Die Aufführung des ewigen Selbst: Identität als Harmonie von Vielheit und Einheit

Um sich der Antwort auf die Frage der Identität eines Menschen zu nähern, könnte man folgende Analogie zur Veranschaulichung gebrauchen:
Bei der Aufführung eines Konzertes in einem eigens dafür gebauten Saal, einem Konzertsaal, finden sich verschiedene Instrumente und deren Spieler. Egal ob es die Dame am Cello oder der Herr an der Trompete ist, sie alle haben unzählige Stunden geübt und sind Meister darin, ihren Instrumenten Töne zu entlocken, die die Zuhörer schweigen lassen. Das Tönen auf der einen Seite wird dort empfangen, wo es still ist und man andächtig lauscht, um nichts zu verpassen.
Die Instrumente sind der konkrete Teil der Seele, den man Nefesch (נפש) nennt, die alleine nichts machen kann, weil sie bewegt werden muss. Die Bewegung ist der Musiker, der wie der Ruach (רוח), der Geist, die Saiten streicht oder die Luft durch seine Lippen in Schwingung versetzt und mittels einer Röhre verstärkt. Die Saiten des Cellos erklingen nicht von selbst, auch wenn sie stets gespannt den nächsten Moment erwarten. Berührt wollen sie sein, im Bruchteil einer Sekunde verkürzt und verlängert werden, um unterschiedlichste Töne, vom Korpus verstärkt, hinauszusenden, wegzugeben, aufzugeben, ohne zu wissen, wohin sie gelangen und welche Ohren sie erreichen.
Der Körper, das ist der Saal, in welchem alles stattfindet. Eigens dazu wurde er erbaut und mit großer Kunst gestaltet, doch was wäre es für ein Chaos ohne Komposition, ohne Partitur und den, der alles dirigiert?

Der Dirigent kennt das Stück in allen Facetten und Nuancen, jede Note jedes Instrumentes ist ihm bekannt, und nicht eher ruht er, bis alles in der klanglichen Fülle dessen erstrahlt, der beim Komponieren des Werkes schon die Musik in sich hörte, obwohl noch niemand da war. Der Dirigent ist die Neschama, der göttliche Teil der Seele, der nie geschaffen wurde. Sie stammt vom Ewigen selbst, war immer, ist, und sie wird immer sein. Sie setzt alles zu einem musikalischen Ganzen zusammen, sie verbindet das Gegensätzliche zu einer grandiosen Harmonie in einem Raum, der eigens für dieses Erlebnis konstruiert wurde. Das Himmlische tönt im Irdischen. Etwas kommt in die Welt, das nicht von dieser Welt ist, um zur anderen Welt zu locken.

Das ist dein Leben und das ganze musizierende Orchester mit dessen göttlicher Leitung ist deine Identität. Die Instrumente sind deine verschiedenen Empfindungen, sind Gefühle, die aufbrausen und besänftigt werden. Sie färben den Klang und erzeugen in ihrem Wechsel die Stimmungen, die in unserem inneren Raum widerhallen.
Das Orchester deines Lebens spielt in Variationen. Das, was dich ausmacht, sind keine einzelnen Takte, sondern ist ein ganzes kompositorisches Werk gleich einem Oratorium, von dem man am Anfang nicht weiß, welche Höhen und Tiefen es durchlaufen wird.

Das lat. identitas, wovon die Identität als Wort stammt, beschreibt eine völlige Übereinstimmung mit dem, dem es gleicht. Zu Grunde liegt das lat. iDeM, das noch dieselben Konsonanten trägt, wie das hebräische Wort für „gleichen“, nämlich das D und das M. Jeder Mensch ist eine eigene Komposition, ein göttliches Werk, das dann zur Vollendung kommt, wenn es so aufgeführt wird, wie es vom Komponisten gedacht wurde. Mal schwer, mal leicht, mal langsam und mal schnell, an einigen Stellen dissonant, doch nicht allzu lang, denn harmonisch soll es enden.

Gottes Werk endet nie im Chaos, sondern schafft aus dem Chaos den Kosmos, die Ordnung, die auf eine Weise klingt, die uns im Tiefsten berührt und zum Höchsten auffahren lässt. Nur der Mensch heißt ADAM – ich gleiche, ich bin identisch, aber identisch womit? Gäbe es dafür eine Beschreibung, wüsste auch der Mensch, wer er ist. Es bleibt das dem Unbeschreiblichen Näherkommen. Gott benennen zu wollen, ist wie die Behauptung, dass ein Konzert nur aus einer einzigen Note bestehen würde. In einem griechischen Wörterbuch wird zum Begriff μουσικὴ (mūsikḗ) gesagt, es bedeute „seelische Erregung“, und es scheint, dass die Besucher eines Konzertes genau das suchen. Genau das suchen andere bei dir! Die Hörer wollen weder Unterricht in Harmonielehre, noch wollen sie während eines Konzertes zum Instrumentenbauer avancieren. Was sie wollen, ist berührt werden.

