Leid betrifft uns alle und es kann uns an die Grenze des Vertrauens bringen. Schnell suchen wir eine Schuld bei uns, wenn wir das Gefühl haben, dass wir verlassen sind.
Gerne zeigt man auf die großen Männer und Frauen der Bibel und wie stark doch deren Gottvertrauen war. Bei genauerem Hinsehen wird schnell deutlich, welche harten Schicksale das waren, wenn man es als Geschichte liest. In Num. 12:7 heißt es: „Nicht so mein Knecht Mose. Er ist treu in meinem ganzen Haus“, doch er erreicht nicht das Ziel. Die Treue war anscheinend umsonst. Er kommt nicht ins gelobte Land.
Von außen betrachtet kann es gut sein, dass man seine Lebensaufgabe vollbracht hat, obwohl kein Mensch das bezeugen könnte. Aus der Sicht der Menschen sieht es im Fall Mose so aus, als ob er gerade am Ende versagt hätte und das Lebenswerk somit mit einem großen Fragezeichen endet.
König David war ein regelrechter Konfliktmagnet. Der Auserwählte wird schon bei seiner Geburt abgelehnt, von der Familie verachtet und, von wenigen Momenten der Freude abgesehen, trifft ihn ein Schlag nach dem anderen. „Na, da war er aber auch nicht unschuldig!“, ruft der Vorlaute und Selbstverliebte über den aus, um dessentwillen Gott die Welt am Leben lässt.
Mose will ein Zeichen und Gewissheit und bittet HaSchem in Ex. 33:18 „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ – Die Überlieferung übersetzt diese Bitte in die Fragen:
- Wie kann es sein, dass in deiner Welt so viel Leid, Not und brutale Dinge geschehen, dass Menschen einander grundlegend missverstehen und so viel Hass und Neid zwischen ihnen ist?
- Wie kann es sein, dass niederträchtige Menschen große Karrieren machen, im Überfluss schwelgen, ihnen so viel gelingt, während die, die sich für andere aufgeben und niemandem Leid zufügen, derart in die Mühle kommen?
Auch ein Mose versteht das nicht. Er fragt nach dem Sinn, dem Zweck, nach einem Ziel. Wozu ist das gut? Einige versuchen zu fliehen, den Raum und den Ort zu verlassen, doch das Schicksal eilt ihnen nach, wie es David einmal in Psalm 139 formuliert. Ein Mensch, der das eigentliche Leben sucht, wird auch gesucht. Gott sucht dich, um etwas durch dich geschehen zu lassen.
In der Natur ist es mit erheblichen Konsequenzen verbunden, wenn etwas nicht seine Aufgabe erfüllt. Ein Obstbaum, der keine Früchte bringt, dient vielleicht noch als Kletterbaum für Kinder, aber eher noch landet er als Brennholz im Ofen. Ein Reh, das nicht richtig laufen kann, wird zur leichten Beute, und ein blindes Huhn findet vielleicht mal ein Korn, aber davon wird es nicht satt.
Wer ein Klavier baut und aufgrund mangelnder Kompetenz dafür sorgt, dass einige Tasten bei Betätigung keinen Ton erklingen lassen, sollte eine Nachschulung besuchen oder sich für einen anderen Beruf entscheiden. Ein Pianist wird ein solches Klavier nicht nutzen können.
Was in diesen Bereichen völlig selbstverständlich ist, wirkt, wenn wir es auf uns Menschen übertragen, doch sehr befremdlich, weil kaum jemand sagen kann, worin die eigene Aufgabe liegt. In Natur und Technik hat alles eine konkrete Bestimmung, die von jemand anders bestimmt wird. Und das ist der Punkt. Wir bekommen keine Bestimmung einprogrammiert; vielmehr haben wir eine ganz leise Stimme in uns, die uns zu unserer Aufgabe leiten will, aber gezwungen werden wir nicht.
Ein Hund wird nicht auf die Idee kommen, eine Katze sein zu wollen, und Katzen werden Hunde nicht als gleichartig akzeptieren, selbst wenn man ihnen Unterricht in Toleranz zuteilwerden ließe.
