Die Geschichten und Themen der Bibel müssen selbst erlebt werden, sonst ist es vertane Zeit, darüber zu reden. Es gibt ein Gefühl der Angst vor Missverständnissen, aber es darf keine Absicht geben, recht zu haben oder nicht recht zu haben, das kann man nur dort, wo man messen kann, aber nicht in diesen Dingen. Woran will man Glaube und Liebe messen?
Das Rechthaben-Wollen mit der Bibel als Gesetzbuch in der Hand hat seine Wurzeln in der Zeit, als die Bibel durch Übersetzungen in verschiedene Sprachen, auch Menschen zugänglich wurde, die von dem Ursprung der Bibel nichts mehr wussten. So fing man an, die Begriffe und Geschichten so zu verstehen, wie man sie in der aktuellen Zeit verstand und deutete, wodurch eine Lawine von Interpretationen losgetreten wurde, die keiner mehr aufhalten konnte. Die diesseitig ausgebildete Vernunft wurde zum Motor der Argumentation. Mit der Zunahme des Wissens der Menschen im Westen, der Triebkraft der Entwicklung, wurde auch die Bibel immer tiefer auf die Ebene des Materiellen herabgezogen.
Es scheint fast ein Zwang zu sein, mittels des Verstandes aufzuzeigen, dass dies oder jenes richtig und anderes falsch ist, wodurch es zu einer Art Genugtuung kommen kann, „dass es anderen schlecht geht“, die nicht die eigene Sichtweise teilen. Geht es hingegen einem selbst schlecht, nennt man es „Gottes Wille“, beim anderen dagegen wirkt natürlich „der Feind“, und der hat viele Namen. Doch wer in diesem Bereich im absoluten Sinne sagt: „So ist es und nicht anders!“, irrt von vornherein, weil das Finden der Wahrheit vom eigenen Erleben abhängig ist. In einer objektiven Herangehensweise an die Bibel wird der eigentliche Zugang verweigert, die Engel mit dem kreisenden Schwert lassen einen nicht hinein (Gen. 3:24).
Was die Bibel mit Wahrheit ausdrückt, hat nichts mit Wissen zu tun, das durch einen Unterricht vermittelt werden könnte. Der beste Unterricht, die eigentliche Lehre, ist das Herstellen der Verbindung zwischen dem Heiligen und dem Menschen. Wer das erfahren hat, gibt die Projektion auf. Alles lebt im Menschen selbst.
Erleben ist in erster Linie eine menschliche Begegnung. Man steht immer jemandem gegenüber, kein Mensch ist allein oder kann allein sein. Aus der Begegnung des einen mit dem anderen kommt es zur „Frucht der Begegnung“. Es kommt eine Realität, die beide Seiten ein wenig verändert und sie mehr zu einer Einheit werden lässt.
Das port. Wort für „begegnen“ lautet „encontrar“ (engl. „to encounter“), das auf das lat. „in rota“ zurückgeht und eigentlich „in Rotation geraten“ meint. Umgangssprachlich findet sich dieser Sinn noch in „Jetzt geht’s rund“ wieder. In einer richtigen Begegnung kommt etwas in Bewegung, wird etwas belebt, und so findet man Ant-Wort, das Gegen-Wort zur Frage, wie auch die Begegnung den Gegner beinhaltet. So sagt man in Portugal mit „encontrar“ aber nicht nur „begegnen“, sondern zugleich auch „finden“. Begegnen und Finden sind identisch. Die Rotation verweist auf das Leben in der Zeit:
Wir sind hier, um zu finden.