Der Schatten der Verlobten

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Unter den Anhängern des chassidischen Predigers R. Israel befand sich ein schriftkundiger frommer Mann, der seinen Meister jeden Monat aufsuchte. Dieser Mann war kinderlos, und er bat den Rabbi viele Male, er möge für ihn beten, dass ihn Gott mit einem Kind segne; allein der Heilige enthielt sich jeder Antwort auf diese Bitte. Die Frau des Frommen bedrängte ihren Mann darum, dass er sich von dem Meister irgendeine Zusage erflehe, und einmal fing sie vor ihm an zu weinen und ersuchte ihn, nicht eher von dem Heiligen zu lassen, als bis er von ihm einen klaren Bescheid erhalten habe. Ihr Leben, meinte sie, sei kein Leben, wenn sie bedenke, dass sie ohne Kinder dahingehe. Sie versicherte ihrem Mann, dass sie alles tun wolle, was der Rabbi befehlen würde, und verhängte auch dieser, dass ihr Gatte sich von ihr trenne. Also machte sich der fromme Mann wieder auf den Weg zum Meister und sagte ihm, als er vor ihn trat, dass er es müde sei, die Klagen seiner Frau und ihr Jammern anzuhören, und daher bei sich beschlossen habe, solange dazubleiben, bis er von dem Rabbi eine Antwort erhalten hätte.

Da sagte der Heilige: Willst du dich deiner Habe für immer entäußern, so wird dir geholfen werden. Der fromme Mann erwiderte: Ich will mich mit meiner Frau beraten. Und er kehrte nach Hause zurück und berichtete seiner Gefährtin: Soundso hat der Rabbi gesprochen; entscheide nun, wie es sein soll. Da sprach die Frau: Es komme, wie es komme! Der da Leben gibt, der gibt auch Nahrung; wenn wir nur mit Nachkommen gesegnet werden. Der Mann überbrachte dem Meister die Antwort seiner Frau und erzählte ihm, dass sie zu allem bereit sei, wenn ihr nur ein Sohn geschenkt würde. Da sprach der Rabbi: So fahre abermals zurück, hole alles, was du an Geld besitzest, und komm wieder her; dir steht ein weiter Weg bevor. — Der Fromme tat in allem so. Er kehrte heim, raffte seine Habe zusammen und erschien wieder vor dem Meister. Nun sprach R. Israel zu ihm: Du hast jetzt nach der Stadt zu fahren, woselbst mein Freund, der Seher R. Jakob Isaak, wirkt; sage ihm, dass ich dich zu ihm gesandt habe und er dich belehren möge, was du zu tun hast, damit dir Segen zuteilwerde; wo er dich nun hinschickt, dort geh hin, und was er dir zu tun aufgibt, das erfülle.

Alsbald reiste der Fromme nach der Stadt, in der der Seher wohnte, und bestellte ihm die Worte seines Meisters. Darauf hieß ihn der weise Mann einige Zeit in dem Orte verbleiben. Nach Ablauf der Frist sprach der Seher zu dem Wartenden:
Dein Lehrer hat deinen Fall richtig gesehen und den Grund deiner Kinderlosigkeit wohl erkannt. Du bist in deiner Jugend mit einem Mädchen verlobt gewesen, hast es dann verschmäht und den Bund gebrochen; dieser Sünde wegen sind dir Kinder versagt worden. Ehe du deine Braut nicht um Vergebung gebeten hast, wird dir kein Sohn geboren werden. Da sie aber fern von dir weilt, hast du dich auf die Wanderung zu begeben und so lange zu suchen, bis du sie gefunden hast. Ich will dir die Mühe erleichtern und rate dir, während des Jahrmarktes, der in Bälde in der und der Stadt abgehalten wird, nach ihr Ausschau zu halten. Und, sei getrost, du wirst ihr begegnen.
Da gehorchte der Mann der Weisung des Sehers und machte sich alsbald auf den Weg nach jener Stadt. Er dachte bei sich: Vielleicht treffe ich mit ihr noch unterwegs zusammen. Er fragte schon während der Fahrt seine Mitreisenden, ob ihnen nicht eine Frau bekannt wäre, die den und den Namen trüge. Niemand wusste ihm aber etwas zu sagen. So gelangte er noch vor Beginn des Jahrmarktes an den betreffenden Ort. Er bezog Herberge daselbst und verbrachte die Zeit mit Beten und Lesen; nur einige Stunden des Tages verwandte er darauf, die Straßen und Plätze zu durchstreifen. Er stieß aber auf nichts, was ihn seinem Ziele näher gebracht hätte.