Die Bestimmung des Menschen ist offenbar etwas, das sich von Natur und Technik deutlich abhebt. Letztere zeigen ihre Funktion im Sichtbaren. Für diesen Bereich wurden sie konzipiert. Des Menschen „Funktion“ zeigt sich dagegen nur bedingt im Sichtbaren. Begrenzt er sein Handeln auf die sichtbare Welt, ohne tiefere Motive zu nähren, kann er seine Bestimmung nicht finden. Er ist das einzige Wesen mit einer göttlichen Seele, welche ihr Element im Unsichtbaren hat. Wäre Gott sichtbar, könnte der Mensch nur stark limitiert mit ihm in Kontakt treten, weil er Gott genau wie alles andere, was er sieht, auf das Wahrnehmbare reduzieren würde. Sobald er ihn nicht mehr sehen würde, wäre der Kontakt komplett abgerissen.
Aufgrund der Unsichtbarkeit Gottes hat jeder Mensch jederzeit die Möglichkeit, mit Gott in Kontakt zu treten. Wäre nun Gottes Antwort unmittelbar und einer gewissen Mechanik folgend, würde sich Gott selbst begrenzen und Unmögliches bliebe tatsächlich unmöglich. Es gäbe keine Chance, dass Unerwartetes eintreten könnte.
Das Nicht-Berechenbare tritt in unser Leben ein, um uns aus der von uns kontrollierten Zone herauszulocken – mal mehr, mal weniger sanft. Dort, wo wir unser Leben im Griff haben, wo wir alleine bestimmen und alles nach unserem Willen geht – was nicht wenige anstreben –, ist unfruchtbare Erde, die nichts hervorbringt außer Dornen und Disteln.
Es kostet Gott erhebliche Mühe, uns aus unserer Selbstzufriedenheit herauszuholen und in den Frieden Gottes einzubetten, der paradoxerweise dann innerlich am größten ist, wenn es außen am meisten rumort. Wenn ein Samen keimt und zu wachsen beginnt, wird er seine Umgebung verändern, manchmal sogar auf- oder umbrechen. Es gibt Samen, die geteerte Straßen von unten aufbrechen und den durch sie entstandenen Schaden nicht regulieren. Wachstum kann bedeuten, dass andere sich plötzlich von dir bedrängt fühlen; kann bedeuten, dass man dir sagt: „Hey, du richtest hier großen Schaden an, das dulden wir nicht! Du bist eine Gefahr für andere.“ Für andere Tote vielleicht, aber denen, die auferstehen wollen, könnte ich vielleicht hilfreich sein.
Eine Pflanze verteidigt sich nicht lauthals, sondern folgt dem Konzept des stetigen Wirkens in der Stille.
Abraham wurde zehnmal geprüft und alle Prüfungen hatten gemeinsam, dass bei ihm ein großer Konflikt zwischen seiner Logik und Gottes Wille entstand. Die Logik ist begrenzt, und wenn Abraham sich diesen Grenzen unterworfen hätte, wäre sein Name aus dem Buch gestrichen worden. Nur wir alleine können die Grenzen, die uns unsere Logik vorgibt, durchbrechen. Das ist eine ganz persönliche Aufgabe, die zum Ziel hat, dass das Licht, das hinter dieser Grenze scheint, durch diesen Durchbruch in uns eintritt und durch unser Leben nach außen kommt. Dort kann es anderen zur Klarheit verhelfen. Das Aufbrechen des Gewohnten ist unabdingbar, um unser eigenes Potenzial zu entdecken, das sich darin zeigt, dass wir unsere Bedeutung in der Welt erkennen. Erst jetzt entflammt auch eine Freude, die nicht beim ersten Gegenwind ausgelöscht wird.
Ein Zaddik wird geprüft, steht in Psalm 11:5. Prüfen, BACHAN (בחן) bedeutet „nach außen führen“ oder sogar treiben, genau wie es beim keimenden Samen passiert. Wer tiefer nach innen gelangen will, wird auch weiter nach außen gebracht. Man ist dann „außer sich“. „Prüfen“ hängt direkt zusammen mit dem lat. „provare“, wovon unser „probieren“ kommt. Das Wort stammt aus einer rekonstruierten idg. Wurzel, die „vorne sein“ bedeutet. Das lat. fui („Ich bin gewesen“) und futurus („werde sein“) stammen auch daher.
