Der Verfall der Sprache

Wenn die Sprache von ihrer Quelle getrennt wird. Von Friedrich Weinreb (orig. NL)

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Sprache als Bindeglied zwischen den Welten

Die Beherrschung einer Sprache bedeutet mehr als nur ein Zeichen der sogenannten allgemeinen Zivilisation. Jemand, der die Sprache bis ins Mark beherrscht, hat eine Verbindung zum Kern der Dinge. Sprache ist doch der Grenzbereich, wo alles materiell Erscheinende in das „Ding an sich“ übergeht.


Ergänzung zu „Grenzbereich“:

Ein hebräisches Wort für Sprache lautet saphá, 300-80-5. Das gleiche Wort bedeutet auch Lippe, und diese sind es, die sich an der Grenze zwischen innen und außen befinden. Saphá bedeutet aber auch Ufer, und dieses bildet ebenfalls einen Übergang zwischen Wasser (dem Zeitlichen) und Land (dem Ewigen). Ein Ufer ermöglicht es, einen Grund zu erhalten, und damit kann ein Weg beginnen.
„Sprechen“ und „Ding“ sind im Hebräischen identisch: dawar, diber, beides 4-2-200.

Die Welten gehen ineinander über

Wer diese Verbindung festhalten kann, ist dem Wesen der Dinge deutlich näher, kann immer wieder darauf zurückgreifen und wird sich nicht so leicht in der Zerstreuung der Kreise verlieren. Das Erlernen einer Sprache ist also keine grammatikalische Angelegenheit, denn die sogenannte Grammatik, wie wir sie kennen, ist nur ein Spiegelbild der Regelmäßigkeit, die sich auch bis in die äußersten Kreise manifestiert.
In gleicher Weise untersucht die moderne Wissenschaft die Gesetzmäßigkeit der Dinge in ihrer äußeren Erscheinung. Diese Gesetzmäßigkeit tritt überall auf. Es ist jedoch nicht ausreichend, nur diese Gesetzmäßigkeit zu kennen. Es geht darum, die Verbindung zwischen der äußeren Gesetzmäßigkeit und dem Kern zu erkennen.
Nun ist es eine Tatsache, dass sich die moderne Grammatik ebenso wie die moderne Wissenschaft mit der äußeren Gesetzmäßigkeit begnügt und sie bis ins kleinste Detail analysiert. So ist diese äußere Gesetzmäßigkeit zwar richtig, aber sie ist nur ein Teil des Ganzen, ein Teil, der eigentlich der Beginn eines Weges zum Kern hin sein sollte, aber bis heute immer dazu benutzt wird, diesen Teil selbst in weitere Kreise auszudehnen, also einen Weg vom Kern weg zu beschreiten.

Sobald der Mensch den Kontakt zum Kern verliert – egal wie das vonstattengeht –, verliert er die Kraft, die ihm Macht über sich selbst verleiht. Er wird dann schludrig im Gebrauch der Sprache und hat nicht mehr die Fähigkeit, die Sprache so zu verwenden, dass sie wirklich das ausdrückt, was in der Tiefe der Dinge lebt.
Das ist nicht nur bei Schriftstellern und Dichtern der Fall, sondern spielt bei jedem anderen Menschen eine ebenso wichtige Rolle. Das Phänomen der Oberflächlichkeit in der Sprache, wie es sich in den letzten Jahrzehnten immer stärker ausgeprägt hat, ist daher durchaus verständlich.
Die Aufmerksamkeit für das Wesentliche der Dinge, ist in jedem Bereich eingeschlafen. Damit einher geht das Loslassen des Kerns in jedem Bereich. Also auch das Loslassen vom Kern des menschlichen Denkens, nämlich der Sprache. Sprache ist dann nur noch „nützlich“, nichts weiter als ein Werkzeug, um den gesellschaftlichen Umgang miteinander funktionieren zu lassen. Sie wird damit zu einer rein mechanischen Sache, so wie auch ein tierischer Körper oder ein pflanzlicher Körper mechanisch funktioniert. Dass das Wort eine andere Macht besitzt als sich im gesellschaftlichen Verkehr zum Nutzen der Dinge dieser Welt kundzutun, steht nicht mehr zur Diskussion.