Als die Marktwoche anbrach, ging der Fromme mit Eifer an seine Aufgabe. Er suchte mit allen Mitteln über seine frühere Braut Kunde zu erlangen und fragte nach ihr, wo er nur konnte. Allein er fand kein Zeichen und keine Spur. Doch unverdrossen tat er weiter, was ihm befohlen worden war, denn sein Glaube war stark, dass der Seher ihn nicht umsonst diese Reise hatte unternehmen lassen. Er stellte sich vor das Tor der Stadt und redete jeden Einziehenden an. Aber weder von den Fremden noch von den Einheimischen erfuhr er etwas über die Verlobte seiner Jugend. Als der letzte Tag kam und die Zugereisten die Stadt zu verlassen anfingen, der Markt sich aufzulösen begann und dem Manne noch immer keine Hilfe geworden war, ging er, in Gedanken versunken, durch eine Straße. Und hätte er nicht an die Worte des Heiligen gedacht, dass er seine Braut doch noch finden würde, er wäre nahe daran gewesen, zu verzagen.

Wie er so sinnend dahinzog, wurde er auf einmal von einem Platzregen überrascht und stellte sich vor einen Laden, um Schutz vor dem Wetter zu suchen. Es hatten sich schon mehrere unter das Dach geflüchtet. Und siehe da, dicht neben ihn kam eine Frau zu stehen, die mit Seide und gestickten Kleidern angetan war und kostbares Geschmeide trug. Der züchtige Chassid trat einen Schritt zurück, um von der Frau in einiger Entfernung zu bleiben. Da lachte die Unbekannte und sprach zu denen, die neben ihr standen: Seht den Mann hier! In seiner Jugend hat er mir die Treue gebrochen; ich war ihm verlobt, und seine Seele wandte sich von mir ab. Aber dem Herrn sei Lob, dass er mich damals verschmäht hat; ich bin reicher als er. Als der Fromme diese Worte vernahm, kam er näher an die Sprechende heran und fragte: Was erzählst du da? Die Fremde erwiderte: Ich bin von dir vergessen worden, gleichwie ein Toter vergessen wird. Entsinnst du dich nicht der Tochter jenes Mannes, mit der du 4 Jahre lang in einem Verlöbnis gestanden hast? Ich, die Frau, die vor dir steht, bin einst deine Braut gewesen. Und nun, was hast du hier vor? Hast du Frau und Kinder? Da antwortete der betroffene Mann: Ich will dir die Wahrheit nicht verhehlen, dass ich deinetwegen hierhergekommen bin. Mir sind keine Kinder geschenkt worden, und da sagte mir ein heiliger Rabbi, dass ich nicht eher Segen erlangen würde, als bis ich deinen Sinn versöhnt hätte. Ich bin bereit, alles zu erfüllen, was du mir auferlegen willst, allein vergib mir meine Sünde und mehre nicht den Gram meiner Seele.