Eine Prüfung ist nicht für den Prüfer, sondern für den Prüfling. Bei der Fahrerlaubnisprüfung wird theoretisch und praktisch das in der Vergangenheit Gelernte gefordert, um es zukünftig selbstständig ausführen zu können.
Unser Schicksal zielt dahin, dass wir erkennen, wer wir waren, um es dann auch tatsächlich zu sein. Der Schnittpunkt ist die Gegenwart, in der wir die Kon-FRONT-ation, das ist das „Vorne sein“ (siehe oben), erleben.
Auch im äußeren Leben ist es so, dass ein Voran- und Weiterkommen an immer neue Prüfungen geknüpft ist, die keineswegs offiziell sein müssen. Viele Herausforderungen finden dort statt, wo niemand hinsieht. In der Sehnsucht nach dem Ewigen schaut der Ewige nicht zu, wie wir auf der Stelle stehen und stagnieren. Genau wie ein guter Lehrer das Potenzial seines Schülers erkennt und dieses durch immer neue Aufgaben herauszuschälen sucht, um dem Schüler zu zeigen, wozu er fähig ist, so will uns der Ewige von unseren Schalen befreien, die uns einengen und hindern, sodass wir selbst erkennen, was er in uns gelegt hat.
Unsere Frage „Warum gerade ich und weshalb trifft es mich jetzt, wo ich es am wenigsten gebrauchen kann?“ bedarf einer Transformation in „Ergeben sich aus dieser Situation Möglichkeiten, die ich vorher nicht in Betracht gezogen habe?“ Man spricht dabei vom Nutzbar-Machen der Wahl in Situationen, in die wir hineingeraten sind, ohne sie uns gesucht zu haben. Wir sehen plötzlich Möglichkeiten, mit denen wir noch nie konfrontiert waren.
Ein Beispiel dafür ist Ägypten, aus dem es keine Befreiung gibt, solange man sich dort wohlfühlt. Die Aufgabe Ägyptens ist das Wecken der Sehnsucht; es soll die Frage danach entstehen, ob das äußerlich abgesicherte Leben mit seinem Unterhaltungsprogramm in arbeitsfreien Zeiten, alles ist, wozu der Mensch in die Form seines Körpers gebracht wurde.
Man kann es nicht oft genug betonen, dass der Konflikt in der Schöpfung nicht erst mit dem Menschen entstand. Im ersten Schöpfungsbericht ist ausschließlich von Elohim die Rede und nicht von HaSchem (JHWH). Elohim ist die gerechte Seite Gottes, die keinen Schritt zur Seite weicht. Alles muss ganz exakt stimmen, doch was sich materialisiert, weigert sich, in Perfektion zu erscheinen. Am dritten Schöpfungstag kommt es zum Eklat. Es soll der EZ PRI OSSE PRI (Gen. 1:11) kommen, doch die Erde bringt nur den EZ OSSE PRI. Das erste PRI, das dafür steht, dass der Baum selbst wie die Frucht ist und darüber hinaus noch Früchte hervorbringt, fehlt. Was in den Übersetzungen oft verschluckt wird, ist im Original ein markanter Unterschied, der sofort erkennen lässt, dass es einen massiven Bruch gab zwischen dem, was kommen soll, und dem, was tatsächlich kommt.
Wenn wir diese Gegenüberstellung einmal in unser modernes Leben übertragen, könnten wir uns einen Künstler (Maler, Musiker) vorstellen, der seine Tätigkeit so sehr liebt, dass die Arbeit selbst (das Malen, das Üben) ihm genauso viel Freude bereitet wie das fertige Werk oder der Applaus. Der Weg ist bereits das Ziel. Die Arbeit „schmeckt“ wie der Erfolg. Das Gegenteil davon ist eine Arbeit, zu der man sich hinschleppt, sich Tag für Tag quält und auf das erlösende Wochenende wartet, nur um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Arbeit selbst ist mühsam und „geschmacklos“, genau wie der Baum, den die Erde in ihrem vermeintlichen Ungehorsam hervorbringt. Das Holz schmeckt nicht und eignet sich nicht zum Verzehr, aber immerhin bringt er Frucht, von der man schließlich abhängig ist.
