Die beschnittene Erinnerung

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Die Beschneidung des Männlichen ist identisch mit der Schlachtung des Lammes. In der Veräußerung des Wortes wähnt man, dass es sich um blutige Rituale handelt, die primitiven Bräuchen aus vergangenen Zeiten entstammen. Dabei erzählt das Wort ganz von selbst – wenn man es denn lässt – was die Bedeutung des folgenden Zitates für jeden Menschen ist:

Und 8 Tage alt, soll alles Männliche bei euch beschnitten werden nach euren Generationen, (…)

Gen. 17:12

Wenn man im Hebräischen von einem Mann sagt, wie alt er ist, verwendet man nicht das Wort „alt“ (das wäre SAKÉN), sondern sagt „Sohn (von)“ gefolgt von einer Zahl. Beispiel:

Und Noach war 500 Jahre alt;

Gen. 5:32

Wörtlich steht dort: „und es ist Noach, Sohn (von) 500 Jahre(n)“. Auf eine Frau angewendet steht „Tochter (von)“ gefolgt von den Jahren. Die Wörter für Sohn (ben) und Tochter (bath) stammen im Hebräischen beide vom Verb „bauen“ (BONEH). Mit einer Altersangabe wird direkt gesagt: Diese Anzahl von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren haben das aus dir gemacht, was du jetzt bist. Sie haben dich gebaut. Die Zeitangabe entspricht somit den Eltern, respektive deren „gezählter“ Qualität.
Die „Anordnung“ zur Beschneidung am 8. Tag will sagen: Wenn du den 8. Tag erreicht hast, wirst du beschnitten. Nicht als Möglichkeit, sondern als Tatsache. Mit der 8 kommt immer etwas Neues, eine Siebenheit wurde überschritten. Eine Woche hat nur 7 Tage, und die Schöpfung endet mit dem 7. Tag, dessen Name (SCHABBATH) sowohl mit dem Wort für „Sieben“ (SCHEVÁ), als auch mit „Umkehr“ zusammenhängt (SCHUV – durch die Zeichen SCHIN + BETH), denn mit der 8 kommt es nicht zu einer unveränderten Weiterführung des Vorigen, sondern zu einer Zurückführung (Umkehr). Das Wort SCHABBATH bedeutet als Verb „aufhören, etwas zu tun“ und auch „aufhören (so zu) zu sein (wie bisher)“; immer im Charakter des „ab jetzt wird alles anders – ganz anders!“.

Wenn „das Männliche“ 8 Tage alt ist, erfolgt die Beschneidung. Manche Übersetzer erzwingen in 1. Mose 17:12 durch die Verwendung des Wortes „Knäblein“ das Bild eines kleinen Buben, der sich einer Zwangsoperation unterziehen muss, obwohl der Begriff SECHÉR (7+20+200) einfach nur „männlich“ bedeutet. Dass man daraus auch „Mann“ machte, ist schon eine Modifizierung, aber „Knäblein“ bedeutet das Wort an keiner Stelle. Der Schwerpunkt liegt vielmehr in der etym. Hauptbedeutung des Wortes, die „sich erinnern“ ist. Die Beschneidung des Männlichen ist somit zugleich die Beschneidung bzw. „die Freilegung“ der Erinnerung oder „das Zugänglich-Machen des Sich-Erinnern-Könnens“. Und das ist oft nicht sehr angenehm.
Was genau wird denn beschnitten? Das äußere Bild ist die Vorhaut, hebräisch ORLÁH, 70+200+30+5. Das Wort „erzählt“ denselben Wert wie das Wort „Lamm“ in der Bibel, das auf Hebräisch SEH heißt (300+5). Beide Wörter haben die 305. Beide müssen „weggenommen“ werden, weil das Wesentliche unmöglich erkannt werden kann, wenn es verhüllt bleibt. Mit dem Wesentlichen ist der innere Kern gemeint, von dem alles ausgeht. Deswegen wird beim Erkennen des Wesentlichen auch von einer Offenbarung gesprochen, die im Griechischen ἀποκάλυψις (apokalypsis) heißt, also Ent-Hüllung (von αποκαλυπτω apo-kalýpto: ent-hüllen). Der Mensch bekommt etwas gezeigt, das schon eine „Siebenheit lang“ da, aber nicht einsehbar war. Ein schönes Beispiel finden wir in Markus 16:12

Danach aber offenbarte er sich zweien von ihnen in einer anderen Gestalt [μορφή (morphe)], während sie unterwegs waren, als sie aufs Land gingen.