Alles zusammen in einer großen Harmonie mitzuerleben, kommt dem Ruf in Deut. 6:4 sehr nahe: Schma Israel, HaSchem Elohenu, HaSchem Echad. Wenn alles zusammen als Harmonie erlebt wird, als 1, als אחד, wacht die Seele auf, wodurch wir eine Vitalität erfahren, die uns aus jeglicher Lethargie herausreißt.
Die Identität ist also nicht ein Ding oder eine Sache, die man begreifen und feststellen könnte. Sie ist das Erkennen der Vielheit in der Einheit des Selbst, das dem großen Selbst entstammt und dem Menschen verliehen wird wie der Atem, den er nicht von sich hat, ohne den es kein Leben gäbe.
Am Ende des Konzertes frohlockt die Seele; es hallt noch nach. Was bleibt, ist die Erinnerung an etwas, das vertrauter nicht sein könnte.

Heben wir zum 2. Satz an und gestalten das Gesagte in einer neuen Variation noch etwas bildlicher. Nennen wir es

Das Oratorium des Selbst – deine Identität als Klang des Ewigen

Stell dir vor, der Mensch ist kein statisches Gebilde, sondern ein Ereignis – ein großer, widerhallender Konzertsaal.

Die Architektur dieses Saales ist unser Körper. Ein Gewölbe aus Knochen, bespannt mit Haut, durchzogen von den vibrierenden Saiten der Nerven. Ein Raum, der dunkel und stumm wäre, gäbe es nicht das Orchester, das ihn bewohnt.

Die Instrumente sind unsere Gefühle, die unsere Stimmungen erzeugen. Da sind die Violinen der Sehnsucht, die hoch und zitternd nach etwas greifen, das sie noch nicht benennen können. Da sind die schweren Pauken des Zorns, die den Boden des Saales erzittern lassen. Da sind die majestätischen Trompeten des Verstandes, der willensstark hindurchdringt, und die dunklen Celli der Trauer, deren Klang so tief ist, dass er in den Wänden widerhallt, noch lange nachdem der Bogen abgesetzt wurde.

Oft spielen sie durcheinander. Ein wildes Stimmen der Instrumente, eine Kakophonie aus Angst und Freude, ein dissonantes Rauschen, bei dem jeder Ton wichtig sein will, aber keiner auf den anderen hört. Der Saal dröhnt, der Körper ist unruhig, zerrissen von der Vielheit der Stimmen. Nicht selten erleben sich Menschen in genau einem solchen Zustand.

Doch dann betritt jemand den Saal. Er entsteigt nicht dem Orchestergraben. Er kommt von außen, wie durch eine unsichtbare Tür, wie ein Gast aus einer anderen Welt, der gekommen ist, um das Chaos zu beenden. Er ist nicht nur der Dirigent, sondern auch der Komponist, der Urheber deines Lebens. Er ist das Ich, das tiefer liegt als die Laune des Augenblicks. Er ist der Funke, der die Partitur entflammen wird, bevor der erste Ton erklingt.

Wenn Er das Podium betritt, wird es still im Saal. Die Angst senkt ihr Instrument, die Gier hält den Atem an, alles ist ruhig und wartet darauf, geführt zu werden. Er hebt den Taktstock – nicht um die Instrumente zum Schweigen zu bringen, sondern um ihnen ihren Platz zuzuweisen.

Unter seiner Führung wird aus dem Lärm Musik:
Er erlaubt der Trauer, ihr Solo zu spielen, aber er bettet sie ein in den Trost der Streicher. Er nimmt die Wut und formt sie um in die treibende Kraft eines Crescendos, das nicht zerstört, sondern vorwärtsdrängt. Er verwebt die leisen Töne der Hoffnung mit den lauten Schlägen des Schicksals.

Er weiß, wie das Stück enden soll. Er kennt den Spannungsbogen des Lebens. Er zwingt die Instrumente nicht, etwas zu sein, das sie nicht sind – eine Posaune kann keine Harfe sein –, aber er gebietet ihnen, aufeinander zu hören. Er formt aus der zersplitterten Vielheit der Stimmungen eine Einheit, eine Identität, eine Gleichung seiner selbst.

Solange Er leitet, wird der Körper zum Resonanzraum einer großen Geschichte. Und jene, die von außen zuhören, sagen dann nicht: „Ich höre eine Geige“ oder „Ich höre eine Pauke“. Sie sagen:
Jetzt hören wir den Menschen im Bild und Gleichnis Gottes.“