Die Erde ist also schon „vor“ dem Menschen gefallen, weshalb ihr Material dann auch verflucht wird. Zwar lautet der betreffende Vers in Gen. 3:17 in den meisten Übersetzungen „So sei der Erdboden verflucht um deinetwillen“, wodurch der Eindruck entsteht, als ob der Mensch die Ursache sei, doch der Midrasch sagt, dass die Erde ohne „Vorbelastung“ nicht hätte einbezogen werden können.
Der Mensch ist aus dem Material der Erde gemacht, deren „Defekte“ sich auf den Menschen als Neigung übertragen. Wenn man diese Aussagen weiterführt, finden sich auch Zusammenhänge zwischen unserer Herkunft und unseren Eigenschaften. Aber bleiben wir noch bei dem Fluch, der leider oft als etwas Einseitiges oder gar Böses verstanden wird.
Das Hervorbringen eines Baumes, wie es gefordert war, hätte die perfekte Welt entstehen lassen, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wie der Volksmund sagt. Welche Aufgaben hätten wir in einer solchen Welt? Keine! Das dem Menschen eingeschaffene Wirken-Wollen hätte keinen Adressaten. Jeder Mensch wäre vollkommen überflüssig, denn es gäbe nichts zu tun. Die Überlieferung weist beim Worte für „fluchen“, ARURAH (ארורה) in Gen. 3:17 darauf hin, dass darin auch das Wort „Licht“ (אור) steckt, welches jedoch befreit werden muss. Der Baal Shem Tov betont oft, dass ein Fluch in der Thora eine verhüllte Segnung ist. Das „um deinetwillen“, BA’AVURECHA, wird dann als „zu deinem Vorteil“ gelesen. Das Prinzip der Umkehr, wird auch im Wort angewendet, denn Gott erwartet von dir nichts, was er nicht auch auf sich selbst und sein Wort anwendet.
Diese Diskrepanz der Erde ist also keine Willkür, von der man leichtfertig sagen dürfte: Das hätte nie passieren dürfen!, sondern war und ist die Grundlage dafür, dass der Mensch durch sein Wirken eine Freude erfährt, die ein passiver Mensch durch nichts erhalten kann. Es gibt keine Alternative. Erst jetzt konnte der Mensch vom Nehmer zum Geber werden, um nicht, wie es heißt „das Brot der Schande“ essen zu müssen, welches allen vorbehalten ist, die nur nehmen, aber nichts geben wollen.
Die perfekte Welt wurde demnach von Beginn an unterbunden, und ein wenig versteckt zeigt sich das in den letzten beiden Wörtern am Ende des 6. Tages und den ersten beiden Wörtern zu Beginn des 7. Tages. Die Anfangsbuchstaben dieser vier Wörter ergeben den unaussprechlichen Namen Gottes JHWH, der offensichtlich schon in das Sechs-Tages-Geschehen aktiv eingreift und die Perfektion und Gerechtigkeit zugunsten der Barmherzigkeit und Gnade zerbricht.

Das bedeutet für unser Leben, dass wir manchmal den Eindruck haben, dass es eine Gerechtigkeit gibt, auf die die Welt gegründet ist. Dass uns Dinge passieren, von denen wir sagen: Ja, ich habe es nicht anders verdient. Das war ja klar, dass das passieren musste. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man diese vier Zeichen, die von der Vollendung und dem Übergang in etwas Neues künden, wobei sie sagen: Vergiss dein Verständnis von Gerechtigkeit. Der Grund für dein Versagen und für das, was du vielleicht Schicksalsschlag nennst, liegt im Bereich der Gnade und Barmherzigkeit. Im Moment ist es mitunter unangenehm, aber es läuft auf etwas Großes hinaus, das du zu seiner Zeit erkennen wirst.
