Die Einheit von innerer und äußerer Hilfe

Audioversion mit Ergänzungen


Wenn man Menschen helfen will, die in Schwierigkeiten stecken, entsteht oft das Dilemma, wie die Hilfe eigentlich vonstattengehen könnte. Hilft man nur materiell, könnte man sich den Vorwurf machen, dass der Betroffene noch etwas anderes bedarf und eine rein materielle Hilfe nicht unbedingt menschlich ist. Bspw. denke ich an eine Erkrankung, die mittels Medikamente gelindert werden kann. Diese Medikamente haben weder mit der Einstellung noch mit dem Charakter des Arztes zu tun, ja könnten sogar von einer Maschine verordnet und verabreicht werden.
Andererseits ist es möglich, durch ermunternde Worte oder das Zeigen von Interesse zu helfen. „Ich werde für dich beten“, wird oft als billig empfunden und in der Tat hat ein Kranker oder Armer herzlich wenig davon. Ebenso wenig hilft es, einem Betroffenen die Wichtigkeit des Lebens vor Augen zu stellen und ihn darauf hinzuweisen, dass die Gesundheit eben nicht alles und Reichtum doch bedeutungslos ist. Dann würde er sicher sagen: „Wenn ich gesund und reich wäre, hätte ich die Möglichkeit, das selbst zu beurteilen.“ Im Grunde empfindet ein Mensch es als Demütigung, wenn ihm nur materiell geholfen wird.

Ich denke z.B. auch an die Zeit der Besetzung, als man Menschen mit falschen Papieren half – an sich etwas, von der Notwendigkeit einmal abgesehen, das bereits eine Unaufrichtigkeit enthält und Ausdruck einer List ist. Die Hilfe mit falschen Papieren kann von allen möglichen Leuten angeboten werden.
Es gab Kommunisten, die sehr aktiv falsche Papiere beschafften; es gab Leute, die es für Geld machten; es gab auch Idealisten, aber das Gefühl blieb immer: Ist das die einzige Hilfe, die man geben kann? Diejenigen, die in jenen schweren Zeiten sogenannten geistigen Beistand gaben, wurden nicht lange angehört, denn mit diesem geistigen Beistand allein würde man sein irdisches Leben unwiederbringlich verlieren, und an dieses Leben klammert sich der Mensch immer – egal was passiert.
Dieser Widerspruch in der Art, wie wir auf Menschen zugehen können, ist typisch für den Widerspruch, der sich in jeder Hinsicht in der Welt manifestiert. Es ist derselbe Gegensatz wie der zwischen Körper und Seele, Tod und Leben, Unrecht und Gerechtigkeit usw., und immer sind wir auch in dieser Hinsicht versucht, so zu tun, als ob wir die Antwort wüssten und zwischen einem der beiden Gegensätze wählen könnten.
Was würdest du sagen, wenn man dich vor die Wahl zwischen Körper und Seele stellen würde? Du würdest nicht wissen, was du tun sollst, denn ein Körper ohne Seele ist nichts und eine Seele ohne Körper ist ebenfalls nichts in dieser Welt. Gerade deshalb wird dem Menschen ja immer die Anwesenheit beider Pole vor Augen geführt und der Mensch muss eine Einheit zwischen ihnen bilden, so wie er selbst als Mensch eine Einheit ist, eine Einheit zwischen Körper und Seele, zwischen Tod und Leben, zwischen Böse und Gut und so weiter.

