe es schon einmal erlebt. Dadurch kommen der Tod, der Rausch, das Elend, Streit nach Streit, über Generationen hinweg, Missverständnisse, Verwirrung der Sprachen und Verwirrung der Begriffe und Worte. Nein, es kommt keine Jagd mehr. Ich habe nun verstanden, dass es um das andere geht, es geht gerade um das Unsichtbare. Das soll den Segen bekommen, das soll bestimmend sein. Warum soll es abgelehnt werden, nur weil es unsichtbar ist?

Rebekkas List

Und dann kommt die Geschichte mit der List. Die List, durch die wir alle hier existieren, denn was macht die Frau jetzt, die Mutter, die auch unser aller Mutter ist? Sie kleidet Jakob in das Gewand Esaus. Sie maskiert ihn. Jakobs Erscheinung ist nun die eines Jägers. Sie maskiert ihn mit der Hülle des Tieres, mit dem Körper. Er wird hier sichtbar, materiell, er erscheint in dieser Welt, wo er eigentlich nicht erscheinen könnte. Er schleicht sich in diese Welt. Das Bild erzählt es. Wenn wir die Namen kennen, wissen wir, was die Bilder sagen. Das Bild sagt: Rebekka zieht Jakob die Kleider von Esau an, das Fell des Tieres. „Geh jetzt zu deinem Vater (aber das ist doch Betrug …?), er wird es erkennen und verstehen! Geh einfach so hin“, sagt Rebekka.
Deshalb sagt man: Jeder Mensch ist ein Produkt dieser List, denn die Geschichte der Bibel spielt auf einer anderen Ebene und auf dieser Ebene bestehen wir immer. Wir sind alle hier – wahrscheinlich alle, man weiß es nicht – alle sind hier Jakob, gekleidet in das Gewand Esaus, um hier die Bestimmung zu erhalten, ausschlaggebend zu sein. Während Esau auf der Jagd ist, kommt Jakob in dessen Kleid zum Vater, und es wird erzählt, dass das Tier, wie es typisch für Tiere ist, sich beinahe fangen lässt, doch im letzten Moment entwischt es wieder, so dass Esau weiter jagen muss. Dieses Spiel findet im ganzen Universum seit Ewigkeiten statt. Doch dann, wenn während der Jagd Esaus Jakob zu seinem Vater kommt, begreift Isaak, dass hier ein Konflikt vorliegt. Die Situation ist alles andere als klar, und so fragt Isaak zunächst einmal: „Wer bist du?“ Jakob nennt dann den Namen, unter welchem er erscheint – so wie wir alle nur den Namen unserer Erscheinung kennen. Unser bürgerlicher Name ist nur der Name unseres Kleides. „Ich bin Esau“, ist Jakobs Antwort. Er bezieht die Frage auf die Hülle, das Kleid, die Maske, den Körper, in welchem er steckt. Aber der Vater sagt: „Ja, das Äußerliche, die Hände (die Jod, die 10) sind von Esau, das sehe ich, aber die Stimme – das Wort, die Sprache, das Wort, das still ist, das aus einer anderen Welt kommt – ist von Jakob.“ Isaak sagt es ausdrücklich, und doch gibt er den Segen; er merkt, dass in dieser Welt etwas vor sich geht – und er kapituliert vor dieser List.
Nun passiert etwas von größter Tragweite. In dem Moment, wenn Isaak den Segen gibt, den Segen aus einer anderen Welt durch den Namen Gottes, durch den Begriff der Einheit, in 26 Worten, die in 111 Buchstaben im hebräischen Original gesprochen werden, in diesem Moment, exakt gleichzeitig, bleibt das von Esau gejagde Tier stehen und sagt: „Hier bin ich.“ Jetzt ist die Jagd zu Ende. Es ist vorbei. Bei jedem Mensch ist die Jagd genau dann vorbei, wenn er erkennt, dass das Äußerliche von Esau ist, aber die Stimme, das Wort ist von Jakob. Und dann ist das Finden eine Selbstverständlichkeit. Mit einem Mal fragt man sich: „Warum habe ich mich selbst so sehr unter Druck gesetzt, um etwas zu erreichen, das so nicht zu erreichen ist?“ Aber Esau versteht das nicht. Er bringt das Tier im Triumph zu seinem Vater und dieser bemerkt, dass Esau das Tier aus einem ganz anderen Grund gefangen hat. Nicht durch seine Kunst, sondern dass es eine andere Ursache gab, durch die das Tier stehen blieb.
Dies ist die erste Begegnung von Jakob, dem Iwri, mit dem Jäger. Und der Jäger wird böse, so wie Nimrod böse wird, weil er sieht, dass er nicht der Ausschlaggebende ist, die Entscheidungen kommen aus einer anderen Welt; der Iwri ist wahrhaftig derjenige, der den Lauf der Dinge bestimmt, und er weiß jetzt, dass es ein Gesetz gibt, das in die Welt kommt, dass dieser Iwri immer der Entscheidende sein wird. Der Segen bestimmt das Ausschlaggebende für den Menschen. Immer soll das Regiment vom Iwri im Menschen ausgehen, die Stimme Jakobs soll entscheiden. Das Äußerliche, Körperliche war eine List, um hier auf diese Welt zu kommen, und so sind wir hier (äußerlich) wie Säugetiere, heikel, hier zu existieren. Deshalb jagt nun Esau auf einer anderen Ebene Jakob die ganze Nacht hindurch.