Das Hervorbringen des Baumes, der nicht nur Frucht hervorbringt, sondern an sich im Ganzen Frucht ist, ist dem Menschen vorbehalten, der im Tun eins wird mit der Schöpfung, der den Weg geht und sich über jeden Schritt freut und hofft, dass er nie ankommen möge, so sehr genießt er sein Tun. Es ist wie ein gutes Buch, von dem man hofft, dass es nie ende; es ist wie ein Essen von dem man hofft, dass man davon nie satt werden möge, nur um den Genuss bleibend zu erhalten. Der EZ PRI OSSE PRI bist du in deinem Tun, wenn dieses die Welten miteinander verbindet.
Dasselbe Prinzip finden wir am vierten Schöpfungstag, wo die Entstehung der Lichter des Himmels beschrieben wird. An dieser Stelle ist noch nicht von Sonne und Mond die Rede. In Gen. 1:16 heißt es sogar, dass Gott zwei große Lichter macht, die aber noch im selben Vers „großes Licht“ und „kleines Licht“ genannt werden. Auch hier wieder dieselbe Diskrepanz. Das kleine Licht wird als Zweites genannt, genau wie die Frau als Zweites entsteht, wie HaSchem als Zweites auftritt und wie die Barmherzigkeit als Zweites kommt. Aber zu Beginn sind beide gleich groß. Und am Ende wird dieser Unterschied auch wieder aufgehoben. Es ist eine Erniedrigung, eine Verkleinerung auf Zeit, die einen hohen Preis hat. Der Barmherzige zahlt, aber die Fähigkeit, barmherzig zu sein, ist eine weibliche – nur die Frau hat ein „Barmherzigkeitsorgan“, nämlich die Gebärmutter, die im Hebräischen dasselbe Wort ist, mit dem die Eigenschaft beschrieben wird, höher zu stehen als die Gerechtigkeit, als jedes Gesetz, dabei aber klein bleibt und es auf sich nimmt, an zweiter Stelle zu stehen.
Die Welt ist kein kugelsicherer kalter Panzer, sondern etwas Warmes, Verletzliches, Verwundbares. Sie ist anfällig und angreifbar. Tagtäglich können wir uns selbst davon überzeugen, dass sie in einem ständigen Konflikt steht. Wie oben bereits erwähnt, überträgt sich das auf uns. Wir tragen diese Welt in uns und die Welt trägt uns ebenso.
Wenn die Welt leidet, leiden wir mit. Barmherzigkeit bedeutet nicht eine Gleichgültigkeit gegenüber der Ungerechtigkeit, sondern dass man imstande ist, dem Ungerechten anders zu begegnen, als er es verdient hat. Welche Mühsal und welchen Schmerz verursachen das Heranwachsen-Lassen eines Kindes im Mutterleib und die Geburt desselben? Trotzdem lehnt die Mutter es nicht ab, sondern liebt es. Wie kann man lieben, was so viel Leiden mit sich gebracht hat? Eine Mutter spiegelt etwas wider von der Mater, der Materie und dem Meter, dem Maß der Welt.
Gott hat diese Welt bewusst verwundbar gestaltet, hat bewusst den Konfliktmodus aktiviert, auf dass jeder Mensch nicht passiv, sondern aktiv am Prozess des Heilwerdens beteiligt sein kann. Automatisch sind wir das nicht; es liegt daran, welche Entscheidungen wir treffen und welche Konsequenzen wir gewillt sind, auf uns zu nehmen. Zum Glück sind wir uns oft der Konsequenzen unseres Tuns nicht bewusst. Einmal den ersten Schritt gewagt, kümmert sich aber fröhlich jemand anders darum, dass wir nicht aufgeben, sondern weitergehen.
Kommen wir zu einem praktischen Beispiel. Mose kehrt vom Berg Sinai zurück und sieht das Volk in einer Situation, die bei ihm einen Konflikt auslöst. Jetzt zerbricht er die Tafeln, und das wird meist so interpretiert, als ob ihm eine Sicherung durchgebrannt wäre. Man denkt, er hätte die Kontrolle über sich verloren und würde – im wahrsten Sinne des Wortes – alles hinschmeißen.