Wenn jemand in Not ist, sollte man es nicht bei einem aufmunternden Wort, einem Schulterklopfen oder dem Versprechen, an ihn zu denken, belassen, denn dann würde man diesem Menschen tatsächlich die Grundlage dieser Welt entziehen. Man würde vorgeben, Leben ohne Körper zu geben. Als Gott den Menschen schuf, schuf er zuerst einen Körper und gab ihm dann seinen Atem, die Seele. Wenn man also einem anderen mit einer materiellen Handlung hilft (ich denke wieder an die bereits erwähnten Medikamente), dann ist diese Hilfe, wenn es bei dieser materiellen Handlung bleibt, wie ein Körper ohne Seele, und man hat nicht nur sein Werk unvollendet gelassen, sondern auch etwas Gefährliches geschaffen, nämlich einen Körper, dem das Göttliche fehlt. Deshalb sollte jeder Hilfe immer eine materielle Handlung vorausgehen, so wie Gott zuerst den Körper geschaffen hat, aber diese materielle Handlung muss sofort – man kann fast sagen gleichzeitig – durch das Wesen, den Charakter desjenigen, der die Hilfe leistet, für den empfangenden Menschen beseelt werden. Dann entsteht eine Einheit, eine neue Schöpfung. Der Mensch hat dann das Körperliche mit dem Göttlichen verbunden, einen Kreis geschlossen und damit alles befreit. Der Mensch muss dies immer in der Nachfolge Gottes tun. Alles andere (auch die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten [nämlich nur innerlich oder nur äußerlich] zu helfen oder die Hilfe auf zwei oder mehrere Personen aufzuteilen) ist ein Unding. Heute gibt es oft Geistliche, die glauben, nicht mehr tun zu können, als auf ihrem Spezialgebiet den sogenannten „geistlichen Beistand“ zu leisten, indem sie sagen: „Die Gesundheit, die Sie brauchen, wird Ihnen der Arzt geben. Ich werde für sie beten, dass es segensreich abläuft.“ Oder: „Falls sie Schwierigkeiten in einer bestimmten Angelegenheit haben, müssen sie sich an eine Abteilung für soziale Angelegenheiten wenden. Ich werde sie im Gebet begleiten.“ Das bringt halbe Wesen hervor. Jemand, der hilft, muss in ganzer Weise helfen können. Ein Geistlicher, der womöglich eine Woche lang seine ganze Arbeit aufgibt, um jemandem zu helfen, der ernsthaft Hilfe braucht, ist ein wahrer Geistlicher, weil er wirklich in der Nachfolge Gottes handelt.
Es ist in der Tat sehr einfach und billig, ermutigende Worte zu sprechen. Oft fühlt man jedoch selbst, dass diese Worte ein hohles Ding sind, ohne Substanz, so wie eine Seele hier auf der Erde herumgeistern würde, wenn es keinen Körper gäbe, der ihr Raum geben könnte.
Sie müssten die Verzweiflung der Menschen miterlebt haben, die zu mir kamen, um mir zu erzählen, dass sie bei ihrem Geistlichen waren und dort in ein schönes Haus eingelassen wurden, wo sie, wie es heißt, in dicken Teppichen versunken sind und einen ordentlichen Empfang bekamen. Man sagte ihnen, dass sie ihre Schwierigkeiten vorbringen sollten, und dann durften sie sich eine lange Predigt über die Unwichtigkeit dieses Lebens und den Staub der Erde anhören, bekamen einen aufmunternden Händedruck und sogar das Versprechen des Geistlichen, dass er dieser konkreten Person in seinen Gebeten insonderheit gedenken würde.
Wenn der Geistliche bspw. noch nicht einmal imstande ist, eines seiner dicken Gewänder zu verpfänden, um damit jemand anders zu helfen, dann züchtet er bei sich selbst Geister, die ihm seine eigenen Angelegenheiten sehr schwer machen werden. Die rein materielle Hilfe hingegen entspricht nicht der Würde des Menschen. Der Empfänger fühlt sich dann bis auf das Niveau einer Maschine erniedrigt, die rein mechanisch funktioniert. Wenn man nur die äußeren Bedürfnisse erwägt, wird der Mensch auf das Körperliche reduziert, und nicht als Bestandteil von Gottes Plan gesehen.
Doch der Grund für das Kommen jedes Menschen auf die Erde ist, dass er in jeder Tat für einen anderen Menschen Körper und Seele verbinden und daraus [wieder] eine Einheit machen soll. Denn damit wird der Körper und alles Materielle befreit, in Nachahmung dessen, was Gott schon bei der Schöpfung getan hat, nämlich den toten Körper mit seinem Atem zu beseelen. Deshalb wurde der Mensch nach dem Bilde Gottes und nach seinem Gleichnis geschaffen, um diesem Bilde, diesem Gleichnis, in all seinem Tun nachzustreben. Das hebräische Wort für „Ebenbild“, zelem, 90-30-40, trägt zel, den Begriff „Schatten“ in sich. Das bedeutet, dass der Mensch Gott gegenübersteht – wenn man es so vergleichen darf – wie ein Schatten gegenüber dem, was den Schatten wirft. Natürlich kann man von der Form und Bewegung des Schattens auf das Ding selbst schließen, aber dem Schatten fehlt das Wichtige. Ein Schatten hat keinen Verstand, kein Herz, und doch ist er etwas, von dem man auf die Sache selbst schließen kann. So sind auch die Taten des Menschen „Schatten-Taten“ gegenüber dem Handeln Gottes. Doch soll man im Handeln des Menschen Gottes Handeln lesen können. Indem wir uns den Menschen und anderen Dingen in der Welt auf solcherlei Weise nähern, schaffen wir eine Möglichkeit, dass auch andere Gottes Liebe und Barmherzigkeit selbst erfahren wollen.

Aus biologischer Sicht ist der Mensch das raffinierteste und spezialisierteste Tier. Als das am höchsten entwickelte Wesen der Schöpfung bekam er von Beginn an die göttliche Seele, wodurch der Kreis zwischen Anfang und Ende geschlossen wurde. Diesem Prinzip muss unser Handeln folgen. Das äußerste Materielle muss mit dem Ursprung, dem Göttlichen, verbunden werden. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Gegensätze. Tod und Leben dürfen nicht voneinander getrennt bleiben, sondern müssen miteinander verbunden werden, damit der Tod beseelt werden kann und wieder Leben wird, eine andere Art von Leben als die, die wir als reinen Gegensatz zum Tod kennen.
Auch unser Recht wird dann ein anderes Recht werden, wenn wir Unrecht zum Recht gemacht und Unrecht beseelt haben, also alles zu einer neuen Art von Einheit geworden ist, dem wahren Recht; einem Recht, das sich nicht wie weltliches Recht bewegt, sondern ganz von Liebe und Barmherzigkeit getragen wird. Wir müssen uns immer unsere Position als Zweiter vor Augen halten, in der wir alles als Zweiheit sehen, und wir müssen es vermeiden, uns selbst auf den Thron zu setzen, als wäre diese Welt schon eins in der Art, wie die Dinge für uns erscheinen. Wenn wir erkennen, dass alles, was uns begegnet, immer noch Zweiheit, immer noch zerbrochen ist, dann möchte der Wille in uns erwachen, diese Zweiheit zu heilen, gesund werden zu lassen und zur Einheit zu bringen.

Freie Übersetzung eines NL-Artikels Friedrich Weinrebs aus „Gedachten 3“
Übersetzung, Anmerkungen in eckigen Klammern und Bereitstellung durch Dieter Miunske