Der Iwri kämpft nicht mit Fleisch und Blut

Und dann kommt der Punkt, den ich in der ersten Stunde erwähnt habe, dass Jakob vor Laban flieht und in die Welt seines Vaters zurückkehren will. Dann kommt er an einen Fluss namens Jabbok – Jabbok (10-2-100) auf Hebräisch, hat mit Staub zu tun, die wir auch Materie nennen. Jakob will den Fluss des „Staubwerdens“, des Sichtbar-Werdens, überqueren. Doch auf einmal steht er einer höheren Macht gegenüber, die eigentlich die Kraft für das Erscheinen Esaus ist. Man könnte diese Macht auch mit „Engel“ bezeichnen. Es ist ein Wesen aus einer höherstehenden Welt, das nicht von dieser Welt stammt, sondern aus eine Sphäre, von wo aus ohne weiteres diese Welt hier nach Gesetz beherrscht werden kann.
Dieses Wesen steht Jakob nicht als diesseitiger Esau gegenüber, sondern als Esau wie er in einer anderen Welt als Engel, Fürst oder sogar als Gottheit existiert. Es wird dem Iwri, dem Hebräer, hier nicht leicht gemacht. Seine Gegner sind nicht Menschen, die ihn stören oder ihm in die Quere kommen, er muss mit einer Gottheit der diesseitigen Existenz kämpfen. Dieses Wesen sagt zum Iwri: „Ich will dich nicht, denn du machst dieser Welt ein Ende, deinetwegen wird es ein Ende der Tage geben, deinetwegen wird „der jüngste Tag“ kommen. Das will ich nicht, denn diese Welt muss bis in die Unendlichkeit fortgesetzt werden. Wir wollen das andere [den Iwri, das Jenseitige] vergessen. Wir wollen von Generation zu Generation zu unseren Kindern und sogar Enkelkindern weiter und immer weiter gehen.“ Diese Welt will ihre Existenz nicht beenden, sie sträubt sich sogar dagegen, so wie sich jeder Mensch dagegen sträubt.