Weit gefehlt!
Die Überlieferung sagt, dass das ein Akt großer Liebe war, der einem ganz bestimmten Zweck galt. Die ersten Tafeln repräsentierten eine Perfektion, die für einen Menschen unerreichbar wäre. „Das ist der wahre Mensch, frei von Untugend und Laster, von Sünde und Mangel!“ Ja, aber diesen Menschen gibt es nicht. Die zerbrochenen Tafeln entsprechen dem Menschen, der zerbrechlich ist und um Stabilität ringt. Aber oft gelingt es ihm nicht, seine Erlebnisse bringen ihn immer wieder zum Verzweifeln, entzweien seine vermeintliche Einheit. Gott selbst hat dich so zerbrechlich gemacht, nicht um dich zu strafen und zu quälen, sondern weil du in seinem Bild und Gleichnis bist, und er sich nichts sehnlicher wünscht, als dass du im Sichtbaren die ausführende Instanz für ihn, den Unsichtbaren, wirst.
Der Zerbruch wird zur Grundlage des Wachstums. Mit jedem Scheitern näherst du dich Gott und verstehst seine Sprache etwas besser. Einer Lesart von Deut. 10:2 nach, liegen in der Bundeslade nicht nur die zweiten ganzen Tafeln, sondern auch die zerbrochenen ersten (Bava Batra 14b). Der Text vermittelt auf stille Weise, dass auch unser Scheitern, unser Zerbrechen zum Heiligen gehört. Es wird nicht gesondert darauf hingewiesen, sondern so unscheinbar erwähnt, dass man es schnell überliest. Die großen Geheimnisse, die den Menschen nachhaltig beruhigen und trösten, kommen ihm in Zurückhaltung und Bescheidenheit. Wo man es am wenigsten erwartet, kommt plötzlich ein Wink, ein Hinweis, eine Bemerkung in einem Nebensatz, und auf einmal kehrt Ruhe ein, Gelassenheit entsteht, eine stille Gewissheit: Es wird doch alles gelenkt, auch oder gerade, weil ich vieles nicht verstehe.
Die Bundeslade enthält das Wunder, dass das Zerbrochene und die Erfüllung zusammengehören. Und sie bilden eine Einheit mit dem Gefäß des Mannas, Gottes Treue, uns zu versorgen, und dem Stab Aarons, der vom Baum des Lebens stammt und durch sein Hervorbringen der Mandel zeigt, dass er „schneller ist als der Tod“. Das Leben ist kein Produkt einer berechenbaren Biologie, sondern ein Wunder. Tief in uns wissen wir das, aber dieses Wissen will nicht lautstark verkündet werden, es teilt sich nur im Stillen mit.
Steigern wir das Ganze noch etwas. Momentan sieht es so aus, als ob Zerbruch und Misslingen zum Leben gehören, um Barmherzigkeit erfahrbar zu machen – auch wenn das grundlegend stimmt, führt das Hebräische noch weiter. Brechen, Zerbrechen, Aufbrechen nennt man SCHEVER (שבר). Dasselbe Wort bedeutet auch Getreide. Zum ersten Mal kommt es in dieser Bedeutung in Gen. 42 vor, wo Jakob seine Söhne hinab nach Ägypten schickt, um von dort Getreide zu holen, auf dass sie leben und nicht sterben, wie er es ausdrückt (Vers 2 am Ende). Joseph ist der Verwalter des Getreides, er teilt somit auch das Maß des Zerbruches zu. Wozu? Auf dass niemand verhungere.
Getreide und Zerbrechen gehören also zusammen, sind im Wort deckungsgleich. Es ist auch interessant, dass der menschliche Organismus mit ungebrochenem Getreide wenig anfangen kann. Erst wenn es gebrochen und gemahlen ist, kann es vom Körper aufgenommen werden und als Nährstoff des Lebens dienen. „Ich bin das Brot“ bekommt hier noch einmal eine ganz neue Bedeutung, die wir sogar noch weiterführen können: Stellen wir die Zeichen von SCHEVER (שבר) um, bedeuten dieselben Zeichen auf einmal „Fleisch“, BASSAR (בשר). Wie hängt das nun zusammen?
