Der Weg des Wassers in einem Baum

Als kleines Kind habe ich versucht, bei Pflanzen, die aufgrund mangelnden Wassers die Blätter hängen ließen, die Blätter direkt zu gießen. Ich sah das Symptom und wollte das Symptom am Ort seines Erscheinens beseitigen, was natürlich nicht funktioniert hat. Die Blätter hingen weiter herunter und ich dachte mir: Also, jetzt helfe ich der Pflanze schon mit ganzer Hingabe und sie dankt es mir noch nicht einmal.

Als mir gezeigt wurde, wohin ich die kleine Gießkanne richten sollte, schaute ich verdutzt, weil das für meine Logik keinen Sinn ergab. Warum sollte ich unten gießen, um oben ein Problem zu lösen?
Heute entfacht sich immer noch ein Lächeln bei mir, wenn ich daran denke, und wie mir das Leben zeigte, war ich nicht der Einzige, der dieser Art Logik folgte. Ich habe nicht nur andere Kinder gesehen, die die Blätter gossen, sondern ich sah auch, dass man in den Bereichen der gebildeten Erwachsenen auch versucht, Probleme nur an der Stelle ihres Auftretens zu beseitigen.

Als Kind wusste ich nicht, was eine Wurzel ist und was diese mit dem Grün zu tun hatte, das ganz woanders hervorkam. Wurzeln sind verborgen, breiten sich in der Finsternis aus, ruhen in dem, was einige „Dreck“ nennen, und davon abgesehen haben sie auch kein Interesse, sich zu zeigen. Wenn man nicht anfängt zu graben, kann man nur indirekt erkennen, dass die Pflanze eine Wurzel haben muss. Der Teil, der den Halt gibt und die Pflanze nährt, ist ganz praktisch in der unsichtbaren Welt.
Als mein Gießen dazu führte, dass sich die Blätter der Pflanze wieder aufrichteten und ein kräftiges Grün ausbildeten, faszinierte mich, wie das Wasser meiner Gießkanne nach unten in der Erde versickerte und dann bis in die Spitzen der Pflanze ganz nach oben kommen konnte. Es gab weder eine Pumpe noch kleine Männchen, die das Wasser transportierten.

Viel später lernte ich, dass es nicht nur viele enge Wege im Baum gibt, die durch enge Pforten erreicht werden, sondern dass die Wurzel sogar einen Druck hin zur Spitze aufbaut. Doch es geht noch weiter. Die Blätter, die das Ende des Weges bilden, bauen beim Verdunsten-Lassen des Wassers einen sogenannten Transpirationssog auf, der das Wasser mächtig nach oben zieht. Es gibt also drei Kräfte, die das Wasser von ganz unten bis ganz oben gehen lassen:

1. Den Wurzeldruck
2. Die Kapillarwirkung
3. Den Transpirationssog

Der Sog bildet die stärkste Kraft der drei Kräfte. Die Blätter sind am weitesten von der Wurzel entfernt, und sie sind es, die die stärkste Kraft ausüben. Eigenartig!
Manchmal könnte man sich fragen, wie weit die Menschheit sich noch von ihrem Ursprung, von ihren Wurzeln entfernen will, aber die Welt der Pflanzen zeigt uns, dass das am weitesten Entfernte die stärkste Kraft auf das Wasser an der Wurzel ausübt. Die Blätter verschwenden bei Wärme das kostbare Wasser regelrecht. Und je mehr sie verschwenden (verdunsten lassen), desto stärker wird der Sog, der bis in die Wurzel wirkt. Die Frische eines Waldes lässt jeden Besucher etwas von diesem Wunder erleben. 

Das „den Kopf hängen lassen“ am Ende einer Entwicklung braucht vielleicht keine Kopf- oder Gehirnwäsche, es braucht auch keine Wurzelbehandlung oder -analyse, sondern einfach nur frisches Wasser auf die Oberfläche der unmittelbaren Umgebung der Pflanze, worunter man die Wurzel vermutet. Dieses Wasser bringen wir in einem Gefäß, also in einer bestimmten Form, von einem Ort, den die Pflanze nicht selbst mit ihren Wurzeln erreichen kann, zu ihrem Standort und befreien es aus der Gefangenschaft. Wasser nimmt die Form seiner Begrenzung an. Mit dem Vorgang des Ausschüttens heben wir für das Wasser die Grenzen der Form auf und beginnen mit ihm, Einfluss auf etwas zu nehmen, wovon wir hoffen, dass es aufnahmebereit ist. 

Gießen ist ein Handeln auf Hoffnung, ist ein „Wirken um die Ecke“. Es sieht direkt aus, ist aber indirekt. Nun kommt etwas innerlich in Bewegung, in den Fluss, bringt zur Entfaltung, um am Ende als Dunst wieder aufzusteigen. Das Wasser hat in der Pflanze keinen Kreislauf, wie es das Blut bei Mensch und Tier hat. Es hat nur einen Weg, nur eine Richtung, nämlich nach oben, woher der Sog stammt.
Der Mensch im Zeichen des Achten (Psalm 1) wird mit einem Baum verglichen, dessen Blatt nie verwelkt. Es steht dort nicht Blätter, sondern es ist nur von einem einzigen Blatt die Rede (Vers 3). Ein Blatt ist im Hebräischen ein aleh (עלה), also etwas, das aufsteigt und aufsteigen lässt. Abraham soll Isaak im Land Morijah als olah („Brandopfer“) bringen. Die Wörter „Blatt“, „Aufsteigen“ und „Brandopfer“ sind im Schriftlichen Hebräisch alle identisch.

In Psalm 1 geht es nur um ein einziges Blatt, weil die Bibel keine äußeren Bilder bedient, sondern darauf hinweist, dass es nicht viele Kräfte gibt, die nach oben ziehen, sondern nur eine einzige. Nur eine einzige Kraft übt den Sog aus, der die irdische Zeit (Wasser) aus dem Dunkel hinaufsaugt zum Licht, um sie am Ende als Dunst nach oben hin freizugeben, wo es durch die Kraft des ruach (Geist/Wind) an neue Orte gebracht werden kann.

Eigentlich versteht das jedes Kind. Alles in der Welt ist Ausdruck von etwas Höherem – man kann es erkennen, wenn man die Möglichkeiten der persönlichen Einflussnahme zum Wachstum nach oben nicht ungenutzt lässt.
Wenn wir schon einen so großen Einfluss auf das Schicksal einer Pflanze nehmen können, wie viel mehr erst können wir mit unseren Möglichkeiten im Kleinen wie im Großen das Gedeihen eines Nächsten beeinflussen. Keine Pflanze gießt sich selbst und niemand hilft einer Pflanze, wenn er das Wasser selbst trinkt. Im Griechischen sagt man zum Gießen, dass man die Pflanze trinken lässt (potízo). Willst du etwas trinken? Ja, denn ich möchte dir zeigen, dass dabei viel mehr passiert, als du bislang dachtest (Matth. 10:42).