Und dann zeigt sich über welche Kraft der Iwri verfügt. Weil er aus der anderen Welt ist, kann er sich mit dem Wesen der anderen Welt auseinandersetzen. Jakob kämpft hier nicht gegen Menschen, sondern gegen Götter. Das ist die Kraft des Hebräers, und das ist die Kraft des neuen Namens, den der Iwri bekommt, der Name Israels: „mit Göttern zu kämpfen und ihnen entgegentreten zu können“, keine Angst vor ihnen zu haben, weil er weiß: „Ich bin auch aus einer anderen Welt, komm nur!“
Uns wird erzählt, wie dieser Kampf begann. Dieser Kampf begann nicht, weil Jakob sagte: „Ich werde mit Esau kämpfen, mit der Kraft von Esau“, oder dass Esau mit Jakob kämpfen würde. Nein, Esau, die Macht von Esau, wartete auf ihn. Die Geschichte erzählt, wie Jakob mit seinem ganzen Hab und Gut geht, weil er glaubt, dass Esau, das Körperliche dieser Erde, gegen ihn kämpfen wird. Es wird erzählt, dass 400 Männer, also so viele wie möglich, die ganze Welt, gegen Jakob kommen („400“ bedeutet in der Bibel „materiell alles“); die ganze Welt kommt gegen dich, um zu kämpfen. Und Jakob bekam Angst. Er will nicht kämpfen, aber die Welt ist gegen ihn.
Es wird dann erzählt, wie er in dieser Nacht alles über den Fluss trägt, seine Frau, seine Kinder, sein ganzes Hab und Gut. Doch als er die andere Seite erreicht, stellt er fest, dass er ein altes, rissiges Krüglein vergessen hat. Typisch für einen Iwri ist sein Interesse am Detail. Er macht keinen Unterschied zwischen etwas Kleinem oder Großem, alles ist gleich wichtig. Es gibt keine dummen oder klugen Menschen, keine wichtigen oder unwichtigen Menschen, es gibt nur Menschen. Alles ist gleich wichtig. Auch für Gott ist diese Welt nicht nur eine kleine Welt im großen Universum, sondern ist genauso wichtig wie alles andere. Es gibt keinen Unterschied, unsere diesseitigen Maßstäbe sind korrumpiert. Und das ist es, was die Entscheidung bringt. Jakob beschließt, in dieser Nacht allein zurückzugehen und den Fluss zu überqueren, um das Krüglein doch noch zu holen, aus Wertschätzung für das Kleine. Nicht, weil er ohne dieses Krüglein nicht leben konnte, er hatte genug Reichtümer von Laban erhalten, er hatte alles. Aber gerade weil er alles hatte, erkannte er die Bedeutung dieser scheinbar unbedeutenden Sache. Nichts ist unbedeutend. Jede Frage, jeder Brief, jeder Ratschlag, alles ist gleich wichtig.

Jakob kehrt in dieser Nacht allein zurück, und als er zurückgekehrt ist, steht vor ihm diese gewaltige Macht, von der es heißt: „Sie reichte von der Erde bis zum Himmel“ – man sagt: „das ganze Universum“ – und diese Macht nahm Jakob in den Würgegriff. Sie packte ihn an der Kehle (die Stimme), an den Genitalien (Möglichkeit der Fortpflanzung) und an der Hüfte, um ihn zu töten. Diese Schlacht hätte nie stattgefunden, wenn Jakob nicht zurückgegangen wäre. Ohne diesen Kampf Jakobs gäbe es keinen Namen Israel. Denn als diese Schlacht geschlagen wurde – diese Schlacht da oben, der Kampf Jakobs mit diesem anderen Wesen – war Esau auf der Erde nichts mehr wert. Die 400 Mann, die Esau auf der Erde gegen Jakob aufbrachte, verschwanden wie Schnee in der Sonne, nichts blieb von ihnen übrig. Es war nicht mehr notwendig, auf der Erde zu kämpfen; der Kampf fand nun anderswo statt.
In dieser Nacht gibt es wieder den Iwri, und nur der Iwri kann mit anderen Wesen kämpfen, weil er auch aus dieser anderen Welt kommt. Dann geschieht das, wovon erzählt wird: „Das Land wurde durch diesen Hebräer in Unruhen gebracht.“ Der Staub der Erde wird aufgewirbelt bis zum 7. Himmel, alle Himmel werden aufgewirbelt durch diesen Kampf, der die ganze Nacht dauert. Die Nacht ist diese Existenz in Raum und Zeit, wo wir eigentlich nicht wissen, wo wir schlafen. Aber Jakob war wach und ging deshalb das Krüglein holen. Der Streit findet keine Entscheidung, wie ich Ihnen bereits in der ersten Stunde erzählt habe, denn man kann diesen Engel nicht töten, weil er die Existenzgrundlage dieser Welt ist. Umgedreht kann man auch sagen, dass der Engel mich nicht töten kann. Dieser Engel ist nur der Engel für die Nachtwelt, denn wenn die Nachtwelt vorbei ist, bekommt er ein anderes Los. Deshalb sagt der Engel zu Jakob, als der Morgen kommt: „Lass mich jetzt gehen, denn die Nacht ist vorbei, ich habe kein Existenzrecht mehr!“ Darauf Jakob: „Ich lasse dich nur aus der Verstrickung des Streites los, wenn du mich segnest, mir also eine Bestimmung gibst. Gib mir einen Namen (wieder der Schem). Welchen Name habe ich, was ist mein wirklicher Name?“ „Dein echter Name ist Israel, „der mit Göttern kämpft“, „der es mit Göttern und anderen Wesen aufnehmen kann“. Das ist die Bedeutung des Iwri, des Hebräers. Er kommt aus diesem Kampf in höheren Ebenen auf irdischer Ebene angeschlagen heraus, aber an anderer Stelle ist dieser Kampf entschieden. Er hat einen neuen Namen, den Namen, der durch die Welt geht. Jeder Iwri, der diesen Kampf erlebt, erhält diesen Namen. Es ist kein Name für einen Pass, es ist kein Name biologischer oder geografischer Natur, es ist ein Name, der zu dem Menschen gehört, der den Kampf als Iwri geführt hat.