Schnell entsteht beim Leser dieses Verses das Bild eines Erlösers, der als Totgeglaubter plötzlich als Auferstandener in einer anderen Form (morphe) erscheint. So schön diese Vorstellung auch ist, leider ist sie kaum auf das eigene Leben anwendbar. Näher kommt uns hierbei die „Gestalt-Wandlung“ innerhalb der Sprache, denn unter einem Morph versteht man auch die kleinste bedeutungstragende Einheit der Sprache. Eine „andere Gestalt“ des Wortes bedeutet, das Wort auf einer Ebene verstehen zu können, die jenseits der irdisch begrenzten Möglichkeiten ist. Im diesseitigen zeit- und formgebundenen Verständnis wird das Wort an bekannte Bilder gebunden und dadurch getötet. Im historischen und äußerlichen Festsetzen heiliger Worte tötet man das Wort. „Ja, das war damals!“, denkt man auf die Bibel anwenden zu können, weil man es nicht anders gelernt hat.

Wenn man im Hebräischen „Damals“ sagt, erzählt man jedoch nicht von „es war einmal irgendwann und irgendwo, ach, und zum Glück hat es nichts mit mir zu tun!“, sondern man erzählt eigentlich eine „8“, denn „damals“ heißt AS, 1+7 (z.B. Gen. 4:26). Der Wert der Gegenseite (Athbasch) des AS („damals“) ist die 470 (400+70), die Zahl des Wortes „Zeit“ (eth, 70+400). Was einerseits wie „Zeit“ aussieht, ist andererseits „8“. „Andere Seite“, „andere Gestalt“ – das NT folgt exakt diesem Verständnis der Sprache, aber wehe, man bleibt in einem angenommenen Geschichtsverständnis hängen! Dann kreuzigt man den Auferstandenen wieder und wieder. Die Bibel bleibt auf der Ebene und Betonung einer angenommenen Geschichte ohne Beziehung zum eigenen Leben nicht nur un- und missverständlich, sondern wirkt stellenweise regelrecht lächerlich auf den modernen Menschen.
Das Vergangene und Vollendete wird mit der 6 ausgedrückt. In 6 Tagen ist die Schöpfung vollendet. Der 7. Tag ist anhaltend, er wird nicht vollendet, weshalb unsere Gegenwart einen permanenten Schabbath als Grundlage hat. Phasenweise kann man im 7. Tag, in der Gegenwart, schon Einsichten und Erlebnisse haben, durch die das Wort zu dem weißesten Licht wird, das Menschen erfahren können, ohne davon geblendet zu werden. Scheinbar nebenbei wird bspw. das Erlebnis auf dem Berg der Verklärung mit den Worten „und nach 6 Tagen“ (Matth. 17:1 und Mark. 9:2) eingeleitet. Demzufolge ist die Verklärung vor Petrus, Jakobus und Johannes dann wann? Am 7. Tag! (Das gleiche Muster ist das Sich-Offenbaren Gottes während der Wüstenwanderung, die auch dem 7. Tag entspricht). Dort auf dem Berg erkennen sie, dass Elia und Mose gar nicht tot sind, sondern quicklebendig, so lebendig wie alle anderen, von denen wir annehmen, dass sie tot sind. Nein, sie leben alle. Aber im Festhängen in der 6 ist das einem Menschen lächerlich, ihm bleibt die Hülle, er bleibt ein Unbeschnittener. Was im 7. Tag schon phasenweise, aber auch bereits unumkehrbar stattfindet, wird mit der 8, was sich auch in dem Wort „gesalbt“ ausdrückt, zu einer neuen Realität, in der man erkennt, dass Zeit und Raum nicht das sind, was Messgeräte und daran gläubige Menschen einseitig zu beweisen versuchen.

Er (der Auferstandene) zeigt sich „Zweien“ (griech. einem Duo). Wir selbst können bereits in dieser Welt, der Welt der Auseinandersetzung und der Zweiheit diese Einsichten in das Enthüllte haben und müssen nicht auf „nach dem Tod“ warten, was einem Leugnen des Heiligen in der Zeit gleichkäme. Hier schon sollen und dürfen wir das Wunder unserer Herkunft und die Bedeutung unseres Lebens erfahren.
Solange wir glauben, dass Menschen und „feste“ Umstände über unser Leben bestimmen, ist das ein Zeichen des Unbeschnitten-Seins. Beim Menschen äußert sich das in Form einer empfundenen Ohnmacht dem Schicksal gegenüber und einem Kontrollverlust in seinem Verhalten. Das sind die Bedeutungen des Verbes ORÉL, 70+200+30, wovon ORLÁH (Vorhaut) abgeleitet ist, das meist nur mit „unbeschnitten“ übersetzt wird. Rückwärts gelesen lautet es „zum Bösen“ (L’RA), was auch den Charakter des Bösen bloßstellt: Er hindert und lässt den Menschen die Kontrolle verlieren, egal, wie viel Selbstdisziplin er eingeübt hat. Verlustängste plagen ihn, weil er die Quelle des Lebens nicht sehen kann. Die Hülle, die ORLÁH, verhindert das wirksam.