Reformation der Sprache drückt die innere Entfremdung aus 

Deshalb ist man überall bestrebt, die Sprachen so zu reformieren, dass sie nur noch für die Aufgabe des gesellschaftlichen Umgangs geeignet sind. Die Sprache muss so verändert werden, dass jede Abweichung von der ausschließlichen Zielsetzung – also den Gebrauch für das Funktionieren der Gesellschaft – Ablenkung bedeutet und damit überflüssig wird.
Daher die Tendenz, die Sprache so zu schreiben, wie sie ausgesprochen wird. Diese unsaubere Aussprache der Wörter kam dadurch zustande, dass man sich vom Kern gelöst hat und die Menschen deshalb nicht mehr wussten, warum sie die Dinge so aussprachen, wie sie es taten.
Gerade seit der Renaissance begannen sich die Sprachen zu verbreiten, und weil man den Kern der Dinge aus den Augen verlor, entstand eine Lässigkeit in der Sprache, mit der Folge, dass sich die gesprochene Sprache immer mehr von der Schriftsprache entfernte, die zwar auch oft weiterentwickelt wurde, doch näher an der Ursprache und am Kern der Dinge stand, als die häufig weiterentwickelte gesprochene Sprache.
Man vergleiche hierzu die gesprochene englische Sprache mit der englischen Schriftsprache. Wenn England auch noch eine neue Rechtschreibung einführen würde, dann würde diese alte Schriftsprache, die noch näher am Wesen der Dinge ist, völlig verloren gehen. Dieser Weg ist im Niederländischen viel weiter gegangen worden als im Englischen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die niederländische Kultur eine losere Verbindung zum Kern hat, als die englische Kultur. Es ist keineswegs eine Spielerei, dass England sich mit traditionellen Werten stärker verbunden fühlt. Es ist immer noch die Macht des Wesentlichen, viele Dinge zu zwingen, so zu erscheinen, wie sie im Wesentlichen erschienen sind. Der Wunsch, die Form zu modernisieren, ist verbunden mit der Modernisierung der Sprache, des Denkens, also kurz gesagt mit der Loslösung des Kerns. Völker mit einer Kultur – das ist nicht identisch mit moderner Zivilisation –, die noch eine starke Verbindung zum Kern haben, besitzen eine reiche Sprache und können gut damit umgehen. Denken Sie an Englisch in England, an Französisch, Deutsch und Russisch. Doch werden auch diese Sprachen von dem Wunsch angegriffen, nur noch der äußeren Kommunikation zu dienen. Dieser Abfall zeigt sich zunehmend in der laxen Aussprache der Wörter. Ein Amerikaner spricht die Wörter nur so aus, dass er in seinen Absichten verstanden werden kann, was er will oder nicht will. Die hässliche Aussprache des Niederländischen in einigen – den meisten – Orten und die Unwissenheit der meisten Niederländer, ihre Sprache zu benutzen, zeigen, dass sie sie im Wesentlichen nicht beherrschen.

Menschen, die die Sprache schlecht schreiben, also kein Gefühl für die Sprache haben und nur die Wörter so schreiben, wie sie von ihnen gesprochen werden, sind sehr sicher Menschen, die keinen Kontakt mit dem Wesen der Dinge haben. Wenn ein solches Leiden zu einer Volkskrankheit wird, wie es z. B. in den Niederlanden und den USA der Fall ist, dann zeigt das, dass diese Menschen sich völlig verflüssigt haben [sich dem Fluss der Zeit angepasst haben] und weder wissen noch ein Gefühl dafür haben, dass Sprache etwas Heiliges, etwas Besonderes ist.
Die Art und Weise, wie Fremdsprachen in der heutigen Zeit gelernt werden, ist auch ein Indikator für den Wert, der ihnen mittlerweile beigemessen wird. Menschen lernen Sprachen nur noch, um sie im täglichen Leben anwenden zu können. Sie lernen sie so schnell und oberflächlich wie möglich und vermeiden bewusst tiefere Beweggründe.
Esperanto ist ein weiteres Beispiel für diese Krankheit. Die Menschen wollen selbst eine Sprache schaffen, die für den Gebrauch geeignet ist. Esperanto hat also nichts mit dem Wesen der Dinge zu tun, es ist lediglich ein Ausstoß von Lauten, die durch Übereinkunft gegenseitig erkennbar sind. Schließlich betrachtet jeder moderne Philologe Sprachen auf diese Weise.
Er nimmt an, dass sie aus dem Geräusch des prähistorischen Menschen entstanden sind, der Laute ausstieß, um anzuzeigen, was er wollte. Und daraus entwickelte sich der moderne Mensch, der immer mehr Laute ausstößt, um seinen Willen kundzutun.
Die Art und Weise, in der modernes Englisch gelehrt wird, ist eigentlich nichts anderes als die Art und Weise, in der Esperanto gelehrt werden könnte. Englisch auf moderne Weise zu lernen hat nichts mehr mit der englischen Kultur zu tun, und vor allem die Art und Weise, wie es gelehrt wird, hat nichts damit zu tun, dem Wesen der Dinge näher zu kommen.
Den vorsichtigen Umgang der Deutschen mit der deutschen Sprache muss man aufmerksam verfolgen. Praktisch jeder Deutsche, egal welchen Ranges, ist in der Lage, seine Sprache in gleicher Weise zu gebrauchen, und fehlerhaftes Schreiben im Deutschen ist eigentlich eine sehr sporadische Erscheinung, zumindest nicht annähernd so häufig wie fehlerhaftes Schreiben im Niederländischen oder amerikanischen Englisch. Die sogenannten Analphabeten sind vielleicht sogar entwickelter und näher am Wesen der Dinge als die vorgeblich kultivierten Menschen, die eine Sprache z.B. nur für die äußeren Kreise, für den sogenannten gesellschaftlichen Verkehr benutzen. Ein ungebildeter Mensch kann seine Sprache oft sehr sorgfältig und reichhaltig sprechen.