Die Tatsache, dass allezeit auch in der Welt Menschen mit diesem Namen auftauchen, ist nur ein Beweis dafür, dass es eine andere Kausalität gibt und diese Menschen hier ganz sicher eine Bedeutung haben, da ist schon etwas dran – was auch jeder erfährt. Aber in diesen Menschen selbst geht das Gleiche vor sich, sie können es sein oder nicht sein. Sie können auch anders sein, dann sind sie Esau oder Nimrod. Aber für sie ist es ein Zeichen: Verhalte dich zumindest deinem Namen gemäß. Es ist nicht notwendig, dass sie die Einzigen sind und die anderen nicht. Für den ganzen Menschen gilt es, für jeden Menschen, wo immer er auf der Welt ist, wo immer er lebt und was er ist; es gilt für alle das Gleiche.


Joseph lehnt den Leib ab

Die letzten 10 Minuten möchte ich noch über Joseph sprechen. Auch er nennt sich in Ägypten Hebräer und dass er von dort stammt:
[1. Mose 40:15: denn gestohlen bin ich (Joseph) aus dem Land der Hebräer, und auch hier habe ich gar nichts getan, dass sie mich in den Kerker gesetzt haben.]
Sein Los ist dann auch ein Schicksal, das einen speziellen Charakter hat. Er war jedoch schon vor seinem Verkauf besonders, aber das lasse ich jetzt außen vor. Als Joseph in Mizrajim (Ägypten) ankommt, fühlt er sich dort nicht zuhause. Joseph weiß, dass er aus einer anderen Welt kommt, denn er sagt immer wieder: „Ich gehöre nicht hierher, ich bin ein Iwri, ich wurde für 20 Silberstücke an diese Welt ‚verkauft‘, lasst mich gehen!“ Er konnte friedlich in Ägypten leben, doch es passiert das für den Iwri Typische: Durch seine Wahl kommt es zu Konfrontationen, durch welche er nicht in Frieden leben kann.
Sie kennen die Geschichte aus der Bibel, wie Joseph es mit der Frau seines Herrn Potiphar zu tun bekommt (Joseph nennt sie nicht mit Namen), indem sie ihn verführen will. Es wird erzählt, dass es die gleiche Geschichte ist, wie die vom Mensch im Paradies. Ihr gegenüber sagt Joseph: „Alles in diesem Haus hat mir der Herr gegeben, nur nicht das Brot.“ Das Brot? Wir wissen aus der Überlieferung, dass das Brot – der Weizen – die Frucht ist, die der Mensch nicht nehmen soll, die Frucht des Baumes der Erkenntnis. Das ist die Bedeutung des Brotes als Leib, als Entwicklung – Sie kennen auch das Brot (und den Wein) des Abendmahls.
Dieser Leib (Körper) bietet sich Joseph an, und dazu sagt die alte Geschichte: Joseph erzählt dem Leib, dass er (der Leib) von ihm kommt, dass er ihm gehört und dass der Leib ewig mit ihm zusammenbleiben soll, so wie wir das eigentlich auch selbst wissen. Dieser Leib wird zwar älter und geht vielleicht auch ganz weg, doch akzeptiere ich das nicht, weil ich irgendwie doch weiß, dass er bei mir bleibt. Der Leib ist kein Hanswurst, mit dem wir nach Belieben umspringen können. Er trägt eine tiefe Bedeutung. Du kannst ihn verbrennen, explodieren lassen, gewöhnlich begraben oder sonst was damit anstellen, aber dieser Leib ist etwas, das zu dir gehört. Auf diese Weise spürt Joseph, was es mit der Frau auf sich hat. „Jetzt nicht, denn ich weiß um welchen Leib es sich handelt. Halte dich von diesem Leib fern.“