Das Beschneiden ist das Wort MUL, 40+6+30, dessen (artikulierte) Zeichen auch in dem Wort für „ewig“ enthalten sind (OLAM, 70+30+40). MUL bedeutet auch „gegenüberstellen“, „sich konfrontieren mit“, und ist somit das Gegenteil von „feige sein“ und „zurückweichen“. Der 8. Tag löst die Angst auf, weil die Enge ihre Grenzen verliert. Sobald der Mensch anfängt zu erkennen, woher er kommt und wer er ist, findet diese „Beschneidung“ statt. Der 8. Tag bringt das mit sich.
Die hebräische Bibel spricht insgesamt von 4 „Vorhäuten“, die sich auf den Menschen beziehen und einer, die sich auf Bäume bezieht:

1. Der Vorhaut des Hörens
Zu wem soll ich (Jeremia) reden und wem Zeugnis ablegen, dass sie hören? Siehe, ihr Ohr ist unbeschnitten, und sie können nicht aufmerksam zuhören; siehe, das Wort Ha-Schems ist ihnen zum Hohn geworden, sie haben kein Gefallen daran.
(Jer. 6:10)

2. Der Vorhaut des Herzens
So beschneidet denn die Vorhaut eures Herzens und verhärtet euren Nacken nicht mehr!
(Deut. 10:16)

3. Der Vorhaut der Zunge
(…) wie sollte der Pharao mich (Mose) hören, zumal ich unbeschnitten an Lippen bin?
(Ex. 6:12)
[Der Midrasch Tanchuma stellt Zunge (LASCHON) und Lippen (SEPHATAIM) gleich.]

4. Der Vorhaut des Fleisches
Ihr sollt aber die Vorhaut eures Fleisches beschneiden.
(Gen. 17:11)

Eine “Vorhaut” bezieht sich auf Bäume:

Und wenn ihr in das Land kommt und allerlei Bäume zur Speise pflanzt, so sollt ihr ihre Frucht als unrein erachten; drei Jahre sollen sie euch als unbeschnitten gelten, es soll nichts von ihnen gegessen werden;
(Lev. 19:23)

Was ist das für eine seltsame Aussage bzgl. der Bäume? Es heißt, dass die ORLAH Gott gehört; so auch bei den Bäumen. Das Erste, was sie hervorbringen, bringe man Gott, wodurch wiederum ausgedrückt wird, dass man sich dessen bewusst ist, dass jede Frucht von ihm hervorgebracht wird. Man kann sich natürlich auskennen und sein Bestes geben, aber jede Saat wird auf Hoffnung in die Erde gelegt. Auch wir selbst wurden auf Hoffnung in die Erde gelegt (auf die Erde gebracht). Wie wird sich dieser Mensch entwickeln? Bringt er Frucht? Wem bringt er die Frucht?

Erst wenn die Hülle weggenommen ist und das Wesentliche sich offenbart, kann der Mensch hören und verstehen, trifft das Herz die richtigen Entscheidungen, bindet der Mund das Diesseitige und das Jenseitige in seiner Rede zusammen und die Botschaft (im Hebr. zugleich „Fleisch“) ist von den Schlacken der Zeit befreit. Die Wegnahme auf der einen Seite ist zu gleicher Zeit eine Zunahme oder ein Gewinn (wie Paulus es in Phil. 3:8 in Bezug auf „den Achten“ nennt) auf der anderen Seite.
Der Erinnerung gegenübertreten, sich damit konfrontieren, wie man die Beschneidung des Männlichen anhand der gezeigten sprachlichen Verbindungen auch wiedergeben könnte, kann weitläufige Zusammenhänge im eigenen Leben aufzeigen, die kein Biograf finden könnte. In der Erinnerung liegt ein wichtiger Schlüssel. Interessant dabei ist, dass die Bibel nie von einer Vorhaut beim Tier spricht. Nur der Mensch ist immer wieder aufgerufen: Erinnere dich! Suche die Entsprechung des dir Begegnenden bei dir und in dir selbst. Veräußere dich nicht, verrate und verkaufe dich nicht an eine vergängliche Welt, sondern geh nach innen und stelle Fragen. Der Midrasch Tanchuma sagt, dass der Mensch durch die Beschneidung Gewalt über seine Glieder erhält. Mit dem Kommen der 8 werden diese vom Jenseitigen gelenkt.

Oder noch einmal anders formuliert: Das Aufgeben meiner eigenen Kontrollsucht, die sich irdischer Maßstäbe bedient, führt zur Autorisierung Gottes, der dann jede Situation in meinem Leben auf eine Weise lenkt, die den Maßstäben der Liebe folgt, die zwischen ihm und mir pulsiert. Das heißt im Bild und Gleichnis Gottes zu sein. Erzwingen lässt sich das nicht, es ist ein Sich-Hingeben in Erwartung und auf Hoffnung, dass ich in dieses Leben gekommen bin, weil mich jemand bedingungslos und unveränderlich liebt und nur darauf wartet, dass ich sein AJEKÁ (wo bist du?) mit einem HINENI (hier bin ich!) beantworte, sodass er sich zeigen kann, denn nichts will er lieber, als sich uns zu offenbaren.