Schreiben als heiliger Akt

Das Schreiben ist seit jeher eine heilige Angelegenheit, die mit viel Sorgfalt geschehen muss, denn jeder Schreibfehler, der wiederholt würde, wäre zugleich ein Sich-Entfernen vom Wesen der Dinge. Aus diesem Grund war das Schreiben bei vielen Völkern bestimmten Klassen vorbehalten, die ihr Leben für den Kontakt mit dem Wesen der Dinge in den Dienst stellten. Schreiben wurde als magischer Akt betrachtet, was es eigentlich auch ist.
Dieser Mann brauchte keine Sprache für nützliche Zwecke. Dieses Bedürfnis entstand erst, als sich die Welt in ihrem Verkehr und ihrer Geschwindigkeit so weit ausdehnte, dass die Verbindung mit dem Wesen der Dinge zu sehr in die Länge gezogen wurde und dadurch oft abbrach oder verloren ging. Genauso wurde die Sprache zu einer vom Kern getrennten Sache und ist heute kaum noch als solche zu sehen.

Menschen, die die Sprache nicht beherrschen – welche Sprache es auch immer sein mag – werden es schwer haben, Zugang zu den Gedanken zu finden, die sich dem Wesen der Dinge nähern.

Vom Fluss ins Konkrete


Tatsächlich sollte es so sein, dass die Menschen die Sprache aus ihrem Gefühl heraus gut schreiben können, und dass die Sprache etwas ist, das aus dem Innersten des Menschen kommt. Man sieht auch oft, wie sogenannte Ausländer plötzlich ein Gefühl für die Sprache entwickeln und gut schreiben können, ohne die Sprache als solche von zu Hause erhalten zu haben. Denn sobald sie anfangen, in dieser Sprache zu denken, beginnen sie von selbst, den Weg durch diese Sprache zum Wesen der Dinge zu gehen. Sie können es einfach nicht verfehlen, weil es nun einmal ein fester Weg ist.

Auch im Dialekt kann noch Wesentliches mitkommen

Dialekte können für sich genommen sehr wertvoll sein. Aber nicht Dialekte, die das Ergebnis einer Degeneration der Sprache sind.
Moderne Dialekte entstehen nämlich in den Großstädten, wo man sich großzügig des Wesentlichen entledigt und die Sprache eine Lässigkeit erlangt, die zur Degeneration und zur Bildung eines sogenannten Großstadtdialekts führt. Dialekte, die aus der Antike stammen, zumindest aber aus der Zeit, als die Menschen in diesen Regionen noch mit dem Wesen der Dinge in Berührung kamen, sind sicherlich genauso wertvoll wie jede Sprache.


Auszug aus einer Reihe handschriftlicher Notizen von Friedrich Weinreb, die unter dem Titel „Gedachten in de loop der jaren“ veröffentlicht wurden.

Freie Übersetzung, Ergänzungen und Bereitstellung durch Dieter Miunske
Juni 2021