An dem Punkt, als Joseph im Begriff war, diese Frau doch zu nehmen, den Leib an sich zu binden (die Frau ist sein eigener Leib), erscheint ihm die Szene, wo sein Vater Jakob den Kampf hat und zu Israel wird. Das Bild erinnerte ihn daran: Nicht hier in dieser Welt, es gibt etwas anderes. Suche keine Antwort auf deiner „unteren Ebene“, sie wird von selbst zu dir kommen. Dann handelt Joseph auf unerwartete und unerwünschte Weise. Er sagt: „Diesen Leib hier nehme ich nicht.“ Daraufhin kommt es in Ägypten zu einer großen Unruhe und die Ägypter klagen den Iwri an: „Jeder nimmt den Leib, nur du nicht! Jeder akzeptiert die Welt, die Theorien, wir haben Universitäten und alles geht seinen Gang und du willst nicht mitmachen.“
Der Leib schämt sich, weil er nicht angenommen wurde und sagt: „Er hat mich gehabt“ – denn stelle dir vor, was es für eine Beleidigung für die Frau ist, wenn sie nicht genommen wird. „Joseph hat mich angegriffen. So war es. Er kann es zwar abstreiten, aber ich habe sein Gewand, seine Hülle, die beweisen, dass er bei mir war.“
Auch wir erleiden es als eine Ungerechtigkeit, wenn wir wie Josef in die Grube gehen, aus dieser Welt in diese Grube gebracht werden, wenn diese Welt sozusagen stirbt. „Warum müssen wir das hier ertragen? Wir wollten es anders machen, wir haben uns korrekt verhalten, warum muss uns das passieren?“

Jedem Iwri werden immer wieder Dinge vorgehalten, von denen er sagt: „Es war nicht so, es war genau umgekehrt!“ Aber offensichtlich muss es so gesagt werden. Warum? Damit er in der anderen Welt die Frau bekommt. Sie kennen die Geschichte von Joseph, wie er aus dem Gefängnis kommt. Zunächst ist er dort gebunden. Eigentlich müsste ich sagen, dass er in einem Grab ist. Das Freikommen aus diesem Grab ist wie die Auferstehung in eine andere Welt und so kommt er zu Pharao. In dieser neuen Welt bekommt er die Osnath zur Frau, die Tochter des Potiphera. Das ist dieselbe Frau, sagt die Überlieferung; das wird doch seine Frau sein. Sie wusste es und er wusste es – so wie wir von unserem Körper wissen, dass er zu uns gehört, und unser Körper auch weiß, dass er zu uns gehört; das kommt doch zurück.
Aber beim Iwri kommt es genau deshalb zurück, weil er an diesem entscheidenden Punkt sagte: „Ich folge dem Weg meines Vaters, der sagte: Ich suche hier (in dieser Welt) keine logische Antwort, nehme also das Brot (den Leib) nicht, wissend, dass ich damit die Entwicklung und die Welt des Jägers nicht akzeptiere und sie ablehne“. Nur der Hebräer kennt die andere Welt, wird gerade gesagt und nur das ist das, was vom Menschen und im Menschen ist. Nur die Momente, in denen er als Iwri gehandelt hat (und ich glaube sicher, dass jeder Mensch solche Momente hat), stehen wieder auf, inkarnieren in der anderen Welt. Die Momente, in denen er sich körperlich gehen ließ, gehen verloren (die christliche Kirche nennt das Hölle und Verdammnis). Die Auferstehung ist nur für den Iwri.