Die Frau entgegnete: Mir war der Herr gnädig; ich bedarf deiner Gaben nicht. Aber ich habe einen armen Bruder, der sich in der Schrift auskennt; dieser wohnt in einem Dorfe, unweit der und der Stadt; er soll dieser Tage seiner Tochter die Hochzeit machen, und es fehlt ihm an allem. Willst du, dass ich dir vergebe, so fahre dorthin und schenke meinem Bruder 200 Goldstücke. Es sollen dir dann Kinder geboren werden. Da sprach der Mann: Nimm, was du von mir haben willst, und schicke es selbst deinem Bruder. Wozu legst du mir noch diese Last auf? Bin ich doch schon genug gewandert; soll ich noch weitere 100 Meilen reisen? Die Frau entgegnete: So lass es sein! Ich kann es nicht übernehmen; du musst selbst hinfahren und das Geld aus deiner Hand in die Hand meines Bruders legen; sobald er es erhalten hat, vergebe ich dir.

Und die Fremde wollte mit dem Manne keine Worte mehr wechseln und sagte: Ich habe keine Zeit, hier zu warten, bis der Regen aufgehört hat; ich gehe von hinnen, und du siehst mich nicht mehr, und ob du mich auch suchst, du findest mich nicht; darum mache dich bald auf den Weg zu meinem Bruder, und dir soll durch Gott geholfen werden. Sie nahm Abschied von ihrem ehemaligen Verlobten und sagte: Entbiete meinem Bruder meinen Segen. Und sie ging davon. Der fromme Mann eilte ihr nach, sie wandte sich aber um und sagte: Du folgst mir vergeblich. Und sie entschwand seinen Blicken inmitten der Straße. Da sprach der Mann bei sich: Etwas Wundersames ist mir begegnet.

So wurde der Fromme in seinem Glauben befestigt. Er kehrte in die Herberge zurück, mietete einen Wagen und reiste sogleich nach dem Dorfe, in dem der Bruder seiner Braut wohnte. Der aber, dem er helfen sollte, ging in seiner Wohnung auf und ab und war so verstört, dass er den Angekommenen gar nicht bemerkte und seinen Friedensgruß nicht beantwortete. Der von seiner Braut Abgesendete fragte: Bist du der Mann Soundso? Der Betrübte erwiderte: Ich bin es. Der Eingetretene fragte weiter: Weswegen bist du so bekümmert? Der Mürrische entgegnete: Was nützt es, wenn ich es dir sage? Kannst du mir denn helfen?

Vielleicht doch, sprach der Gast, erzähle es nur. Der Vergrämte weigerte sich jedoch, Antwort zu geben, und ging in ein andres Zimmer. Der Fromme folgte ihm dorthin und bat ihn inständig, ihm die Ursache seines Kummers zu sagen; er versicherte ihm, dass er imstande sei, ihm aus seiner Bedrängnis zu helfen. Da antwortete der Wirt des Hauses: Meine Tochter hatte eine ansehnliche Heirat vor sich, und ich hatte ein bestimmtes Brautgut versprochen; nun aber geriet ich plötzlich in Not, und die Hochzeit kann nicht stattfinden. Gestern bekam ich den Verlobungsbrief von dem Vater des Bräutigams zurück nebst einem Schreiben, in dem es heißt, dass, wenn ich das Brautgut binnen 3 Tagen nicht bereitstelle, er das Bündnis rückgängig machen und seinem Sohne eine andre Braut suchen werde. Meine Tochter weint bitterlich und lässt sich nicht trösten, und ich gehe verzagt umher und weiß nicht, was ich tun soll. Der Bräutigam ist ein feiner Jüngling, und es gibt in der Stadt nicht seinesgleichen; ich besitze nichts, was ich verpfänden könnte, habe auch keine Freunde und keine Anverwandten hier, denn ich bin von fern hierher eingewandert; woher soll mir da Hilfe werden?
Da sprach der von der Braut Beauftragte: Sei ohne Sorge; ich will dir Geld geben, das für alles reicht, und von dem dir noch etwas übrig bleiben wird. Darauf sagte der Bedrängte: So habe ich wohl Gnade vor deinen Augen gefunden, dass du mir Hilfe zuteilwerden lässt? Oder spottest du gar eines Armen? Der Gast erwiderte: Ich will dir die Wahrheit sagen: Ich bin von deiner Schwester zu dir geschickt worden; sie hat mir geboten, dir 200 Goldstücke zu schenken. Da sprach der Wirt: Wo hast du meine Schwester gesehen, und wann hat sie dir dieses aufgegeben? Der Fromme antwortete: Es sind gerade 3 Wochen her, dass ich sie gesehen habe. Und er erzählte den ganzen Hergang. Als er zu Ende geredet hatte, wurde der Mann erst recht zornig über seinen Gast und rief: Geh hinweg! Gottes Grimm über dich! Du verhöhnst einen, der sich in Not befindet. Du bist hierhergekommen, um mir zu meinem Schmerz noch einen neuen hinzuzufügen und mich an meine Schwester zu erinnern, die seit 15 Jahren tot ist, und die ich selbst begraben habe. Und nun erzählst du mir in ihrem Namen Dinge, die sich niemals zugetragen haben.

