Die Trauernde

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Es war einst ein frommer Mann, der suchte immer einen einsamen Ort auf und forschte daselbst in der Lehre von der Chagiga, jenem Abschnitt im Talmud, der von den darzubringenden Ganz- und Freudenopfern an den Wallfahrtsfesten in Jerusalem spricht. Er wendete darin die Blätter vielfach um und wiederholte die Verordnungen, bis er alles gut erfasst hatte und das Buch seinem Munde geläufig war. Er kannte keinen andern Abschnitt der mündlichen Lehre und las allein in der Chagiga alle seine Tage.

Als der Mann von der Welt verschied, war niemand um ihn, und so wusste keiner, dass er gestorben war. Da erschien eine weibliche Gestalt, stellte sich vor den Toten und begann laut zu weinen und zu klagen. Sie seufzte und schrie so lange, bis sich viel Volk versammelte. Die Frau sprach zu ihnen: Beweint diesen gottesfürchtigen Mann und bestattet ihn, ehrt seinen Sarg, und euch soll ewiges Leben beschieden sein. Dieser hielt mich in Ehren alle Tage seines Lebens, ich war nicht verlassen noch vergessen.

Alsbald kamen alle Frauen des Ortes zusammen, setzten sich zu ihr nieder und hielten eine große, bittere Klage; die Männer beschafften das Totenkleid und nahmen alle Sorge um das Begräbnis auf sich. Alsdann trugen sie den Mann mit großer Feierlichkeit zu Grabe, und die fremde Frau weinte immerzu. Da fragte man sie: Wie ist dein Name? Sie erwiderte: Mein Name ist Chagiga.

Als der fromme Mann begraben worden war, verschwand jene Frau und ward nicht mehr gesehen. Da wussten die Leute, dass es die Chagiga gewesen, die in Gestalt einer Frau gekommen war, um den Mann nach seinem Tode zu betrauern und zu beweinen und ihn zu Grabe zu geleiten dafür, dass er sich stets mit ihr befasst hatte und sie zu kennen beflissen war.

(Born Judas, Bin Gorion)