Es gibt eine Aussage in der Überlieferung, die besagt: „Jeder aus Israel hat einen Anteil an der kommenden Welt“. Und es wird erklärt: nicht Israel biologisch, sondern jeder Mensch, wo er Israel gewesen ist, der hat einen Anteil. Und das ist es, was uns wieder inkarnieren lässt. Es sind diese Momente, in denen wir die Freude hatten, Momente des Glücks, wie: Hey, ich habe es gefühlt, es hat mich ergriffen, ich hatte Momente der Einsicht, oder ich habe Dinge getan, die die Welt für dumm hält, von denen ich aber selbst sage: „Gut, dass ich das getan habe.“

Jeder erlebt so etwas, manchmal sind es nur Kleinigkeiten. Man trägt für jemand einen Koffer oder verschenkt etwas. „Alle haben mich komisch angeschaut, aber ich habe es trotzdem gemacht.“ In dem Moment, in welchem man sich nicht an der Jagd beteiligt, ist man Iwri. In einem anderen Moment schaltest du den Fernseher aus oder hörst auf zu studieren und sagst: „Ich werde mich anderen Dingen widmen, denn ich bin doch ein Mensch. Stell‘ dir vor, ich werde älter und älter und sitze nur da mit meinen Büchern usw. so kann man doch nicht als Mensch leben.“ Die Momente einer solchen Einsicht entsprechen Josephs Abweisung der Frau, die sich anbietet. In dieser ganzen langen Kette von Steinen, Diamanten oder was auch immer es in unserem Leben sein mag. Von allen Momenten gibt es Momente, in denen wir das tun. In jedem Menschen sind diese Momente vorhanden, in manchen mehr, in anderen weniger. Diese Momente, so heißt es, sind es, die Joseph schließlich diese Frau geben; das sind die Momente, die wieder Fleisch werden, die wieder zum Körper werden. Die anderen Momente gehen tatsächlich unter, sie gehen in der Jagd verloren und haben keine Wiederauferstehung – was auch gut so ist, denn du würdest es nicht wollen. Es sind die Momente, die du lieber vergessen würdest, weil du dich über dieses oder jenes aufgeregt hast, du schämst dich dafür. Diese Momente bleiben schändlich und bleiben weg, aber aufstehen tun nur die Momente, wo man Iwri ist. Das ist Joseph als Iwri.

Auf diese Weise habe ich ein paar Facetten dessen gegeben, was ein Iwri, ein Hebräer ist. Es ist eine besondere Sprache, ein besonderer Mensch, aber jeder Mensch ist es durch seine Sprache in dem Moment, wenn er wirklich von der anderen Seite kommt, wenn er sagt: „Ich komme aus einer anderen Welt, bin dort zu Hause, ich gehöre dorthin, während ich hier lebe. In diesem Leben bin ich ein Gast, ich komme nur vorbei. Ich weiß, dass ich ganz woanders hingehöre. Und deshalb bin ich glücklich, weil ich woanders hingehöre und hier nur auf der Durchreise bin, um zu segnen und zu helfen. Hier kann ich Iwri sein und aufwecken. Ich kann auch Unruhe bringen, indem ich wachhalte.“ Das ist der Iwri.

Ich hoffe, dass Sie begriffen haben, dass es jeden Menschen betrifft. Hebräer-Sein hat nichts mit einer Flagge oder einem anderen Symbol zu tun, sondern mit jedem Menschen. Jeder Mensch ist im Bild Gottes geschaffen und steht ihm als solches gegenüber. Wenn ich nun dieses „Gegenüberstehen“ einigermaßen vermitteln konnte heute Abend, dann hoffe ich, dass Sie den Iwri nicht mehr vergessen.