Von SCHEVER stammt MASCHBER (משבר), das ist „die Öffnung der Gebärmutter“. Die Fruchtblase zerreißt, das Fruchtwasser verlässt den Raum, in dem das neue Leben gewachsen ist. Das Wasser zerrinnt, die Zeit eilt und wird knapp. MASCHBER ist auch die Bezeichnung des Gebärstuhles. Das ist der Ort, an dem das neue Leben in die Welt kommt. Wir finden das Wort in Jes. 66,9:
Sollte ich zum Durchbruch (SCHEVER) bringen und nicht gebären lassen?, spricht HaSchem; oder sollte ich, der gebären lässt, verschließen?, spricht dein Gott.
Die hier verwendete Verbform bedeutet: Ich lasse das brechen, ich öffne dir den Muttermund, ich werde die Wehen einleiten. Gott führt einen Menschen nicht an einen Punkt des Zerbrechens (der Wehen, der Krise), ohne ihm auch die Kraft und die Möglichkeit zu geben, das Neue hervorzubringen. Der Schmerz des „Bruchs“ ist der Beweis dafür, dass eine neue Realität (Geburt) unmittelbar bevorsteht. Die Krise ist um des Neuen willen. Das gilt auch für das Weltgeschehen. Man denkt, es hängt an Machthabern und Regenten, dabei lenkt Gott das gesamte Weltgeschehen. Wer versucht, es zu erklären, nimmt wiederum vom Baum der Erkenntnis. Die Krise muss kommen, egal wie du dazu stehst. Eine Frau, die im Begriff ist, Mutter zu werden, hat die Kraft, es durchzustehen, weil sie weiß, dass sie bald ihr Baby in den Armen halten wird. Wie einfach doch die Beispiele der Bibel sind! Dem Klugen ist das töricht, der Weise aber schweigt ob der Tiefe, die in einfachen Worten liegt.
Die Krise bringt etwas völlig Neues hervor, das es bislang nicht gab. Kein Mensch der Welt kann das Aussehen eines Ungeborenen vorhersagen und kein Mensch der Welt kann sagen, was die aktuellen Krisen der Welt hervorbringen werden. Worauf fokussiert man bei einer werdenden Mutter? Auf Schmerz, Leid und Komplikationen? Heute gibt es viele Experten für Horrorszenarien mit dem Internet als Aktionsbühne, und wenn ein Mensch nicht innerlich mit der Quelle des Lebens verbunden ist, wird er geneigt sein, diesen Leuten zuzuhören, die eine Geburt als Agonie, also als Todeskampf, bezeichnen würden. Jede Mutter wird solche „Experten“ ganz ohne Expertise in die Schranken weisen, weil sie die Umstände erkennt und weiß, wovon sie begleitet sind bzw. worauf es hinausläuft.
Um es noch einmal zusammenzufassen: Zerbruch, Getreide und der Ort der Geburt für das „neue Fleisch“ hängen sprachlich direkt miteinander zusammen, was weitreichende Konsequenzen auch für unser eigenes Leben hat.
Der Versatz zwischen dem Inneren und dem Äußeren bringt mit sich, dass wir Dinge, die uns leicht kommen, wenig bis gar nicht achten. Die dankbarsten Menschen finden sich dort, wo große Not ist. Die frechsten sind dort, wo man denkt, dass einem etwas aus Verdienst zustehe und man das Recht habe, die sich daraus ergebenden Ansprüche auch geltend zu machen.