Da staunte der Gast, als er den Bruder seiner Verlobten so reden hörte, und er sprach: Ich schwöre dir, dass ich nicht gekommen bin, um meinen Spott mit dir zu treiben, und dass das, was ich dir gesagt habe, wahr ist. Oder bist du vielleicht gar nicht der Bruder jener Frau? Darauf antwortete der Wirt: Ich bin wohl der Mann, den du suchst, aber wie kommst du zu dem Wahne oder zu der Einbildung, meine Schwester auf einem Jahrmarkt gesehen zu haben, wo sie doch tot ist? Glaubst du mir nicht, so will ich dir ihr Grab zeigen.
Da wunderte sich der fromme Mann sehr über diese Worte, und er begriff nunmehr, was ihm widerfahren war. Er sprach: Es ist offenbar, dass ich vom Himmel dieser Gnade für würdig befunden worden bin. Nimm das Geld hier, das ich dir gebe, denn du bist der, den ich aufsuchen sollte. Und er erzählte dem Manne, wie ihn der eine Heilige zu dem andern geschickt hatte, wie ihn der Letztere geheißen, seiner Braut abzubitten, und wie diese ihm auf dem großen Jahrmarkt erschienen war. Da erschrak der Zuhörende und fragte seinen Gast: Wie hat denn die Frau ausgesehen? Der Fromme beschrieb die Gestalt, die er geschaut hatte. Da sprach der Wirt: Das war in Wahrheit meine Schwester; sie ist vom Himmel gesandt worden, um mich aus meiner Not zu erlösen. Gott gebe es, dass ihre Segenssprüche in Erfüllung gehen und dass dir Kinder beschieden werden, deren Sehnen der Thora gelte. Du hast mich wieder aufleben lassen, und wer eine Seele am Leben erhält, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt erhalten.
Hierauf gab der fromme Mann dem Bruder seiner Verlobten das Geld und schied von ihm in Frieden. Er kam zu seinem Meister, R. Israel, und erzählte ihm alles, was sich mit ihm zugetragen hatte. Da sprach der Rabbi: Es ist nun alles eingetroffen! Ich habe es durch meine Gebete erwirkt, dass deine Verlobte gesandt wurde, damit du Vergebung empfangest.
Jedermann entnehme die Lehre aus dieser Geschichte und hüte sich, ein Verlöbnis zu lösen. Die Strafe dafür harrt seiner schon im Diesseits, um wie viel größer aber ist die des Jenseits! Wird doch die Mühe, ein Paar zusammenzuführen, mit dem Überschreiten des Schilfmeeres verglichen. Wie schwerwiegend muss da nicht eine Trennung sein. Der Gerechten Verdienst stehe dir bei und beschütze dich vor allem Bösen.

(Bin Gorion – Der Born Judas)