Zerbruch und Leid durchbrechen die Annahme eines Verdienstes, und gerne will ich das wieder anhand eines hebräischen Wortes zeigen, das wir zuerst in Gen. 2:1 finden: W’JACHULU (ויכלו) bekannt als „Also ward vollendet“. Etwas ist zu seinem Ende gekommen. Na gut, könnte man sagen, in der Zeit kommt eben alles zu seinem Ende. Doch dieses Ende markiert zugleich einen Anfang. Es wird mit der Wurzel des Wortes KALAH (כלה) erklärt, das auch „Braut“ bedeutet. Eine Frau wird zur Braut, wenn ihre Zeit, in der sie alleinstehend war, endet. Die Hochzeit führt sie zur Erfüllung und Vollendung, doch markiert die Hochzeit gerade keinen Untergang, sondern den Beginn von etwas Neuem, das die Möglichkeit mit sich bringt, neues Leben in die Welt zu bringen. Ihre Gebärmutter macht das möglich, und hier verbindet es sich wieder mit dem eingangs Gesagten, denn dieses Organ schreibt sich genau wie „Barmherzigkeit“ (רחם). Eine Gebärmutter ist gegeben – man kann sie weder kaufen, noch sich verdienen.
Die Braut führt noch zu weiteren Verbindungen in der Sprache. KALAH (כלה) teilt sich die Wurzel mit KLI (כלי), das ist ein Gefäß, welches gefüllt werden kann und will; sie will empfangen. Das Leben aber begegnet ihr so – wir sind immer noch bei derselben Wortwurzel –, dass etwas bei ihr zerreißt, dass ihr Gefäß zerbricht und sie nicht halten kann, was sie halten wollte. Gerade das Mutter-Sein bringt für die betreffende Frau große Nöte mit sich. Nicht nur der Verschleiß ihres Körpers, sondern auch die Sorgen um die Kinder setzen ihr stark zu. Die Kinder können die Funktion einer Getreidemühle übernehmen, aber die Sprache zeigt uns ja, dass das mit dem Stillen des Hungers und dem Hervorbringen neuen Lebens zu tun hat.
Wenn die eigenen Erwartungen gebrochen werden, ist man insbesondere heute geneigt, alle möglichen Ursachen in der Vergangenheit zu suchen, und sicher wird man etwas oder jemanden finden, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Je „aufgeklärter“ der Mensch ist, desto mehr Schuldige finden sich auf seiner Liste in der Kategorie „Das hätte nie passieren dürfen!“. Er echauffiert sich selbst zu einem Gott, der die gesamte Erd- und Menschheitsgeschichte überschaut und beurteilen kann. Er braucht gar keine Götzen, er ist selbst einer und hofft, dass man ihm Aufmerksamkeit schenkt, weil er sich doch so gut auskennt.
Der Grund für die ganze Verschiebung, für den „Ungehorsam“ der Erde, ist theologisch nicht zu verstehen. Wir kennen alle mehr als genug Beispiele, in denen wir die mangelnde Übereinstimmung zwischen dem, was von uns kommen sollte, und dem, was tatsächlich zustande kam, gemerkt haben. Es ist wie eine Kluft, die man mit den Mitteln der Welt nicht überqueren kann. Auch unser Körper verdaut nicht rückstandsfrei. Es bleibt etwas übrig, worauf niemand stolz ist. „Es stimmt nicht“ ist in der Schule der Perfektion eine schlechte Note wert, aber in der Schule von SCHEM und EVER, der Schule des Ewigen, ist diese Einsicht die Auszeichnung dafür, dass man etwas Wesentliches verstanden hat, weil es im eigenen Leben zutage getreten ist. Barmherzigkeit ist dann kein theoretisches Konzept mehr, sondern bildet die Grundlage des eigenen Lebens.
Leid ist im Hebräischen identisch mit einem Nerv (עצב). Ein Nerv ist ein Bündel aus Nervenfasern (Axonen) im peripheren Nervensystem, das als Signalleitung zwischen Gehirn (Rückenmark) und dem restlichen Körper fungiert. Ebenso ist Leid ein Bündel von Ereignissen, das zeigt, dass es eine Verbindung zwischen dem Haupt, der „1“ und dem Körper, der „4“ gibt. Die Nervenbahnen sind gekreuzt – was hier Leid ist, ist dort Freude. Hier erleben wir es in einer Abfolge (Geburt > Kind), dort ist es eins. Als Anagramm wird aus dem Leid und dem Nerv das Wort „im Baum (Holz)“ (בעץ), denn an das Wachstum in der Zeit ist das Leid gekoppelt. Zu gegebener Zeit werden wir erfahren, wozu das alles diente. Bis dahin wachsen wir einfach weiter.